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Handlungsforschung

In der Handlungsforschung sind jene Menschen und Menschengruppen, welche von den Wissenschaftlern untersucht werden, nicht mehr bloße Informationsquelle des Forschers, sondern Individuen, mit denen sich der Forscher gemeinsam auf den Weg der Erkenntnis zu machen versucht.
Kurt Lewin

In der wissenschaftlichen und fachdidaktischen pädagogischen Literatur werden für die Lehreraus- und -fortbildung zunehmend autonome, selbstgesteuerte und selbstreflexive Formen wie gerade die Aktionsforschung gefordert. Dabei verändert sich auch die Sicht auf das berufliche Selbstverständnis der LehrerInnen als ForscherInnen.

Handlungsforschung ist ein Ansatz empirischer Forschung, der in den Human- und Sozialwissenschaften und in Abgrenzung zur traditionellen Empirie - insbesondere der strengen experimentellen Forschung - entwickelt wurde. Handlungsforschung unterscheidet sich also deutlich von anderen Wissenschaftskonzepten. Die Grenzlinie verläuft zwischen dem kritisch-rationalen Ansatz und dem emanzipatorischen Ansatz der Kritischen Theorie. Drei wesentliche Merkmale (Prämissen) kennzeichnen diese Abgrenzung:

Diese Prämissen fordern eine grundlegende Neubestimmung des sozial- und humanwissenschaftlichen Gegenstandes (Inhalt), und damit auch eine von diesem jeweiligen Gegenstand abhängige Konzeption der Methoden. Zentral für die bisherigen Umsetzungen dieses neuen Forschungskonzeptes ist der emanzipatorische Charakter des Forschungsprozesses.

Die französische Sichtweise der Aktionsforschung ("recherche-action") geht zwar wie die traditionelle Aktionsforschung davon aus, daß die Personen, die in einem bestimmten "Feld" arbeiten, dieses Praxisfeld auch selber erforschen, der Anstoß für das Forschungsprojekt geht aber nicht von der Wissenschaft aus, sondern von den betroffenen Personen, die in diesem Feld leben und arbeiten. Meist soll ein solches Forschungsprojekt dazu führen, die Situation für die Initiatoren zu verbessern. Damit werden die betroffenen Personen auch nicht zu Objekten der Forschung, sondern sie werden zu Forscherinnen und Forschern.

 

Handlungsforschung in der Erziehungswissenschaft

Die heute in der Erziehungswissenschaft gebräuchlichen Begriffe Handlungs-, Aktions- und Tatforschung sind synonyme Übersetzungen des Begriffes "action research", den Kurt Lewin geprägt hat. Er wollte - kommend von der experimentellen Sozialpsychologie - eine Wissenschaft begründen, deren Forschungsergebnisse unmittelbar Nutzen für Pädagogen, Sozialarbeiter etc. haben konnten. Lewin wollte praxisnahe Hypothesen aufstellen und entsprechend diesen Hypothesen sinnvolle Veränderungen im sozialen Feld (social change) durchführen und dann in längerfristigen Studien die Auswirkungen dieser Veränderungen kontrollieren. Dieser von Lewin vorgestellte Ansatz wurde erst Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre vor allem von Pädagogen und Soziologen aufgegriffen und als Möglichkeit verstanden, um aus der Misere des neopositivistischen Paradigmas herauszukommen.

Die grundlegende Kennzeichen einer sich so verstehenden Handlungsforschung sind:

Insbesondere die Kritische Erziehungswissenschaft war mit dem Problem konfrontiert, ihre Kritik im pädagogischen Alltag umzusetzen. Kritische Theorie wollte zur Verbesserung der Lebenswirklichkeit beitragen. Als Lösungsmöglichkeit wurde dazu das Konzept der "Handlungsforschung" ausgearbeitet. Das Forschen sollte mit praktischem Handeln einhergehen und so in Kooperation mit dem PädagogInnen zu Reformen und zu Verbesserungen der Praxis führen. In dem Augenblick, in dem man die Praxis absichtlich verändert, wird empirisch-analytische Forschung sinnlos, weil sie nur Daten einer singulären Veränderung erheben würde und keine generalisierbaren Aussagen mehr möglich wären. Umgekehrt wäre eine Handlungsforschung sinnlos, die das Bestehende analysiert, ohne es verbessern zu wollen.

Anlaß für die Entwicklung des Konzepts Handlungsforschung war u.a. auch die Bildungsreform in den 70er Jahren, die für die ErziehungswissenschaftlerInnen neben der Praxisberatung und gutachterlichen Tätigkeiten weitergehende Möglichkeiten des Engagements bot. Im Rahmen von Modellversuchen und Innovationsprojekten in fast allen Feldern pädagogischen Handelns engagierten sich ForscherInnen in der Praxis, um Handeln, Forschung und Lernen in einem Gesamtprozeß zusammenzubringen. Ziel der Forschung sollte auch sein, eine Reflexion, die den festgefahrenen pädagogischen Alltag und die negativen Gewohnheiten verändern und damit Lernprozesse initiieren konnte. Dies sollte zusammen mit den von der Forschung Betroffenen und in deren Interesse erfolgen; sie sollten zu Beteiligten werden. Angestrebt wurde also eine Verbindung von wissenschaftlicher Forschung und Theorie auf der einen, mit problematischer, lernbedürftiger Alltagspraxis auf der anderen Seite. Praktischer Diskurs und Kritik des Alltagsbewußtseins waren die Methoden, die zum Erlernen neuer und besserer Praxis führen sollten.

 

Siehe dazu auch:
Stangl, Werner (2000). Handlungs- oder Aktionsforschung.
WWW: https://www.stangl-taller.at/
TESTEXPERIMENT/
experimentaktionsforschung.html
(03-03-10)

Quellen

Stigler, Hubert (1996). Methodologie. Vorlesungsskriptum. Universität Graz.
WWW: http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/edu/studium/
materialien/meth.doc (98-01-03)
Stangl, Werner (1997). Zur Wissenschaftsmethodik in der Erziehungswissenschaft. "Werner Stangls Arbeitsblätter".
WWW: http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/
ARBEITSBLAETTERORD/Arbeitsblaetter.html
Koring, Bernhard (o.J.). Lerneinheit 6. Handlungsforschung in der Erziehungswissenschaft.
WWW: http://www-user.tu-chemnitz.de/~koring/
virtsem1/kapit6.htm (01-09-01)


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