Katholische Kirche und Sexualität
23. März 2010 – 10:53
Nach Aussagen von Reinhard Haller können nicht einmal zehn Prozent der katholischen Priesteranwärter ein zölibatäres Leben durchhalten, denn wenn Sexualität unterdrückt werde, führt dies zu “Notlösungen, denn die Sexualität ist eine enorme Macht.
“Wir müssen davon ausgehen, dass sie diejenige Kraft ist, die die Menschheit zusammen mit der Aggressivität voranbringt, und jeder Mensch ist dem, wenn man so will, ausgesetzt oder er kann es im positiven Sinne nutzen. Wenn nun das unterdrückt wird, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder entsteht in Art eines Dampfkessels ein pathologischer Grund, aus dem heraus dann alles Mögliche entsteht mit sexuellen Übergriffen, mit sexuellen Notlösungen, oder es könnte auch gelingen, im positiven Fall, dass man diese Kraft der Sexualität positiv verwandelt, also in sportliche Leistung, in künstlerischen Wettkampf und so weiter umwandelt, was aber, glaube ich, nur den wenigsten Menschen tatsächlich möglich sein wird. (…) Das Hauptproblem besteht meines Erachtens darin, dass die Menschen insbesondere in der katholischen Kirche darauf nicht vorbereitet werden. Sie werden gleichsam mit diesem Gebot konfrontiert, sollten danach leben, sind aber darauf überhaupt nicht vorbereitet, gerüstet, haben nichts mitbekommen, womit sie lernen könnten damit einigermaßen konstruktiv umzugehen. In anderen Religionen wird das etwas anders gehandhabt: Im Buddhismus zum Beispiel versucht man tatsächlich durch jahrelange Übungen, die Mönche darauf vorzubereiten, dass sie in sich das ganze Triebhafte tragen, dass demgegenüber auch das Durchgeistigte, das Transzendentale steht, und wie man diese beiden Kräfte sozusagen gegeneinander nicht ausspielt, sondern miteinander vereinen kann. Und das fehlt in der katholischen Kirche vollkommen, wie überhaupt in der ganzen Ausbildung Sexualpsychologie keine Rolle spielt. (…) Das Sündig-Sein spielt a priori in der katholischen Lehre eine ganz große Rolle und belastet, neurotisiert und traumatisiert in manchen Fällen auch die Menschen natürlich. Ich möchte aber ausdrücklich sagen, Zölibat an sich führt natürlich nicht zur Pädophilie, Pädophilie hat eine ganze Reihe von anderen Gründen. Aber Zölibat bedingt, dass die Menschen zu Notlösungen greifen und natürlich sind dann, wenn ich das so lieblos sagen darf, manchmal keine anderen, reifen, adäquaten, freiwilligen “Sexualobjekte”, unter Anführungszeichen, vorhanden und dann wird die ganze Macht der Sexualität eben auf hilflose Opfer, auf die Kinder umgeleitet und auf Kosten derer ausgelebt. (…) Es geht zunächst einmal darum, dass die Kirche ihre ablehnende Haltung gegenüber allen Kenntnissen der Psychotherapie, der Psychologie, der Psychoanalyse und so weiter revidiert, dass sie das nicht als Konkurrenz oder als etwas Feindliches erlebt, sondern als ein Hilfsmittel, das auch für die Seelsorge in ihrer gesamten Dimension von größter Wichtigkeit ist. Es ist des weiteren meines Erachtens erforderlich, dass man diese Menschen mit Methoden der Gruppenpsychologie, der Schulung über Verhaltenstherapie und so weiter auf diese, auf das Zölibat vorbereitet, und nur dann hat man wahrscheinlich auch eine Chance, das in einer solchen Form den Menschen vermitteln zu können, dass sie nicht auf Kosten anderer diese Lebensweise führen”.
Siehe dazu auch Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche
Quelle: Katrin Heise im Gespräch mit Reinhard Haller.
WWW: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1148226/ (10-03-23)