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Die Wirkung von Gewaltdarstellungen in den Medien*) 

Die Diskussion über Gewalt in den Medien taucht immer wieder dann in der Öffentlichkeit auf, wenn sich Gewaltdelikte Jugendlicher nach einer offensichtlichen Vorlage aus Videospielen, Filmen oder aus dem Fernsehen ereignen. Die einen sehen dann die Medien als Gefahr an, welche die Kultur zerstöre und eine Bedrohung für die Menschheit darstelle, die anderen bestreiten diese Befürchtungen und sehen keine gefährlichen Auswirkungen auf die Menschen. Schon im antiken Griechenland wurde darüber nachgedacht, ob Märchenerzähler den Kindern durch Geschichten über Greueltaten falsche Gedanken zuführten, die diese eigentlich nicht haben sollten. Deshalb sollten "nur die guten Märchen (...) eingeführt werden" und "die Dichter von Märchen und Sagen beaufsichtigt werden" (Kunczik, 1998, S. 20). Hans Dieckmann hatte in den 1960er Jahren postuliert, dass viele Menschen ein Lieblingsmärchen in sich tragen, welches die Entwicklungskonflikte der Kindheit widerspiegelt. Verena Bertignoll ließ in einer kleinen qualitativen Studie Kinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren vor einer Kamera ihr Lieblingsmärchen erzählen und fand zahlreiche Überlagerungen von Persönlichkeit und Märcheninhalt. Sie konnte zeigen, dass die Präferenz für ein bestimmtes Märchen, das ein Kind mag, und was es in diesem beim Erzählen hervorhebt, weglässt oder auch verändert, vieles über seine inneren und äußeren Konflikte, über seine Ängste, Befürchtungen, Aggressionen und Wünsche verrät. Besonders das Lieblingsmärchen hat diagnostischen Wert, denn Märchen bieten Bilder, die das zum Ausdruck bringen, was ein Kind gerade beschäftigt. Märchen sind aber gleichzeitig eine Projektionsfläche, sich mit bestimmten "erwachsenen" Themen auseinanderzusetzen, denn oft geht es in Märchen darum, das Gefühl des Verlassenwerdens zu erleben und in der Geschichte zu erkennen, dass sich diese Angst überwinden lässt. Therapeutisch betrachte schaffen Märchen für Kinder häufig die ersten Berührungspunkte mit fundamentalen Wahrheiten und Problemen wie Angst, Aggression und Tod, sodass in der häufig kritisierten Brutalität der Märchen nicht nur Negatives steckt. Märchen und Sagen haben daher eine wichtige Funktion für die emotionale Entwicklung, denn sie schaffen für Kinder häufig die ersten Berührungspunkte mit fundamentalen Wahrheiten und Problemen wie Angst, Aggression und Tod. Die manchmal kritisierten Brutalität der Märchen ist daher nicht nur negativ zu betrachten, denn Ängste werden mit Hilfe der Märchen aufgedeckt und ein Kind kann sich frühzeitig damit auseinandersetzen. Oft geht es in Märchen darum, das Gefühl des Verlassenwerdens zu erleben und dadurch zu erkennen, dass es sich überwinden lässt. Zudem lassen Märchen im Gegensatz zu vielen modernen Medienentwicklungen einen viel größeren Interpretationsspielraum und bieten Projektionsflächen, da vieles ausgesprochen knapp und offen formuliert ist. Die Auswirkungen von Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" auf die damalige Jugend oder die Folgen von Schundliteratur werden ebenfalls häufig als Beispiel für Medienwirkung angeführt (s.u. der "Werther-Effekt").

Insgesamt weiß man zwar über den Zusammenhang zwischen Massenkommunikation und Gesellschaft, über die Wirkungsgesetze der Medien, zu wenig und es ist sicher richtig, dass die vorliegenden Forschungsarbeiten disparat sind, jedoch gibt es "oft … zu einem bestimmten Problem nur eine einzige Studie. Anschlußuntersuchungen, Replikationen oder Falsifikationsversuche seien die Ausnahme. Dadurch entstehe der Eindruck von bruchstückhaften, zerstückelten Befunden, zwischen denen kein Zusammenhang bestehe, die einander sogar widersprechen würden. Bei einer solchen Datenlage sei an eine theoretische Integration der vielen Einzelergebnisse nicht zu denken. Die Forderung nach der einen Theorie der Medienwirkung sei nicht erfüllbar, weil die Medien und ihre Inhalte viel zu verschieden wären. Auch seien die Randbedingungen, unter denen die Medien wirkten, viel zu komplex, als daß es möglich wäre, sie in einem konsistenten Satz von Hypothesen zusammenzufassen. Von der Kommission werden deshalb Bemühungen um Wirkungstheorien geringer oder mittlerer Reichweite gefordert; angemahnt werden in diesem Kontext auch Theorien zur Wirkung von Gewaltdarstellungen" (Kunczik & Zipfel o.J.).

Bei der Diskussion wird häufig der im wissenschaftlichen Bereich neutrale Begriff der Aggression mit Gewalt und vor allem zerstörerischer Gewalt gleichgesetzt. Nach Rogge (1999, S. 142f) wird auf diese Weise die produktive und konstruktive Kraft von Aggression abgewertet. Denn Aggression bedeute im ursprünglichen Sinn bzw. ihrer lateinischen Wurzel nach so etwas wie einen Beginn oder einen Zugang zu etwas oder jemandem; deshalb sei ein Leben ohne Aggression unmöglich, wenn Werte wie Eigenständigkeit und Selbstbewußtsein umgesetzt werden sollen.

Kunczik unterscheidet beim Begriff "Gewalt" zwischen direkter, personaler Gewalt und struktureller, indirekter Gewalt. Demnach handelt es sich bei struktureller Gewalt um die in ein soziales System "eingeflochtene" Gewalt, um eine Art "Ungerechtigkeit". Sie tritt, ohne daß sichtbar eine ausführende Person vorhanden ist und "ohne daß sich das Opfer der strukturellen Gewalt dieser Vergewaltigung bewußt sein muß, in ungleichen Machtverhältnissen" (Kunczik 1998, S. 16) auf. Die Problematik struktureller Gewalt ist jedoch aufgrund der großen Probleme, die mit ihrer Operationalisierung verbunden sind, in der Debatte zur Wirkung von medialen Gewaltdarstellungen weitgehend unbeachtet geblieben (vgl. Kunczik 1998, S. 16 f.). Unter personaler Gewalt wird demgegenüber die beabsichtigte körperliche und/oder psychische Schädigung eines Individuums, eines Lebwesens oder eines Gegenstandes durch eine andere Person verstanden (vgl. Kunczik 1998, S. 15).

Nach Kepplinger & Dahlem muß man des weiteren zwischen "natürlicher" und "künstlicher" sowie zwischen "realer" und "fiktiver" Gewalt differenzieren. Die Darstellung realer Gewalt beinhaltet dabei das Zeigen von Verhaltensweisen, die physische und psychische Schädigungen tatsächlich beabsichtigen oder bewirken (z.B. im Reality-TV). Bei der Präsentation fiktiver Gewalt werden dagegen Verhaltensweisen gezeigt, welche eine physische oder psychische Schädigung nur vorgeben. Unter natürlicher Gewalt versteht man die lebensechte Darstellung eines Gewaltaktes, wie z.B. im TV-Krimi. Von künstlicher Gewalt spricht man letztendlich im Zusammenhang mit "unechten" Gewaltdarstellungen, wie sie z.B. in Zeichentrickfilmen zu sehen sind. Um die Auswirkungen medialer Gewaltdarstellungen auf Personen zu erforschen, wurde in den bisher durchgeführten Untersuchungen (diesen Gewaltdefinitionen nach) zumeist der Typus natürlicher, fiktiver Gewalt benutzt (vgl. Kunczik 1998, S. 14).

Gewaltbegriff

  • Die Katharsis-These (Sigmund Freud): Ähnlich einem Blitzableiter fangen Gewaltdarstellungen die Aggressionen des Rezipienten auf und neutralisieren sie. Reale Gewalt wird dadurch reduziert.
  • Die Frustrations-Aggressions- bzw. Stimulationsthese (Leonard Berkowitz): Gewaltdarstellungen im Fernsehen können nur dann Aggressionen beim Zuschauer auslösen, wenn dieser schon im Vorfeld durch irgendeine Frustration Ärger empfindet. Dieser Ärger wird dann vom Fernsehen in Aggression umgeleitet.
  • Die Inhibitionsthese (Seymour Feshbach): Aggressive Bilder im Fernsehen rufen ebenfalls aggressive Impulse beim Zuschauer hervor. Aufgrund der während der Erziehung erlernten Angst vor Bestrafung werden diese Impulse jedoch unterdrückt und die Folge ist eine geringere Gewaltbereitschaft.
  • Die Habitualisierungsthese (Rowell Huesman und Leonhard Eron): Durch Gewöhnung und "Abstumpfung" führen Gewaltdarstellungen, welche gehäuft und über einen längeren Zeitraum aufgenommen werden, zu einer tendenziell erhöhten Gewaltbereitschaft. William A. Belson (1978) kann in einer Langzeitstudie keine Belege dafür finden, dass mit dem Ausmaß des Konsums violenter Sendungen eine Abstumpfung gegenüber Gewalt einhergeht, Gewalt als geeignetes Konfliktlösungsinstrument angesehen wird und der Glaube herrscht, Gewalt sei unvermeidlich. Insgesamt gesehen liegen keine Daten vor, die diese These stützen und eine Veränderung der Persönlichkeitsstrukturen der Rezipienten dahingehend belegen, daß sich Gleichgültigkeit gegenüber realer Gewalt entwickelt.
    Eine Metaanalyse von 30 Studien aber zeigte, dass die wiederholte Betrachtung von Fernsehgewalt sehr unterschiedlich operationalisiert wurde und die meisten der Untersuchungen sich eher mit anderen Wirkungsformen beschäftigen. Die Habitualisierungsthese bedarf, und dies ist angesichts der Quantität der Studien zur Fernsehgewalt überraschend, noch der empirischen Untersuchung (vgl. Kunczik & Zipfel o.J.).
  • Der Imitationslernen bzw. Soziales Lernen (Albert Bandura): Dadurch, daß im TV aggresssive Problemlösungsstrategien gegenüber nicht-aggressiven gehäuft dargestellt werden, entwickeln besonders "Vielseher" entsprechende Wahrnehmungsmuster, da parallel dazu entsprechende Erlebnisse im realen Alltag oftmals fehlen. Diese Wahrnehmungsmuster werden dann in ähnlichen Alltagssituationen in (aggressives) Verhalten umgesetzt.
    Siehe dazu auch "Computerspiele machen aggressiv".
  • Die Suggestionsthese besagt, dass die Beobachtung von Mediengewalt beim Rezipienten zu einer mehr oder weniger direkt anschließenden Nachahmungstat führt, wird in der wissenschaftlichen Literatur nicht mehr vertreten. In den USA sind aber eine Reihe von Studien veröffentlicht worden, deren Resultate die These stützen, dass für bestimmte erwachsene Rezipienten das Konzept der Suggestion unter bestimmten Bedingungen zur Erklärung von in der natürlichen Umgebung auftretenden Effekten des Konsums von Mediengewalt geeignet zu sein scheint. So konnte David P. Phillips (1974) aufzeigen, daß die Selbstmordziffer nach der Veröffentlichung von Berichten über Selbstmorde (zum Beispiel Marilyn Monroe) sowohl in den USA als auch in Großbritannien anstieg (Werther-Effekt). Phillips (1982) behauptet, die Nachahmung fiktiver Selbstmorde im Rahmen von Soap Operas nachwiesen zu können, denn im Jahre 1977 stieg die Zahl der Selbstmorde unmittelbar nach der Sendung von fiktiven Selbstmorden in Soap Operas statistisch signifikant an. Der Autor führt diesen Zusammenhang kausal auf die massenmedialen Inhalte zurück, die imitative Selbstmorde auslösen könnten. Allerdings konnten zahlreiche Fehler in diesen Untersuchungen nachgewiesen werden (vgl. Kunczik & Zipfel o.J.).
    Diese Behauptung, gewalttätige Medieninhalte bewirkten nicht nur in Einzelfällen, was unumstritten ist, sondern regelmäßig monokausal und direkt violentes Verhalten, wird noch immer von den Massenmedien, insbesondere von der Boulevardpresse, sowie von anderen nicht wissenschaftlich geschulten Beobachtern vertreten. Eher ist anzunehmen, dass derartige Berichte Tätern nicht selten als Informationsquelle für die Rationalisierung beziehungsweise Rechtfertigung (ex ante und ex post facto) ihres Verbrechens dienen (vgl. Kunczik & Zipfel o.J.).
  • Die These der "Allgemeinen Erregung" (Percy H. Tannenbaum und Dolf Zillmann): Durch Frustration bedingter Ärger geht einher mit physiologischer Erregung, welche in der Folgezeit gleichmäßig abgebaut wird. Durch aggressive Medieninhalte wird diese Erregung jedoch kontinuierlich aufrechterhalten, sie wird dann eventuell als Aggression interpretiert und in konkretes Verhalten umgesetzt.
  • Die These der "Ängstlichen Weltbilder" (George Gerbner und Jo Groebel): Das Übermaß an Gewaltdarstellungen im Fernsehen führt zur Stärkung eines Ängstlichen Weltbildes bei den Zuschauern. In der Folge überschätzen viele Menschen die wirklichen Gefahren des Alltags.
  • Die "These der Wirkungslosigkeit" (William McGuire): Mediengewalt zieht - wenige Ausnahmen ausgenommen - auf der individuellen Wirkungsebene keine wirkliche Gewalt nach sich.
  • Kleiter (1997) entwickelt ein "Modell der moderiert-intervenierten und sozial-kognitiv gesteuerten Aggression" (MISKA). In dessen Zentrum steht eine "Aufschaukelungsspirale" von Film-Konsum und Aggressivitätserwerb, das nach unterschiedlichen Personentypen aufgesplittet wird und den Faktor "Reflexivität" berücksichtigt. Reflexivität wird im Sinne der kognitiven Psychologie als Steuergröße verstanden, welche die Wahl und Entscheidung für oder gegen eine aggressive Lösung in einer aktuellen Situation trifft. Nach den von Kleiter vorgelegten Befunden werden durch das Ausmaß der Reflexivität unter anderem die Qualität und Menge des Konsums von Filmen, die Motivation zum Filmkonsum sowie der Erwerb und die Übernahme gesehener Gewalt in Form von Disposition zur Aggressivität gesteuert. In seinem sehr komplexen "Modell der moderierten und hierarchisch intervenierten Aufschaukelung" wird eine Vielzahl von Variablen berücksichtigt, die zur Wirkung der Medien auf die Herausbildung aggressiver Verhaltensweisen beitragen können. Dazu gehören unter anderem: ungünstiges Milieu (zu wenig Platz, keine alternativen Freizeitangebote), Eltern, die selbst aggressive Filme konsumieren beziehungsweise keine Vorbilder vermitteln können, Inkompetenzüberzeugung, Neugier, Reizsuche, mangelnde Bildung, Identifikation mit Siegern im Film, Männlichkeitsstereotyp, Aggressivität als Persönlichkeitseigenschaft, Erfolg durch aggressives Verhalten, Vergeltungsethik, eine negative Sicht des Weltzustandes, ein rauhes Klima in der Peergruppe, ein Klima der Konkurrenz in der Schule, das Gefühl, die Umwelt nicht kontrollieren zu können, ein aggressiver Erziehungsstil der Eltern. Durch die Berücksichtigung dieser Faktoren findet Kleiterweit höhere Effekte als in den meisten bisherigen Untersuchungen. Der Verfasser unterscheidet dabei "eher Aggressive" (ca. 40 Prozent) mit den Untertypen "manifest Aggressive" (ca. 22 Prozent) und "latent Aggressive" (ca. 27 Prozent) sowie "eher Friedliche" (ca. 60 Prozent) mit den Untertypen der "aktiv Friedlichen" (ca. 26 Prozent) und der "passiv Friedlichen" (ca. 34 Prozent). Als besonders bedenklich betrachtet Kleiter nicht die 2,5 Prozent extrem Aggressiven, sondern argumentiert: "Für die Zukunft der Gesellschaft ist die leise schlummernde Aggressivität der latent Aggressiven viel gefährlicher. Eine vorhandene hohe latente Aggressivität kann jederzeit aktiviert werden." (nach Kunczik & Zipfel o.J.)

Theunert (1996, S. 33) fasst das Dilemma der Gewaltwirkungsforschung mit der Aussage zusammen, daß gewalttätige Darstellungen in den Medien anscheinend in drei Richtungen wirken: "Einmal sollen (...) [sie] wirken, indem sie dem Zuschauer die Abreaktion seines aggressiven Triebpotentials ermöglichen (...); dann wieder sollen sie gegenteilig wirken, indem sie dem Zuschauer Lernmodelle für aggressives Verhalten anbieten und somit zu einer Steigerung realer Gewalttätigkeiten beitragen; und schließlich sollen sie gar nicht wirken, sondern bedeutungslos für Ausmaß und Ausprägung realer Gewalttätigkeit sein. Eins ist jeweils mit dem anderen unvereinbar".

Kunczik (1995, S. 47) meint, daß Fernsehgewalt eine direkte negative Wirkung nur bei bestimmte Individuen und Problemgruppen erziele, aber auch hier nur im Zusammenwirken mit anderen zusätzlichen Problemen wie z.B. niedrigem Selbstbewußtsein, sozialer Isolation u.s.w..

Rathmayr (1996, S. 156) spricht davon, daß durch Mediengewalt zwar keine direkte Gewalt, aber zumindest ein Abstumpfungseffekt bei den Zuschauern hervorgerufen wird: Moderne Publikumsmedien "sind nicht nur drauf und dran, die Wirklichkeitserfahrungen der Menschen durch ihre Ersatzwirklichkeiten zu verdrängen, sondern diese Ersatzwirklichkeiten gleichzeitig so zu veralltäglichen, daß sie als längst Bekanntes, Gewohntes, eben Alltägliches erscheinen, selbst wenn es sich um die spektakulärsten Schreckensbilder handelt".

Rogge (1999, S. 144 ff) fordert, daß alle existierenden Wirkungstheorien daraufhin überprüft werden müßten, inwieweit sie die soziale Umgebung, die Altersstufe und die jeweils akute Mediennutzungssituation der Rezipienten mitberücksichtigen. Erst danach könne man die jeweilige Theorie in Bezug auf ihre Brauchbarkeit beurteilen. Einflüsse medialer Gewalt ergeben sich niemals automatisch. Zentral für eine Folgeabschätzung medialer Gewaltdarstellung sind jene Erfahrungen, die Kinder mit erzieherischer Gewalt und Zurichtung im Elternhaus machen. Als Beispiele führt er Aussagen von Kindern an, die offensichtlich "harmlose" Fernsehsendungen wie "Lindenstraße", "Tagesschau" und Tiersendungen aufgrund der Darstellung von z.B. Familienstreit oder Walsterben als ",brutal" und als furchteinflößend empfinden. Allerdings tauche Streit unter Eltern (Beispiel "Lindenstraße") in den meisten Studien nicht als Kriterium für Gewalt auf. Als Gewalt und Aggression wird jene Symbolik bedeutsam, die der Rezipient aufgrund seiner biographischen wie aktuell geprägten Sozialisationsbedingungen als Gewalt wahrnimmt.

Theunert (1996, S. 40) meint aufgrund ihrer Metanalysen, daß sich mit den Ergebnissen der Mediengewaltforschung keine zwangsläufige Gewaltbereitschaft unter Kindern erkennen läßt. Dabei bezieht sie sich vorzugsweise auf die schon erwähnten Lernexperimente Banduras, welche sie in folgenden Punkten kritisiert: Erstens seien Banduras Befunde nicht auf die alltägliche Fernsehrezeption von Kindern übertragbar, da sie in einer künstlich geschaffenen und realitätsfernen Umgebung gewonnen wurden. Zweitens seien Befunde, die in Experimenten mit Kleinkindern gewonnen würden, nicht auf andere Altersgruppen übertragbar, und drittens hätten die Befunde keine Aussagekraft über das Verhalten der Kinder in der Realität, da z.B. ,"die Bobo-Puppe ein denkbar ungeeignetes Äquivalent für reale Gewalttätigkeit" darstelle. Die bei Bandura angeführten Argumente seien kaum geeignet, die Stimulationswirkung medialer Gewaltdarstellungen zu belegen.

Thesen zur Wirkung von Gewaltdarstellungen

 

Belson, W. A. (1978). Television violence and the adolescent boy. Westmead.

Kleiter, E. F. (1997). Film und Aggression - Aggressionspsychologie. Theorie und empirische Ergebnisse mit einem Beitrag zur Allgemeinen Aggressionspsychologie. Weinheim.

Phillips, D. P. (1974). The influences of suggestion on suicide: substantive and theoretical implications of the Werther effect. American Sociological Review 39.

Phillips, D. P. (1982). The impact off fictional television stories on U. S. adult fatalities: New evidence on the effect of the mass media on violence. American Journal of Sociology, 87.

 

Felduntersuchungen

Das Feldexperiment gehört aufgrund der folgenden Merkmale zu den erfolgversprechendsten Methoden: Da sie auf einen längeren Zeitraum ausgelegt sind, lassen sich bei Felduntersuchungen auch feine, langfristige Effekte feststellen und untersuchen. Außerdem werden die nach einem systematischen Zufallsprinzip ausgewählten Versuchspersonen in ihrer "natürlichen" Umgebung untersucht, wodurch das eventuelle Ergebnis weniger verfälscht wird. Ebenso kommt bei Feldstudien das ausgewählte Medienmaterial aus dem "normalen" Kontingent der Fernsehsender, d.h. es werden keine spezifischen im Voraus ausgesuchten Materialien angeboten. Wichtig ist vor allem, das gleiche Individuen oder Gruppen zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf die gleichen Fragen und Parameter hin untersucht werden. Nachteil dieser Methode ist, daß ungewollte Beeinflussungen nicht ausgeschlossen werden können.

In der Studie von Black & Bevan (1992) mußten vor einem Kino wartende und aus einem Kino herauskommende Personen einen kurzen Fragebogen ausfüllen, der die Bereitschaft, sich aggressiv zu verhalten, messen sollte: Während man vor dem Kino wartet, um einen gewaltsamen Film zu sehen, um einen gewaltfreien Film zu sehen, wenn man gerade einen gewaltsamen Film gesehen hat und nachdem man einen gewaltfreien Film gesehen hat. Es stellte sich heraus, daß
  • diejenigen, die auf einen gewaltsamen Film warteten, eine größere Tendenz zu gewaltsamem Verhalten zeigten, als wenn sie auf einen gewaltfreien Film warteten,
  • diejenigen Befragten, die gerade einen gewaltsamen Film gesehen hatten, eine größere Tendenz zu Aggression zeigten als diejenigen, die warteten, um einen gewaltsamen Film zusehen.
Es fanden sich keine Unterschiede zwischen denen, die auf einen gewaltfreien Film warteten und denen, die gerade einen gewaltfreien Film gesehen hatten.

Laborstudien

Laborstudien scheinen vor allem dafür geeignet zu sein, auffällige Kurzzeit-Wirkungen festzustellen. Dies wird unter anderem dadurch erreicht, daß z.B. das Medienangebot gezielt für die Studie angefertigt und die Kommunikation zwischen den Versuchspersonen weitgehend unterbunden wird. Außerdem werden so geartete Untersuchungen zumeist an untypischen Probanden (z.B. männliche Studenten oder Kindergartenkinder) durchgeführt. So ist es kein Wunder, daß Studien, die in der Abgeschlossenheit eines Laboratoriums durchgeführt werden, oftmals der Kritik unterliegen, zu "unnatürlich" zu sein. Deshalb ist es bei Laborstudien nicht möglich, Aufschlüsse über Effekte in einer normalen Umwelt zu erhalten.

Ein Beispiel ist die Untersuchung von Liebert & Baron (1972). Jungen und Mädchen in zwei Altersgruppen wurden zufällig einer von zwei Experimentalbedingungen zugewiesen. Während sie in der einen Bedingung Filmausschnitte mit Gewaltszenen sehen konnten, wurden ihnen in der anderen Bedingung Ausschnitte eines spannenden Sportwettkampfes gezeigt. Danach hatten beide Gruppen die Möglichkeit, ein anderes Kind zu bestrafen. Dabei zeigte sich, daß diejenigen Kinder, die das gewaltsame Filmmaterial gesehen hatten, diese Möglichkeit weitaus häufiger nutzten als die anderen Kinder, die gewaltfreie Ausschnitte gesehen hatten. Da die Kinder zufällig auf die beiden Experimentalbedingungen verteilt worden waren, können die beobachteten Unterschiede mit großer Sicherheit auf das unterschiedliche Filmmaterial zurückgeführt werden anstatt auf Unterschiede zwischen den Kindern.

Typische Beispiele sind auch die Versuche von Albert Bandura (siehe Bilder rechts), deren Ergebnisse eindeutig zeigten, daß Kinder, denen ein sich aggressiv verhaltendes Modell präsentiert worden war, in einer anschließenden Spielsituation deutlich mehr aggressive Verhaltensweisen insgesamt zeigten, als andere Kinder, denen ein nicht-aggressives Modell oder gar keins angeboten worden war.

Die Vielseherforschung

In der Vielseherforschung wird z.B. geprüft, ob ein übermäßiger Fernsehkonsum (mehr als 4 Stunden täglich) zu einem verzerrten bzw. vom Fernsehen geprägten Realitäts- oder Weltbild bei den Rezipienten führt. Es wird der Frage nachgegangen, ob man durch häufiges Ansehen von Krimis eine größere Angst vor dem nächtlichen Ausgehen entwickelt, weil man die reale Kriminalitätsrate viel zu hoch einschätzt. Aber auch diese Forschungsart läßt keine allgemeingültigen Schlüsse zu, da die jeweilige Interpretation, ob die Furcht vom Fernsehen, vom sozialen Umfeld oder auch der Persönlichkeit des Rezipienten herrührt, gegensätzliche Ergebnisse zuläßt.

Jeffrey Johnson (Columbia Universität, New York) zeigte in einer Langzeitstudie, daß mehr als eine Stunde Fernsehen am Tag die Gewalt fördert. Es wurden über einem Zeitraum von 17 Jahren 707 meist weiße (91%) und katholische (54%) Kinder im Alter zwischen einem und zehn Jahren aus New York mehrmals (1975, 1983, 1985-86 und 1991-93) auf ihrem Weg von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter befragt. Auch wurden die Mütter zu Kontrollzwecken interviewt. Die Kinder teilte man nach Dauer ihres Fernsehkonsums in drei Gruppen: weniger als eine Stunde, zwischen einer und drei Stunden sowie mehr als drei Stunden tägliches Fernsehen. In einer Stunde Fernsehen während der abendlichen Hauptsendezeit gibt es durchschnittlich drei bis fünf Szenen mit Gewalt, zu der Zeit, in der Kinder und Jugendliche vor der Kiste sitzen, würden sie 20 bis 25 solcher Szenen stündlich sehen.

Je öfter Jugendliche fernsehen, desto eher sind sie als Erwachsene gewalttätig. Von den Vielsehern mit mehr als drei Stunden Fernsehen täglich verübten gar fünfmal mehr Personen Gewalttaten als in der Gruppe der Fernsehabstinenten, die weniger als eine Stunde fernsahen. Es wurden dazu objektive Informationen über Festnahmen oder Strafen herangezogen. Daß für die Gewalttaten tatsächlich der Fernsehkonsum verantwortlich ist und nicht andere gewaltfördernde Einflüsse wie ein niedriges Familieneinkommen oder eine heruntergekommene Wohngegend, konnten die Forscher mit statistischen Methoden belegen.

Des weiteren stellte sich heraus, dass Aggressivität nicht nur gefördert wird, wenn Kinder in frühem Alter medialen Gewaltdarstellungen ausgesetzt werden, sondern dass dies auch noch für das Erwachsene gilt. Es zeigte sich auch ein deutlicher Unterschied zwischen Mädchen und Knaben: Während Ein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß des Fernsehkonsums und der Gewaltneigung bei Mädchen im frühen Erwachsenenalter am stärksten ist, zeigt sich diese Korrelation bei den Buben vor allem in der Pubertät. Neigen Mädchen eher zu Raub und Gewaltandrohungen, so Jungen zu Beleidigungen und Raufereien, die auch zu Verletzungen führen.

Aus dieser Untersuchung läßt sich ableiten, dass die Beobachtung von Gewalt im Fernsehen zur Nachahmung führt und erhöhter Fernsehkonsums auch den Verlust sozialen Verhaltens fördert, wie man ohne Gewalt aus kritischen Situationen herauskommen kann.

Eine Studie von Mark Singer et al. (Pediatrics 1999, 104, S. 878-884) der Case Western Reserve University in Cleveland, Ohio, ergab, daß Kinder, die ohne ihre Eltern im Fernsehen Gewaltfilme ansehen, mit einer größeren Wahrscheinlichkeit selbst gewalttätig werden als Kinder, die unter Elternaufsicht fern sehen. Sie untersuchten das Fernsehverhalten von über 2200 Schülern im Alter zwischen 7 und 15 Jahren. Die Fragen, die Kinder in einem Fragebogen beantworteten, bezogen sich auf Dauer und Inhalt des täglichen Fernsehkonsums, auf die Beaufsichtigung durch die Eltern und auf Gewalterfahrungen im Alltag der Kinder. Die Wissenschaftler fanden einen deutlichen Zusammehang zwischen gewalttätigem Verhalten und hohem Konsum von Gewaltfilmen im Fernsehen. Dabei zeigten Knaben durchwegs mehr Gewaltbereitschaft und gewalttätiges Verhalten als Mädchen.

Klaus Samac und Alexandra Vogl (2000) konnten diese Ergebnisse in einer österreichischen Studie ("Volksschüler, die viel fernsehen, sind aggressiver als andere") bestätigen. Im Mittelpunkt des Interesses der quantitativ empirischen Untersuchung (2000) stand die Frage, ob sich bei 9- bis 10-Jährigen ein Zusammenhang zwischen ihrem quantitativen Fernsehkonsum und ihrem Aggressionsverhalten nachweisen lässt. Im Bezirk Krems an der Donau (Niederösterreich) wurden die Daten von insgesamt 493 Schülerinnen und Schülern der 3. und 4. Volksschulklassen an neun Schulen erhoben. Jedes Kind markierte eine Woche lang täglich in der Schule alle am Vortag geschauten Fernsehsendungen in seinem Fernsehprogramm. Das Aggressionsverhalten wurde mit Hilfe des Erfassungsbogens für aggressives Verhalten in konkreten Situationen (EAS) erfasst. Die deskriptiven Statistiken wiesen eine durchschnittliche tägliche Fernsehdauer von 82 Minuten auf (Mittelwert), der Median lag bei 64 Minuten. Ein Unterschied zwischen Mädchen und Burschen war nicht erkennbar, Viertklässler sahen um 15 Minuten länger fern als Drittklässler. Die Daten aus dem Aggressionserfassungsbogen bestätigten die Studien von Petermann & Petermann, wonach Burschen aggressiveres Verhalten zeigen als Mädchen. In Bezug auf das Fernsehverhalten konnte nachgewiesen werden, dass Vielseher (mehr als täglich 64 Minuten fernsehen) multivariat signifikant aggressiver sind als Wenigseher (weniger als täglich 64 Minuten fernsehen). Eine genaue Analyse der Ergebnisse zeigte, dass wenigsehende Mädchen die geringste Aggressionsbereitschaft aufweisen. Signifikant aggressiver sind vielsehende Mädchen, gefolgt von wenigsehenden Burschen. Vielsehende Burschen sind zwar tendenziell aggressiver als wenigsehende Burschen, jedoch nicht signifikant.

Metaanalsen zeigen, dass nach der Rezeption von Gewalt in Computerspielen zumindest kurzfristig das Aggressionspotenzial steigt. Vor allem zeigt man eine erhöhte Zugänglichkeit für aggressive Gedanken, z.B. in einer verzerrten Wahrnehmung, wie dem "hostile attribution bias" und dem "hostile expectation bias". Der erste Attributionseffekt meint, dass man eher von einer feindseligen Handlung seines Gegenübers ausgeht, wenn man nach dem "Konsum von Gewalt" z.B. im Bus unabsichtlich angerempelt wird. Der zweite Effekt bezeichnet die falsche Einschätzung, wie sein Gegenüber den Konflikt nun lösen wird. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Aggressive Menschen erwarten auch aggressive Handlungen. Interessanterweise sind in diesen Studien Kinder und Jugendliche weniger empfänglich, vielmehr weisen ältere Spieler einen stärkeren Zusammenhang zwischen Spielen und Aggression auf. Zwar ist in solchen Studien nicht eindeutig belegbar, was Ursache und was Wirkung ist - jedoch handelt es sich beinahe in allen einschlägigen Untersuchungen um gut belegbare Wechselwirkungen - d.h., es handelt sich in jedem Fall um Verstärkungseffekte hinsichtlich eines schon vorhandenen Potentials. Daher sind die von Skeptikern häufig vorgebrachten Argumente, dass es keine einheitliche Forschungslage gibt, Unsinn.

Metaanalysen

Die Metaanalyse ist eine Methode, bei der die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen, die ähnliche oder unterschiedliche Aspekte des gleichen Forschungsgegenstandes betrachten, zusammengetragen und quantitativ ausgewertet werden. In das dadurch entstehende Gesamtbild können vorhandene Erkenntnisse eingearbeitet und so neue Theorien erstellt werden. Der Schwachpunkt dieser Methode liegt in ihrer Abhängigkeit von der Qualität der darin eingehenden Arbeiten.

Ammitzboell (1987) sammelte empirische Untersuchungen über die Auswirkungen von Gewalt und Video in den Jahren 1982-1984. Aus der Vielzahl der Ergebnisberichte stammten 32,9% von Laboruntersuchungen, 28,6% von Befragungen, 28,5% von Feldstudien bzw. Feldexperimenten und 10% von Inhaltsanalysen:
  • Mehr als die Hälfte aller Untersuchungen sind so konzipiert, daß ausschließlich temporäre Auswirkungen ermittelt werden.
  • In 65,5% der Studien wird als Stimulusmaterial das reguläre Fernsehprogramm benutzt. Dadurch wird dem Vorwurf weitgehend Rechnung getragen, daß das "übliche" Stimulusmaterial nicht der Wirklichkeit entspreche.
  • Bei allen verwendeten Methoden wird ein positiver oder kein Zusammenhang zwischen Fernsehen und Aggression gefunden. Daher läßt sich ausschließen, daß das Ergebnis von der Untersuchungsmethode abhängig ist.
  • Ein großer Teil der Studien zeigt einen zumindest kurzfristigen Aggressions-Effekt auf, welcher jedoch in Bezug auf Relevanz von den Autoren als gering bis unbedeutend eingestuft wurde. Demnach gäbe es keinen eindeutigen Zusammenhang von Fernsehgewalt-Rezeption und gewalttätigem Folgeverhalten.

Methoden der Wirkungsforschung

 

 

aggressive Erwachsene medien gewalt

 

aggressives Verhalten große Puppe fernsehen

 

Zur experimentellen Methode
siehe den Hypertext:
Werner Stangl (2000).
Test und Experiment.
WWW: http://www.stangl-taller.at/
TESTEXPERIMENT/ (01-04-08)

 

 

 

 


Inhaltsanalysen

Bei der Erfassung der Mediengewalt durch Inhaltsanalysen schwankt das Ausmaß der ermittelten Violenz erheblich, da es eine große Anzahl verschiedener Begriffsbestimmungen von Gewalt gibt. Da ein direkter Schluß vom Inhalt einer Fernsehsendung auf deren Wirkung unzulässig ist, wird zur Erfassung von Medieninhalten meistens die funktionelle Inhaltsanalyse angewandt. Diese Form geht davon aus, daß die Wirkung und Auffassung von Fernsehsendungen von spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen und von der Lebenserfahrung des Rezipienten abhängt. Ebenfalls wird geprüft, wie stark der Rezipient selbst die dargestellten Filmausschnitte als Gewalt empfindet.

Für die Landesanstalt für Rundfunk Nordrhein-Westfalen führten Groebel & Gleich (1993) eine inhaltsanalytische Studie durch, die einen Überblick über die Quantität und die inhaltliche Struktur der im deutschen Fernsehen gezeigten Gewaltszenen vermitteln sollte. Zu diesem Zweck wurden 1991 während eines Zeitraums von acht Wochen nach einer Zufallsstichprobe Programme jedes einzelnen Senders (RTL, SAT 1, Tele 5, PRO 7, ARD, ZDF) so ausgewählt, daß insgesamt eine vollständige Woche nach dem jeweiligen Programmschema repräsentiert war. Anschließend wurde das gesammelte Material nach Qualität und Quantität der vorkommenden Gewalthandlungen analysiert:
  • In 47,7% aller erfaßten Sendungen kamen gewalttätige oder bedrohliche Szenen vor. Dabei findet sich die überwiegende Zahl von Gewaltdarstellungen in fiktionalen Sendungen wie Spielfilmen oder Serien wieder, während Nachrichten und Dokumentationen einen Anteil von etwa 15% der gezeigten Gewaltszenen ausmachen
  • Die Art der Konfliktsituation bei den gezeigten Gewaltakten verteilt sich auf 71% eindeutige Aggressor-Opfer-Situationen und 29% gleichberechtigte Konflikte.
  • Bei der Art der ausgeübten Gewalt nehmen Szenen, welche körperlichen Zwang und leichte Körperverletzung zeigen, mit 39% den größten Teil ein. Es folgen Szenen mit physischer Bedrohung (32%), Sachbeschädigung (23%), Mord (15%), Schlägerei (14%), schwerer Körperverletzung (11%) und massiver Beschimpfung (10%).
  • Die gewaltausübenden Personen sind in 92% der Fälle Erwachsene mittleren Alters, Szenen mit jugendlichen Aggressoren nehmen 4%, mit Kindern und älteren Leuten je 2% aller Gewaltszenen ein.

Problemgruppenanalyse

Diese Methode der Wirkungsforschung sucht spezifische Personengruppen, bei denen eine erhöhte Wirkung medialer Gewaltdarstellungen vermutet wird, etwa Kinder oder Jugendliche, die sich in einschlägiger psychiatrischer Behandlung befinden, oder auch Personen, die aufgrund gesteigerter Gewaltbereitschaft aktenkundig wurden. Aus diesem Grund werden einerseits bei Psychologen und Psychiatern, andererseits bei Richtern und Staatsanwälten gezielte Befragungen zu ihren Erfahrungen im Hinblick auf violente TV-Darstellungen und auftretende Aggressionen bei ihren Patienten/Klienten durchgeführt. Diese Methode suggeriert allerdings von vornherein einen Zusammenhang von Gewaltszenen und Gewalthandlungen, sodaß letztlich das Ergebnis bis zu einem gewissen Grad determiniert ist.

Henningsen & Strohmeier (1985) führten Befragungen von 310 Jugendlichen (im Alter von 15-20 Jahren in Schulen und auch außerschulischen Einrichtungen) zum Thema Gewaltvideokonsum durch:
  • 83,2% aller Befragten konsumieren öfters Videofilme; 74,4% geben dabei an, schon einmal einen "grausamen Horrorfilm" gesehen zu haben.
  • Extrem harte Gewaltvideos werden von der Mehrheit der Befragten abgelehnt; nur bei der Gruppe der "Vielseher" (11% der Jugendlichen) bevorzugen über zwei Drittel diese Extremfilme.
  • 60,8% der befragten Jugendlichen stimmen der Aussage zu, daß jemand, der ständig grausame Filme sieht, selbst grausam wird.

In der Gruppe der Vielseher gehören 15,1% den Selbständigen, 15,1% der oberen Mittelschicht, 27,3% der mittleren Mittelschicht, 6.1% der unteren Mittelschicht, 33,3% der oberen Unterschicht und 3% der unteren Unterschicht an.

In den USA wurden zahlreiche Untersuchungen zu den Auswirkungen von Gewaltdarstellungen im Fernsehen auf Kinder und Jugendliche durchgeführt (vgl. Smith & Donnerstein 1998). Beinahe in allen konnten signifikante Korrelationen zwischen dem Konsum von Fernsehgewalt und aggressiven Gedanken, Einstellungen oder gewalttätigem Verhalten nachgewiesen werden. Experimentelle Untersuchungen lassen daher eine kausale Beziehung zwischen diesen Variablen für verschiedene Altersgruppen (Vorschulalter, Kindheit, Adoleszenz) vermuten, wobei diese Zusammenhänge gegenüber Zeit, Ort und demographischen Kriterien ziemlich stabil bleiben. Bei den meisten Untersuchungen handelt es sich um Korrelationsstudien, die keine Aussagen über die Kausalität zulassen, da sowohl die Richtung des Zusammenhanges unbekannt ist als auch der Zusammenhang über vermittelnde Variablen zustande kommen könnte, die ihrerseits kausal auf Aggression und häufigen Konsum wirken. So könnten Menschen mit einer aggressiven Persönlichkeit gewalttätige Medienarstellungen bevorzugen.

Ein Bericht der American Psychological Association hält fest, daß die Gewalt im Fernsehen einen verstärkenden Einfluß auf Kinder mit aggressiven Tendenzen haben könnte. Beispielsweise würden Kinder mit schulischen, sozialen oder interpersonellen Problemen dazu tendieren, mehr fernzusehen und damit würde ihr aggressives Verhalten wiederum verstärkt. So konnten eine signifikante Korrelation zwischen dem Ausmaß des Konsums von Fernsehgewalt mit 8 Jahren und der Delinquenz im Alter von 22 Jahren nachnachgewiesen werden, sodaß vermutet werden kann, daß das rezipierte aggressive Verhalten Eingang in die Verhaltensmuster der Kinder findet

Smith & Donnerstein (1998) führen folgende Kontextvariablen auf, die einen Einfluß auf die Zusammenhänge besitzen:

  • Identifikation mit Täter hoch (z.B. attraktiver Held als Rollenmodell)
  • Rechtfertigung hoch (z.B. "Gute" gegen "Böse")
  • Belohnung oder fehlende Bestrafung der Gewalt
  • Konsequenzen (keine realistischen Darstellungen von Schmerzen, Verletzungen u.ä.)
  • Präsenz von Waffen hoch (dienen als Hinweisreize)
  • Umfang, Bildhaftigkeit hoch (Zeitdauer, räumliche Distanz, Blut und Eingeweide, Wiederholung)
  • Humor ausgeprägt (Trivialisierung, positive Verstärkung)
  • Realismus hoch (Cartoons vs. TV-Nachrichten)
  • Identifikation mit Opfer hoch (empathische Empfindung für attraktives Opfer)
  • Geringe Rechtfertigung
  • Keine Bestrafung

Sie weisen darauf hin, daß die Wirkung der Gewaltdarstellungen durch Aspekte der kognitiven Entwicklung der Rezipienten beeinflußt werden kann. Namentlich können jüngere Kinder weniger gut zwischen Phantasie und Realität unterscheiden als ältere Kinder. Die als "real" empfundenen Darstellungen können das Lernen von Aggression bei jungen Kindern verstärken. Dazu kommt, daß in Spielfilmen und Serien die gewalttätigen Charaktere oft erst gegen Ende des Programmes bestraft werden und nicht unmittelbar nach der Tat, wobei jüngere Kinder den Zusammenhang zwischen dem vorherigen Verhalten des Täters und dessen späterer Vergeltung weniger gut erkennen können als ältere Kinder.

Nach Untersuchungen von Rita Steckel und Clemens Trudewind (Universität Bochum) hat sich gezeigt, dass Jugendliche Gewalttaten zumindest zum Teil nach Mustern von gewalthaltigen Video- und Computerspielen inszenieren. Zwar bestreiten die Hersteller von gewalthaltigen Computerspielen vehement einen die Persönlichkeit verändernden Einfluss ihrer Produkte, denn die meisten befragten NutzerInnen versichern glaubhaft, dass dies nicht der Fall sei ,und dass sie zwischen Fiktion und Realität sehr wohl unterscheiden könnten. Allerdings beweisen die wenigen experimentellen Studien eindeutig, dass der Umgang mit Gewalt in Computerspielen das Aggressionsverhalten, die aggressiven Gedanken und Gefühle bei Kindern und jungen Erwachsenen massiv beeinflusst.

Bei einer Untersuchung von 280 Kindern und Jugendlichen, bei denen auch Eltern und Erziehern mit einbezogen worden waren, konnte herausgearbeitet werden, dass die oft gehörte Erklärung durch "Imitationslernen" viel zu kurz greift. Denn danach wird argumentiert, dass Millionen anderer Jugendlicher nach Computerspiele nicht zu Gewalttätern und Mördern werden. Steckel und Trudewind legten ihrer Untersuchung die Motivationstheorie von Kornad zu Grunde, wonach aggressives Verhalten aus dem Zusammenwirken von Situationen und in der Person begründeten Faktoren resultiert, dem "Motivationssystem der Aggression". Dieses System besteht im wesentlichen aus zwei Hauptkomponenten: der Tendenz zur Aggression und der Tendenz zur Aggressionshemmung.

Die Tendenz zur Aggression wird durch die unzähligen Stimuli eines Computerspiels aktiviert, indem sie die Aggressionslust fördern und die Gewaltausübung belohnen. Gewaltanwendungen sind aber dann erst möglich, wenn die Aggressionshemmung versagt. Sie beruht auf Normen und Werthaltungen sowie auf gefühlsbetonten Mitleidsreaktionen. Die Gefahr von Spielen liegt nun darin, dass die von Eltern und sozialem Umfeld vermittelten Normen und Werte an Verbindlichkeiten verlieren, sodass bei häufigem Spielen die Fähigkeit zum Mitleid vor allem langfristig reduziert wird. Dem Kind bleibt etwa beim fiktiven Erschiessen von möglichst vielen Gegnern keine Zeit für Mitgefühl, da es stets dafür belohnt wird, dass es andere verletzt und vernichtet. Dadurch kommt es zum Dammbruch in der Aggressionshemmung und das daraus resultierende Ungleichgewicht macht Kinder erst in der Folge aggressiv. Vermutlich werden sich die Auswirkungen erst in den nächsten Jahrzehnten zeigen, da die Computerspielgeneration erst allmählich die Mehrheit in der Gesellschaft bildet.

Dennoch verlieren nicht alle Kinder ihre Hemmschwelle, denn manche Kinder schätzen aggressive Spiele mit der Zeit umso weniger, je mehr sich Eltern um das Computerspielen kümmern und um so sicherer die Bindung zwischen Kind und Eltern ist. Danach werden die Auswirkungen aggressiver Spiele moderiert und reduziert.

Computerspiele machen aggressiv

Untersuchungen an Kindern und Jugendlichen haben ergeben, dass der Umgang mit Gewalt in Computerspielen das Aggressionsverhalten sowie aggressive Gedanken und Gefühle beeinflusst.

 

In "Happy Slapping"-Videos ("fröhliches Schlagen") werden Raufereien, Mord oder sogar Vergewaltigungen gezeigt. Bei einem Workshop an einer oberösterreichischen Schule hatten etwa drei Viertel der Teilnehmer solche Aufnahmen schon gesehen oder besessen. Gekannt haben die Schüler vor allem Schlägereien; die aus internationalen Studien bekannten grausamen Aufnahmen von realen Kriegsszenen, in denen Menschen getötet werden, sind derzeit in Österreich jedoch noch wenig verbreitet. Das Zeigen von brutalen Aufnahmen ist dabei vorwiegend ein Männer-Thema, denn während männliche Jugendliche eher amüsiert sind, reagieren Mädchen meist betroffen. Bei den Reaktionen gab es aber keinen Unterschied zwischen "normalen" und verhaltensauffälligen Jugendlichen, denn beide kennen "Happy Slapping"-Videos. Interessanterweise kursieren sie vor allem in der "normalen" Gruppe, in der reale Gewalt kein alltägliches Thema ist, während bei Jugendlichen aus einem gewalttätigen Umfeld die Verbreitung eher unüblich ist.

Besonders problematisch ist die allgegenwärtige Verfügbarkeit jeder Art von Gewaltvideos. Material, das es früher im DVD Verleih höchstens unter der Ladentheke gab, finden Kinder und Jugendliche jetzt schon nach wenigen Klicks im Internet. Ganze Webseiten haben sich auf das Sammeln und Archivieren dieser Clips spezialisiert. Zensur und Altersbeschränkungen werden so umgangen, denn diese können nur in Geschäften oder eben in Videotheken durchgesetzt werden. Das Internet dagegen kennt keine FSK Bestimmungen.

Gewaltvideos: Happy Slapping

Quelle: APA

Gestern fand bei dem hierortigen k. k. Landesgerichte das Schlußverfahren gegen die des Mordes an ihrem 8 Jahre alten Sohne Jacob angeklagte Seilermeistersgattin Anna St., in Hernals Nr. 256 wohnend, statt. Anna St. hatte vor ihrer Verehelichung diesen Sohn von ihrem gegenwärtigen Gatten bekommen und ihn in die Kost gegeben. In ihrer Ehe bekam sie noch 2 Kinder. Vor drei Jahren nahm sie den damals 5jähigen Jacob nach Hause, hatte jedoch bereits ohne Ursache einen solchen Haß gegen das arme Kind gefaßt, daß sie es auf alle erdenkliche Art marterte.

Sie schlug den Kleinen aus allen Kräften in blinder Wuth mit allem was ihr in die Hand gerieth, und selten ging ein Nachbar vorüber, ohne das jammervolle Klagen und Bitten des gemarterten Kindes zu hören. Je schwächer der Knabe wurde, desto heftiger schlug ihn die Mutter. Den 29. und 30. October 1853 schlug sie endlich das Kind so arg, daß es am letzteren Tage wie todt zusammenstürzte, sich steif streckte und Fraisenanfälle bekam. Der herbeigeholte Arzt erklärte sogleich, das Kind sei verloren und das könne nur die Folge erlittener Mißhandlungen sein. Der Arzt wollte dem sterbenden Knaben noch einen lindernden Saft verschreiben, doch die herzlose Mutter erwiederte: "Wenn ihn nichts mehr retten kann, braucht er auch den Saft nicht."

Der ärztliche Befund stellte heraus, dass der Knabe am Kopf 10 eiternde Wunden hatte, wovon mehrere lebensgefährlich waren, wodurch Kopfbrand und Extravasate im Gehirn entstanden, ferner 16 Verwundungen im Gesicht und 50 durch Schläge und Stöße entstandene Wunden am Körper.

Anna St. wurde wegen vollbrachtem Todtschlag an ihrem Kinde zu zwölfjährigem schwerem Kerker verurtheilt, ihr Ehegatte wegen des Vergehens der Nichtverhinderung des Verbrechens zu dreimonatlichem Arrest in Eisen.

23. Juni 1854

KINDESMISSHANDLUNG IN HERNALS

Quelle:
Die Presse vom 20.6.2004

Literatur:

Ammitzboell, Johanne Margrethe (1987). Macht Fernsehen aggressiv? Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich.

Black, S. L. & Bevan, S. (1992). At the movies with Buss and Durkee: a natural experiment on film violence. Aggressive Behavior, 20, S. 37-45.

Groebel, Jo & Gleich, Uli (1993). Gewaltprofil des deutschen Fernsehprogramms. Opladen: Leske und Budrich.

Henningsen, Dagmar & Stohmeier, Astrid (1985). Gewaltdarstellungen auf Video-Cassetten. Bochum: Studienverlag

Kuczik, Michael (1995). Wirkungen von Gewaltdarstellungen - Zum aktuellen Stand der Diskussion.

Kunczik, Michael (1998). Gewalt und Medien. Köln: Böhlau.

Kunczik, Michael & Zipfel, Astrid (o.J.). Wirkungen von Gewaltdarstellungen.
WWW: http://www.medienpaedagogik-online.de/mf/4/00677/ (05-11-21)

Liebert, R. N. &Baron, R. A. (1972). Some immediate effects of televised violence on children's behavior. Developmental Psychology, 6, S. 469-478.

Mummendey, Amelie (1996). Aggressives Verhalten. In W. Stroebe, M. Hewstone & G. M. Stevenson (Hrsg.), Sozialpsychologie. Eine Einführung (S. 421-452). Berlin: Springer.

Rogge, Jan-Uwe (1995). Die Faszination und Bedeutung medialer Gewalt aus der Sicht von Heranwachsenden. In Georg Kofler & Gerhard Graf (Hrsg.), Sündenbock Fernsehen?. Berlin: VISTAS Verlag.

Rogge, Jan-Uwe (1999). Kinder können Fernsehen. Reinbek: Rowohlt.

Selg, H. (1997). Gewalt in den Medien &endash; Möglichkeiten von Eltern zur Vermeidung negativer Auswirkungen. Kindheit und Entwicklung, 6, 79-83.

Smith, S. L. & Donnerstein, R. (1998). Harmful effects of repeated exposure to media violence: Learning of aggression, emotional desensitization, and fear. In R.G. Geen & E. Donnerstein (Eds.), Human aggression. Theories, research, and implications for social policy (S. 164-202). San Diego, CA: Academic Press.

Theunert, Helga (1996). Gewalt in den Medien - Gewalt in der Realität. Opladen: KoPäd Verlag.

Weiß, R.H. (2000). Gewalt, Medien und Aggressivität bei Schülern. Göttingen. Hogrefe.


Entstanden unter Verwendung von:
http://bidok.uibk.ac.at/texte/aggressionen-3.html (02-07-29)
http://www.hausarbeiten.de/faecher/hausarbeit/soi/12337.html (02-10-07)
http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/experimentbspaggression.html (01-07-07)
Kunczik, Michael & Zipfel, Astrid (o.J.). Wirkungen von Gewaltdarstellungen.
WWW: http://www.medienpaedagogik-online.de/mf/4/00677/ (05-11-21)

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