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Kognitive Leistung und Händigkeit

Literatur:
Krombholz, H. (2008). Zusammenhänge zwischen Händigkeit und motorischen und kognitiven Leistungen im Kindesalter. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 40 (4), S. 189–199.

Eine überlegende Anzahl von Menschen sind Rechtshänder, deutlicher weniger weisen Linkshändigkeit oder Beidhändigkeit, sogenannte „Ambidexter“, auf. Mit der Händigkeit eines Menschen werden viele Krankheiten, Störungen oder Leistungsschwächen in Zusammenhang gebracht. Säuglinge bevorzugen die rechte Hand, dies ist ein Beleg dafür, dass bereits bei Geburt die linke Gehirnhälfte dominiert (vgl. Krombholz, 2008, S. 189f). Nach Kinsbourne und Hiscock (1983, S.237, zitiert nach Krombholz, 2008, S. 189), „befindet sich bei fast allen Rechtshändern, aber nur bei etwa einem Drittel der Linkshänder das Sprachzentrum in der linken Hirnhälfte“. Kinder sind übrigens schon im Mutterleib Rechts- oder Linkshänder, denn auf Ultraschallbildern lässt sich sehen, welche Seite stärker ausgeprägt ist, d. h., Rechtshänder saugen am rechten Daumen, Linkshänder am linken.

„Die Lernmodelle gehen davon aus, dass beim Menschen beide Hände gleich geschickt sind und es zur Bevorzugung der rechten Hand infolge von Umwelteinflüssen […] kommt“ (Bishop, 2001, zitiert nach Krombholz, 2008, S. 190). Störungen im Lerngang führen zur Linkshändigkeit, doch es ist zu erwarten, dass der Anteil der Rechtshänder im Alter zunimmt. Die Frage, warum in allen Kulturen und Zeitperioden die Rechtshänder dominieren, bleibt hier ungeklärt (vgl. Krombholz, 2008, S. 190).

„Nach den Pathologiemodellen ist beim Menschen normalerweise die rechte Seite die bevorzugte und geschicktere. Zur Linkshändigkeit kommt es nur, wenn infolge von krankhaften Veränderungen die rechte Seite ihre Dominanz nicht entfalten kann. […] [Weiters wird angenommen], dass sich infolge ihres erhöhten Geburtsrisikos unter Erstgeborenen mehr Linkshänder als unter Nachgeborenen finden, […]“ (Bakan, 1971, zitiert nach Krombholz, 2008, S. 190). Nach diesem Modell sollten Linkshänder schlechtere Leistungen erzielen und in Risikogruppen für Hirnschäden überrepräsentiert sein. Doch auch Pathologiemodelle sind unbefriedigend, denn man kann nicht nachweisen, warum sich auch unter Linkshändern Personen mit herausragenden künstlerischen, geistigen oder motorischen Leistungen befinden (vgl. Krombholz, 2008, S. 190).

Die Erbanlagen spielen bei den genetischen Modellen eine entscheidende Rolle für die Bestimmung der Händigkeit eines Menschen (vgl. Annett, 1985, zitiert nach Krombholz, 2008, S. 190). „Nach den genetischen Modellen sollte dagegen der Anteil von Rechts- und Linkshändern im Wesentlichen bereits bei der Geburt fest liegen“. „Die vorliegenden genetischen Modelle können bislang die Mechanismen der Vererbung der Händigkeit keineswegs überzeugend erklären“ (Krombholz, 2008, S. 190).

Händigkeit im Kindergartenalter

Bei der Längsschnittstudie in Münchner Kindergärten wurden Daten der fein- und sportmotorischen und kognitiven Leistungen, aber auch die personenbezogenen Daten, wie Größe, Gewicht, Stellung in der Geschwisterreihe, usw., der Kinder erhoben. Die Studie zeigte, dass der männliche Anteil in der Kategorie „Linkshänder und Ambidexter“ bei fast allen Untersuchungen höher ist als der Anteil der Mädchen (vgl. Krombholz, 2008, S. 193). Dieses Ergebnis deckt sich auch mit Annetts „right-shift theory“ (vgl. Annett, 1999, zitiert nach Krombholz, 2008, S. 196), die besagt, dass unter den Rechtshändern 20% mehr Mädchen als Jungen sind.

Bei den Jungen konnte auch ein häufigerer Wechsel der Händigkeit festgestellt werden. Etwa nur 10% der untersuchten rechtshändigen Kinder wechselten ihre Händigkeit. Dagegen sind am Ende des Untersuchungszeitraums nur mehr 63% der ursprünglichen Linkshänder und keine der Beidhänder vorzufinden. Am häufigsten fand der Wechsel der Nicht-Rechtshänder zu rechtshändige Kinder statt. Es wird erwartet, dass die Festlegung der Hand spätestens mit 3,5 Jahren erfolgt ist, allerdings zeigen verschiedene Studien, dass auch nachher ein Wechsel möglich ist (vgl. Krombholz, 2008, S. 194f, 197).

Der Anteil an Nicht-Rechtshänder bei Erstgeborenen, bei welchen erhöhtes Hirnschädenrisiko angenommen wird, ist höher als bei Nachgeborenen, doch diese Zahl ist so minimal, dass keine Verbindung zwischen der Stellung in der Geschwisterreihe, den Hirnschäden und der Händigkeit hergestellt werden konnte (vgl. Krombholz, 2008, S 193).

Unterschiede in der Händigkeit und den körperlichen Merkmalen, wie Verzögerungen in der Entwicklung, konnten nicht festgestellt werden, doch die Beurteilung des Gesundheitszustandes der linkshändigen Kinder durch ihre Eltern fiel schlechter aus (vgl. Krombholz, 2008, S. 196f). Dieses Ergebnis stimmt mit der Annahme von Geschwind & Behan (vgl. Geschwind & Behan, 1984, zitiert nach Krombholz, 2008, S. 197) überein, dass Linkshänder öfter als Rechtshänder an Gesundheitsproblemen leiden.

Links- und beidhändige Kinder erzielten keineswegs schlechtere motorische und kognitive Leistungsergebnisse als Rechtshänder, doch ist der Einfluss des Geschlechts bei beiden Tests signifikant. In einigen motorischen Aufgaben übertrafen die Nicht-Rechtshänder im Kindergarten- und Grundschulalter sogar die rechtshändigen Kinder (vgl. Krombholz, 2008, S. 195, 197). „Lediglich hinsichtlich der Intelligenz waren Ambidexter Rechtshändern im Grundschulalter unterlegen“ (Krombholz, 1988, zitiert nach Krombholz, 2008, S. 197). Kinder mit konstanter Händigkeit erzielten im Intelligenztest höhere Leistungen als Kinder mit wechselnder Hand. Weiters konnten auch bei den feinmotorischen Aufgaben Unterschiede zugunsten der konstanten Händigkeit festgestellt werden. In den grobmotorischen Tests ergaben sich keine Differenzen zwischen den konstanten und nicht-konstanten Kindern (vgl. Krombholz, 2008, S. 196). „Sollten die Wechsel durch Traumata oder durch Zwang zum Gebrauch der rechten Hand veranlasst werden, sollte dies die Entwicklung der betroffenen Kinder beeinträchtigen“ (Krombholz, 2008, S. 197).

Linkshändigkeit

Quellen:
http://www.lernfoerderung.de/ (04-05-21)
http://www.quarks.de/dyn/
7377.phtml (07-02-02)
http://www.welt.de/wissenschaft/
psychologie/article5109131/
Linkshaender-haben-ein-besseres-
Koerpergefuehl.html (09-11-12)
ist die Bezeichnung für die Bevorzugung der linken Hand beim Verrichten von komplexen Aufgaben sowie bei verschiedenen Kulturtechniken (Schreiben, Essen, Winken usw.). Sie tritt bei etwa 10% aller Menschen auf und ist beim männlichen Geschlecht häufiger auf als beim weiblichen. Linkshändigkeit ist hirnorganisch bedingt, d.h., dass bei diesen Menschen die rechte Großhirnhälfte stärker ausdifferenziert ist als die linke. Ob Linkshändigkeit angeboren ist, konnte noch nicht ausreichend geklärt werden, denn zwischen Geburt und dem vierten Lebensjahr schwankt die Seitigkeit mehrmals, und erst nach etwa acht Jahren ist die Links- bzw. Rechtshändigkeit festgelegt, was nicht zuletzt auf die Anforderungen der Schule zurückzuführen ist. Wird z.B. von einem linkshändigen Kind verlangt, mit der rechten Hand zu schreiben, besteht die Gefahr seelischer Fehlentwicklungen, die sich in Sprachstörungen, Legasthenie, Bettnässen äußern können. Diese Störungen lassen sich meist nach Rückkehr zur natürlichen Seitigkeit und individueller Förderung wieder beheben. Auch heute noch wird meist sehr früh versucht, verbunden mit dem natürlichen Modell- und Nachahmungsverhalten der Kinder, Linkshänder auf den Gebrauch der rechten Hand umzuschulen. Die Umstellung der angeborenen Händigkeit ist aber ein massiver Eingriffe in das menschliche Gehirn: Durch den bevorzugten Gebrauch der nicht dominanten Hand, besonders zum Schreiben, kann es zu Störungen und Irritationen kommen, die den Betroffenen individuell belasten und Auswirkungen für sein späteres Leben haben können.

Studien hatten gezeigt, dass bei Rechtshändern im Gehirn größere Asymmetrien auftreten als bei Linkshändern, was sich nicht nur einem unterschiedlichen Tastsinn der rechten und linken Hand auswirkt, sondern auch im Körpergefühl und in der Einschätzung der Größe und Reichweite der Extremitäten. So ist bei Rechtshändern eine größere Hirnregion für die Steuerung des rechten Arms reserviert als für den linken, während bei Linkshändern beide Hirnregionen gleich groß sind. Amerikanische Wissenschaftler vermuten nun nach einer Testserie, bei der Rechts- und Linkshänder verschiedene Schätzaufgaben zu lösen hatten, dass bei ihnen das unterschiedliche Körpergefühl durch die andersartige Strukturierung des Gehirns zustande kommt.

Linkshänder nehmen vermutlich ihre Welt anders wahr, denn Arbeits-, Blick- und Drehrichtung sind entgegengesetzt, d. h., sie gehen von rechts nach links, weshalb manche Linkshänder auch spiegelverkehrt schreiben können. Allerdings haben es Linkshänder generell schwerer, schreiben zu lernen, denn sie verschmieren mit der Hand die eigene Schrift und müssen das Handgelenk stärker krümmen, was anstrengend ist, sodass das Schriftbild auch bei Erwachsenen oft krakeliger wirkt als bei Rechtshändern. Linkshänder sind in der Regel auch Linksfüßler, denn sowohl Links- als auch Rechtshänder haben die natürliche Tendenz, alles mit derselben Körperhälfte zu erledigen.

In einer Studie der Technischen Universität in München wurde die Gehirnaktiviät von Rechtshändern, Linkshändern und umgeschulten Linkshändern verglichen. Beim Schreiben wiesen Rechtshänder Aktivität in der linken Hirnhälfte auf und Linkshänder in der rechten Gehirnhälfte. Bei umgeschulten Linkshändern dagegen gab es Aktivitäten in beiden Hirnhälften. Das Gehirn hat also nur zum Teil umgelernt und ein Teil der Steuerung verbleibt in der Gehirnhälfte, die ursprünglich für die Steuerung der linken Hand verantwortlich war. Umgeschulte Linkshänder, die mit der rechten Hand schreiben, belasten daher ihr Gehirn mehr als natürliche Rechtshänder, wie in einer neurologischen Untersuchung der Universität Hamburg bestätigt wurde, denn die Gehirnaktivität umgeschulter Linkshänder ist auch zehn Jahre nach der Umschulung noch deutlich stärker, vor allem in den für komplexe Bewegungsaufgaben zuständigen Hirnregionen. Linkshänder werden also niemals echte Rechtshänder, wobei jemand, der komplizierte motorische Fertigkeiten dauerhaft mit seiner nicht dominanten Hand ausführt, oft unter Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen leidet.

Übrigens: Viele große Sportler und Künstler sind Linkshänder, was daran liegt, dass sie häufig kreativer sind und ein besseres räumliches Verständnis besitzen. Im Sport irritieren z. B. linkshändige Gegner ihr Gegenüber (Boxen, Tennis).

Für Kinder empfiehlt sich bei einer Umschulung manchmal noch die Rückschulung auf die starke Hand, selbst wenn sie schon schreiben gelernt haben. Erwachsene dagegen sollten sich eine Rückschulung nur dann zumuten, wenn sie tatsächlich unter ihrer Situation leiden, denn wie die Umschulung auf die schwächere Hand ist auch ihre Umkehr ein tiefer Eingriff in automatisierte Abläufe im Gehirn.

Linkshänder sollten in der Schule am Tisch auf der linken Seite sitzen, wenn der Banknachbar Rechtshänder ist, denn sonst stoßen die beiden einander ständig mit dem Ellenbogen an. Wenn zwei Linkshänder nebeneinander sitzen, ist es gleichgültig, wer auf welcher Seite sitzt.

Mit welcher Hand öffne ich die Türe?

Bei einfachen Tätigkeiten benutzen Menschen flexibel und spontan entweder die rechte oder linke Hand, wenn nur eine Hand benötigt wird, d.h., jeden Tag trifft der Mensch eine Vielzahl solcher Entscheidungen, ob er mit der linken oder der rechten Hand den Aufzugknopf drückt oder das Bier mit der linken oder rechten Hans aus dem Küchenschrank holt. Bevor die Wahl auf eine Hand fällt, werden im Gehirn zunächst einmal beide Hände für die mögliche Handlung vorbereitet, es sind sowohl die für die rechte als auch die für die linke Hand zuständigen Gehirnregionen aktiv, und die Entscheidung für eine Hand resultiert aus einer Art Wettbewerb zwischen diesen Gehirnregionen. Flavio Oliveira et al. (University of California) haben durch Transkranielle Magnetstimulation eine Region am Hinterkopf, die als Schlüsselareal für die Kontrolle von Handbewegungen gilt, aktiviert bzw. gehemmt. Die Wissenschaftler baten rechtshändige Versuchspersonen, mit einer ihrer Hände nach Bildern zu greifen, die an verschiedenen Positionen auf dem Tisch lagen. Wenn die Aktivität dieser Region gestört wurde, griffen die Probanden seltener mit ihrer dominanten rechten Hand nach den Bildern. Allerdings handelt es sich bei der Entscheidung für eine bestimmte Hand um einen komplexen Prozess, an dem auch noch andere Faktoren beteiligt sind wie etwa frühere Erfahrungen, die aktuellen Position der Hände oder auch die Erreichbarkeit des Objektes.
Quelle: Flavio Oliveira (University of California, Berkeley) et al.: PNAS, Onlinevorabveröffentlichung, doi: 10.1073/pnas.1006223107.

Die Expertin für Linkshänder Johanna Barbara Sattler aus München

Alter und Lateralität

Anna Franklin (University of Surrey) hat in einem Experiment mit zwei- bis fünfjährigen Kindern festgestellt, dass das Erlernen der Sprache einen Einfluss darauf hat, welche Gehirnregionen welche Funktionen übernehmen. Während die kategoriale Farbwahrnehmung bei Erwachsenen in der linken Gehirnhälfte stattfindet, wird sie bei Kleinkindern der rechten Gehirnhälfte zugeordnet. Wenn die Kinder die Namen für verschiedene Farben erlernen und dann sicher beherrschen, findet ein Wechsel von der rechten zur linken Hemisphäre statt. Offensichtlich verändert sich die Organisation des kindlichen Gehirns, wenn diese bestimmte sprachliche Begriffe lernen.

Jerzy P. Szaflarski (Universität Cincinnati) fand bei 155 ProbadInnen zwischen 5 und 67 Jahren eine mit dem Alter zunehmende Gleichverteilung des Sprachzentrums auf beide Gehirnhälften. Die Gehirnaktivität der Untersuchten wurde beim Lösen von sprachliche Aufgaben mittels der funktionellen Magnetresonanz-Tomographie beobachtet. Bei Kindern ist das Sprachzentrum auf eine Hirnhälfte konzentriert, wobei die sprachlichen Erregungsmuster wie bei den meisten Menschen noch in der linken Gehirnhälfte lokalisiert ist. Diese Einseitigkeit hängt vermutlich mit der Entwicklung des jungen Gehirns und den wachsenden sprachlichen Fähigkeiten zusammen. Ab dem Lebensalter von etwa 25 Jahren löst sich die Konzentration des Sprachzentrums auf eine Gehirnhemisphäre immer mehr auf, sodass ältere Erwachsene zunehmend beide Hemisphären für ihre sprachlichen Fähigkeiten nutzen. Szaflarski führt dies auf eine nachlassende Leistungsfähigkeit des Sprachzentrums zurück, wobei dieser Verlust durch eine teilweise Auslagerung in die andere Gehirnhälfte kompensiert wird.

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