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Psychologische Erklärungsmodelle: Lernpsychologische Erklärung von Aggressionen

Es gibt im Grunde keine spezifische lernpsychologische Aggressionstheorie, sondern Lerntheorien, die auch die Entstehung von Aggressionen zu erklären versuchen. Die Grundannahme lautet dabei. dass Aggressionen wie die meisten Verhaltensklassen (z.B. Schreiben, Kochen, Autofahren) gelernt werden. Relevant: sind vor allem das klassische Konditionieren (Lernen, Reiz-Reaktions-Lernen), das Lernen am Erfolg (Lernen, Instrumentelles Lernen) und das Lernen am Modell (Lernen, Modell-Lernen).

Mit Hilfe des klassischen Konditionierens kann man vor allem affektive Reaktionen (Ärger/Wut) und die Bildung negativer Einstellungen erklären. Wenn uns z.B. jemand heftig geärgert hat, genügt schon die Nennung seines Namens, um wieder einen Affekt auszulösen.

Bedeutsamer als das klassiche Konditionieren ist jedoch das Lernen am Erfolg, denn ein Verhalten, das mehrmals zum Erfolg führt, wird beibehalten und bei passender Gelegenheit wiederholt.

Besondere Bedeutung kommt dem Lernen am Modell zu, denn durch das Beobachten von Modellen, die sich aggressiv verhalten, können vor allem Kinder genau dieses Verhalten lernen. Manche Eltern, manche Erzieher sind aggressiv, und alle Massenmedien bieten eine Vielfalt aggressiver Modelle an. Das Risiko ist daher groß, dass noch ungefestigte Menschen die vorgeführten Aggressionen als Mittel zu Problemlösungen "erkennen" und bei Bedarf einsetzen (bei gefestigten, reflexiven Persönlichkeiten können aggressive Modelle eher einen Bumerangeffekt bewirken).

Es geht beim Lernen am Modell jedoch insgesamt weniger um Imitation als darum, daß erfolgreiche aggressive Modelle allmählich Einstellungen verändern, Gefühle gegen Gewalt abstumpfen lassen, bei anderen aber auch Ängste vor Gewalt erhöhen. Entgegen den Annahmen der Katharsishypothese befreit das Beobachten von Gewalt nicht von eigenen Aggressionsneigungen. Besonders fatal wird der Konsum von Mediengewalt für solche Kinder, die in ihrer Familie auch reale Gewalt erfahren. Diese doppelte Dosis von Gewalterleben steigert die Wahrscheinlichkeit abweichender Entwicklungen bis hin zur Kriminalität.

albert banduraNach lernpsychologischer Sichtweise werden Aggressionen, wie jedes andere Verhalten auch, gelernt. Es gibt demnach keine Triebe und auch keine spezifischen Auslöser, die Aggressionen hervorrufen, sondern es handelt sich laut Bandura um Lernprozesse. Zur Erklärung können dieselben Lernprinzipien herangezogen werden, die auch für das Erlernen anderer sozialer Verhaltensweisen gelten. Für das Erlernen von Aggressionen spielen daher sowohl Verstärker als auch die klassischen Konditionierungskonzepte (Signallernen, operante und instrumentelle Konditionierung) eine große Rolle:

Ausgehend von Albert Banduras klassischem Ansatz des Modelllernens, das sich am klassischen (Pawlow) und operanten (Skinner) Konditionieren orientiert, haben zahlreiche andere Autoren versucht, weitere differenzierte Modelle zur Erklärung des Erlernens aggressiven Verhaltens zu entwickeln.

Wenn man auch den lernpsychologischen Standpunkte vertritt, kann man weder relevante angeborene Faktoren (z.B. die größere Kraft beim männlichen Geschlecht, die physische Aggressionen begünstigt) noch gesellschaftliche Einflüsse vernachlässigen. Psychologische Theorien allein können nicht alle Aggressionen hinreichend erklären. Sie können nur einen bescheidenen Beitrag leisten, wenn es z.B. gilt, Krieg und Frieden (Friedensforschung) zu analysieren.

Siehe dazu im Detail Lernen am Modell

Aggressionshemmung

Arno Gruen zitiert in seinem Buch "Der Fremde in uns" eine Studie der amerikanischen Armee

Im zweiten Weltkrieg haben nur 15 bis 20% der amerikanischen Soldaten während des Gefechts ihre Waffen benutzt. Ähnliche Hinweise gibt es über das Verhalten im amerikanischen Bürgerkrieg. F. A. Lord (1976) berichtete, dass nach der Schlacht von Gettysburg (1863) 27574 Gewehre eingesammelt wurden, von denen 90% geladen waren. 12000 hatte man mehr als einmal geladen, ohne zuvor einen Schuss abzugeben, 6000 davon waren mit 3-4 Kugelladungen verstopft. Warum, so fragte sich Lord, luden mindestens 12000 Soldaten ihre Flinten falsch? Marshall schreibt: "Das normale und gesunde Individuum hat einen so großen inneren und meistens unerkannten Widerstand, einen anderen Menschen zu töten, dass es einem anderen nicht aus eigenem Willen heraus das Leben nehmen würde".

Das änderte sich jedoch, nachdem die US-Armee mit einem neuen Trainingsprogramm für ihre Soldaten begann. Im Koreakrieg schossen noch 55% der Soldaten auf den Feind, im Vietnamkrieg waren es schon 90%.

In ihrem täglichen Drill wurden die Soldaten gezielt desensitiviert. Man ließ sie beim Marschieren und anderen körperlichen Übungen blutrünstige Parolen schreien wie "Kill! Kill! Kill!". In so genanntem "operative conditioning" wurde das Schießen im Reflex trainiert. Das Ziel glich einer menschlichen Gestalt. Außerdem sorgte man dafür, dass sich der einzelne Soldat von seiner Gruppe für akkurates Schießen bestätigt fühlte. So wurde das Schießen zum automatischen Akt, was sich in einem Anstieg der Schießbereitschaft von 20 auf 90% äußerte.

Literatur

Bandura, A. (1979). Sozial-kognitive Lerntheorie. Stuttgart: Klett-Cotta.
Dollard, J., Doob, L.W., Miller, N.E., Mowrer, O.H. & Sears, R.R. (1939). Frustration and Aggression. New Haven: Yale University-Press.
Freud, S. (1920). Jenseits des Lustprinzips. Gesammelte Werke, Bd. XIII. London: Imago Press.
Lorenz, K. (1963). Das sogenannte Böse. Wien: Borotha-Schoeler.
Nolting, H.P. (1978). Lernfall Aggression. Reinbek: Rowohlt.
Petermann, F. & Petermann,U. (1978). Training mit aggressiven Kindern. München: Urban & Schwarzenberg.
Schwind, H.-D. & Baumann, J. (Hrsg.).(1990). Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Berlin: Duncker & Humblot.
Selg, H., Mees, U. & Berg, D. (1997). Psychologie der Aggressivität (2., überarb. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.

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