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Risikofaktoren und Entwicklungsmechanismen für jugendlichen Drogengebrauch und -mißbrauch

Die Bereitschaft, Drogen zu nehmen, beginnt häufig in der Pubertätskrise. Diese Zeit gehört zu den schwierigen Abschnitten im menschlichen Leben. Man ist kein Kind mehr, aber auch noch nicht erwachsen. Man ist in einem Übergangsstadium. Der eigene Körper, die eigene Seele, das ganze Leben werden auf einmal unsicher. In diesem Alter werden auch die Weichen für das zukünftige Leben gestellt: Schulabschluß, Übertritt in eine andere Schule, Eintritt in das Berufsleben. Freundschaften werden jetzt wichtiger als die Familie. Dazu kommen noch die Veränderungen des Körpers, die beunruhigenden sexuellen Gefühle, die größer werdenden Anforderungen der Umwelt. Die Haltungen der Erwachsenen sind widersprüchlich. Der Jugendliche ist unsicher.

Es ist bekannt, dass Zellen und Gewebe dann am leichtesten beeinflussbar und störanfällig sind, wenn sie sich in der Phase der Zellteilung und großer Aktivität befinden, was etwa bei der Gehirnentwicklung in der Pubertät der Fall ist. Kommt es in dieser Zeit zu schädigenden Einflüssen, werden besonders diese Funktionen beeinträchtigt, deren Ausbildung gerade in dieser Phase stattfindet und die dadurch in ihrer Entwicklung gestört werden. Schädigungen durch Substanzkonsum in der Zeit der Pubertät bis in etwa Mitte der zwanziger Jahre betreffen vor allem jene Zentren, die für zielgerichtetes Handeln, Selektion von Eindrücken, Einschätzung und Planung sowie logisches Denken zuständig sind. Das Alter derjenigen, die zum erstenmal mit Drogen in Kontakt kommen, ist in den letzten Jahren auffallend gesunken. Heute kann man in Schulen bereits Zwölfjährige treffen, die Haschisch geraucht und andere Mittel ausprobiert haben. Doch das Alter beim Beginn des Drogenkonsums hat nach Ansicht von Experten einen erheblichen Einfluss auf die Suchtgefahr, da Drogen auch auf die Entwicklung des präfrontalen Cortex wirken, der kognitive Prozesse so reguliert, dass situationsgerechte Handlungen ausgeführt werden können, wobei die vollständige Entwicklung des präfrontalen Cortex erst in einem Alter von etwa fünfundzwanzig Jahren abgeschlossen ist. Dadurch hat vor allem der Konsum von Cannabis und Alkohol bei Jugendlichen und jungen Menschen erhebliche Auswirkungen auf den präfrontalen Cortex und führt dabei zu Entwicklungsstörungen. Die Folge ist unter anderem eine verminderte Selbstkontrolle, eine erhöhte Impulsivität, Antriebsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Störungen im Lernverhalten, beim Kurzzeitgedächtnis und im schlussfolgernden Denken. Bei einem Vierzigjährigen hingegen ist beim Konsum von Cannabis oder Alkohol die Suchtgefahr deutlich geringe, denn 35 Prozent all derjenigen, die im Alter bis zu 25 Jahren auch nur einmal eine Zigarette rauchen, werden ihr Leben lang damit zu kämpfen haben, nur wer in höherem Alter zu rauchen beginnt, kann in der Regel auch wieder leichter aufhören.

Eine "Drogenkarriere" beginnt häufig mit den medizinisch betrachtet eher harmlosen Cannabis-Produkten. Unter dem Druck der Peer-Groups und der kriminellen Szene steigen viele auf Präparate um, von denen sie schon nach wenigen Einnahmen körperlich abhängig werden.

In Europa beobachtet man eine eindeutige Bevorzugung des Alkohol- und Zigarettenkonsums, sowie den Cannabiskonsum.

Siehe dazu: Die Drogenkonsumenten werden immer jünger

Übergreifende Prinzipien

Die in der Literatur diskutierten Risikofaktoren überschneiden sich häufig und sind oftmals nicht für Alkohol- und Drogengebrauch spezifisch.

Auch hinsichtlich der Entwicklungsbedingungen sollten Gebrauch und Mißbrauch psychoaktiver Substanzen auseinandergehalten werden. Während ersterer vor allem durch soziale Erfahrungen während der Jugendzeit beeinflußt zu sein scheint, überwiegen bei Mißbrauch interne psychische Faktoren einschließlich psychopathologischer Prozesse, deren Wurzel häufig in der Kindheit liegt. So wird problematischen Alkohol- und Drogengebrauch mit der Übernahme von Erwachsenenrollen wieder ablegen, wer keine besonderen physischen oder psychosozialen Beeinträchtigungen aus der Kindheit mitbringt und sich auf sein soziales Netzwerk als Protektionsfaktor verlassen kann. Verketten sich aber frühe Risikofaktoren genetischer, personaler und sozialökologischer Art und verstärken so ihre Wirkung, und können Protektionsfaktoren dieser Risikokumulation nicht die Waage halten, droht anhaltende Belastung durch Alkohol- und Drogengebrauch. Dieser Sachverhalt wird durch die Gegenüberstellung von Problemverhalten als "adolescence-limited" und "life course-persistent" auf den Begriff gebracht.

Dem Mißbrauch von Drogen wie Heroin oder Kokain geht regelmäßig der Gebrauch weniger problematischer Substanzen voraus, etwa Marihuana oder Spirituosen, die sozusagen die Tür öffnen ("gateway drugs"). Vor deren Konsum wiederum steht der Gebrauch von Alkohol, wie Bier und Wein. Bei diesen Zusammenhängen spielen der Abbau von Hemmungen durch abträgliche soziale Kontakte und wohl auch physiologische Prozesse eine Rolle. Die Minderheit der Konsumenten harter Drogen bleibt häufig nicht bei einer bestimmten Substanz, sondern verschärft den Mißbrauch und die abträglichen Folgen, indem sie etwa Opiate, Barbiturate und Alkohol kombiniert.

Problemverhaltens-Syndrom

Von Alkohol- und Drogengebrauch Jugendlicher abgehoben von anderen Problemverhaltensweisen (wie Delinquenz oder riskantem Sexualverhalten) zu sprechen, darf nicht die Tatsache übersehen lassen, daß diese Verhaltensweisen häufig gemeinsam als Problemverhaltens-Syndrom auftreten, ohne daß man sinnvoll sagen könnte, was Anlaß und was Folge war.

Begriffe

Mißbrauch

liegt immer dann vor, wenn eine psychoaktive Substanz nicht ihrem Zweck entsprechend benutzt wird. Immer dann, wenn eine Droge oder ein Rauschmittel eingesetzt wird, um einen unliebsamen Gefühlszustand zum Verschwinden zu bringen, liegt Mißbrauch vor. Dabei kann es sich sowohl um erlaubte (legale) als auch um verbotene (illegale) Suchtmittel handeln.

Drogen

sind jene psychotrope Substanzen bzw. Stoffe, die durch ihre chemische Zusammensetzung auf das Zentralnervensystem einwirken und dadurch Einfluß auf Denken, Fühlen, Wahrnehmung, Verhalten nehmen.

Abhängigkeit

liegt nach der WHO dann vor, wenn sich beim Entzug der Droge, die über einen längeren Zeitraum gewohnheitsmäßig eingenommen wurde, Mißbehagen und Beschwerden zeigen. Als weiteres Merkmal gilt, daß diese Erscheinungen durch die neuerliche Zufuhr der Droge (oder einer ähnlich wirkenden Droge) wieder zum Abklingen gebracht werden können.

Schutzfaktoren gegenüber jugendlichem Drogenkonsum

Schutzfaktoren sind Teile der Persönlichkeit oder bestimmte Bereiche der sozialen Umwelt, die einer Person zur Verfügung stehen, um eine positive Bewältigung der altersgemäßen Entwicklungsaufgaben und Stressreicher Situationen zu ermöglichen. Dabei wird eine Bewältigung im Sinne von Problembearbeitung oder Konfliktlösung eher positiv bewertet und für erstrebenswert gehalten. Strategien, die nicht zu einer Auseinandersetzung mit der Situation bzw. der Ausgangslage führen, werden eher negativ bewertet, da sie stärker zur Vermeidung der ursächlichen Ausgangslage beitragen, z.B. Flucht in den Rausch, Gewalt oder Rückzug, als einem aktiven Lösungs- oder Veränderungsversuch.

Viele Menschen verfügen über bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, die ihnen helfen, gut mit Anforderungen umzugehen. Menschen, die diese Merkmale gar nicht oder nur in geringerem Ausmaße besitzen, laufen eher Gefahr, problematische Verhaltensweisen wie Drogenkonsum zu zeigen.

Die wichtigsten Schutzfaktoren im Zusammenhang mit dem Risikoverhalten Drogenkonsum und für die Vermeidung von jugendlichem Drogenmißbrauch:

  • Personale Schutzfaktoren
    • Beziehungs- und Konfliktfähigkeit (Kommunikationsfähigkeiten)
    • realistische Selbsteinschätzung (positive Seiten + Grenzen)
    • hohe Eigenaktivität (Langeweile vertreiben, sich selbst angenehm beschäftigen können)
    • ausreichende Selbstachtung
    • hoher Selbstwert (sich so annehmen, wie man ist)
    • möglichst viele verschiedene positive Bewältigungsstrategien für Stress und Alltagsprobleme
  • Soziale Schutzfaktoren
    • gutes Verhältnis zu den Eltern (Vertrauen und Unterstützung in schwierigen Situationen)
    • Freundschaften zu Gleichaltrigen (Vertrauen, Unterstützung und Deutungshilfe im Alltag)
    • geringe Belastungen/Stress durch schulische Umwelt, d.h. gutes Schulklima, positives Klassenklima, vertrauensvolle und mitmenschliche Beziehung zu Lehrerinnen und Lehrern

Schutzfaktoren, die vor allem in der Suchtprävention gefördert werden müssen, sind:

  • Allgemein
    • Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl
    • Beziehungs- und Konfliktlösefähigkeit
    • Widerstandsfähigkeit und Selbstbehauptung
    • Genuß- und Erlebnisfähigkeit
    • Unterstützung bei der jugendlichen Sinnsuche und Sinnerfüllung
  • Drogenspezifisch
    • sachliche Informationen über Wirkungen von Drogen (insbesondere kurzfristige Auswirkungen)
    • Ursachen und Entwicklung von süchtigem Verhalten
    • Alternative Verhaltensweisen zum Drogenkonsum (z.B. Entspannungstechniken)
    • Strategien gegen Gruppendruck in Situationen, in denen Drogen eine Rolle spielen

Quellen

Universität Bielefeld - SFB 227 - Evaluation von Gesundheitsförderung in der Schule - Infoseiten
http://www.uni-bielefeld.de/SFB227/pieper/schutzfa.htm (02-05-26)
Schneider M. (2013). Puberty as a critical period of addiction vulnerability due to functional maturation processes in the endocannabinoid system.

Schulische Suchtprävention

Suchtprävention zielt auf die Förderung von individuellen Schutzfaktoren ab, die der Ausübung von Risikoverhaltensweisen, z.B. aggressives Verhalten, Drogenkonsum, entgegenwirken, d.h. es sollen in einem institutionellen Kontext, wie z.B. Kindergarten, Grundschule und weiterführende Schule, Jugendfreizeitstätte, Fertigkeiten und Fähigkeiten erlernt werden, die den Kindern und Jugendlichen helfen, besser mit Problemen und Sorgen, Schwierigkeiten im Alltag, zwischenmenschlicher Kommunikation und den Entwicklungsaufgaben der Kindheits- und Jugendphase fertig zu werden.

Die Ursache von problematischem Verhalten in der Jugendphase wird vor allem im vielfältigen Zusammenspiel von Person und Umwelt gesehen, das zu einer Überforderung von individuellen Handlungsstrategien führen kann. Die Überforderung individueller Fertigkeiten kann in problematische substanzspezifische oder substanzunspezifische Handlungsweisen münden, wie z.B. Drogenmißbrauch, Gewalt oder gesundheitliche Störungen, wenn kein anderes, weniger riskantes Verhalten zur Bearbeitung der Problemsituation zur Verfügung steht.

Daher wird im Rahmen des Kompetenzförderungsansatzes davon ausgegangen, daß die Motivation für jugendliches Risikoverhalten immer in der zugrunde liegenden Funktion des Verhaltens in der jeweiligen Situation für die jeweilige Person zu suchen ist. Primärprävention wird nur dann wirklich wirksam, wenn sie es schafft, diese persönlichen Ziele aufzudecken, ins Bewußtsein zu rücken und mit den Jugendlichen praktikable Alternativen zu dem Risikoverhalten zu erarbeiten und einzuüben.

Die Kompetenzförderung versucht, durch systematisches Training von sozialen und personalen Kompetenzen den Jugendlichen eben diese Alternativen zu vermitteln. Die alternativen Verhaltensweisen sollen entweder von vornherein gesundheitsschädigendes Verhalten vermeiden oder im Laufe einer Interventionsmaßnahme an die Stelle des Risikoverhaltens treten und so zu funktionalen Äquivalenten werden, das heißt zu angemessenen Bewältigungsstrategien für die verschiedenen Anforderungen des Alltags und der Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen.

Neben einer allgemeinen Kompetenzstärkung werden für den Bereich der Suchtprävention folgende Ziele angestrebt:

  • Abstinenz bei illegalen Drogen
  • weitestgehende Abstinenz gegenüber Tabakerzeugnissen
  • selbstkontrollierter, verantwortungsvoller Umgang mit Alkohol
  • bestimmungsgemäßer Gebrauch von Arzneimitteln

Aufgrund der starken Verbreitung und der kulturellen Integration von legalen Drogen, ist es notwendig, daß Kinder und Jugendliche einen altersgemäßen Umgang und adäquaten Gebrauch mit diesen Substanzen erlernen. Daher hat sich das Präventionsziel der völligen Abstinenz so nicht bewährt, es stellt aber eine positiv bewertete Option eines jeden Jugendlichen dar.

Einige Kompetenzen im Umgang mit Situationen, in denen Drogenkonsum eine Rolle spielt, sollen in suchtpräventiven Maßnahmen besonders angesprochen und gefördert werden. Diese sind: Gruppendruck widerstehen können, Wissen über kurz- und langfristige soziale, psychische und physiologische Auswirkungen von Drogengebrauch.

Quelle:
Universität Bielefeld - SFB 227 - Evaluation von Gesundheitsförderung in der Schule - Infoseiten
http://www.uni-bielefeld.de/SFB227/pieper/praevent.htm (02-05-26)

Eurobarometer-Befragung zur Einstellung junger Europäer zu Drogen

Eine Studie im Auftrag der Europäischen Kommission im Jahre 2002 in allen Mitgliedstaaten befragte insgesamt 16129 Personen im Alter von 15 bis 24 Jahren: Knapp ein Drittel der jungen Europäer (28,9 %) hat schon einmal Cannabis probiert, mehr als ein Zehntel (11,3 %) hat es im letzten Monat genommen.

Eine Mehrheit der Befragten hält den Zugang zu Drogen für unproblematisch, wobei sie am leichtesten in Bars, Diskotheken, in der Schule oder in Schulnähe erhältlich seien. Der Konsum von Drogen, Tabak und Alkohol ist in den Großstädten am höchsten, wobei der Unterschied bei illegalen Drogen - außer Cannabis - am höchsten ist. Nur 16 % der Befragten gaben an, daß sie weder regelmäßig rauchen oder trinken noch Drogen probiert haben oder direkt mit Drogen in Berührung gekommen sind.

Wichtigster Grund für das Ausprobieren der Drogen ist die Neugier (61,3 %), gefolgt vom Druck seitens anderer Jugendlicher (46,4 %), dem Wunsch nach einem "Kick" (40,7 %) und Problemen in der Familie (29,7 %). Die Abhängigkeit gilt als Hauptgrund dafür, dass einige Schwierigkeiten beim Ausstieg haben. Die von Heroin ausgehende Gefahr wird von einem sehr großen Teil der Befragten jedes Mitgliedstaats als sehr hoch eingeschätzt. Abgesehen von Tabak und Alkohol wird dagegen in den meisten Mitgliedstaaten Cannabis von den im Fragebogen genannten Rauschmitteln als am wenigsten gefährlich eingestuft. 11,5 % der Befragten sehen es sogar als "überhaupt nicht gefährlich" an.

Quelle: http://europa.eu.int/comm/
justice_home/unit/drogue_de.htm
(02-10-25)

Suchtgiftprävention verstärkt schon für 13-Jährige

Schon 13-Jährige sollen verstärkt auf die Gefahren von Suchtgiftmissbrauch hingewiesen werden. "PEP", das "peer education project", hat zum Ziel, Jugendliche ab der dritten Klasse Hauptschule oder AHS von Drogen fern zu halten. Ausgewählte Schüler, sogenannte "peers", sollen ihren gleichaltrigen Kollegen die Gefahren von Suchtgift nahe bringen.

Mehr als 80 Prozent der unter 14-Jährigen haben bereits erste Erfahrungen mit Zigaretten gesammelt. 18 Prozent der Elf- bis 15-Jährigen trinken zumindest einmal in der Woche Alkohol. Jugendliche und Kinder können oft nicht dem Druck ihrer Altersgenossen standhalten und haben Angst, "nein" zu Drogen zu sagen.

Die "peers" sollen daher nachhaltig in das Verhaltensmuster ihrer gleichaltrigen Mitschüler eingreifen. Derzeit gibt es in Oberösterreich 120 ausgebildete "peers" an 17 Schulen. Natürlich ist es aber auch wichtig, Lehrer, Eltern und das weitere soziale Umfeld in das Projekt mit einzubeziehen. Mit verschiedenen Maßnahmen wie dem Drogenkoffer und dem "Suchtkoordinator" - einer speziell ausgebildeten Lehrkraft - soll in Schulen Prävention betrieben werden.

Mit dem Modell "PEP" sollen Jugendliche in oberösterreichischen Schulen von Drogen fern gehalten werden
(APA 22. September 1999)

Quelle: Oerter, Rolf & Montada, Leo (Hrsg.) (1995). Entwicklungspsychologie. Weinheim: PVU.


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