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Ab Mitte des 20. Jahrhunderts begann man das Ausmaß, in dem das Geschlecht nicht nur die gesellschaftliche Rolle und Position, sondern auch Persönlichkeit und Charakter eines Menschen bestimmte, zunehmend zu hinterfragen. Man argumentierte, dass Frauen nicht von Natur aus unterwürfiger, weniger intelligent, emotional anfälliger oder stärker auf ihr Äusseres fixiert seien als Männer, sondern dass sie sich so verhielten, weil die Gesellschaft es von ihnen erwarte. 1955 hatte der Psychologe John Money die Unterscheidung von «gender» und «sex», also zwischen sozialem und biologischem Geschlecht, vorgeschlagen, wobei vor allem Feministinnen dieses Modell attraktiv fanden, denn einerseits negierte es die biologischen Differenzen zwischen Männern und Frauen nicht, und ebenso wenig auch einen gewissen Zusammenhang zwischen biologischem und sozialem Geschlecht, anderseits trug es der prägenden Macht gesellschaftlich determinierter Rollenbilder Rechnung, ohne aber die Hoffnung auszublenden, dass diese durch sozialen, politischen und wirtschaftlichen Wandel aufgeweicht werden und damit Frauen wie Männern neue Freiheiten schenken könnten. In der Folge wurde die Rolle der Biologie bei der Herausbildung der Persönlichkeit zunehmend heruntergespielt, während die Bedeutung kultureller und gesellschaftlicher Prägungen in den Vordergrund rückte. Bilder- und Schulbücher, in denen Papa zur Arbeit geht, während Mama den Haushalt erledigt, Spielzeugautos für Buben und Puppen für Mädchen, gerieten in die Kritik, weil es Kindern stereotype Rollenbilder aufzuzwingen schien. Dahinter stand die Überzeugung, dass Unterschiede zwischen Knaben und Mädchen, Männern und Frauen nicht naturbedingt sind, sondern Resultat einer entsprechenden Sozialisierung. 1990 lieferte das von der amerikanischen Philosophin Judith Butler vorgelegte Buch Gender Trouble eine Dekonstruktion der Unterscheidung von Sex und Gender, wonach die Unterscheidung von Sex und Gender deshalb unhaltbar ist, weil es erkenntnistheoretisch objektive biologische Definitionsmerkmale der Geschlechter nicht geben könne. Damit verliert die Dichotomie von Frau und Mann ihr eindeutiges biologisches Fundament, und es wird zumindest denkmöglich, dass es mehr als zwei Geschlechter geben könne. "Viele Wertkonservative sehen in diesem dekonstruktivistischen Konzept der «Queer»-Theoretikerin aus Berkeley die Ursache für den Zerfall der Werte des Abendlandes. Das mutet weltfremd an. Naiv erscheint es, die Auflösung der traditionellen Ehe und Familie auf das Gender-Konzept zurückzuführen, so, als hätten sich die sozialen, medizinisch-technischen, ökonomischen, kulturellen und rechtlichen Transformationsprozesse der letzten Jahrzehnte nach Begriffsreflexionen gerichtet – und als seien nicht diese umgekehrt selber Teil gesellschaftlicher Umwälzungen, die neue Fragen an die Wissenschaft herangetragen haben. Nicht zufällig liegt eines der zentralen Forschungsfelder der Gender-Studies darin, die Ursachen und Gründe für den Wandel, aber auch für die Kontinuität von Geschlechterordnungen in der jüngeren Gegenwart zu untersuchen" (Meyer, 2013). Die Vorstellung, dass Geschlechterrollen primär ein soziales Konstrukt seien, implizierte die Hoffnung, dass man die mit dem biologischen Geschlecht verbundenen Grenzziehungen überwinden könnte, wobei in der heutigen Diskussion aber die Vorstellung von Geschlecht essenzialistischer zu sein scheint denn je, denn demnach mag Geschlecht nicht mehr durch die Genitalien definiert sein, sondern dafür sitzt es im menschlichen Gehirn.

Gender und Geschlecht in der Schule

Ausgangspunkt einer Studie war eine kooperative Mittelschule in Wien, die einen MigrantInnenanteil von 80 % aufweist. Gerade für SchülerInnen, die nicht nur mit dem Thema Gender, sondern zugleich noch mit Ethnischen Unterschieden konfrontiert sind, ist es in der heutigen Zeit extrem schwer einen positiven Schulabschluss zu erlangen. Frage ist es nun wie man den Unterricht zu gestalten hat, damit alle gleichberechtigt behandelt werden sowohl in Fächern wie Deutsch oder Englisch aber auch in naturwissenschaftlichen Fächern wie zum Beispiel Informatik (Berghammer & Pichler, 2009, S. 834).

Um dies zu untersuchen teilte man die Schulklassen in verschieden Gruppen ein. Jede Klasse wurde erst einmal in zwei Gruppen geteilt, anschließend wurde bei der ersten Klasse entschieden, dass die zwei Gruppen nach Geschlecht aufgeteilt wurden – d.h. eine Burschen- und eine Mädchengruppe. In der zweiten Klasse sollten sich jeweils ein Mädchen und ein Junge im Team zusammenfinden um an dem Projekt zu arbeiten und in der dritten Klasse wurden ebenfalls Teams gebildet, welche jedoch geschlechtshomogen zusammengesetzt waren. Anschließend machten sich die SchülerInnen ans Werk um ihre Aufgabe zu lösen (Berghammer & Pichler, 2009, S. 835).

Zum einen sollte untersucht werden, ob die Gruppenzusammensetzung Einfluss auf das Endergebnis hat, zum anderen ob die Sprachkompetenz der SchülerInnen Einfluss auf das Endergebnis hat. Des weiteren wurde untersucht, ob Mädchen in geschlechtsheterogenen Gruppen degradiert werden oder ob sie eine gleichberechtigte Stellung einnehmen, ebenso ob und wie sich der Druck auf die Buben, dass sie technikkompetent sein sollen, auf das Arbeiten in gemischtgeschlechtlichen Teams auswirkt (Berghammer & Pichler, 2009, S. 836).

In einem ersten Schritt wurde untersucht, ob und welchen Einfluss die Gruppenzusammensetzung auf das Endergebnis hat. Zu diesem Punkt muss man ganz klar sagen, dass die Gruppenzusammensetzung keinen Einfluss nimmt, wenngleich man in dieser Beobachtung herausfand, dass Mädchen weniger oft nachgefragt und um Hilfe gebeten haben als Burschen. Die Umgangsformen in den Gruppen und Teams waren bei den Mädchen zum größten Teil wertschätzende wohingegen in den Burschenteams Vorschläge der Teampartner oft abgetan wurden oder gar keine Beachtung fanden. Trotzdem hat sich die Annahme nicht bestätigt, da 32 der 34 Teams beim Lösen ihrer Aufgabe erfolgreich waren (Berghammer & Pichler, 2009, S. 836f).

Das zweite Forschungsziel war es zu untersuchen, ob die Sprachkompetenz das Endergebnis beeinflusst. Diesbezüglich hat man herausgefunden, dass keine sprachlichen Verständigungsprobleme bzw. Verständnisprobleme aufgetreten sind, was aber möglicherweise auch darauf zurückzuführen ist, dass sowohl die Bauanleitung als auch die Programmieranweisungen bildlich dargestellt waren (Berghammer & Pichler, 2009, S. 837).

Im dritten Schritt wurde untersucht, ob Heterogenität auf die Tätigkeitsbereiche der Mädchen in der Gruppe Einfluss haben. Dieser Punkt wurde ganz klar bestätigt, da in fast allen heterogenen Teams die Mädchen in eine passive Rolle gedrängt wurde und gerade einmal zum Ausfüllen des Forschungsauftrages miteinbezogen wurden. In manchen Teams wurde das Bauen mit Arbeiten und das Programmieren mit Spielen gleichgesetzt, was dazu führte, dass die Mädchen das Bauen übernahmen und die Burschen anschließend programmierten und ihren Roboter, den sie größtenteils als ihr Eigen betrachteten, ausprobierten (Berghammer & Pichler, 2009, S. 837f).

Als letzten Punkt untersuchte man noch, ob Burschen in gemischgeschlechtlichen Gruppen den Druck als technisch kompetenter als Mädchen zu gelten spüren und ob dieser auch Auswirkungen auf ihr Verhalten hat. Man muss sagen, diese Hypothese hat sich bestätigt, da sowohl in heterogenen Gruppen das Problem auftrat, dass Burschen mit Mädchen nicht zusammenarbeiten wollten, als auch der Faktor Zeit für Burschen eine erhebliche Rolle zu spielen schien. Während Mädchen den Faktor Zeit vollkommen außer acht ließen, sahen Burschen die Bewältigung der Aufgabe geradezu als Wettkampf. Diese Verhalten wurde nicht nur in heterogenen Gruppen, sondern auch in homogenen Gruppen festgestellt, wobei man ganz klar sagen muss, dass es in geschlechtsheterogenen Gruppen deutlich ausgeprägter war (Berghammer & Pichler, 2009, S. 838f).

Endergebnis der Untersuchung ist, dass es unter bestimmten Vorraussetzungen sinnvoll ist Schulklassen temporär nach Geschlecht zu teilen, um damit Stress abzubauen, was zu einem entspannten Arbeitsklima führt und eine bessere Entfaltung der SchülerInnen gewährleistet (Berghammer & Pichler, 2009, S. 841f).

Literatur

Berghammer, M. L. & Pichler, D. (2009). Roberta trifft Robert, oder: Wie Mädchen und Buben selbstständig und selbsttätig technische Aufgaben lösen. Zeitschrift für Erziehung und Unterricht, 159, 834-843.

Meyer, K. (2013). Wider Natur und Schöpfungsordnung? NZZ vom 18. Dezember.




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