Gehirn und Sprache
Was den Menschen wirklich zum Menschen macht, ist vor allem die menschliche Sprache, denn alles andere findet sich auch bei Tieren. Doch die syntaktisch-grammatische Sprache und die Art zu Denken, die gibt es nur bei Menschen, wobei jener Teil im Gehirn, der dafür zuständig ist, das Broca-Zentrum, ein Teil des Arbeitsgedächtnisses ist. Mit ihm denken wir, haben Bewusstsein und lösen Probleme. Sprechen und Verstehen sind aufwändige Prozesse und nehmen viel Fläche im Gehirn ein. Die wichtigsten Zentren, die dabei beteiligt sind, sind das Wernicke-Areal, das vor allem für das Verstehen von Sprache entscheidend ist. Es befindet sich im hinteren, oberen Teil des linken Temporal- oder Schläfenlappens, der an der Seitenfläche der Hirnrinde sitzt. Verletzungen oder Hirnblutungen in dieser Region bewirken, dass der Patient Sprache kaum noch entschlüsseln kann. Er redet wie ein Wasserfall, seine Wörterflut ist aber verworren und unverständlich. Das Broca-Areal ist für die Produktion von Sprache, das Finden von Wörtern und das Bilden von Sätzen zuständig. Ist diese Region verletzt, kann der Patient zwar meist noch alles verstehen, er hat aber Schwierigkeiten, Wörter und Sätze zu bilden. In leichteren Fällen können Betroffene noch in einem stakkatoartigen Telegrammstil kommunizieren. Während des Formulierens und Erfassens von Sprache sind neben diesen beiden großen Zentren noch viele weitere Bereiche der Hirnrinde aktiv: Das Hörzentrum - es sitzt an der Innenseite des Schläfenlappens, scannt die ständige Geräuschflut, die über das Ohr ins Hirn strömt, nach Bekanntem ab und ordnet es entsprechend ein. Das geschieht meist unbewusst. Andere Bereiche verarbeiten unbekannte Hörreize und solche, auf die der Mensch sich konzentriert, beispielsweise die Sprache des Gegenübers. Allerdings ist diese Gehirnstruktur flexibel, denn Studien zur Anpassungsfähigkeit des Gehirns haben gezeigt, dass das Gehirn eine neurale Region, die ursprünglich für einen Sinn wie Sehen, Riechen oder Hören bestimmt ist, auch für einen anderen nutzen kann. So kann bei von Geburt an blinden Menschen das nicht benötigte visuelle Zentrum eine besondere Fähigkeit für die Verarbeitung von Sprache entwickeln, und das sogar auf sehr hohem Level, sodass blinde Menschen, die durch ihren visuellen Kortex kompensatorisch eine Verstärkung der verbalen Kompetenzen erhalten, bei sprachlichen Aufgaben oft besser abschneiden als Sehende. Wurde etwa bei Blinden in einem einfachen Sprachverständnistest ihr Sehkortex mittels magnetischer Stimulation vorübergehend lahmgelegt, so schnitten sie schlechter ab, während dieselbe Blockierung die Leistungen sehender ProbandInnen nicht beeinträchtigte.
Klimsa, Paul (o.J.). Kognitions- und lernpsychologische Voraussetzungen der Nutzung von Medien
WWW: http://www.medienpaedagogik-online.de/
mf/3/00691/ (03-10-06)
Kotz, Sonja A. & Schwartze, Michael (2010). Cortical speech processing unplugged: a timely subcortico-cortical framework. Trends in Cognitive Sciences 14.
Scholl, Ben, Gao, Xiang & Wehr, Michael (2010). Nonoverlapping Sets of Synapses Drive On Responses and Off Responses in Auditory Cortex. Neuron, 65, 412-421.
- Konstrukte zu formulieren und mitzuteilen;
- mitgeteilte Konstrukte zu erfassen und in eigene Konstrukte umzuwandeln;
- Bilder zu abstrahieren und zeitliche Perspektiven zu schaffen;
- Wahrnehmung zu ergänzen oder anzuleiten.
Nach neuen Theorien basiert das Phänomen der Sprache auf drei Gruppen von Strukturen im Gehirn, die sich wechselseitig beeinflussen. Damasio & Damasio vermuten die Existenz von drei zusammenhängenden Systemen.
Das erste System Ein Zusammenwirken neutraler Systeme in beiden Hemisphären ist für den nichtsprachlichen Austausch - vermittelt durch sensorische und motorische Systeme - zuständig; diese nichtsprachlichen Darstellungen werden nach Kategorien (Gestalt, Farbe, Reihenfolge usw.) geordnet. Aufeinanderfolgende Ebenen von Kategorien bilden die Grundlage für Abstraktionen und Metaphern.
Das zweite System Eine kleinere Anzahl neuronaler Systeme, vornehmlich in der linken Hemisphäre angesiedelt, repräsentiert Phoneme, deren Kombinationen und syntaktische Regeln. Werden diese Systeme vom Individuum aktiviert, so bilden sie gesprochene oder geschriebene Sprache; werden sie von außen durch Schrift oder gesprochene Sprache aktiviert, so leiten sie die ersten Schritte zur Verarbeitung der visuellen und auditiven Sprachsignale ein.
Das dritte System Die dritte Gruppe von Strukturen vermittelt zwischen den ersten beiden Systemen. Hier wird z. B. ein Begriff aufgenommen und das Hervorbringen von Wortformen veranlasst.
Berücksichtigt man das von Damasio & Damasio vorgelegte Modell, so erscheinen einige frühere Untersuchungen in einem neuen Licht. So wies die Untersuchung von Düker & Tausch (1957) nach, dass die Veranschaulichung mit dem Behaltensgrad der Unterrichtsinhalte stark korreliert. Die Behaltensleistung lag bei der Gruppe, die einen realen Gegenstand betrachten durfte, gegenüber der Kontrollgruppe um 32% höher. Insgesamt zeigte die Untersuchung, dass der Behaltensgrad dann ansteigt, wenn die sprachlich-akustische Vermittlungsform durch mediale Formen ergänzt wird. Die Behaltensleistung steigt an:
- um 9,5 % bei zusätzlichem Einsatz von Bildern,
- um 20 % bei zusätzlicher Verwendung von Modellen,
- um 40,7 % bei gleichzeitiger Verwendung eines realen Gegenstandes,
im Verhältnis zu der nur sprachlich-akustisch angesprochenen Kontrollgruppe.
Die Bedeutung des ersten Systems - vermittelt zwischen sensorischen und motorischen Systemen - scheint für den Grad des Behaltens besonders bedeutsam zu sein. Damasio & Damasio fassen diesen Sachverhalt folgendermaßen zusammen: "Das Gehirn speichert begriffliche Konzepte in Form von quasi schlummernden Aufzeichnungen. Werden diese reaktiviert, können sie die unterschiedlichen Empfindungen und Handlungen wachrufen, die mit einem bestimmten Objekt oder einer Kategorie von Objekten zusammenhängen. Zum Beispiel kann "Kaffeetasse" nicht nur visuelle und taktile Darstellungen ihrer Form, Farbe, Oberflächenbeschaffenheit und Wärme hervorufen, sondern auch den Geruch und Geschmack von Kaffee sowie den Weg, den Hand und Arm zurücklegen müssen, um die Tasse vom Tisch an die Lippen zu führen. Obwohl all diese Repräsentationen in unterschiedlichen Hirnregionen reaktiviert werden, geschieht ihre Rekonstruktion nahezu gleichzeitig."
Damit das menschliche Gehirn Wörter erkennt und voneinander trennen kann, muss es Anfang und Ende eines Geräuschs mit unterschiedlichen Nervennetzwerken bzw. Eingangskanälen verarbeiten: ein Kanal, der den Beginn eines Tons registriert, und einen, der für dessen Ende zuständig ist. Scholl et al. (2010) zeigten bei Ratten, dass der Abbruch eines Geräuschs für das Gehirn nicht durch die bloße Abwesenheit des Schalls gekennzeichnet ist, sondern dass es sich um einen aktiven Prozess handelt, für den ein eigenes Netzwerk von Neuronen vorhanden ist. Die gezielte Registrierung von Beginn und Ende eines Tons dient dabei vermutlich als Orientierungspunkt, mit dessen Hilfe das Gehirn zusammengehörende akustische Reize wie die Silben eines Worts als einheitliche Gruppe behandelt. Nur mit der Hilfe dieses aktiven Stopp-Signals kann das Gehirn zuverlässig Lautgruppen wie Wörter erkennen und voneinander trennen, eine ganz zentrale Voraussetzung für das Verstehen von Sprache. Auch für den Sehsinn gibt es dafür zwei Netzwerke, die jeweils das Auftauchen und Verschwinden eines Objekts an das Gehirn melden. Die Netzwerke für Helligkeit und Dunkelheit sind dabei im Gegentakt miteinander verschaltet: Ist das eine aktiv, ist das andere ausgeschaltet und umgekehrt.
Man nimmt an, dass die Entwicklung von Sprache mit der besonderen Fähigkeit des Arbeitsgedächtnisses begonnen hat, in der Zeitachse zu strukturieren. Was macht man als erstes, als zweites, als drittes? Das können Tiere aber auch kleine Kinder eher schlecht, während Erwachsene das meist gut können, zu überlegen, welche Schritte sie hintereinander setzen müssen, um etwas zu tun oder zu erreichen. Vermutlich hat sich aus dieser Fähigkeit zur Manipulation der Zeitachse Sprache entwickelt, denn beim Sprechen muss man wissen, wie man anfange, wie man Sätze in der richtigen Syntax und Grammatik formt. Auch beim Lernen einer neuen Sprache braucht man meist einige Zeit, um ein „Gefühl“ für deren Eigenheiten zu bekommen, wobei insbesondere bei schnellen Sprechern es anfangs schwer fällt, einzelne Wörter herauszuhören. Das liegt daran, dass sich das Gehirn an fremde Sprechrhythmen erst gewöhnen muss, denn in der Muttersprache wird das Gehörte ohne große Mühe und annähernd in Echtzeit verarbeitet. Die Auswertung der zahllosen Sinnesreize können in der Muttersprache nur deshalb so schnell erfolgen, da das Gehirn sie oft gehört hat und bereits erwartet, denn das menschliche Gehirn ist sehr gut darin, in Umweltreizen Muster zu erkennen, aus denen es eine grobe Erwartungshaltung über die Ereignisse der nahen Zukunft errechnet. Unser Gehirn nutzt beim Verstehen von Gesprochenem also nicht so sehr die semantischen und grammatischen Informationen, sondern wertet Dauer, Rhythmus, Tempo und Betonung der Silben aus, um zeitliche Regelmäßigkeiten im Strom der Laute zu erkennen. Vor allem während des Spracherwerbs wird ein Netzwerk grundlegender Routinen der Sprache im Gehirn abgespeichert, sodass die Sprachverarbeitung später effizienter funktioniert. Zum größten Teil finden diese Prozesse in Bereichen in und unterhalb der Großhirnrinde statt, wobei aber auch motorische Areale und primitivere Hirnregionen wie das Kleinhirn und die Basalganglien beteiligt sind. Das weist auf weit zurückliegende Entwicklungsstufen hin, denn die Evolution von Sprache als komplexe motorische Handlung wäre nicht möglich gewesen ohne die Ausprägung von Hirnarealen, die die Fähigkeit besitzen, Verhalten zeitlich zu strukturieren (vgl. Kotz & Schwartze, 2010).
Spracherkennung in der linken Gehirnhälfte ist vermutlich angeboren
Proceedings of the National Academy of Sciences vom 8. September 2003
Sprachzentrum breitet sich im Laufe der Entwicklung von einer Hirnhälfte auf beide aus
Jerzy P. Szaflarski et al. (Universität Cincinnati) fanden bei der Untersuchung von Probanden im Alter zwischen 5 und 67 Jahren, dass sich mit zunehmendem Alter das Sprachzentrum im Gehirn immer gleichmäßiger auf beide Gehirnhälften verteilt. Die Wissenschaftler untersuchten 177 Probanden mittels der funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI), bei der die Gehirnaktivität etwa während des Lösens von sprachlichen Denkaufgaben in Bildern dargestellt werden kann. Die Probanden mussten zu vorgegebenen Hauptwörtern wie Stuhl, Herd oder Löffel ein naheliegendes Verb finden . Bei Kindern ist das Sprachzentrum auf der linken Gehirnhälfte dominierend, was vermutlich mit der Entwicklung des jungen Gehirns und den wachsenden sprachlichen Fähigkeiten zusammenhängt. Ab einem Lebensalter von etwa 25 Jahren löst sich die Konzentration des Sprachzentrums auf eine Gehirnhemisphäre immer mehr auf, sodass ältere Erwachsene zunehmend beide Gehirnhemisphären für ihre sprachlichen Fähigkeiten nutzen. Bei den 5- bis 20-jährigen Probanden verschoben sich also die aktiven Muster im Gehirn mit zunehmendem Alter immer mehr in die linke Hirnhälfte, wobei im Alter von 20 bis 25 Jahren das Sprechen am stärksten links ab läuft, um sich dann im höheren Alter wieder gleichmäßig auf beide Gehirnhälften zu verteilen. Szaflarski führt dies auf eine nachlassende Leistungsfähigkeit des Sprachzentrums zurück, wobei dieser Verlust durch eine teilweise Auslagerung in die andere Gehirnhälfte ausgeglichen wird.
Spracherwerb und Gehirnentwicklung
Die Entwicklung der Sprache bzw. des Spracherwerbs (unter Berücksichtigung biologischer Grundlagen der Gehirnentwicklung) umfasst verschiedene Phasen, die das normal entwickelte Kind durchläuft. Generell haben Untersuchungen des ersten Lebensjahres gezeigt, dass das Sprechen dem Sprachverstehen hinterherhinkt, d.h., Kinder können Unterschiede zwischen ähnlichen Konsonanten hören, auch wenn sie noch nicht in der Lage sind, diese entsprechend zu produzieren.
Im ersten Lebensjahr ist noch keine Sprache an sich, sondern nur Vorformen der Sprachentwicklung zu beobachten. Bei diesen Vorformen lassen sich insgesamt vier Phasen unterscheiden. Die Lautäußerungen beginnen mit schreien und behaglichem Gurgeln bzw. Juchzen bis hin zum Lallen oder Brabbeln und erst von da gelangt das Baby zum Sprechen von Worten. Erste vokalartige Laute ergeben sich beiläufig aus dem Atmen, aus verdauen und schreien. „Sprachliche Reaktionen“ auf Dinge oder Reize aus der Umwelt sind mit etwa zwölf Wochen zu beobachten, zumeist in Form von „Juchzen“.
Im Bereich zwischen zwölf Wochen und sechs Monaten tauchen dann erste Konsonanten auf, und mit sechs Monaten beginnt das Brabbeln oder Lallen. Ab diesem Alter werden einfache Kombinationen aus Konsonanten und Vokalen dargeboten (Na), mit etwa acht Monaten beginnen Kinder das eigene Sprechen, und das anderer nachzumachen und erzeugen hierzu mehrmals die selbe Silbe. Gelegentlich werden Plappersilben mit Objekten oder Ereignissen verbunden und dies stellt den Übergang in die Entwicklung erster Vorformen der Sprache dar (mit etwa einem Jahr). Zwar handelt es sich noch nicht um Worte im eigentlichen Sinn, die Äußerungen haben aber bereits die Funktion von Worten, weil sie eindeutige Kennzeichnungen von Objekten darstellen.
Im Zeitraum zwischen acht und achtzehn Monaten können Kinder ein Vokabular von einigen hundert Wörtern erwerben; in dieser Zeit dominieren aber noch sogenannte Ein-Wort- Sätze bzw. Holophrasen.
Während des zweiten Lebensjahres werden dann gehäuft zwei Wörter zu sogenannten Duos verbunden, die verschieden Funktionen haben können, wie beispielsweise benennen („ein Haus“), Nicht-Vorhandensein („Milch tschüss“) und Handlung („Susi läuft“) und Wiederauftreten („noch Katze“). Derartige Duos stellen die erste Form von grammatischen Konstruktionen dar; sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sie bereits bemerkenswert fehlerfrei produziert werden. Zunehmend kommt es zur Ausbildung auch von längeren Sätzen, die aber noch immer im „Telegrammstil“ verfasst werden, was darauf hinweist, dass noch nicht Erwachsenensätze nachgebildet werden, da die formalen Relationen von Substantiv und Verb oder Substantiv und Adjektiv zumeist nicht gegeben sind; die Sätze folgen zumeist eigenen sprachlichen Regeln, vermitteln aber dennoch einen meist eindeutig zu identifizierenden Sinn. Von Zwei-Wort-Sätzen schreitet das Kind bald voran zu einfachen Aussagesätzen.
Schließlich werden während des dritten Jahres Umformungen von Aussagesätzen, z.B. in Form von Fragen oder Verneinungen gezeigt. In diesem Bereich (2-3 Jahre) werden die elementaren grammatischen Umformungsregeln erworben. Mit drei Jahren haben Kinder zumeist ein Vokabular von über 1000 Wörtern und sind in der Lage immer kompliziertere Sätze zusammenzufügen, Fragen zu stellen, verneinende Aussagen zu treffen. Mit Eintritt in die Schule ist die Sprache in der Regel in Satzbau und Grammatik von der Erwachsenensprache nicht mehr zu unterscheiden.
Quelle: Neuper, Christa (o.J.). Einführung in die Fächer der Psychologie. Entwicklungspsychologie.
WWW: http://psyserver.uni-graz.at/de/stud/einfuehrungs-vo/Entwicklungspsy.pdf (08-01-03)
Sprachentwicklung von der Muttersprache beeinflusst
Die Entwicklung der vorsprachlichen Lautäußerungen verläuft in allen Sprachen der Welt etwa gleich. d.h., sie beginnt damit, dass der Säugling mit Bewegungen darauf reagiert, wenn man ihn anspricht; es sind Bewegungen, die er nicht ausführt, wenn er Ticken oder Klopfen hört. Einige Wochen nach der Geburt beginnt das Kind zu vokalisieren und mit zwei bis drei Monaten beginnt das Kind zu schnalzen, wobei auch Laute produziert werden, die in der Muttersprache nicht vorkommen, also kaum nachgeahmt werden können. Nach etwa drei Monaten nehmen die Vokalisationen wieder ab und zwischen dem siebten und zehnten Monat verlieren sich die Laute, die in der Muttersprache nicht vorkommen, d.h., das Kind wird bezüglich der Aspekte der auditorischen Umwelt selektiv. Hier wird die Rolle der Imitierung deutlich, denn es werden in dieser Phase nun auch Intonation und Melodie der Muttersprache nachgeahmt und schon um den ersten Geburtstag herum "erzählt" das Kind Geschichten mit unverständlichen Wörtern, aber im Tonfall der Muttersprache (angepasstes oder soziales Lallen). Jedes Kind wird somit im Normalfall als Sprecher in eine Welt von Sprechenden hineingeboren, d.h., die Sprachentwicklung ist von Grund auf dialogischer Natur. Sprache wird dabei in einem lang anhaltenden Prozess erworben. Schon wenige Monate alte Säuglinge können bekanntlich die typischen Laute und die Sprachmelodie ihrer Muttersprache erkennen, denn das Kindergehirn stimmt sich in dieser sensiblen Entwicklungsperiode auf die Klänge der Sprache ein. Schon im Alter von fünf Monaten haben Kinder eine Vorstellung davon, was menschliche und was tierische Laute sind. Die Babies können die menschliche Sprache selbst dann dem Bild eines Menschen zuordnen (Fixationsmethode), wenn es sich um von ihnen nie zuvor gehörte Laute etwa auf Japanisch handelt. Auch die Laute eines Affen können sie dem entsprechenden Bild richtig zuweisen, nicht jedoch das Gequake von Enten. Kleinkinder können offensichtlich ihre akustischen Eindrücke recht gut kategorisieren, wobei sie vermutlich aus Erfahrungen mit Eltern, Geschwistern und Verwandten auf menschliche Sprachäußerungen im Allgemeinen schließen. Diese Fähigkeit zur Abstraktion könnte vermutlich auch der Grund dafür sein, dass Kinder Affengesichter korrekt den Affenlauten zuordnen können, obwohl sie selbst noch keinerlei Erfahrungen mit Affen gesammelt haben.
Adrian García-Sierra et al. (in press) zeigten nun in einer Untersuchung an Kindern aus rein englischen, rein spanischen und spanisch-englisch gemischten Familien, dass bilinguale Kinder erst mit etwa zehn bis zwölf Monaten die typischen Sprachmuster ihrer beiden Sprachen zu erkennen lernen, während bei Kindern mit nur einer Muttersprache diese Prägungsphase in diesem Alter bereits abgeschlossen ist und das Gehirn dann nur noch auf typische Laute der Muttersprache reagiert. Offensichtlich legt sich das Gehirn bilingualer Kinder nach einem anderen Zeitplan auf eine Sprache fest als einsprachige aufwachsende und bleibt länger flexibel, möglicherweise, um die größere Vielfalt unterschiedlicher Sprachlaute in zweisprachigen Umgebungen besser verarbeiten zu können.
In der Phase der Entwicklung des Gehirns fallen die unterschiedlichen Eindrücke bei bilingualer Erziehung in unterschiedliche Gehirnbereiche, was die Ausreifung verzögert, da für jede Sprache mehr verschiedene Muster erworben werden müssen. Bekannt ist, dass frühe Spracherfahrungen den gefühlsmäßig sicheren Umgang mit einer Sprache später sehr erleichtern, d.h., wenn Kinder zwei Sprachwelten später in ihrem Leben brauchen (Migrationskinder), ist es wohl sehr sinnvoll, ihnen diese schon in der Zeit der Entwicklung des Sprachvermögens nahe zu bringen. Es ist daher falsch Kinder, die sich später in zwei Sprachen bewegen müssen oder sollen, zuerst eine und dann eine andere Sprache lernen zu lassen, vielmehr profitieren sie davon, von Beginn an ein Gefühl für beide Sprachen entwickeln zu können.
Übrigens haben Anthropologen herausgefunden, dass eine Unterhaltung mit einem Säugling mit weichen unartikulierten Lauten wie "duziduzi" oder "eideidei" in fast allen Kulturen zu finden ist. Linguisten nennen diesen sinnfrei wirkenden Umgangston mit Babies "Mutterisch", wobei diese Brabbelsprache überall auf der Welt Kinder beruhigt und ihnen vielleicht sogar hilft, selbst mit dem Sprechen vertraut zu werden.
Quellen:
García-Sierra, A., Rivera-Gaxiola, M., Percaccio, R. C., Conboy, T. B., Romo, H., Klarman, L., Ortiz, S., & Kuhl, K. P. (in press). Bilingual Language Learning: An ERP Study Relating Early Brain Responses to Speech, Language Input, and Later Word Production. Journal of Phonetics.
Zwisler, R. (1990). Sprachentwicklung.
WWW: http://www.zwisler.de/scripts/Sprachentwicklung.html (01-11-22)
Formale Sprachen
Bei einer mathematischen Formel wird unser Gehirn mit einer mathematischen Syntax konfrontiert, die rein formale Beziehungen zwischen den verwendeten Zeichenenthalten. Formeln sind ein typisches Beispiel für formale Sprachen und Menschen wachsen damit fast selbstverständlich auf, denn vom Mathematikunterricht in der Schule bis zum Umgang mit Programmiersprachen nehmen formale Sprachen im täglichen Leben einen festen Platz ein. Eine formale Sprache zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie aus einem begrenzten Zeichenvorrat eine beliebige Anzahl von Ausdrücken bilden kann, wodurch diese Sprachen hochgradig effektiv sind, da sie im Gegensatz natürlichen Sprachen keinen Raum für Missverständnisse bieten. Sowohl natürliche wie formale Sprachen besitzen eine Grammatik und sind insofern strukturell miteinander verwandt. Roland Friedrich & Angela D. Friederici (Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig) zeigten in Studien, dass es Unterschiede in der neuronalen Verarbeitung gibt. Das menschliche Gehirn verarbeitet die Syntax mathematischer Formeln bei weitem nicht so automatisiert wie die natürlicher Sprachen, sondern mit wesentlich höherem kognitivem Aufwand, wobei vor allem Aktivitäten im intraparietalen Sulcus, im linken inferioren frontalen Gyrus sowie in Gebieten um das Broca-Areal, dem eigentlichen Sprachzentrum liegen. Natürliche Sprachen aktivieren also hauptsächlich das Broca-Areal, während formale Sprachen zusätzlich jene Gebiete aktivieren, die vor allem bei Denksportaufgaben eingebunden sind.
Quelle: http://idw-online.de/pages/de/news320200 (09-06-13)
Weitere Quellen und Literatur
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