[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Kurzüberblick:
Psychotherapeutische Schulen

Die Zauberformeln der postmodernen Sozialwissenschaften sind eingängig: nicht selten verkoppeln sie Diagnose, Versprechen und Handlungsappell.
Wolfgang Müller-Funk

Eine psychische Erkrankung wird noch immer als Makel betrachtet, als könnte die oder der Betroffene gesund sein und normal funktionieren, wenn sie bzw. er nur wollte. Es gehen pro Jahr etwa fünf Prozent der Bevölkerung zur Psychotherapie, doch etwa zehn Prozent hätten es eigentlich nötig, wie epidemiologische Studien der World Health Organization, in denen die Wahrscheinlichkeit von psychischen Störungen erhoben wird, zeigen. Dabei ist dieser Wert von zehn Prozent ist in der Vergangenheit immer wieder empirisch bestätigt worden, wobei Depressionen und Angststörungen vorherrschend sind. Nach Aussagen der WHO werden Depressionen allmählich zur Krankheit Nummer eins und akute Belastungsreaktionen, die zu einem Burnout führen, in Form von Erschöpfungsdepressionen ebenfalls immer häufiger. Die Einschätzung von psychischen Störungen verlangt aber spezifisches Wissen und klinische Erfahrung, denn nur dann ist man in der Lage, eine seriöse Diagnose zu stellen. PsychotherapeutInnen, die eine solche Indikationsstellung vornehmen, müssen klinisch gut ausgebildet sein und stehen auch rechtlich in der Pflicht, solide und seriös zu arbeiten.

Die Zahl der Angebote, die bei seelischen Problemen Hilfe versprechen, ist unübersehbar groß geworden, wobei darunter auch fragwürdige Methoden sind, mit denen Anbieter etwa für Psychocoaching, Bachblütentherapie, Rebirthing, Rolfing und vieles andere mehr im Internet und in anderen Medien werben. In den letzten Jahren hat sich in den deutschsprachigen Ländern eine unübersehbare Vielfalt psychotherapeutischer Ansätze entwickelt, deren korrekte Bewertung auch für den Fachmann schwierig ist, zumal wesentlich mehr unüberprüfte oder unseriöse Verfahren angeboten werden als empirisch überprüfte. Unterschiede zeigen sich sowohl in den theoretischen Grundannahmen (Menschenbild, Entwicklung, Psychopathologie) als auch in der Konzeption des therapeutischen Prozesses (Therapieziel, Therapeutenrolle, Diagnostik, Therapiedauer). Zu den begrenzten Möglichkeiten schreibt Ulrich Gresch: "Moderne Menschen brauchen keinen Psychotherapeuten, der wie eine Mischung aus Arzt, Pfarrer und Schamane auftritt. Sie brauchen keine Psychotherapie, die wie eine alleinseligmachende Amtskirche organisiert und staatlich abgesichert ist. Psychologische Beratung und Psychotherapien sind wie kaum eine andere Dienstleistung auf Vertrauen angewiesen. Es liegt also in meinem ureigenen, auch wirtschaftlichen Interesse, ehrlich gegenüber meinen Kunden zu sein. Darum möchte ich mit besonderem Nachdruck betonen, dass ich keine Wunder-Methoden beherrsche und auch kein überlegenes, unanfechtbares psychologisches Wissen besitze. Und ich kann Ihnen auch nur den Rat geben, sich vor Psychotherapie-Gurus in Acht zu nehmen, die derartige magischen Kräfte zu besitzen behaupten."

Im Gegensatz zu hilfsbereiten Mitmenschen und Laientherapeuten gehört die Fähigkeit zur Abgrenzung - professionelle Distanz - in therapeutischen Berufen zur Ausbildung. Sie entsteht vor allem dadurch, dass man sich als ausgebildeter Therapeut selbst auf der Grundlage eines mehr oder minder erprobten theoretischen Hintergrundes reflektieren kann und dadurch z.B. Übertragungen oder Projektionen von eigenen Anteilen vermeidet und sich vor den Projektionen des Klienten schützt. Diese Distanz hat nichts damit zu tun, dass man sich als Therapeut nicht dennoch in sein Gegenüber einfühlen kann.

Aus der umfangreichen Psychotherapieforschung im Hinblick auf wissenschaftliche Überprüfung und praktische Bewährung lassen sich die Therapieformen in vier Wirksamkeitsgruppen zusammenfassen:

Eva Jaeggi (2001) hat in ihrem Buch "Und wer therapiert die Therapeuten?" (Stuttgart: Klett-Cotta) die psychische Befindlichkeit von PsychotherapeutInnen untersucht und kommt zu dem Schluss: "Natürlich ist nie auszumachen, ob sich zum Beruf des Psychotherapeuten eventuell besonders labile Naturen hingezogen fühlen" (S.113). Die Autorin berichtetet Zahlen über schwere psychische Störungen bei Therapeuten: 73 % schwere Angststörungen, 90 % (undifferenzierte) schwere psychische Störungen, 82 % schwere persönliche Probleme infolge Beziehungsschwierigkeiten, 57 % Depressionen, 11 % Süchtige und 2 % Suizidversuche. Sie folgert daraus, daß der Beruf des Psychotherapeuten nicht unbedingt der gesündeste ist bzw. nicht unbedingt die gesündesten Menschen anzieht.

Sonnenmoser (2009) berichtet von einer Untersuchung von Psychologen der Universitätsklinik Ulm und des Vereins Ethik in der Psychotherapie, die 81 Beschwerdefälle gegen Psychotherapeuten ausgewertet haben, wobei berücksichtigt werden muss, dass Machtgefälle, Abhängigkeit, Scham und auch mangelnde Informiertheit oft dazu beitragen, dass viele PatientInnen auf eine Beschwerde verzichten. "Die Klagen richteten sich häufiger gegen männliche als gegen weibliche Psychotherapeuten; gegen männliche Therapeuten wurde signifikant häufiger der Vorwurf der sexuellen Grenzverletzung vorgebracht. Die häufigste Beschwerde (43 Prozent) bezog sich darauf, dass der Therapeut nicht genügend Empathie zeigte, sodass der Patient kein Vertrauen zu ihm entwickeln konnte. Auch wurde bemängelt, dass der Therapeut zu wenig auf die Probleme des Patienten einging (27 Prozent). Mangelnde Aufklärung über die Therapie wurde fast gleichhäufig beklagt (etwa 20 Prozent) wie sexuelle Grenzverletzung und ökonomischer Missbrauch des Patienten durch den Therapeuten. Beklagt wurden auch „Diagnosedrohungen“ (20 Prozent), das heißt, ein Therapeut stellt dem Patienten eine ungünstige Diagnose („unheilbar“), wenn dieser sich nicht den Vorstellungen oder Forderungen des Therapeuten anpasst. Schweigepflichtverletzungen seitens des Therapeuten wurden in zwölf Prozent der Fälle beklagt. Vergleichsweise selten vorgebracht wurden Beschwerden zum Beispiel über Störung von Therapiestunden durch fortgesetztes Telefonieren während der Sitzungen oder Inanspruchnahme des Patienten für therapiefremde Tätigkeiten."

Nebenwirkungen einer Psychotherapie

Eine Therapie greift in komplizierte Verflechtungen der menschlichen Psyche, wodurch es unter Umständen auch zu einer Verstärkung der psychischen Beschwerden oder zum Auftreten neuer Krankheitssymptome, zu einer Überforderung oder zum Gefühl der Abhängigkeit von der Psychotherapeutin oder dem Psychotherapeuten kommen kann. KlientInnen berichtennicht selten über Erschöpfungszustände nach dem Besuch beim Therapeuten, von Verwirrung oder der Zunahme von negativen Gefühlen, Verzweiflung und Kränkung. Häufig findet sich auch eine Verschlechterung eines depressiven Zustandes bei Gruppentherapien, in denen die KlientInnen sich gegenseitig anstecken können. Aber auch Behandlungsfehler, unkorrekt durchgeführte Behandlungen und falsche Diagnosen tragen dazu bei, dass eine Psychotherapie eine negative Wirkungen zeigen kann, wobei manche Studien davon ausgehen, dass es etwa jedem zehnten Klienten nach der Therapie schlechter geht als vorher. Was beim einem Menschen dazu führt, die belastende Situation aufzulösen, kann beim anderen übermächtige und negative Gefühle verstärken, und so etwa Ängste vertiefen. Am Beginn einer Therapie ist es aber meist unumgänglich, sich der Probleme der dahinter steckenden Erkrankung bewusst zu werden und sich dann damit aktiv auseinanderzusetzen, was in der Regel mit starken Emotionen verbunden ist. Als größter Risikofaktor für einen therapeutischen Misserfolg gilt jedoch eine problematische Beziehung zum Therapeuten, denn es kann ein Gefühl der Abhängigkeit enstehen, das bei einem Betroffenen die eigene unter Umständen die Selbsthilfefähigkeit einschränkt.

Überblick über einige Psychotherapierichtungen und -schulen

Wirkung der Psychotherapie auf das Gehirn

Psychische Erkrankungen wie Phobien, Angststörungen und Depression, aber auch Persönlichkeitsstörungen graben sich tief in die bewussten und unbewussten Anteile des limbischen Systems, vor allem in die Amygdala und die Basalganglien, ein, und sind dann wie alle Gewohnheiten nur schwer zu verändern, meist nicht aus eigener Kraft, sondern nur durch psychotherapeutische Maßnahmen. Bekanntlich verändern z. B. intensive und lang anhaltende Schmerzerfahrungen, Kindheitstraumata, Ängste oder Depressionen die menschliche Gehirnstruktur in negativer Weise.

Das menschliche Seelenleben wird dabei durch psychoneurale Systeme bestimmt, die in höchst individueller Weise auf den verschiedensten Ebenen des Gehirns ablaufen. Das erste und wichtigste davon ist die Stressverarbeitung, denn hier geht es darum, wie ein Mensch mit Problemen und Herausforderungen und mit den damit verbundenen Aufregungen fertig wird. Dazu gehört die Fähigkeit, sich überhaupt aufregen und anschließend wieder abregen zu können, wenn die Belastung bewältigt oder vorbei ist. Diese Prozesse sind im Gehirn mit der Regulation der Stresshormone Noradrenalin und Cortisol verbunden, die bei der vorgeburtlichen Entwicklung stark durch negative Einflüsse über das traumatisierte Gehirn der werdenden Mutter oder durch frühe nachgeburtliche Störungen, hauptsächlich im Rahmen einer negativen Bindungserfahrung, beeinträchtigt werden können - siehe dazu Genetik und Epigenetik.

Um die positiv verändernde Wirkung einer Psychotherapie auf das Gehirn zu untersuchen, wurden zwanzig Patienten, die an Depressionen leiden und in psychotherapeutischer Behandlung sind, mit zwanzig Gesunden verglichen. In Interviews wurden vier zentrale, individuelle Kernsätze, die diese Menschen emotional berühren, definiert. Mit diesen Sätzen wurden diese Personen im Labor konfrontiert, während man mit EEG und Kernspintomographen Daten erfasste. Konfrontiert mit den persönlichen Sätzen, aktivierten die Patienten deutlich öfter das limbische System als die Gesunden, reagierten also verstärkt in jenem Hirnareal, das für Gefühle, für Angst, Aggression und Schmerz zuständig ist. Die Messungen der Gehirnaktivitäten nach einem Jahr Therapie erbrachten gleichfalls nicht nur psychische Veränderungen, sondern auch deutliche Unterschiede in den Gehirnaktivitäten in diesen Bereichen, und zwar in Form einer Reduktion (vgl. Buchheim et al., 2008).

Siehe dazu im Speziellen auch die therapeutische Allianz.

Medikamente in der Psychotherapie

Medikamente in der Psychotherapie haben zu manchen Zeiten eine gewisse Rolle gespielt. Sigmund Freud hatte noch vor der Entwicklung der Psychoanalyse Kokain eingesetzt, um einen Freund von seiner Morphiumsucht zu befreien, und auch sich selbst versuchte er damit zu stärken, und meinte, dass die Coca-Pflanze ein weit kräftigeres und unschädlicheres Stimulans als der Alkohol wäre. In der Hippie- und 68er-Bewegung des vorigen Jahrhunderts wurden LSD und Meskalin allenfalls für stabile, selbstbewusste Persönlichkeiten in der Therapie empfohlen.

Psychotherapeutische Behandlungen und Medikamente wirken im Gehirn ähnlich, denn in beiden Fällen wird das Gehirn neurobiologisch verändert, entweder durch Chemie oder durch die Interaktion mit dem Therapeuten. Ob Medikamente oder Gespräche das Mittel der Wahl sind, hängt von vielen Faktoren ab, denn verschiedene Krankheitsbilder sprechen unterschiedlich auf eine Psychotherapie bzw. auf Medikamente an. Manche beruhigende Psychopharmaka wie Benzodiazepine verringerten in Akutphasen häufig erst die Anspannung und Schlaflosigkeit und bereiten den Boden für psychotherapeutische Maßnahmen vor. Ein wichtiges Kriterium ist meist der Schweregrad der Erkrankung, denn je schwerer diese, desto eher setzt man auf Medikamente. Metastudien zeigen übrigens, dass viele Psycho- und Arzneimitteltherapieverfahren zwar wirksam sind, doch ihre Wirkstärken liegen oft nur in einem mittleren Bereich, wobei psychotherapeutische Verfahren meist sogar stärker als Arzneimittel wirksam sind. Da aber sehr unterschiedlichen Methoden in der Psychotherapieforschung und der Arzneimittelforschung angewendet werden, sind indirekte Vergleiche jedoch problematisch. In den wenigen Studien, in denen beide Therapieverfahren direkt verglichen wurden, zeigten sich keine Unterschiede in der Wirksamkeit.

Grundsätzlich sind Medikamente in der Psychiatrie eine nicht unwichtige Säule der Behandlung, allerdings werden hier Medikamente niemals gezielt für eine psychotherapeutische Sitzung verschrieben. Bei der Behandlung von Angststörungen und Depressionen gehen unter einem multimodalen Konzept die Pharmakotherapie beim Arzt und die Psychotherapie beim Psychologen oft Hand in Hand. Vor allem zu Beginn einer Behandlung sind für manche KlientInnen Medikamente angebracht, um überhaupt therapiefähig zu werden, allerdings kann man mit bewusstseinsverändernden Drogen in der Therapie niemals das Tempo der Heilung forcieren, sonst handelt sich der Klient auch noch eine Psychose oder Phobie ein.

Auch Rolf Degens "Lexikon der Psycho-Irrtümer" (2000, Frankfurt/Main: Eichborn-Verlag), der 600 konkurrierende Therapierichtungen untersuchte, entlarvte großer Teile der Psycho-Zunft als reine "Quacksalberei" und meint: "Psychotherapeuten können Neurosen nicht besser heilen als jeder wohlmeinende Laie, und sie leiden selbst in erhöhtem Maße an den 'Verrücktheiten', die sie bei anderen therapieren wollen" (S. 63f).

Ulrich Gresch (2003; Hervorhebungen von mir; W.S.) schreibt zur Kritik an der Psychoanalyse: "Zum Beispiel Psychoanalyse oder Verhaltenstherapie. Um das Prestige der Wissenschaft zur Steigerung der Suggestivwirkung zu nutzen, heben diese Schulen ihre wissenschaftliche Fundierung hervor. Gemäß dem heute vorherrschenden postmodernen Selbstverständnis der Wissenschaft ist diese jedoch, als empirisch orientierte, antidogmatisch und hypothetisch. Sie bildet also keine Grundlage für Heilsgewissheiten mehr. Dies ist ein Dilemma für die Protagonisten der Psychotherapie. Einerseits wollen sie dem Klienten bzw. dem Patienten die Gewissheit geben, dass ihm mit der gewählten Methode geholfen werden kann; und andererseits wissen sie aber auch (oder sollten sie wissen), dass die Wissenschaft keine Grundlage für solche Gewissheiten bieten kann. Es entsteht also eine schmerzliche Gewissheitslücke, die durch Glaubenskraft gefüllt wird. Dies führt zu irrationalem Denken, da eine Überlegenheit des einen oder anderen Therapieverfahrens gegenüber den Mitbewerbern auf wissenschaftlicher Basis nicht erhärtet werden kann. Die Glaubenskraft nährt sich also aus außerwissenschaftlichen Quellen. Kurz: Das implizite (uneingestandene, oft unbewusste) Motto lautet: Wenn es auch ungewiss ist, ob wir überhaupt besser helfen können als ein Placebo, dann sind wir aber auf alle Fälle effektiver als die Konkurrenz. Und so entstehen Glaubensgemeinschaften, die Glaubenskriege gegeneinander ausfechten. (...) Die entscheidende Frage lautet für mich: Wird Psychotherapie tatsächlich effizienter, wenn bestimmte Methoden prinzipiell ausgeschlossen und bestimmte Qualifikationen zwingend gefordert werden? Daher würden mich Leistungsvergleiche bespielsweise zwischen psychotherapeutisch tätigen Heilpraktikern und langjährig ausgebildeten Psychologischen Psychotherapeuten interessieren. (Man könnte dann auch noch hübsche Methodenvarianten realisieren, z. B. beide Gruppen praktizieren Verhaltenstherapie oder die Heilpraktiker arbeiten irgendwie esoterisch und die PPn hochwissenschaftlich abgesichert etc.). (...) Bis zum Beweis des Gegenteils halte ich die Wirkung von Psychotherapie allerdings für einen Placeboeffekt. Das ist freilich besser als gar kein Effekt oder gar eine Verschlechterung. Dass Psychotherapie zumindest einen Placeboeffekt hervorruft, darf als gesichert betrachtet werden. Die Psychotherapie erzeugt die Erwartung, dass sie dem Patienten helfen werden, und gestärkt durch diesen Glauben kann der Patient seine Lage dann auch tatsächlich verbessern. Es ist daher, so will es beim Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis scheinen, auch unerheblich, welche Methoden angewendet werden. Entscheidend ist vielmehr die Suggestivkraft der Behandlung (wobei natürlich bei entsprechend gestrickten Patienten gewisse Methoden, Ausbildungen oder Titel (Doktor, Professor, Medizinalrat etc.) eine hohe Suggestivkraft entfalten können). Wie auch immer: Entscheidend ist, ob des dem Klienten hinterher besser geht als zuvor. Und eine Hilfe zur Veränderung im Kopf wären Studien, die überprüfen, ob die angebliche Überlegenheit von Methoden und Qualifikationen den Tatsachen entspricht. Meine These Placebo-kontrollierte Studien werden so vehement abgelehnt, weil die Ablehner sehr genau wissen, dass deren Ergebnisse nicht zuletzt auch die Suggestivkraft der Methoden mindern und somit die Therapieergebnisse verschlechtern würden. Aber Scherz beiseite: Was eigentlich ist so fürchterlich schlimm daran, dass Psychotherapie auf Suggestion beruht? Freud hat die suggestiven Verfahren als minderwertig dargestellt... und selbst ein Verfahren begründet, das uneingestanden nicht minder suggestiv ist als ausgesprochene Hypnosetherapie. So what? "Bei mir gibt's keine Suggestionen" ist doch die unverfrorenste Suggestion überhaupt."

In der Newsgroup de.sci.psychologie (Posting vom 24. Sept. 2006 10:25:31; gekürzt; Hervorhebungen von mir, W.S.) bringt Gresch die Wirksamkeit der meisten wenn nicht aller Formen der Psychotherapie auf den Punkt: "Psychotherapie ist keine Krankenbehandlung. Die Heilung ist nicht die Folge einer ärztlichen Handlung, der mit einer bewährten Methode eine gestörte Funktion in der Seele eines Patienten korrigiert. Die vorliegenden Daten der Psychotherapieforschung sprechen eine andere Sprache. Es gibt gar keine psychischen Krankheiten. Es gibt aber Lebenssituationen, die durch eine Änderung des Denkens, der emotionalen Reaktionen, der Einstellungen und des Verhaltens besser gemeistert werden könnten als ohne diese. Psychotherapie ist Hilfe zur Selbsthilfe. Verändern muss sich der Klient selbst, und wenn sich etwas in der Innenwelt des Klienten verändert, dann war der Klient dafür verantwortlich, sonst niemand. Der "Therapeut" kann Anregungen geben, Ideen und Wissen einbringen, neue Perspektiven eröffnen, auf blinde Flecken hinweisen, aber er ist kein Heiler. Prinzipiell kann jeder die Rolle des Therapeuten (des Begleiters) übernehmen; dazu ist keine besondere Ausbildung erforderlich, wohl aber eine Haltung, eine Einstellung, die Bereitschaft zu bescheidener, verständnisvoller Unterstützung. Jede Heilung der Seele ist Selbstheilung."

 


Ich gebe meinem Psychiater noch ein Jahr,
dann fahre ich nach Lourdes.
Woody Allen

Einschätzung der Wirksamkeit von Psychotherapie

Forscher der Universität Leipzig haben 2010 im Rahmen einer repräsentativen Erhebung in der BRD 1212 KlientInnen in standardisierten Telefoninterviews zu ihren Erfahrungen mit ambulanter Psychotherapie befragt, wobei neben den Behandlungsanlässen, Behandlungsformen und der Behandlungsdauer auch die Einschätzungen der Patienten zur Wirksamkeit und zum Behandlungsergebnis der ambulanten Psychotherapie erfasst wurden. Über 80 Prozent der Befragten beschrieben die eigene seelische Verfassung zu Beginn der Therapie als „sehr schlecht“ und „schlecht“, wobei viele gleichzeitig von weiteren psychischen Problemen berichteten, die vor allem für die Familien, das soziale Umfeld und die Berufstätigkeit belastend waren. 89 Prozent der Befragten waren „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“ mit ihren TherapeutInnenen, und die „Besserungsraten“ („viel“ und „etwas besser“) bezüglich der Beschwerden zu Therapiebeginn betrugen fast in allen Bereichen über 50 Prozent, wobei sich diese nicht nur auf die Hauptbeschwerden wie Depressionen, Panikattacken, generelle Ängste, Suizidalität, Magersucht oder Ess-Brech-Sucht bezogen, sondern auch auf die Krankheitsbewältigung somatischer Erkrankungen und auf weitere Lebensbereiche. Die Ergebnisse verdeutlichen auch den hohen Bedarf an fachgerechter psychotherapeutischer Versorgung.
Quelle: http://www.deutschepsychotherapeutenvereinigung.de
/index.php?id=50&no_cache=1&tx_ttnews[tt_news]=1112&tx_ttnews[backPid]=3 (10-10-02)

 

Atmosphäre und Raumklima in Behandlungsräumen

Nach einem Bericht des Deutschen Ärzteblatts vom 10.03.2010 kann die Einrichtung und Dekoration eines Behandlungsraums, in der eine Therapie stattfindet, den Ablauf einer Therapie mitbestimmen. Studien zeigen, dass sowohl gesunde als auch erkrankte Menschen erheblich von der Einrichtung eines solchen Raums beeinflusst werden. So bevorzugen KlientInnen eine abgeschwächte Beleuchtung in Beratungsräumen und Sprechzimmern gegenüber hellen, denn sie konnten sich unter solchen Lichtverhältnissen besser entspannen und es fiel ihnen leichter, etwas von sich zu erzählen. Auch empfanden sie die Atmosphäre angenehmer und der Therapeut oder Berater machte auf sie einen positiveren Eindruck. Räume sollten auch weder überladen noch kahl oder nüchtern sein, vielmehr sollten sich Gegenstände in überschaubarer Anzahl darin befinden, vor allem solche, die die meisten Patienten aus ihrem Alltag kennen, wie Bilder, Kalender, Pflanzen, Vorhänge, Teppiche, Vasen und Kissen. Auch sollte auf betont stilvolles, vornehmes oder extravagantes Inventar verzichtet werden.

Psychotherapie in Deutschland

Grundsätzlich sind in Deutschland nur zwei Berufsgruppen berechtigt, die Seele betreffende Behandlungen durchzuführen: Ärzte und Psychologen. Ärzte, die sich mit psychischen Problemen beschäftigen, sind meist Psychiater, Nervenärzte, Neurologen und Ärzte für psychotherapeutische Medizin. Psychologen, die Psychotherapie anbieten dürfen, sind psychologische Psychotherapeuten und haben mindestens fünf Jahre Psychologie studiert und sich danach auf Psychotherapie spezialisiert, wobei sie auch eine mehrjährige Therapieausbildung absolviert haben. Außerdem gibt es ärztlichen Psychotherapeuten, also Ärzte, die aufgrund einer Zusatzqualifikation Psychotherapie durchführen dürfen. Der grundlegende Unterschied zwischen den Psychologen und den Ärzten ist die Sichtweise, denn Ärzte betrachten psychische Störungen in der Regel als biochemische Regulationsstörungen im Gehirn, die mit Psychopharmaka behoben werden können, während Psychologen den Grund für psychische Störungen eher in der Gefühls- oder Gedankenwelt oder in den Verhaltensweisen eines Menschen suchen. Daher versuchen PsychologInnen, die Gefühle, Gedanken oder das Verhalten ihrer KlientInnen zu verändern. Innerhalb der Psychotherapie gibt es zahlreiche Verfahren, von denen einige wirksam, andere umstritten, manche nach Ansicht von Vertretern meist anderer Fachrichtungen schädlich sind. Der Gesetzgeber in Deutschland hat drei Verfahren akzeptiert, für die Krankenkassen bezahlen müssen: die analytische Therapie, zu der die Psychoanalyse zählt, die tiefenpsychologisch fundierte Therapie, zu der weiterentwickelte Formen der Psychoanalyse mit meist kürzerer Therapiedauer gehören, und die Verhaltenstherapie, die Einsicht in Ursachen und Entstehung von Verhaltensweisen geben soll, welche zu Problemen geführt haben. Zwar ist die Verhaltenstherapie vergleichsweise jung, doch hat sie auf Grund ihres grundsätzlich empirischen Ansatzes der wissenschaftlichen Psychologie ihre Wirksamkeit in viele Studien belegt und eignet sich besonders zur Behandlung von Angst-, Ess-, Zwangsstörungen sowie Depressionen. Gesprächstherapie oder Gestalttherapie sind zwar bei speziellen Störungen ebenfalls wirksam, werden aber von den Krankenkassen in aller Regel nicht erstattet.
Zusammengefasst nach Dowideit, Anette & Nelle, Marc (2011). Wer wie hilft bei psychischen Problemen. Die Welt Online vom 6. November 2011.

Wohin entwickelt sich die Psychotherapie?

Christian Hoppe ist in seinem Weblog SciLogs ist der Ansicht, dass sich die Psychotherapie von der klassischen Form der Therapie immer mehr zu einem unspezifischen Coaching von Fähigkeiten entwickelt, die sich als geeignet erwiesen haben, die Lebensqualität auch unter schwierigen Bedingungen zu fördern. Er schreibt: "In neueren, empirisch gut bewährten Konzepten erleben wir eine Rückkehr zu eher verhaltens- bzw. aktivitätsorientierten psychologischen Ansätzen, die in der Anwendung einfach überlegener sind. Gleichzeitig beobachte ich eine Abkehr von einer allzu gedanklichen Auseinandersetzung mit psychischen Problemkonstellationen (vgl. z.B. Acceptance and Committment Therapy nach Stephen Hayes); denn dies läuft meistens auf endloses Grübeln zu zweit hinaus. Derzeit rollt zum Beispiel eine Welle der Achtsamkeit (mindfulness-based stress reduction nach J. Kabat-Zinn) durch die psychotherapeutischen Praxen und ich vermute, dass die Prävalenz von Buddha-Statuen an ebendiesen Orten in den letzten Jahren dramatisch zugenommen hat. Manche meinen, dass "das Spirituelle" dieser Übungen den Patienten hilft – das ist aber nicht der Fall; die Übungen sind für sich genommen völlig unnütz (was einem jeder Zen-Meister sofort schallend lachend bestätigen wird). Von Nutzen ist allein die Erkenntnis einer klaren Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Gedanken, die durch Achtsamkeitsübung rasch erlangt werden kann. Dann aber kommt alles darauf an, sich für die Wirklichkeit zu entscheiden und im realen Leben das reale Verhalten in einer gewünschten Richtung zu ändern. Sprich: auf das Fahrrad zu steigen, obwohl man überhaupt noch nicht Fahrrad fahren kann. Solange Therapeut und Klient in ihren gemütlichen IKEA-Sesseln sitzen bleiben, werden sie auf Kosten der Allgemeinheit zwar traute zweisame Stunden mit viel emotionalem Tamtam erleben – aber es ist vernünftigerweise nicht zu erwarten, dass hierdurch allein schon irgendetwas besser wird im Leben des Patienten".

Hoppe kritisiert auch den schon in die Jahre gekommenen Trend, dass die bloße mentale Antizipation des Erreichens eines Ziels, also das berüchtigte positives Denken erfolgreich sein könnte. Wesentlich erfolgreicher sind seiner Meinung nach verhaltensorientierte Implementierungsintentionen, in denen die alltäglichen Hindernisse für das zielführende Verhalten identifiziert und in Form von "Wenn-Dann"-Vorsätzen (Implementierung) zu Triggern, d.h. situativen Auslösereizen für zielführendes Verhalten umgewandelt werden.

Literatur und Quellen

Buchheim, A., Kächele,H., Cierpka M., MünteT. F., Kessler H., Wiswede D., Taubner S., Bruns G. & Roth G. (2008). Psychoanalyse und Neurowissenschaften.Neurobiologische Veränderungsprozesse bei psychoanalytischen Behandlungen von depressiven Patienten. Nervenheilkunde, 27: 441–445.

Gresch, Ulrich (2003). Re: Kritik an der Psychoanalyse. Newsgroup: de.sci.psychologie. Sun, 05 Oct 2003 13:06:25 (03-10-05)

Hoppe, Christian (2013). Vom Wissen zum Können, vom Unterricht zum Training – oder: Grenzen des kognitiven Paradigma in der Psychologie. Scilogs.
WWW: http://www.scilogs.de/blogs/blog/wirklichkeit/2013-09-26/vom-wissen-zum-k-nnen-vom-unterricht-zum-training-oder-grenzen-des-kognitiven-paradigma-in-der-psychologie (13-09-29

Roth, G. (2015). Wie das Gehirn die Seele formt. Frankfurter Allgemeine vom 11. August.

Sonnenmoser, Marion (2009). Beschwerden: Therapeuten zeigen zu wenig Empathie.
WWW: aerzteblatt.de, PP 8, Ausgabe Oktober 2009, Seite 450.

http://www.psychoprobleme.de/psychologische-beratung/psychotherapie-mythen.htm (07-06-06)

http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/PSYCHOLOGIEORD/PsychologieSchulen.html (05-11-06)

http://www.4real.ch/psy-thrp.html (01-11-17)

http://www.kriseundberatung.de/methodik.htm (02-02-15)

http://www.pdh.ch/moreno-triade/ (02-03-05)

http://www.beratung-therapie.de/therapie/therapiemethoden/therapiemethoden.html (02-07-31)

http://www.ifap-index.de/bda-manuale/angst1/6psychoth/65.html (02-08-10)

http://www.swr.de/laemmle/therapieformen/index.html (02-05-27)

http://www.eBund.ch (03-10-25)

http://www.ship.edu/~cgboeree/rogersdeutsch.html (05-11-06)



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