[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Geschlecht und Sucht

Frauen Männer

Wie in vielen Merkmalen gibt es auch im Suchtverhalten gravierende Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern.  Frauen sind generell weniger suchtgefährdet, begehen seltener Selbstmord, ertragen Schmerzen und Stress besser und bringen in der Schule im Durchschnitt bessere Leistungen als Männer. Lange Zeit wurde das Problem der Suchtmittelabhängigkeit bei Frauen wenig ernst genommen, denn Frauen gelten als die gesundheitsbewussteren Menschen. Tatsächlich aber finden sich beim weiblichen Geschlecht ähnliche selbstschädigende Verhaltensmuster wie bei Männern, jedoch sind Frauen und Männer anders süchtig, denn Suchtmittel haben für Frauen und Männer oft unterschiedliche Funktionen, sodass eine geschlechtsspezifische Suchtbehandlung bessere Behandlungsergebnisse verspricht.

Deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede finden sich in der Entwicklungsgeschichte, also den Ursachen und Folgen der Abhängigkeit. Bei Frauen findet man schon in der Vorgeschichte häufiger psychosomatische Beschwerden, sie haben bei späterem Einstieg eine wesentlich schnellere Suchtentwicklung. Eine gravierende Rolle spielt nach Ansicht von Experten die Doppelbelastung im Spannungsfeld zwischen Beruf und Familie, sodass bestimmende Lebensgefühle wie Verlust und Verzicht häufig in der Lebensgeschichte alkoholabhängiger Frauen zu finden sind.

Frauen und Mädchen wählen eher solche Substanzen, die als relativ ungefährlich gelten und unauffällig, in angepasster Weise zu konsumieren sind wie leichte Zigaretten, Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmittel, leichte Alkoholika, wie Sekt, Wein, Bier, Alkopops - und Cannabis. Auch der Alkoholkonsum von Frauen ist in aller Regel ein unsichtbarere und heimlicher, d. h., Frauen trinken viel seltener in der Öffentlichkeit, sodass die Problematik hier nicht so sichtbar ist wie bei Männern.  Viele Frauen entwickeln passivere und emotionalere Konfliktlösungsstrategien, d. h., sie versuchen ihre Konflikte zu personalisieren und sie unauffälliger, individuell und in einer sozial akzeptierten Weise zu lösen. Sie verinnerlichen Konflikte mehr und wenden ihre Aggressionen öfter gegen dir eigene Person. Der Konsum soll daher in erster Linie dazu beitragen, die Funktions- und Anpassungsfähigkeit aufrecht zu erhalten, geringe Selbstachtung zu kompensieren sowie Traumata zu bewältigen. Die Substanzen haben außerdem die Funktion, den Körper und sein Gewicht zu manipulieren (Appetitzügler, Abführmittel, Rauchen macht schlank). Zum Teil dienen sie auch der ´Entgrenzung´ und des Sich-die-Erlaubnis-Gebens, um einmal tun zu können, was eigentlich als unweiblich gilt (beispielsweise Aggressivität). Prävalenzstudien von Essstörungen zeigen, dass lediglich ein Prozent aller Essstörungen weltweit das männliche Geschlecht betreffen. Im Gegensatz dazu gibt es eine hohe Prävalenz für Essstörungen bei Frauen und in Berufsgruppen, in denen der soziale Druck schlank zu sein hoch ist, z. B. bei LeistungssportlerInnen, Models und TänzerInnen.

Männer und Jungen wählen hingegen weitaus häufiger gefährliche Substanzen, die schnell zum Rausch führen: starker Tabak, ´harte´ Alkoholika, potentiell tödlich wirkende Drogen wie Heroin, Kokain. Die im Rausch erlebten Gefühle von Antriebssteigerung, Grandiosität und des Über-Sich-Hinauswachsens entsprechen den stereotypen Dynamiken von Männlichkeit. Die Suchtstoffe dienen als Mittel, Leistung zu steigern, Risiko zu erleben, Grenzen auszuloten - und haben eine besondere Bedeutung für männliche Initiationsriten, werden aber auch eingesetzt, um Probleme zu verleugnen, Gefühle von Schwäche und Hilflosigkeit zu ertragen und Ängste zu überwinden. Die Konsumerwartungen von Jungen und Männern beziehen sich auch auf den Erhalt von Status und Macht, insbesondere auch durch ungehemmtes Ausleben von Gewalt.

Als Reaktion auf Suchterkrankung stellen sich bei Frauen häufig Schuld und Scham ein, während Männer mit dem Gefühl der Unterlegenheit und vermehrten Selbstvorwürfen reagieren.

Literatur & Quellen

Goger, K. (o. J.). Frauen und Sucht.
WWW: http://www.karingoger.at/index.php?id=54 (16-11-01)

Heinzen-Voß, D. & Stöver, H. (Hrsg.). Geschlecht und Sucht. Wie gendersensible Suchtarbeit gelingen kann. Pabst.

http://www.springermedizin.at/artikel/4644-hat-sucht-ein-geschlecht (14-11-21)

 


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