[werner.stangl]s arbeitsblätter 

If you want to know what is wrong with a client, ask him; he might tell you.
George A. Kelly, The Psychology of Personal Constructs.

Klientenzentrierte Therapie: Carl Ransom Rogers (1902 -1987)

Klientenzentrierte Therapie Carl Random RogersDie psychoanalytische Therapie nimmt traumatische Erlebnisse aus der Vergangenheit des Patienten auf und will ihn von den Symptomen derselben befreien. In den sechziger Jahren entstehen in der Reaktion darauf eine Reihe von Therapieformen, die die Bewusstwerdung (Awareness) der Erfahrungen und Verhaltensweisen des Klienten sowie die Begegnung (Encounter) in den Mittelpunkt der therapeutischen Bemühungen stellen. Dieser Therapieansatz stützt sich auf Elemente wie Offenheit, Selbstbewusstsein, Verantwortlichkeit, Aufmerksamkeit für Gefühle, Empathie und das bewusste Erleben der Gegenwart. 

Rogers hat daher eine klinisch orientierte Theorie entwickelt, die auf jahrelanger Erfahrung im Umgang mit seinen Klienten basiert. In dieser Hinsicht gibt es also zum Beispiel Parallelen zu Freud. Eine weitere Gemeinsamkeit liegt in der ausgesprochen reichhaltigen und ausgereiften Theorie mit breiter Anwendungsmöglichkeit. Eine Differenz besteht darin, dass die Menschen in Rogers Sicht grundlegend gut oder gesund sind - oder doch zumindest nicht böse oder krank. Er betrachtet psychische Gesundheit somitz als den normalen Werdegang des Lebens, während psychische Erkrankungen, Kriminalität und andere menschliche Schwierigkeiten als eine Störung dieser natürlichen Entwicklungsneigung angesehen werden. Anders als Freuds Theorie ist Rogers Theorie zudem relativ einfach, denn sie ist auf einer einzigen "Lebenskraft" (force of life) aufgebaut, die er als die "actualizing tendency" bezeichnet. Man kann sie als die dem Menschen eigene Motivation definieren, die eigenen Potentiale zu einem größtmöglichen Ausmaß auszubauen - eine Motivation, die jeder Lebensform eigen ist. Rogers geht davon aus, dass alle Lebewesen danach streben, aus ihrer Existenz das Beste herauszuholen. Gelingt es ihnen nicht, liegt es nicht daran, dass ihnen das Sehnen danach fehlt. Damit vereint Rogers in einem einzigen großen Bedürfnis oder einer einzigen Motivation all die anderen Motive, von denen die übrigen Theoretiker sprechen. Er fragt: Warum brauchen wir Luft und Wasser und Nahrung? Warum suchen wir Sicherheit, Liebe und das Gefühl der eigenen Kompetenz? Warum suchen wir eigentlich nach neuen Medikamenten, erfinden neue Energiequellen oder erschaffen neue Kunstwerke? Weil es in unserer Natur als lebendigen Wesen liegt, das Beste zu tun, das wir können. Rogers wandte diesen Grundgedanken auch auf Ökosysteme an, dass etwa ein Wald in all seiner Komplexität ein weit größeres Aktualisierungspotential hat, als ein simpler aufgebautes Ökosystem wie ein Getreidefeld. Würde in einem Wald eine Käferart aussterben, werden andere Lebewesen die so entstandene Lücke wahrscheinlich ausfüllen; andererseits aber führt ein Befall mit Getreideschädlingen dazu, dass ein ganzes Kornfeld vernichtet wird. Ähnliches gilt für Menschen als Individuen: Leben sie so, wie sie sollten, entwickeln sie sich zu zunehmender Komplexität wie der Wald und bleiben so angesichts der größeren und kleineren Katastrophen des Lebens flexibel. Während Menschen ihre Potentiale aktualisierten, haben sie die Gesellschaft und die Kultur erschaffen. Menschen sind soziale Wesen und es entspricht ihrer Natur. Doch als sie die Kultur erschufen, entwickelten sie ein Eigenleben. Statt nah an ihrer menschlichen Natur orientiert zu bleiben, entwickelte sich die Kultur zu einer eigenständigen Kraft, sodass eine Kultur, die dem Bedürfnis nach Aktualisierung widerspricht, auf lange Sicht aussterben wird.

Meistens findet die Encounter-Therapie in der Gruppe statt, auch wenn Einzeltherapien oder eingeschobene Einzelsitzungen nicht ausgeschlossen werden. Im Gegensatz zur klassisch psychoanalytischen Therapie, bei der der Therapeut sich passiv verhalten soll und dem Patienten lediglich seine schwebende Aufmerksamkeit widmet, wird in den Encounter Therapien verlangt, dass der Therapeut sich aktiv am Gruppengeschehen beteiligt. Nicht die rationale Verarbeitung früherer Traumen, sondern das gemeinsame Handeln und Erleben steht für die Gruppe im Mittelpunkt. Das erklärte Ziel ist dabei, die Teilnehmer der Therapiegruppe zu intensiver Interaktion zu bewegen, wobei der Therapeut Anleitungen gibt und unterstützend, unter Umständen auch korrigierend eingreift. Wie er das macht, bleibt ihm selbst überlassen; jede Technik kann sich als geeignet erweisen, wenn es ihm nur gelingt, blockierte Energien freizusetzen und er den Gruppenmitgliedern die Möglichkeit eröffnet, ihre versteckten Impulse und Fähigkeiten zum Ausdruck zu bringen. Mit der klientenzentrierten Therapie oder Gesprächstherapie untrennbar verbunden ist der Name Carl Ransom Rogers.

Carl Ransom Rogers wird am 8. Januar 1902 im amerikanischen Oak Park, Illinois, einem Vorort von Chicago, geboren als das 4. von 6 Kindern. Sein Vater war ein erfolgreicher Bauingenieur und seine Mutter eine Hausfrau und devote Christin. Er kam gleich in die zweite Klasse, da er schon lesen konnte, bevor er in den Kindergarten kam. Als Carl 12 Jahre alt war, ging seine Familie auf eine Farm 30 Meilen westlich von Chicago, und es war hier, wo er seine Jugendzeit verbrachte. Durch seine strenge Erziehung und viele unangenehme Arbeiten wurde Carl sehr einsam, unabhängig und selbstdiszipliniert. Er studiert zunächst Agrarwissenschaft, dann Geschichte, anschliessend Theologie. Während dieser Zeit wurde er als einer von 10 Studenten ausgewählt, 6 Monate nach Beijing für die World Student Christian Federation Conference zu gehen. Er schrieb später, dass diese neuen Erfahrungen sein Denken so erweitert hätten, dass er an den grundlegenden religiösen Sichtweisen zu zweifeln begann. Nach der Graduation heiratete er Helen Elliot (gegen den Wunsch ihrer Eltern) und ging nach New York City, und begann dort das Union Theological Seminary zu besuchen, einer berühmten liberalen religiösen Institution. Rogers wechselte schließlich zur Klinischen Psychologie der Columbia Universität und promoviert dort. Er wird 1940 an die Universität von Ohio berufen. Er begann schließlich seine klinische Arbeit an der Rochester Society for the Prevention of Cruelty to Children. In dieser Klinik wurde er mit der Theorie und den Therapietechniken von Otto Rank vertraut, welcher ihn anleitete, seine eigene Methode zu entwickeln. 1940 wurde ihm eine volle Professorenstelle an der Ohio Stat angeboten. 1942 schrieb er sein erstes Buch: "Counseling and Psychotherapy". 1945 wurde er zum Aufbau eines Beratungscenters an der Universität von Chicago eingeladen. 1951 publiziert er sein Hauptwerk "Client centered Therapy", in dem neben der praktischen Anwendung auch die theoretische Fundierung seiner Therapie erörtert wird. Seine letzte Professur führt ihn nach Wisconsin, wo er die Anwendung seiner Therapie auf psychotische Patienten erprobt. Bis zu seinem Tod im Jahr 1987 bleibt er dem von ihm gegründeten Studienzentrum für Therapeuten, die nach seiner Methode arbeiten wollen, eng verbunden.

Rogers Arbeitsweise ist von den Theorien der Neofreudianer Karen Horney und Harry Stack Sullivan beeinflusst. Während seiner Zeit an einem Institut zur Prävention von Gewalttaten an Kindern entdeckt er das Werk des Analytikers Otto Rank (1884-1939), der die These vertritt, dass jeder Mensch über starke selbstregulative Möglichkeiten verfügt. Das Individuum, so Rank, ist dynamisch und trägt den Willen zur Gesundheit in sich. Deshalb muss es die Aufgabe des Therapeuten sein, das Individuum so zu begleiten, dass es sich selbst besser versteht und akzeptiert. Rogers erfährt in seiner Arbeit mit Kindern, dass sie genauso wie Erwachsene fähig sind, ihr Leben aus eigenem Antrieb zu verändern, wenn man ihnen mit Verständnis und Liebe begegnet. Der Therapeut braucht keinen Weg vorzugeben, um dem Patienten die Lösung seiner Probleme zu errnöglichen, weil der Patient selbst eine positive Haltung zu seinem Leben entwickeln kann. Anders gesagt, der Therapeut muss in diesem Prozess nicht die Richtung bestimmen, weshalb diese Art der Therapie als non direktiv umschrieben wird. Für Rogers braucht der Therapeut eigentlich nicht mehr als eine bedingungslos positive Sichtweise. Er wird dem Klienten sein vollstes Vertrauen entgegenbringen und nie den Glauben daran aufgeben, dass er sich selbst verwirklichen möchte und alle dazu notwendigen Eigenschaften in sich trägt. Der Klient steht mit seiner Entwicklung im Zentrum der Therapie, daher die Bezeichnung klientenzentrierte Therapie. Die positive Veränderung seines Lebens verdankt der Klient der emotionalen Aufrichtigkeit und Empathie seines Therapeuten. Rogers Therapieform wird häufig auch nondirektive Therapie genannt. Im Mittelpunkt steht die Auffassung, dass der Mensch innerlich wächst und nach Selbstverwirklichung strebt. Die Therapie ist darauf gerichtet, das innere Wachstum störende Faktoren aus dem Weg zu räumen und dem Individuum auf diesem Weg eine Möglichkeit zu eigener Entwicklung zu geben. Der Patient, den Rogers durchwegs Klient nennt, um seine Gleichwertigkeit mit dem Therapeuten anzudeuten, kann seine Gefühle frei äußern, so wie es seinem Wesen entspricht, ohne dass er dabei vom Therapeuten behindert werden sollte. Der Therapeut interpretiert nicht, er stellt keine Diagnose, interveniert nicht und enthält sich überhaupt eines Urteils über seinen Klienten; alles was er tut ist, dem Klienten voller Mitgefühl zuzuhören und ihn zum Sprechen zu ermutigen, ihm insgesamt Mut zu machen, seine aktuellen Probleme zu lösen und seine Ziele zu verwirklichen. Dieser nondirektive Ansatz war es, der viele Scharlatane auf den Platz rief, die glaubte, dass sich Therapie in bloßer Anwesenheit des Therapeuten äussert und dafür keinerlei Ausbildung notwendig sei.

Kleiner Exkurs: Alle Kinder sind sind von Natur aus empathisch

Eine amerikanische Studie an Sieben- bis Zwölfjährigen zeigte, dass Empathie nicht erst durch Erziehung entsteht , denn sahen die Kinder Bilder, auf denen andere Menschen Schmerzen litten, so wurden im Gehirn jene Areale verstärkt durchblutet, die auch an der Verarbeitung von eigenem Schmerz beteiligt sind.

Die "fully-functioning person"

Genau wie Maslow interessiert sich Rogers für den gesunden Menschen, für den er den Begriff "voll funktionierend" ("fully-functioning") verwendet, worunter er folgende Eigenschaften subsummiert:

Offenheit für Erfahrungen (openness to experience)

Als Gegenkonzept zur Defensivität versteht man darunter die akkurate Wahrnehmung der eigenen Erfahrungen in der Welt, eingeschlossen der eigenen Empfindungen. Sie umfasst zudem die Fähigkeit, die Realität zu akzeptieren, eingeschlossen der eigenen Empfindungen. Empfindungen spielen deshalb eine so wichtige Rolle, da sie organismisches Werten übermitteln. Wenn man seinen Empfindungen gegenüber nicht offen sein kann, ist man auch nicht offen für Aktualisierung. Der schwierige Teil besteht natürlich darin, die wirklichen Gefühle von den Ängsten zu unterscheiden, die durch die Wertbedingungen hervorgerufen werden.

Existentielles Leben. Das Leben im Hier und Jetzt

Rogers besteht darauf, dass Menschen nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft leben - die Vergangenheit ist vergangen, und die Zukunft ist noch nicht vorhanden! Die Gegenwart ist die einzige Realität, die Menschen haben. Dennoch soll das nicht heißen, dass sie sich nicht an die Vergangenheit erinnern und von ihr lernen sollen. Es bedeutet auch nicht, dass sie die Zukunft nicht planen oder Tagträume haben sollten. Wichtig ist, dass sie diese Dinge als das erkennen, was sie sind: Erinnerungen und Träume, die man hier in der Gegenwart durchlebt.

Organismisches Vertrauen (Organismic trusting)

Menschen sollte es sich erlauben, sich vom organismischen Bewertungsprozess leiten zu lassen. Sie sollten sich selbst vertrauen und das tun, was sich richtig anfühlt, was natürlicherweise zustande kommt. Die Menschen sagen und tun, was ihnen natürlich erscheint - wenn man sadistisch veranlagt ist, verletzt man andere Menschen; ist man masochistisch veranlagt, verletzt man sich selbst; machen Drogen oder Alkohol einen Menschen glücklich, dann soll er sie konsumiere. Damit meint Rogers das Vertrauen in das reale Selbst, dass man nur erfahren kann, was das reale Selbst zu sagen hat, wenn man dafür offen ist, Erfahrungen wahrzunehmen und existentiell zu leben.

Freiheit der Erfahrung (experiential freedom)

Rogers ist der Auffassung, dass es irrelevant ist, ob Menschen einen freien Willen haben. Wichtig ist, dass sie davon ausgehen, dass sie einen freien Willen besitzen. Dennoch bedeutet das nicht, dass sie tun können, was sie wollen, denn sie sind von einem deterministischen Universum umgeben. Das bedeutet, dass Menschen sich frei fühlen können, wenn Auswahlmöglichen offen stehen. Rogers sagt, dass die voll funktionierende Person dieses Gefühl der Freiheit anerkennt und für ihre Wahl Verantwortung übernimmt.

Kreativität

Fühlt man sich frei und verantwortlich, verhält man sich entsprechend, man nimmt an der Welt teil. Eine voll funktionierende Person, verbunden mit Aktualisierung, wird sich natürlich verpflichtet fühlen, zur Aktualisierung anderer und sogar zum Leben an sich beizutragen. Etwa durch Kreativität im Bereich der Künste und Wissenschaften, durch soziales Engagement und elterliche Liebe, oder schlicht indem man im Job sein Möglichstes tut. So wie Rogers den Begriff versteht, liegt Kreativität dem Konzept von Eriksons Generativität sehr nahe.

Siehe auch "Die 10 Lernprinzipien nach Carl Rogers"

Entstanden unter Verwendung von http://www.ship.edu/~cgboeree/rogersdeutsch.html (05-11-06)

Überblick über einige Psychotherapierichtungen und -schulen



inhalt :::: nachricht :::: news :::: impressum :::: datenschutz :::: autor :::: copyright :::: zitieren ::::


navigation:

 

 

Kontakt