[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Gehirn - Bewusstsein

Nie herrscht der Determinismus und nie die absolute Wahl,
niemals bin ich bloß Ding und niemals nacktes Bewusstsein.
Der Mensch steht der Welt nicht gegenüber,
sondern ist Teil des Lebens, in dem die Strukturen,
der Sinn, das Sichtbarwerden aller Dinge gründen.
Maurice Merleau-Ponty

 

Der in der Philosophie seit Anbeginn immer wieder diskutierte Zusammenhang zwischen Geist und Materie wird von Vertretern des psychoneuralen Dualismus heute nur noch in der Form eines Interaktionismus als wissenschaftlich vertretbar akzeptiert, der Gehirn und Geist als zwei unterschiedliche "Substanzen" sieht, die in enger aktiver, gegenseitiger Wechselwirkung stehen. Der Dualismus fragt nicht danach, wie der Geist entstanden ist, sondern er war schon immer da oder wurde mit der Materie geschaffen.

Vom Standpunkt einer systemtheoretisch orientierten evolutionistischen Identitätstheorie aus ist aber der Geist eine Funktion des Gehirns, die erst auf einer gewissen Organisationshöhe des Zentralnervensystems auftritt. Die evolutionistische Identitätstheorie steht auf dem Boden des dialektischen Materialismus und grenzt sich lediglich von dessen unpräzise definierten Begriffen ab. Da Quantität und Qualität unterschiedliche Kategorien sind, die nicht ineinander überführt werden können., ist das Entstehen einer neuem Qualität vielmehr ein Effekt, der darauf beruht, daß ein System neue Eigenschaften besitzen kann, die bei seinen Elementen noch nicht vorhanden waren (Emergenz).

Zahllose Experimente zeigen, wie eng die Beziehungen zwischen Gehirn- und Bewußtseinsprozessen sind. Sie bestätigen die idealistische Vermutung, daß jedem geistigen Zustand oder Vorgang ein materieller entsprechen müsse, da er ja letztlich mit einem solchen identisch sei. Aber die meisten dieser Befunde lassen sich auch dualistisch deuten, denn was durch einen Faktor, eine Ursache eine Substanz erklärt werden kann, das kann allemal und erst recht durch zwei Faktoren, zwei Ursachen, zwei Substanzen erklärt werden. Der Dualismus läßt sich deshalb weder logisch noch empirisch zwingend widerlegen. Er ist nach Kepler eine nicht prüfbare Theorie und der Idealismus muß deshalb als die leichter prüfbare Theorie dem Dualismus vorgezogen werden, auch wenn letzterer nicht widerlegt werden kann.

Die für den Menschen unvergleichbare Verschiedenheit der materiellen und psychischen Vorgänge beruht auf der Tatsache, daß der Mensch bislang zwar die Bausteine des Gehirns kennt, aber nicht seine innere Struktur. Physische und psychische Vorgänge aber sind verschiedene Projektionen der Struktur des Gehirns. Die wesentlichen neuen Eigenschaften eines Systems werden aber nicht nur durch seine Bausteine, sondern vor allem durch seine Struktur bestimmt. Die drei das Bewusstsein charakterisierenden Gehirnfunktionen (Gedächtnis-, Abbild-, Simulationsfunktion) sind zwar für die biologische Evolution nicht zwingend notwendig, führen aber zu Überlebensvorteilen, was ihre Entstehung und Beibehaltung erklärt.

Die seit Aristoteles vertretene Triplexitätsauffassung wurde später unter anderem von Lullus, Abaelardus, Ferguson, von Haller, Schiller, Wygotskij und Brunswik teilweise befürwortet. Ihre Neufassung, die Psychokybernetik, verneint die konkurrierenden ebenso alten, aber leichter begreiflichen Auffassungen einer Identität von Körper und Geist beziehungsweise der Dualität von beiden. Schiller formulierte als ein Anhänger der Dreistufigkeit: "Es muss eine Kraft vorhanden sein, die zwischen den Geist und die Materie tritt und beide verbindet. Eine Kraft, die von der Materie verändert wird und die den Geist verändern kann. Dies wäre also eine Kraft, die einesteils geistig, andernteils materiell, ein Wesen, das einesteils durchdringlich, anderenteils undurchdringlich wäre, und lässt sich ein solches denken? Gewiss nicht." Trotzdem kommt er zu dem Urteil, es müsse sie geben: "Ich nenne sie Mittelkraft ... Die Mittelkraft wohnet im Nerven. Denn wenn ich diesen verletze, so ist das Band zwischen Welt und Seele dahin."

Nach eine Habermas' zusammenfassenden Analyse von Welsch (2009) lebt der Mensch mit dem Gegensatz zweier Erkenntnisformen: der Innenperspektive der Selbsterfahrung und der Außenperspektive der naturwissenschaftlichen Erklärung, wobei man nicht die eine einfach zu Gunsten der anderen auflösen kann. Der Beginn dieser Dualität liegt darin, dass wir verstehen, was ein Mitmensch denkt, fühlt oder beabsichtigt. Bei dieser Form des "Gedankenlesens" taucht die Innenperspektive einer Person in der Fremdperspektive einer anderen auf, subjektive Erfahrung und objektivierende Betrachtung treten dabei auseinander. Diese Dualität setzt sich auch in der Bezugnahme auf Gegenstände der Welt fort, indem die subjektiven Perspektiven intersubjektiv abgeglichen werden, wodurch eine kommunizierbare objektive Betrachtungsweise der Welt entsteht. Diese prinzipielle Doppelperspektive ist offenbar typisch für die kulturelle Existenz des Menschen, denn er ist immer gleichzeitig eigenständiger subjektive Beobachter und intersubjektiv integrierter Teilnehmer. Das Hineinwachsen in eine Kultur erfolgt durch das Erlernen beider Erkenntnisformen, wodurch sie auch Intentionen, die in kulturelle Artefakte eingegangen sind, aus diesen gleichsam wieder herauslesen können, also aus objektiver Fremdperspektive eine subjektive Eigenperspektive erschließen. Individuen bilden beim Hineinwachsen in dieWelt aber zusätzlich auch eine weitere, entwickeltere Form der Erste-Person-Perspektive aus, der durch kulturelle Strukturen, durch Muster des objektiven Geistes geprägt wird, der in der umgebenden kulturell geformten Welt kondensiert ist. Damit ist das durch Lernen entwickelte menschliche Gehirn nicht bloß eine naturwissenschaftliche Gegebenheit, sondern zugleich ein geistgeprägtes Produkt, sodass eine neurobiologisch-naturwissenschaftliche Perspektive diesen objektiven Geist außer Acht lässt.

Die Wahrnehmung der Welt funktioniert bekanntlich nicht wie eine Kamera, sondern eher wie ein Suchscheinwerfer, der nur einen Ausschnitt einer Landschaft beleuchtet, sodass man nur Details aus dem ausgeleuchteten Bereich erkennen kann und auf den wir uns konzentrieren. Den nicht sichtbaren Rest der Umgebung füllt das Gehirn mit Erinnerungen, Vorhersagen und den unscharfen Informationen aus dem Rest der Umwelt, also z.B. des Sehfeldes auf. Daher ist das individuelle menschliche Bild der Welt eine Art virtuelle Realität oder intelligente Halluzination. Wir bekommen nur durch diesen konstruktiven Mechanismus ein sehr lebhaftes Bild der Umgebung und müssen keine Zeit darauf verschwenden, jedes Auto auf der Strasse auszumachen um zu verstehen, dass das wirklich Autos sind und wie sie sich bewegen. Unser Gehirn erschließt die Fakten aus den vorliegenden Informationen des Gedächtnisses, wobei diese Methodik letztlich auf Erwartungen aufbaut, die uns auch anleiten, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, und daher sind wir empfänglich für Manipulationen. Man muss auch dabei berücksichtigen, dass Wahrnehmung, Motorik, Bedürfnisse, Instinkte und Hunger ohne bewusstes Zutun entstehen und einen erheblichen Anteil der gesamten Gehirnaktivität einnehmen. Diese Kapazitäten werden unter anderem auf die Abstimmung von Bild und Ton verwendet, denn grundsätzlich verarbeitet das Gehirn akustische Signale viel schneller als visuelle, sodass etwa ein Drittel der Gehirnaktivität allein mit der Verarbeitung der visuellen Signale beschäftigt ist. Dennoch hört man nicht zuerst das Klirren des Tellers und sehen erst anschliessend den Aufprall auf dem Boden, sondern das Gehirn ordnet die Sinneseindrücke nach der Regel "Akustik folgt der Motorik", obwohl es auf neuronaler Ebene anders ist.

Manche bezweifeln allerdings die Idee, dass das Gehirn dauernd Zukunftsvorsagen entwickelt und diese danach mit der Realität abgleicht, denn demnnach wäre das Gehirn eine große Orakelmaschine, die aus einer großen Anzahl von potentiellen Möglichkeiten die Richtige auswählen müsste, was ein enormer Aufwand wäre. Vielmehr arbeitet nach dieser Ansicht das Gehirn genau anders herum und dadurch viel einfacher, indem es zu einem aktuellen Sinnesreiz oder Gedanken sofort eine möglichst passende Erfahrung aus dem Gedächtnis aktiviert und als vorläufige Realität betrachtet, wodurch auf ein aktuelles Erlebnis sofort und schnell reagiert werden kann. Diese gespeicherte bzw. aktivierte Erfahrung enthält auch die notwendigen Hinweise für eine dazu passende Reaktion, auch wenn diese teilweise oder ganz falsch ist. Erst danach wird diese aktivierte Erfahrung mit dem aktuell erlebten Eingangsreiz verglichen und im Detail analysiert. Da im übrigen die menschlichen Erfahrungen immer in der zeitlichen Gegenwartsform gemacht und so abgespeichert werden, werden sie auch so wieder erinnert, damit das Gehirn in der Lage ist, gespeicherte Erfahrungen sofort zu verwenden.

Träger - Muster - Bedeutung

In der heutigen Formulierung der Triplexität von Aristoteles (Substanz - Form - Entelechie) lautet sie: Träger - Muster - Bedeutung. Ein materieller Trägerprozess, gleichgültig ob biologisch oder technisch, bietet die Möglichkeit, Muster zu transportieren. Diese Muster können nachfolgend auf andere Träger (oft in gewandelter Form) "übertragen" werden. Die Muster sind also "mehr und anderes" als bloße Aktionsformen der Trägerprozesse, nämlich das Verbindungsglied zwischen physischen und psychischen Ereignissen, ohne mit ihnen identisch zu sein. Heisenberg schrieb 1973 über diese Vermittlerfunktion: "Wir erwarten nicht, dass etwa ein direkter Weg des Verständnisses von der Bewegung der Körper in Raum und Zeit zu den seelischen Vorgängen führen könnte, da wir auch in den exakten Naturwissenschaften gelernt haben, dass die Wirklichkeit für unser Denken zunächst in getrennte Schichten zerfällt, die erst in einem abstrakten Raum hinter den Phänomenen zusammenhängen."

Die Vermittlerfunktion der Muster ergibt sich aus der psychophysischen Merkmalsentsprechung. Beispielsweise fiel auf, dass bestimmte Rhythmusmerkmale wie die Frequenzerhöhung und die Amplitudenreduzierung sowohl bei den EEG-Wellen als auch beim Sprachrhythmus eine Erhöhung der Erregung wiedergeben. Somit lag der Schluss nahe, die Muster in ihrer Eigenschaft als "Bedeutungsträger" als den Übergang zur geistigen Kategorie anzusehen. Sie sind die "Form" bei Aristoteles oder die "Mittelkraft" bei Schiller, sowohl materiell (als neuronale Muster, Sprachmuster oder elektronisches Muster) wie immateriell, wenn man sie ausschließlich als "Medien", das heißt als Formgebungen, betrachtet, die von einem materiellen Träger auf den nächsten übertragen werden.

Die Bedeutung als dritte Stufe umfasst die Gesamtheit geistig-seelischer Werte (Entelechie), wobei das Wort "Bedeutung" treffender ist, da es von der irrigen Auffassung abrückt, "Seelisches" sei eine Art Organ in uns. Gleichzeitig ist dieser Begriff universeller und kann die ganze Fülle der psychischen Inhalte repräsentieren. Er umfasst sowohl Wahrnehmungen wie Gedächtnis, Denken, Fühlen, Lernen, Kreativität und Leistung als auch geistige Tätigkeiten wie Problemlösen, Meditieren, Dichten und vieles andere mehr.


Descartes berühmtes und oft zitiertes "cogito ergo sum" stammt nicht von Descartes selbst, sondern aus der lateinischen Übersetzung seines Discours: "Je pense, donc je suis." In der ersten Meditation (entstanden um 1629) findet sich der ursprünglichen Gedankengang, bei dem das meist im Sinne eines logischen Schlusses interpretierte "ergo" fehlt und vielmehr dargelegt wird, dass erst mitten im Zweifel die Existenz des Ich als eines denkenden Etwas sichtbar wird. Die "richtigere" lateinische Fassung müsste also lauten: "cogitans sum".

Siehe auch Wir fühlen, was wir sehen

Der Dualismus sieht in der Welt zwei verschiedene Prinzipien, nämlich Materie und Geist. Der Monismus hingegen erkennt nur eines der beiden Prinzipien an: entweder ist der Geist ein Produkt der Materie oder die Materie eine Einbildung des Geistes.

Siehe dazu auch Triplexität statt Monismus und Dualismus


Amphetamin (Speed) z.B. beschleunigt das Denken, steigert die Ideenvielfalt, das logische Denken erscheint erleichtert, ist aber meist verquer ("Speed-Logik"). Gleichzeitig wird die Redegeschwindigkeit erhöht und die Stimmungslage angehoben.

Keine Denken, kein Verhalten, keine Wahrnehmung, kein Erleben und kein Lernen ist denkbar ohne entsprechende Vorgänge im Zentralnervensystem. Dadurch wird deutlich, daß ein enger Zusammenhang zwischen hirnorganischen Prozessen auf der einen und psychischen Funktionen auf der anderen Seite besteht. Belegt wird diese Hypothese zum einen mit der Beobachtung, daß die Hirnorganik psychische Funktionen verändert, der die Hirnstruktur verändernde Einfluß von Drogen auf das Erleben und Verhalten oder die sich verändernde Persönlichkeitsstruktur von split-brain Patienten, denen zur Behandlung epileptischer Anfälle die Verbindung der beiden Hemisphären durchtrennt wurde. Zum anderen gilt auch der umgekehrte Weg als gesichert, nämlich die Veränderung der Hirnstruktur durch soziale Faktoren. Dies belegen u.a. Ergebnisse aus der Deprivationsforschung, die bei Tieren unter sozialer Isolation und Mangel an sensorischen Reizen eine Rückbildung des Nervensystems (Ausdünnung des Dendritenbaumes) beobachtet. Ein Beispiel hierfür liefert auch der Hospitalismus (Spitz), der bei Kindern beobachtet wird, die in deprivierter Umwelt und ohne Nestwärmeì aufwachsen. Häufig sind bei diesen Kindern Entwicklungsverzögerungen und psychische Schäden beobachtbar. Den Aufbau des Gehirns läßt sich am besten über das Konzept der Funktionsniveaus beschreiben: im Laufe der Evolution haben sich immer wieder neue Hirnstrukturen auf schon vorhandenen aufgebaut. Diese Überlagerungen brachten auch höher entwickelte Gehirnniveaus mit sich, die zu immer komplexeren Funktionen fähig waren.

Neurowissenschaftler knüpfen heute nach neuesten Forschungen das Bewusstsein an funktionierende Aktivitätsmuster, die während einer Zeitspanne von 300ms zu verschiedenen Arealen des Kortex wandern, also die Konnektivität des Gehirns zeigen. Diese ist notwendig, um eine konstante Kommunikation über Areale des Kortex hinweg aufrechtzuerhalten, denn mit diesem Taktgeber werden die Gehirnaktivitäten koordiniert, woraus letzlich auch Bewusstsein entstehen bzw. was zur Entstehung von Bewusstsein notwendig ist. Im unbewussten Gehirn (Tiefschlaf, Non-REM-Schlaf, Narkose) verschwindet diese Kommunikation zwischen den Gehirnzentren.

Lissek et al.(2016) haben übrigens gezeigt, dass Nervenzellen in der Großhirnrinde auch während einer Anästhesie aktiv sind, sie verändern allerdings ihren Arbeitsmodus, indem die Neuronen unter einer Anästhesie synchron arbeiten und unerwartet empfindlich auf Umweltreize reagieren. Für die Untersuchung hat man ein Fluoreszenzprotein eingesetzt, das elektrische Signale in Lichtsignale umwandelt, wodurch die Anzahl und die durchschnittliche Höhe der Entladungen sowie die Synchronität der Nervenzellen im Netzwerk sichtbar gemacht werden konnten. Das Bewusstsein scheint daher nicht einfach von der Anzahl an aktiven Nervenzellen im Cortex abzuhängen, sondern vielmehr von der Art und Weise, wie diese miteinander kommunizieren und inwiefern sie ihr Verhalten gegeneinander kontrastieren. Während die Nervenzellen des Cortex im wachen Zustand in komplexen Mustern zu unterschiedlichen Zeiten aufleuchten, ist unter Anästhesie zu beobachten, dass sie alle gleichzeitig und gleichartig aktiv sind, wobei sich die Stärke der Nervenzellentladungen dabei nicht veränderte. Interessant war auch, dass Nervenzellen unter Anästhesie sensibler als im wachen Zustand auf Reize aus der Umwelt reagierten, was paradox scheint, denn eine Anästhesie wird ja dafür eingesetzt, um Schmerz- und Umweltreize während einer Operation einzudämmen. So begann eine Hirnregion, die normalerweise für Tastinformation zuständig ist, unter Narkose sogar auf akustische Reize zu reagieren.

 

Gehorcht auch die Gehirnentwicklung der Darwinschen Selektion?

Edelman und Tononi (2002) versuchen im Gegensatz zu den Ansätzen, die Bewusstsein in bestimmten Hirnregionen lokalisieren, eine Theorie zu entwickeln, die Bewußtseinsentstehung aus dem Ablauf der Kommunikation zwischen Nervenzellen herzuleiten. So treten Nervenzellen an ganz verschiedenen Stellen des Gehirns über ihre Synapsen miteinander in Verbindung, sodaß für einen Augenblick so etwas wie ein stabiler Schaltkreis - sie nennen es "dynamisches Kerngefüge" - entsteht. Die beteiligten Nervenzellen liegen dabei in ganz verschiedenen Bereichen des Gehirns und gehören unterschiedlichsten funktionellen Systemen an, z.B. denen für die Verarbeitung von akustischen Reizen, für Erinnerung oder für Motorik. Ein solcher Schaltkreis ist dynamisch, weil unmittelbar nach einem solchen Zusammenschluß einige Zellen flexibel mit ganz anderen, bis dahin unbeteiligten Nervenzellen, ein neues Kerngefüge bilden können. Die Milliarden Nervenzellen des menschlichen Gehirns bilden so miteinander eine potentiell unendliche Vielfalt von Möglichkeiten, wobei scheinbar gleiche bewußte Vorgänge auch durch ganz verschiedene dynamische Kerngefüge hervorgerufen werden können.

Nicht alle Nervenzellen oder Nervenzellgruppen des Gehirns sind in gleicher Weise für die Beteiligung an dynamischen Kerngefügen geeignet. Voraussetzung ist ihre durch die Zahl und die Art der Synapsen vorbestimmte Fähigkeit, mit möglichst vielen verschiedenen Nervenzellen in Kontakt zu treten. Eine spezifische Eigenschaft von manchen Nervenzellverbänden ist dabei die Verknüpfung mit zum Teil weit auseinander liegenden Gruppen von Nervenzellen in beide Richtungen - im Gegensatz dazu findet in einigen Systemen des Gehirns die Signalübertragung nur in einer Richtung statt. Diese besonderen Eigenschaften der Nervenzellen sind jedoch nur zum Teil schon bei der Geburt festgelegt, sondern die Verschaltung der Nervenzellen entsteht erst im Laufe des Lebens im Wechselspiel mit den Anforderungen der Umwelt und wandelt sich ständig - Gehirnreifung. Diesen Prozess der fortwährenden Anpassung nennen Edelman und Tononi in Anlehnung an die Darwinsche Evolutionstheorie "Erfahrungsselektion" und übertragen damit deren Prinzipien auf die individuelle Gehirnentwicklung. Dieser Ansatz bietet neue Perspektiven für die Erklärung der ungeheuren Vielfalt und Individualität bewußten Erlebens, wobei sich manche Ähnlichkeiten mit der Theorie der Wechselwirkung zwischen Emotion und Vernunft von Antonio Damasio ergeben. Allerdings wenden sie sich gegen die weit verbreiteten Vorstellung, daß für die Emotionen das"limbische" System von so überragender Bedeutung sei. Edelmans und Tononis Theorie ist, wie die meisten neueren Ansätze, vorwiegend spekulativ. Das liegt daran, daß sich diese Funktionsweise nie allein aus der anatomischen oder biochemischen Betrachtung des Gesamtorgans oder seiner Zellen ergibt, vielmehr sind diese elektrischen Impulse weniger die Erklärung als vielmehr die Voraussetzung für die Funktionsweise. Selbst die funktionelle Kernspintomographie oder Positronen-Emissions-Tomographie können die neurobiologischen "Korrelate" geistiger Vorgänge nicht mit ausreichender zeitlicher und räumlicher Auflösung sichtbar machen.

Siehe dazu auchSensible Phasen und ihr Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns

Vince Ebert verglich in seiner Kolumne "Vince Ebert extrapoliert" vom 28. Oktober 2017 die menschliche Gehirnentwicklung mit der von Flussbarschen und schrieb dazu: …Flussbarsche (…) haben bei ihrer Geburt ein vollständig entwickeltes Gehirn. Da kommt nichts mehr dazu. Und genau deswegen sind Flussbarsche doof wie ein Kasten Weißbrot. Lernfähigkeit gleich null. Das Flussbarschmännchen betreibt einen irrsinnigen Aufwand, um sich zu paaren. Aber in dem Moment, in dem die Jungen schlüpfen, sagt es sich: Ooooh – Futter!!! Unglaublich, aber wahr. Flussbarsche fressen ihren eigenen Nachwuchs, weil sie zu doof sind, ihn zu erkennen. Ganz anders wir Menschen. Wir päppeln unsere Kinder jahrelang auf. Bringen ihnen Lesen, Schreiben, Rechnen und Fahrradfahren bei. Wir finanzieren ihnen die Ausbildung, das Studium und die Hochzeit. Wir stecken ihnen Geld zu, damit sie sich ein Reihenhäuschen kaufen, nehmen ihre Kinder übers Wochenende, damit sie ihren Selbsterfahrungsworkshop machen können. Und wir lassen sie schließlich wieder bei uns einziehen, weil der feine Herr Schwiegersohn seit drei Monaten eine hässliche Affäre mit seiner Sekretärin hat. Alles in allem: So doof sind Flussbarsche eigentlich gar nicht …"

Phylogenese des Bewusstseins

Das menschliche Gehirn ist das einzige Gehirn, das sich nur dann entwickeln und seine Potenziale entfalten kann, wenn es Teil eines Netzwerks anderer Gehirne ist. Menschen kommen hinsichtlich ihrer Hirnreifung unfertig auf die Welt und diese wird erst im jungen Erwachsenenalter abgeschlossen, sodass bis zu diesem Zeitpunkt soziale und biologische Entwicklungsaspekte Teile dieses Prozesses sind. Erst die Kommunikationen innerhalb dieses Netzwerks strukturieren die neuronale Verschaltungsarchitektur eines sich entwickelnden Gehirns. Menschen sind daher prinzipiell auf Kooperation ausgerichtet und ungeheuer anpassungsfähig, denn sie lernen durch die Weitergabe von Erfahrungen, Techniken und Praktiken von einer Generation an die nächste, während praktisch alle anderen Lebewesen im Rahmen ihrer voreingestellten Anpassungsprogramme verbleiben und im Laufe des Lebens erworbene Techniken nicht kulturell tradieren. Menschen haben sich daher von der biologischen Evolution abgesetzt und beschleunigen ihre Entwicklung mit den Mitteln der Kultur.

Nach der Theorie des Kognitionspsychologen Merlin Donald hat sich die Phylogenese des Bewusstseins über vier Stufen vollzogen: nämlich über die Entwicklung bewusster Aufmerksamkeit, wie sie sich auch bei anderen Primaten verzeichnen lässt, und die sowohl die Wahrnehmung und Steuerung eigener Handlungen wie die Erinnerung von Ereignisabläufen erlaubt. Dieses Stadium eines rudimentären Bewusstseins nennt Donald "episodisch", und darüber verfügen nicht nur Primaten, sondern etwa auch Delphine. Den Übergang zum humanspezifischen Bewusstsein bezeichnet Donald als "mimetisch" - in diesem Stadium wird mit Gesten und Mimik kommuniziert. Es werden Fähigkeiten geübt und gelehrt. Das Stadium des "Mythischen" markiert den Übergang zum homo sapiens sapiens, der mittels der Symbolsprache und des symbolischen Denkens die Beschränkung auf die unmittelbare Gegenwart überwindet und seine Erfahrungen in Zeit und Raum konservieren kann, zum Beispiel in Form von Geschichten, Ritualen und eben Mythen. Das "theoretische" Stadium, die letzte Stufe der Bewusstseinsentwicklung, umfasst dann das komplette Inventar des von Menschen gemachten, aber außerhalb ihrer Gehirne existierenden mentalen Universums. Dazu gehören etwa die externe Speicherung von Informationen, die Auslagerung von Erfahrungen aus dem individuellen Organismus.

Menschen können ihre Lernerfahrungen und die daraus abgeleiteten kulturellen Praktiken aus dem eigenen Gedächtnis auslagern und sich damit von unmittelbaren situativen Aufgaben und Anforderungen freimachen, wodurch sie sich neue Handlungsräume eröffnen, denn sie an müssen nicht auf jeden Reiz umgehend reagieren, sondern können Dinge aufschieben und auf einen günstigen Zeitpunkt warten. Das Bewusstsein integriert diese unterschiedlichen Erfahrungsebenen der menschlichen Existenz und unterteilt die Anforderungen in solche, die automatisch erledigt werden können, und solche, die spezifischer Betrachtung und Bearbeitung bedürfen. Das Routinisierbare wird in unbewusste Funktionen transformiert, was dem Bewusstsein Raum für die Auseinandersetzung mit anspruchsvolleren Aufgaben lässt.

Donalds unterscheidet bei mentalen Repräsentationen "Engramme" und "Exogramme", denn Menschen haben ihre Erfahrungen, Wissensbestände und Emotionen nicht nur in Form neuronaler Repräsentationen, also Engrammen, verfügbar, sondern sie auch in Form von Exogrammen, also außerhalb ihres Hirns liegenden Speichern. Im Unterschied zu Engrammen sind Exogramme dauerhaft und stabil, nicht an die individuelle Existenz und Zeitlichkeit gebunden, beliebig kombinierbar, jederzeit problemlos abrufbar und dem Bewusstsein ohne weiteres zugänglich. Das Bewusstsein agiert zwischen diesen zwei Systemen der Repräsentation, von denen sich das eine im Kopf und das andere in der Außenwelt befindet. Das menschliche Gehirn ist nach Donalds Ansicht somit ein Hybride aus Biologie und Kultur.

Literatur & Quellen

Edelman, Gerald M. & Tononi, Giulio (2002). Gehirn und Geist. Wie aus Materie Bewusstsein entsteht. München: Verlag C. H. Beck.

Thomas Lissek, Horst A. Obenhaus, Désirée A. W. Ditzel, Takeharu Nagai, Atsushi Miyawaki, Rolf Sprengel, & Mazahir T. Hasan (2016). General Anesthetic Conditions Induce Network Synchrony and Disrupt Sensory Processing in the Cortex. Frontiers in Cellular Neuroscience, doi:10.3389/fncel.2016.00064.

Welzer, Harald (2008). Dein Gehirn, das andere Ich.
WWW: http://www.welt.de/welt_print/article3002572/Dein-Gehirn-das-andere-Ich.html (09-01-10)

http://www.spektrum.de/kolumne/was-waere-wenn-unser-gehirn-bei-der-geburt-schon-voll-entwickelt-waere/1513943 (17-10-28)

Quellen und Literatur



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