[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Geschlecht und Gehirn

Diese dem weiblichen Geschlecht verliehene eigentümliche Schläue
ist ein sehr gerechter Ausgleich für seine geringere Kraft;
sonst wäre die Frau nicht die Gefährtin des Mannes, sondern seine Sklavin.
Jean Jacques Rousseau

 

Frauen Männer

Immer wieder findet man in den Medien aufsehenerregende Berichte über Unterschiede in den Gehirnen von Männern und Frauen, die durch bildgebende Verfahren der Hirnforscher bestätigt worden sein sollen. So denken Frauen angeblich mehr mit beiden Gehirnhälften, bei Männern dominiert eine Hirnhälfte das Denken. Mittels zweier Verfahren werden derzeit in der Forschung Gehirne gescannt: Mit der Positronen-Emissions-Tomografie, lässt sich der Blutfluss, somit die Aktivierung, in Gehirnarealen darstellen, was auch für die zweite Methode der Magnetresonanz-Tomografie gilt. Zeigen diese bildgebenden Verfahren Unterschiede zwischen den Geschlechtern, dann ist meist die Probandenanzahl für allgemeine Aussagen einfach viel zu gering und statistisch meist auch nicht signifikant. Auch sind die Testpersonen aus Gründen der Einfachheit der Durchführung schlicht und einfach StudentInnen, meinst PsychologiestudentInnen, aus deren Befunden dann Rückschlüsse gezogen werden. Meist stellen die Hirnforscher Unterschiede durch eine Subtraktion von Bildmustern dar, also durch einen Vergleich von zwei Probandengruppen, und interpretieren diese Differenzen als bedeutsam. Bei dieser Datenreduktion schaut man aber nicht, welche Gehirnzentren wann miteinander verknüpft sind, was auf Grund der Funktionsweise des Gehirns mit verteilten Zentren wichtig wäre bzw. welche Hirnareale bei bestimmten Aufgaben bei beiden Geschlechtern aktiviert sind, sondern registriert nur vermeintliche Unterschiede. Zwar sind Bilder aus dem Gehirn wichtig für die individuelle Diagnose und Therapie, zum Beispiel in der Neurochirurgie, aber jedes Gehirn ist einzigartig und in ständiger Veränderung, sodass alle Befunde zur Hirnstruktur oder zu Hirnfunktionen nur eine Momentaufnahme darstellen. Geschlechtsdifferenzen sind in vielen Untersuchungen gar nicht der Untersuchungsgegenstand, sondern das Geschlecht wird in fast allen Untersuchungen routinemäßig nebenbei registriert. Wenn dann in vielen Untersuchungen auch die Geschlechterdifferenzen auf Signifikanz geprüft werden, wird aus rein statistischen Gründen schon der eine oder andere davon ein statistisch signifikantes Ergebnis liefern, auch ohne dass es einen Unterschied zwischen den Gruppen gibt. Solche falsch positiven Befunde halten sich dann oft mit bemerkenswert großer Hartnäckigkeit, was nicht zuletzt auf die Verbreitung in den Onlinemedien zurückzuführen ist. Dass sich dann die meisten Ergebnisse in Folgestudien nicht replizieren lassen, ist auf Grund der viel selteneren Publikation solcher "negativen" Resultate unter der medialen Wahrnehmungsschwelle.

Darüber hinaus muss man beachten, dass sich das menschliche Gehirn permanent unter den an es herangetragenen Aufgaben verändert und eine enorme Plastizität aufweist. Viele der in den Medien verbreiteten Ergebnisse sind objektiv betrachtet keine Geschlechtsunterschiede, sondern schlicht einer unscharfen Methodik geschuldet. Daher gilt: Die von neurowissenschaftliche Studien aufgewiesenen Unterschiede im Gehirn zwischen Männern und Frauen betonen häufig geringe statistische Effekte und weisen methodische Fehlerauf. Häufig dienen die Resultate solcher neurowissenschaftlicher Studien als Projektionsfläche für altbekannte Geschlechterklischees, was man leicht anhand von Zeitungs- und Onlineartikeln überprüfen kann. Viele Medien beschränken sich auf überzogene Metaphern und stellten die Differenzen zwischen Männern und Frauen als gravierender dar, als sie tatsächlich auf Grund der Faktenlage sind. Die im folgenden dargestellten Ergebnisse sind daher allesamt mit Vorsicht zu betrachten bzw. deren allgemeine Aussagekraft zu hinterfragen.
Zusammengefasst nach einem Interview mit Sigrid Schmitz in den OÖN vom 31. Mai 2014.

Im Gehirn sind Menschen erstaunlich bisexuell wie generell die Gehirnarchitektur von Säugetieren eher bisexuell angelegt ist. Im Gehirn sind bekanntlich alle Teile des Körpers repräsentiert, wobei sich die Größenverhältnisse nach der Bedeutung für den Organismus richten, d. h., bei Ratten sind die Barthaare im Gehirn großflächig abgebildet, bei Menschen etwa die Hände oder die Zunge. Obwohl die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane sehr verschieden sind, sind diese auf der Körperkarte des Gehirns sehr ähnlich repräsentiert, wobei Unterschiede erst durch Hormone bedingt sind. Zwar bestimmen die Gene das Geschlecht eines Embryos, doch ausschlaggebend für die Entwicklung zu Mann oder Frau sind letztlich die Geschlechtshormone. Zunächst kann ein Embryo männlich wie weiblich werden, d. h., er besitzt sowohl den Müllerschen Gang, der sich zu weiblichen Geschlechtsorganen entwickeln kann wie das Wolffsche System, das den Vorläufer zu männlichen Geschlechtsorganen darstellt. Nach etwa zwei Wochen entwickeln sich entweder Eierstöcke oder Hoden: sind es Hoden, so entwickelt sich das Wolffsche System aufgrund der männlichen Geschlechtshormone (Androgene) aus, die von den Hoden produziert werden. Zudem setzen die Hoden das Anti-Müller-Hormon frei, das die Entwicklung des Müllerschen Ganges verhindert. Sind keine Hoden vorhanden oder produzieren diese keine männlichen Hormone, wird der Müllersche Gang zu Eileiter und Gebärmutter. Auch die Entwicklung der äußeren Geschlechtsorgane, die im fünften bis sechsten Monat stattfindet, verläuft unter dem Einfluss der Geschlechtshormone. Aber nicht nur die Geschlechtsorgane, sondern auch Differenzierungen im Gehirn, die in der Folge für männliche bzw. weibliche Verhaltensweisen wichtig sind, entstehen durch hormonalen Einfluss.

Die Gehirne von Männern und Frauen unterscheiden sich dabei nicht nur durch mehr oder weniger Anteil von weißer und grauer Gehirnsubstanz, sondern sind nach neuesten Erkenntnissen auch stark unterschiedlich vernetzt. Während es in weiten Teilen des weiblichen Gehirns besonders viele Kontakte zwischen den beiden Hirnhälften gibt, bestehen bei Männern mehr Verknüpfungen innerhalb der beiden Gehirnhälften, wobei sich vor allem die Gehirnverbindungen von Mann und Frau ab der Pubertät recht unterschiedlich entwickeln. Möglicherweise können manche der oft beschriebenen unterschiedlichen Eigenschaften von Männern und Frauen damit erklärt werden, denn Männer sind dank ihrer Hirnarchitektur besser in der Lage, ihre Wahrnehmungen in koordinierte Handlungen umzusetzen, während Frauen besser analytische und intuitive Informationen miteinander verbinden können.

Es ist auch bekannt, dass Männer und Frauen Emotionen unterschiedlich erleben, d. h., jeder bzw. jede fühlt auf seine bzw. ihre Weise. Die Lebenserfahrung lehrt auch, dass in gefühlsbeladenen Situationen Frauen oft redselig werden oder sich auch in emotionalen Ausnahmesituationen wortreich an ihren Bekanntenkreis um Hilfe wenden, während Männer eher schweigen sind und sich häufig abreagieren, wenn sie mit starken Gefühlen nicht fertig werden. In vielen Lebenssituationen scheinen Frauen besser mit Gefühlen umzugehen zu können als Männer, obwohl sie mehr von diesen gesteuert zu sein scheinen. Das Spannungsfeld männlichen und weiblichen Gefühlslebens entfaltet sich letztlich vor einem biologischen Hintergrund und der individuellen Erfahrung, wobei Phasen der Sensibilität in der Kindheit, in denen die Fähigkeit mit Gefühlen umzugehen durch soziales Lernen erworben werden muss, dazu ebenso beitragen wie soziale Einflüsse, indem Rollenbilder und Wertvorstellungen das typisch männliche und weibliche Verhalten beeinflussen und daher sekundär stammesgeschichtlich altes Erbgut zusätzlich verstärken. Viele Alltagsprobleme zwischen Mann und Frau in Bereichen wie Liebe, Partnerschaft, Familie, Mutter- und Vaterschaft, Kindheit, Schule, medizinische Vorsorge, Altern, Kriminalität und Berufswelt nehmen hier erst Gestalt an. Ein typisches Beispiel ist die Anbindung des Stammhirns, des entwicklungsgeschichtlich ältesten Teils des Gehirns, an das Großhirn, wo höhere Gehirnfunktionen wie das Sprachzentrum beheimatet sind, denn Männer verarbeiten Emotionen eher mit dem älteren Teil, der mit Sexualität, Flucht und Aggression in Verbindung steht, während Frauen eher den jüngeren Teil des Stammhirns nutzen, der stärker mit dem Sprachzentrum verknüpft ist. Männer sind daher bei emotionalen Herausforderungen evolutionär bedingt eher auf das Prinzip fight or flight konditioniert, während Frauen auf tend and befriend eingestellt sind, wobei gesellschaftliche Wertvorstellungen und Rollenbilder diese urzeitlichen Verhaltensmuster zusätzlich verstärken. Zwar ist das menschliche Gehirn flexibel und es sind in jedem Menschen männliche und weibliche Muster mehr oder weniger vorhanden, dennoch sollte man diese Ungleichheiten nicht ignorieren, vor allem im Hinblick auf die Gleichberechtigung. Die Gehirnforschung hat aber auch gezeigt, dass bei Frauen und Männern etwa bei der Objekterkennung zwar verschiedene Gehirnareale aktiv sind, sich aber die Ergebnisse oft gleichen, wobei diese auf unterschiedlichem Weg erzielt werden.

Ingalhalikar et al. (2013) haben die Verbindungen innerhalb des Gehirns bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen untersucht, wobei männliche Gehirne für eine Kommunikation innerhalb der Hirnhälften optimiert sind, denn einzelne Unterbereiche des Gehirns zeigten lokale Verbindungen von kurzer Reichweite mit ihren direkten Nachbarbereichen, während bei Frauen viele längere Nervenverbindungen vor allem zwischen den beiden Gehirnhälften zu finden waren. Nur im Kleinhirn war es umgekehrt, denn dort gab es bei den Männern viele Verbindungen zwischen den Gehirnhälften, bei Frauen innerhalb der beiden Hälften. In diesem Areal wird die Motorik gesteuert wird, sodass bei Männern im Kleinhirn die relativ weit voneinander entfernt liegenden Bereiche für Motorik und Handlung besser miteinander verknüpft sind als bei Frauen. Schon in früheren Verhaltensstudie hatte man festgestellt, dass sich Frauen besser Wörter und Gesichter merken können, aufmerksamer sind und ein besseres soziales Erkenntnisvermögen haben als Männer, während diese räumliche Informationen besser verarbeiten können und in der Bewegungskoordination besser abschneiden. Es zeigte sich auch, dass sich die Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Laufe der Altersentwicklung verstärken. Die gefundenen differenten Ausprägungen dieser Connectome war bei den Studienteilnehmern unter 13 Jahren nicht nachweisbar, was darauf verweist, dass sich die Verbindungen im Gehirn letztendlich deshalb so unterschiedlich ausprägen, weil Männer und Frauen ihr Gehirn ab einem gewissen Alter auch unterschiedlich nutzen. Auch könnte die unterschiedliche Verdrahtung mit dem natürlichen Reifeprozess in der Pubertät einhergehen, bei der es zu einer großen Veränderung der Gehirnstrukturen kommt. Siehe dazu im Detail das Arbeitsblatt zu den Veränderungen des Gehirns während der Pubertät.

Literatur

Ingalhalikar, M., Smith, A., Parker, D., Satterthwaite, T. D., Elliott, M. A., Ruparel, K., Hakonarson, H., Gur, R. E., Gur, R., C., & Verma, R. (2013). Sex differences in the structural connectome of the human brain. Doi:10.1073/pnas.1316909110.

https://de.wikipedia.org/wiki/Geschlechtsdetermination (14-11-21)

In männlichen Gehirnen weniger Oxytocin und Serotonin

In der Studie "Was könnte er gerade denken? - Wie der Verstand des Mannes wirklich funktioniert" versuchte der Sozialphilosoph Michael Gurian zwei Jahrzehnte neurobiologischer Forschung mit Geschichten aus den täglichen Leben und seinen Erfahrungen als Familientherapeut zu vereinen, um folgendes Bild der männlichen Psyche zu zeichnen: Da sich in männlichen Gehirnen weniger Oxytocin und Serotonin befindet, wünscht sich das männliche Hirn am Ende eines langen Tages abzuschalten und hirnlos in Action- und Sportsendungen herumzuzappen, während sich Frauen eher mit gefühlsintensiven Gesprächen entspannen können. Das männliche Gehirn nimmt daher auch weniger Details wahr, so dass Staub und Unordnung zu Hause unbemerkt bleiben. Männliche Hormone wie Testosteron und Vasopressin verursachen, dass er sich ständig beweisen will. Das verstärkt sich noch, wenn die Familien Kinder haben.

 

Frauen sind erstaunt, was Männer alles vergessen.
Männer sind erstaunt, woran Frauen sich erinnern.
Peter Bamm

Geschlechterabhängige Hirnreaktionen auf Humor

Männer sprechen im Durchschnitt um die 25.000 Wörter pro Tag
und Frauen etwa 30.000. Das Dumme ist nur, dass ich abends,
wenn ich nach Hause komme, meine 25.000 Wörter schon vergeben habe,
während meine Frau mit ihren 30.000 noch anfängt.
Michael Collins

Allan Reiss et al. (University of Stanford) führte zehn Frauen und zehn Männern siebzig Schwarz-Weiß- Zeichentrickfilme vor und maß dabei die neuronale Aktivität verschiedener Hirnbereiche. Im Anschluss bewerteten die Teilnehmer die Filme auf einer Skala von eins bis zehn hinsichtlich der "Witzigkeit".

Den Ergebnissen zufolge ähneln sich beide Geschlechter im Gebrauch der Hirnareale, die für Sprachbedeutung und Wortbildung verantwortlich sind. Bei Frauen regen sich aber verstärkt Bereiche, die der analytischen Verarbeitung dienen: der präfrontale Cortex, der vermutlich auf eine stärkere Analyse von Sprache und Wahrnehmung verweist, und der Nucleus accumbens, ein Teil des Belohnungssystems. Vermutlich erwarten Frauen weniger eine Belohnung durch den Film als Männer. Dementsprechend reagiert ihr Belohnungssystem stärker, wenn der Zeichentrickstreifen sie tatsächlich zum Lachen bringt. Dies traf für Männer, die von Beginn an mit einem witzigen Film rechneten, nicht zu.

Quelle: http://ww.wissenschaft-online.de/09. November 2005

Mädchen haben einen feineren Geschmackssinn und Geruchssinn als Buben

Eine Studie der Universität Kopenhagen an 8900 Kindern ab dem Grundschulalter zum Geschmacksempfinden zeigte, dass Mädchen sowohl süße als auch saure Nuancen bei Lebensmitteln besser erkennen können als gleichaltrige Burschen. Deren Fähigkeit zum Differenzieren von Lebensmitteln ist bei Saurem um etwa zehn Prozent und bei Süßem sogar um 20 Prozent schwächer ausgeprägt. Die größere Sensibilität der Mädchen basiert vermutlich nicht auf der Zahl der Geschmacksknospen im Mundraum, sondern auf der Signalverarbeitung im Gehirn. Mit steigendem Alter verfeinert sich der Geschmackssinn bei Kindern geerell.

Mädchen reagieren nach der Pubertät sensibler auf Gerüche als zuvor. Das ergaben Versuche der Uni Dresden. Während Buben und Mädchen mit zehn Jahren Gerüche noch gleich wahrnehmen, geraten 17- bis 20-jährige Frauen bei Wohlgerüchen in Verzückung und rümpfen bei Gestank die Nase. Junge Männer interessieren sich kaum für Düfte.

Studien in Brasilien (Oliveira-Pinto et al., 2014) haben auch ergeben, dass Frauen eine deutlich sensiblere Nase haben, obwohl die Zahl der Riechrezeptoren etwa gleich und das Volumen des Riechkolbens sogar kleiner als bei Männern ist. Das liegt daran, dass es bei der Riechleistung nicht auf die Anzahl der Rezeptoren oder das Volumen des Riechkolbens im Gehirn ankommt, sondern konkret auf die Anzahl der Zellen im Riechkolben. Forscher haben Gehirne von Männern und Frauen seziert und die einzelnen Zellen gezählt, wobei weibliche Riechkolben im Schnitt aus über sechzehn Millionen Zellen bestehen, während männliche hingegen neun Millionen aufweisen, und auch bei den Neuronen, die für die Prozesse im Gehirn entscheiden sind, ist der Unterschied bei etwa sieben zu vier Millionen, d. h., die Zelldichte im Riechkolben ist bei Frauen signifikant höher. Zwar sind mehr Zellen in einem Organ nicht automatisch ein Beweis für eine komplexere Funktionalität, bei Gehirnzellen ist das aber sehr wahrscheinlich, allerdings müsste man auch die Anzahl der Synapsen bestimmen, um mit Sicherheit sagen zu können, dass Frauen ihren feineren Geruchssinn vor allem der Zellstruktur im Riechkolben zu verdanken haben.

Quellen & Literatur

Ana V. Oliveira-Pinto, Raquel M. Santos, Renan A. Coutinho, Lays M. Oliveira, Gláucia B. Santos, Ana T. L. Alho, Renata E. P. Leite, José M. Farfel, Claudia K. Suemoto, Lea T. Grinberg, Carlos A. Pasqualucci, Wilson Jacob-Filho & Roberto Lent (2014). Sexual Dimorphism in the Human Olfactory Bulb: Females Have More Neurons and Glia

OÖN vom 8.1.2009 und vom 17.4.2009

Gehirndurchblutung bei Frauen stärker als bei Männern

Satterthwaite et al. (2014) fanden für bestimmte Gehirnareale besonders deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der Gehirndurchblutung. Diese ist bekanntlich eine fundamentale Eigenschaft mancher Prozesse im Gehirn, und es ist bekannt, dass die Durchblutung im Erwachsenenalter bei Frauen stärker ist als bei Männern. Die Gehirne von Mädchen und Buben entwickeln sich bekanntlich in der Pubertät gegensätzlich, und etwa ab dieser Zeit wird das weibliche Gehirn insgesamt besser durchblutet als das männliche. Die Hirndurchblutung sinkt in der frühen Pubertät (im Alter von etwa zwölf Jahren) bei Mädchen und Buben noch gleichermaßen, doch ab der mittleren Phase der Pubertät (im Alter von etwa 16 Jahren) zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So nimmt die Durchblutung bei Buben immer weiter ab, während sie bei Mädchen leicht ansteigt, wobei sich dieser Trend in der späteren Pubertät noch verstärkt. Die Differenzen sind am deutlichsten im orbitofrontalen Kortex, also Regionen, die mit Sozialverhalten und der Regulierung von Emotionen verknüpft sind. Möglicherweise erklärt das, warum Frauen in vielen Tests zur sozialen Intelligenz besser abschneiden als Männer, gleichzeitig sind sie auch anfälliger für Depressionen und Angststörungen, während Männer eher unter Schizophrenie oder emotionale Blockaden leiden.

Literatur

Theodore D. Satterthwaite, Russell T. Shinohara, Daniel H. Wolf, Ryan D. Hopson, Mark A. Elliott, Simon N. Vandekar, Kosha Ruparel, Monica E. Calkins, David R. Roalf, Efstathios D. Gennatas, Chad Jackson, Guray Erus, Karthik Prabhakaran, Christos Davatzikos, John A. Detre, Hakon Hakonarson, Ruben C. Gur, and Raquel E. Gur (2014). Impact of puberty on the evolution of cerebral perfusion during adolescence. Proceedings of the National Academy of Sciences. Doi:10.1073/pnas.1400178111

Unterschiedliche Reaktionen auf Fehler

Sobald jemand einen Fehler macht, reagiert das Gehirn im Bruchteil einer Sekunde und ermöglicht es, das Verhalten effektiv anzupassen. Eine mögliche Reaktion besteht etwa darin, nachfolgende Handlungen zu bremsen, um weitere Fehler zu vermeiden, oder einfach die Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Reize zu richten und ablenkende Reize zu ignorieren. In einer internationalen Studie wurde nun über Gehirnströme gemessen, wie Männer und Frauen in einem Experiment auf gerade begangene Handlungsfehler reagieren. Die ProbandInnen erhielten eine Aufgabe, die sie trotz ablenkender Reize wiederholt korrekt ausführen mussten, wobei die dabei entstehenden Fehler mit Flüchtigkeitsfehlern etwa beim Bedienen technischer Geräte durch das Drücken der falschen Taste zu vergleichen waren. Es zeigte sich, dass Männer die Aufgaben etwas schneller bearbeiten konnten als Frauen, aber gleichzeitig reagierten ihre Gehirne stärker auf Handlungsfehler als die Gehirne der Frauen. Die Frauen hingegen passten ihr Verhalten nach begangenen Fehlern flexibler an und verlangsamten ihre Reaktionen deutlich stärker als Männer, sodass allein die Muster der fehlerbezogenen Gehirnströme ausreichten, um das Geschlecht vorherzusagen.

Literatur

Fischer, A. G., Danielmeier, C., Villringer, A., Klein, T. A. & Ullsperger, M. (2016). Gender influences on brain responses to errors and post-error adjustments. Scientific Reports (in press).

Frauen beim Teilen großzügiger als Männer

Soutschek et al. (2017) haben untersucht, ob Gehirne von Frauen und Männer unterschiedlich auf soziales und egoistisches Verhalten reagieren. In einer Untersuchung mit einem Kernspintomographen machten 21 Männern und 19 Frauen zunächst einen Verhaltenstest, bei dem sie entscheiden sollten, ob sie lieber eine größere Summe Geld für sich allein haben wollen oder eine kleinere Summe für jeweils sich selbst und einen anonymen Mitspieler. wobei das Geld dann beiden tatsächlich ausgezahlt wurde. Dabei beobachtete man die Aktivität des Striatums, eines Areals in der Mitte des Gehirns, das für die Bewertungs- und Belohnungsverarbeitung zuständig und bei jeder Entscheidung aktiv ist, indem es positive Gefühle bewirkt, wodurch die Ausschüttung von Endorphinen ausgelöst wird. Der Hirnbereich war dabei bei Frauen besonders aktiv, wenn sie teilten, bei Männern hingegen war er aktiver, wenn sie eine egoistische Entscheidung trafen. In einer weiteren Untersuchung überprüfte man, ob sich das Verhalten ändert, wenn die Aktivität des Striatums durch Medikamente unterdrückt wird, wobei eine Hälfte der Gruppe den Wirkstoff Amisulprid erhielt, der den Botenstoff Dopamin hemmt, der das Belohnungssystem aktiviert, während die andere Hälfte der Gruppe ein Placebo erhielt. In der Gruppe, die das unwirksame Medikament bekam, entschied sich die Mehrheit (51%) der Frauen weiterhin dafür, das Geld aufzuteilen, in der Gruppe mit dem Medikament taten das jedoch nur noch 45%. Bei den Männern verbesserte sich das soziale Verhalten, denn ohne den Wirkstoff bedachten 40 Prozent den Mitspieler, mit dem Medikament 44 Prozent. Auch wenn die Unterschiede nur minimal sind, konnte man neurologisch nachweisen, dass das männliche Gehirn eher egoistische Entscheidungen belohnt, das Gehirn der Frauen eher soziale Entscheidungen. Dieses Verhalten ist allerdings nicht angeboren, denn das Belohnungszentrum ist stark mit Lernprozessen im Gehirn verbunden, denn Frauen werden so erzogen, eher eine Belohnung für pro-soziales als für egoistisches Verhalten zu erwarten.

Literatur:

Soutschek, Alexander, Burke, Christopher J., Raja Beharelle, Anjali, Schreiber, Robert, Weber, Susanna C., Karipidis, Iliana I., ten Velden, Jolien, Weber, Bernd, Haker, Helene, Kalenscher, Tobias & Tobler, Philippe N. (2017). The dopaminergic reward system underpins gender differences in social preferences. Nature Human Behaviour, doi: 10.1038/s41562-017-0226-y.


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