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[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Neue Medien und ihre Wirkung auf das Gehirn

Der alltägliche Umgang mit den neuen Medien führt nach Meinung von Neurowissenschaftlern dazu, dass Gehirnzellen sich verändern, wodurch allmählich neue neuronale Bahnen in unserem Gehirn gestärkt und alte geschwächt werden. Man glaubt, dass vor allem die Gehirne der Kinder verändert werden, denn keine Generation davor ist jemals der Stimulation durch Medien in solchem Umfang ausgesetzt gewesen. Kinder und Jugendliche wachsen mit Computer, Internet und Handy auf und haben ihr Gehirn in diesen besonders sensiblen Phasen auf diese neuen Medien eingestellt. Auch viele Erwachsene und Senioren gehen inzwischen routiniert mit dem Computer um, dennoch trennt sie von der neuen Generation der Mediennutzer eine Kluft, denn das menschliche Gehirn hat seine größte Plastizität, die größte Formbarkeit in den Kindheitsjahren, in denen eine Vielzahl von neuronalen Verschaltungen (Synapsen) gebildet wird, die später in der Pubertät wieder um 60 Prozent reduziert werden („pruning“ bedeutet, dass Verbindungen, die das Gehirn für unnötig erachtet, die selten abgefragt werden, wieder gekappt aufgelöst werden. Nach Ansicht mancher Experten ist das Gehirn im digitalen Zeitalter überfordert, da es noch nicht auf die Informationsflut eingestellt ist. Dennoch nimmt man an, dass die Menschen sich mit der Zeit darauf einstellen werden, denn das Internet bietet im Hinblick auf persönliche Autonomie viel Transparenz, verbessert also die Entscheidungsgrundlagen, jedoch müssen die Menschen erst lernen, dass die im Internet aktiven Informationsvermittler teilweise eigene Interessen verfolgen und nicht unbedingt neutral informieren. Außerdem macht allein die Verfügbarkeit von Wissen den Einzelnen nicht klüger, denn das Wichtigste angesichts der Fülle an Informationen ist das Filtern jener, die für die Lösung eines Problems relevant sind.

Manche befürchten eine Schwächung jener neuronalen Areale, die für den zwischenmenschlichen Kontakt zuständig sind, denn digital orientiert Aufgewachsene sind schlechter in der Lage, körpersprachliche Signale ihres Gegenübers zu deuten. Gewöhnt an eine rasche Abfolge von visuellen und auditiven Reizen finden sie es schwer, ihre volle Aufmerksamkeit auf eine Sache zu richten oder über längere Zeit zuzuhören. Sie neigen auch dazu, mehrere Medien parallel zu nutzen und zeigen vermehrt Symptome einer Aufmerksamkeitsdefizitsstörung (ADHS). Im Zustand fortgesetzter partieller Aufmerksamkeit befindet sich das Gehirn in ständiger Alarmbereitschaft und hält ununterbrochen Ausschau nach einem neuen Kontakt oder einer spannenden Neuigkeit oder Information, hat aber keine Zeit mehr zur Reflexion oder Kontemplation. Besonders Jugendliche können auf diese Weise zu "Stimulus-Junkies" werden, um Gefühlen wie Langeweile auszuweichen. Chronisches und intensives Multitasking kann die angemessene Entwicklung des frontalen Kortex verzögern, sodass es dann schwerer fällt, Belohnungen aufzuschieben, Reaktionen anderer Menschen abzuschätzen, vorausschauend zu planen und abstrakt zu denken. Andererseits muss bedacht werden, dass der gegenwärtige Überfluss an Informationen viele Menschen einfach nur irritiert, doch wenn man in der Geschichte zurückblickt, hatten die Menschen dieses Gefühl schon bei der Erfindung der Druckerpresse, als sich Menschenbeschwerten, dass sie bei so vielen Informationen nicht mehr die wesentlichen Dinge der Welt im Auge behalten könnten. Auch Bibliotheken wurden anfangs kritisiert, da angeblich so viele Bücher in den Regalen liegen, sodass man keines mehr finden könnte.

Auf der anderen Seite tragen aber die neuen Medien durch Email, Internet und Computerspiele auch dazu bei, den Verstand zu schärfen, d.h., schneller auf visuelle Stimuli zu reagieren, große Informationsmengen rascher zu verarbeiten und schneller zu entscheiden, was wichtig ist. Gehirnprozesse gewinnen dadurch an Effizienz, was allmählich auch unsere Vorstellung davon prägen wird, was „Intelligenz“ ist. Das Gehirn der Zukunft wird nach Ansicht von Small & Vorgan (2009) technikerfahren und bereit sein, Neues auszuprobieren und es wird auch in der Lage sein, erfolgreich zu multitasken und volle Konzentration aufzubringen, es wird über fein abgestimmte verbale und nonverbale Fähigkeiten verfügen. Bei neuen Medien entwickeln die Menschen relativ rasch eine eigene Nutzungsform und Sprache, die sich von unten nach oben, nicht nach der Intention der Hersteller durchsetzt. Gerade im Internet setzen Nutzer immer wieder eigenen Konventionen, etwa bei Twitter, das als Verbreitungswerkzeug für Informationen, als Nachrichtenquelle oder zur losen Kommunikation mit Bekannten benutzt wird.

Frank Schmiechen analysiert in der "Welt am Sonntag" vom 13. November 2011 unter dem Titel "Die Digitalen kommen" die aktuellen Veränderungen des alltäglichen Lebens durch das Internet. und kommt zu dem Schluss, dass die Digitalen im Netz leben, kommunizieren, arbeiten, wirtschaften, denken, forschen und shoppen, dadurch ein bisher unbekanntes Land erobern und sich unaufhaltsam ausbreiten. Für diese Digitalen ist immer alles sofort machbar, denn für alles gibt es eine App, eine Anwendung auf dem Smartphone oder dem iPad, sodass sie eine ganze Welt in der Tasche mit sich herumtragen. Seiner Meinung nach ist das Internet mit seinen Umwälzungen gar nicht mehr zu stoppen, denn es erfüllt alle Kriterien eines Systems, das durch Rückkopplungseffekte dynamisch wächst. Das wird vor allem unser Bildungssystem verändern. Er schreibt: "Wir leisten es uns, dass unser Bildungssystem aus Schulen und Universitäten immer noch zu viel überflüssiges Wissen vermittelt. Was wir für die Zukunft der digitalen Gesellschaft dringend brauchen, ist eine neue Art von Intelligenz, Expertentum und Können. (…) Wir müssen Kreativität fördern, den Schülern zeigen, wie sie Energien auf ein Projekt verwenden, um es zu einem Erfolg zu machen. Diese sogenannten Soft Skills werden im digitalen Zeitalter wahrscheinlich die Hard Skills sein - die wichtigsten Fähigkeiten des Arbeitnehmers der Zukunft. Stattdessen werden in Schulen die WLAN-Netze abgeschaltet, weil Schüler im Internet abschauen könnten. Das Internet wird als das Problem hingestellt, aber in Wirklichkeit werden oft nur die falschen Fragen gestellt. Lehrer müssen Fragen stellen, die auch mit Internet-Recherche eine Herausforderung darstellen. Es ist längst technisch möglich, jedem Schüler einen Tablet-Computer zur Verfügung zu stellen, auf dem alle wichtigen Klassiker der Weltliteratur gespeichert sind. Auf dem sie sich Videos von charismatischen Lehrern und Professoren anschauen können, die es verstehen, Begeisterung für Algebra oder die binomischen Formeln zu entfachen. Auf dem sich Schüler mithilfe von Videos und Lernprogrammen Fremdsprachen aneignen können. Wir müssen uns mit dem Gedanken anfreunden, dass Bücher eine veraltete Technik sind. Besonders in Schulen. (…) Das Internet fordert eine andere Art der Alphabetisierung unserer Kinder. Sie müssen lernen zu suchen, zu forschen, zu fragen, zu bezweifeln, Fragen zu stellen, dreidimensional, ja fast holografisch zu denken. Sie müssen lernen, einen Pfad und Verknüpfungen in den Tiefen des Netzes zu finden und am Ende den richtigen Weg zu sehen" (Hervorhebungen von mir; W.S.).

Das menschliche Gehirn ist zwar hoch anpassungsfähig, d. h., Menschen können sehr viel lernen, doch die die genetische Grundkonstitution des Gehirns verändert sich nur in Zeiträumen von Zehntausenden von Jahren. Ein aktuelles damit verbundenes Problem ist, dass Menschen zu viel Wissen auslagern und nicht mehr selbst versuchen, Wissen abzuspeichern, was aber notwendig wäre, um über komplexe Probleme nachdenken zu können und selber auf neue Lösungen zu kommen. Digital Natives denken bei einfachen Fragen gar nicht mehr darüber nach, ob sie die Antwort selbst wüssten, sondern versuchen sofort eine Internetsuche. Doch vernünftige Suchanfragen sind letztlich nur möglich, wenn man schon viel weiß, denn sonst erhält man tausende Antwort-Treffer in 0,4 Sekunden, die man auf Grund fehlenden Grundwissens nicht bewerten kann, sondern von einer Suchmaschine nach irgendwelchen Kriterien geordnet wurde. Die meisten NutzerInnen lesen auch nur die ersten drei Treffer und glauben dann, die richtige Antwort zu haben, doch um eine Antwort als gut oder schlecht einschätzen zu können, muss man schon ein umfangreiches Vorwissen besitzen. Durch die neuen Medien mit der Verfügbarkeit von Informationen - und das in riesigen Mengen - beginnt das menschliche Gehirn durch die neuen digitalen Lesegewohnheiten flacher und ungeduldiger zu denken, wodurch Menschen einen Teil ihrer Fähigkeit zur Analyse komplexer Fragen verlieren. Untersuchungen zeigen auch, dass etwa Links in Hypertexten sogar dann ablenken, wenn sie nicht aufgemacht werden, nur weil sie vorhanden sind, denn Links können den Impuls im Kopf auslösen, auf die neue Netzseite zu springen. Diesen Wunsch muss das Gehirn unterdrücken und dieses Unterdrücken belastet das Arbeitsgedächtnis. Informationen zu besitzen und Denken zu können ist aber ein Unterschied, denn um ein Thema wirklich zu durchdringen, muss man selber im Kopf Informationen und Muster abgespeichert haben und damit arbeiten. Das Gehirn ist kein reiner Datenspeicher, sondern wenn Menschen auf einem Gebiet viel lernen, d. h., Experte oder eine Expertin werden, verändert sich deren Gehirn, und die Wahrnehmung auf das Thema funktioniert anders, ebenso Denken und Handeln. Nicht zuletzt ist das menschliche Gehirn eine Bewertungsmaschine. Im Gehirn verändert sich durch dieses Auslagern der Informationen das Arbeitsgedächtnis, sodass auch das Konzentrationsvermögen, also die Zeit, wie lange man sich konzentrieren kann, ohne abgelenkt zu werden, immer kürzer wird. Nach Untersuchungen können NutzerInnen am Computer nur mehr etwa vierzig Sekunden einer Sache nachgehen, bevor sie sich ablenken lassen, was kaum zu einer sinnvollen Arbeitsproduktivität führt. Wenn das Gehirn sich fühlt von der Informationsmenge überfordert, die es verarbeiten soll, dann setzt man sich nicht hin und versucht, differenzierter zu denken, sondern schaltet das Gehirn in einen Modus, undifferenziert zu denken und die Informationen eher abzuwehren. Da beginnt das Gehirn die große Datenmenge reduzieren, indem es nur noch schwarz-weiß gibt, d. h., zu hohe Komplexität führt zum Vereinfachen.

Nach einer Studie der von Patricia Greenfield (University of California) macht sich der IQ-Zuwachs vor allem bei nichtsprachlichen Aufgaben bemerkbar, deren Lösung ein hohes Maß an "figuraler Intelligenz" erfordert, etwa beim Vergleich komplexer Muster oder Drehung geometrischer Figuren. Bei verbalen Tests hat sich der durchschnittliche Grundwortschatz der Amerikaner in den letzten Jahrzehnten zwar vergrößert, aber StudentInnen verstehen im College-Eignungstest SAT immer weniger abstrakte Begriffe, vermutlich weil das Fernsehen allgegenwärtig geworden ist, während die Leselust in der Freizeit abgenommen hat. Elektronischen Medien insbesondere Computerspiele dürften insgesamt für den Anstieg der figuralen Intelligenz verantwortlich sein.

Quellen

Von Reiz zu Reiz. Tagesspiegel vom 17.04.2009.
WWW: http://www.tagesspiegel.de/magazin/wissen/art304,2775040 (09-04-20)

Interview mit Martin Korte, Professor in der Abteilung Zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig, in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 13. Juli 2019.

Aussagen von Gerald Hüther zum Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen

Das Gehirn wird ja so, wie man es benutzt. Besonders stark prägt sich ein, was man mit Begeisterung tut. Dann werden neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet, mit deren Hilfe all jene Nervenzellverschaltungen dieses emotionalen Zustands gefestigt und verstärkt werden, die man in diesem Zustand besonders intensiv benutzt.

Wirksame Medienpädagogik müsste Kindern zeigen, wie schön das reale Leben sein kann und dass moderne Medien wunderbare Werkzeuge sind, um damit ein Werk zu vollbringen. Wie Hammer und Schraubenzieher. Kinder wollen ja normalerweise bis zum Alter von drei, vier Jahren ohnehin von sich aus gar nicht fernsehen. Sie wollen viel lieber bei allem selbst mitmachen - und an diesem Punkt wird das Fernsehen uninteressant.

Durch die Mediendominanz und die immer geringer werdende gemeinsame Erfahrung entstehen junge Menschen, die sich in zwei Gruppen aufteilen: Die einen wollen mit der Gemeinschaft gar nichts mehr zu tun haben, die anderen hängen in klebrigen Beziehungen fest und müssen den ganzen Tag chatten, SMS schicken und auf Facebook sein. Leider tragen beide Gruppen wenig dazu bei, dass eine menschliche Gemeinschaft in einer gemeinsamen Anstrengung ihre Probleme löst und dabei über sich hinauswächst.

Quelle: http://www.sueddeutsche.de/medien/ vom 16.4.2010 (Hervorhebungen von mir; W.S.)

Können Social Media die Psyche beeinträchtigen?

Es existiert übrigens insgesamt sehr wenig Evidenz für einen kausalen Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzung und stark beeinträchtigtem Wohlbefinden, wobei ja einige Untersuchungen ein düsteres Bild von den Auswirkungen der Social-Media-Nutzung gezeichnet haben. Manche Studien haben sogar dramatische Schlussfolgerungen gezogen, etwa dass die Nutzung von Facebook und Co. mit Depressionen und sogar Suiziden in Zusammenhang steht. Allerdings sind die Warnungen über negative psychische Auswirkungen durch digitale Medien stark übertrieben, denn immer ist zu fragen, was ist Ursache, was ist Wirkung? In einer Vergleichsstudie von Stavrova & Denissen (2020), die untersuchten, ob sich die psychische Gesundheit einzelner Menschen über die Jahre abhängig von deren Social-Media-Nutzung eintrübt, kritisieren, dass die meisten Studien Menschen vergleichen, die Facebook und Co. nutzen, mit solchen, die das gar nicht oder viel weniger machen. Dies lässt aber keinen Schluss über Ursache und Wirkung zu. denn es könne ja sein, dass einsame, unglückliche oder introvertierte Menschen einen stärkeren Hang dazu haben, Zeit bei Social Media zu verbringen. Das bedeutet, dass eine depressive Verstimmung nicht Folge von Facebook, sondern ein Faktor ist, der die Nutzung dieses Netzwerks erst besonders attraktiv macht. In ihrer Studie werteten sie die Daten einer repräsentativen Stichprobe von mehr als zehntausend Niederländern aus, wobei sich zeigte, dass ein verändertes Social-Media-Verhalten einzelner Personen keine Auswirkungen auf deren späteres Wohlbefinden hatte. Wer mehr Zeit auf diesen Seiten verbrachte, zeigte später keine wesentlichen Veränderungen in seiner psychischen Gesundheit, sodass der Faktor Nutzungszeit demnach nichts darüber aussagt, wie gut oder schlecht sich jemand in den folgenden Jahren entwickeln wird. Allerdings fanden sich auch keine Hinweise für die These, dass eine beeinträchtigte Psyche Menschen besonders an Social Media fesselt, denn die Daten dazu waren inkonsistent und die beobachteten Effekte sehr gering.

Adelheid Kastner (2007) stellt in ihrem Artikel

"Computerspiele allein machen nicht aggressiv - oder doch?"

Fakten und Fragen gegenüber, aus denen jeder selber seine Schlüsse ziehen kann:

Fakten

Fragen


Literatur

Kastner, Adelheid (2007). Computerspiele allein machen nicht aggressiv - oder doch?
WWW: http://www.nachrichten.at/nachrichten/524988 (07-02-05 - inaktiv!)

Stavrova, O. & Denissen, J. (2020). Does Using Social Media Jeopardize Well-Being? The Importance of Separating Within- From Between-Person Effects. Social Psychological and Personality Science, doi:10.1177/1948550620944304.

https://www.sueddeutsche.de/wissen/instagram-facebook-depressiv-soziale-medien-1.4990505 (20-08-05)

http://de.wikipedia.org/wiki/Medienwirkungsforschung (08-08-08)

Überblick über den Hypertext zur Medienwirkung



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