[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Psychologische Erklärungsmodelle: Aggressionsminderung durch Katharsis

Die Katharsis-Theorie geht davon aus, dass beobachtete Gewaltdarstellungen etwa in Medien die Wahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens vermindern. Die Katharsis-Theorie ist keine eigenständig entwickelte Theorie, sondern greift auf das psychoanalytische Triebmodell der Aggression zurück.

Freud legte 1920 in "Jenseits des Lustprinzips" eine völlig neue dualistische Triebtheorie vor, die besagt, daß es destruktive, vor allem auch selbstzerstörerische Handlungen als Phänomene eines Todestriebes gibt. Dieser Todes- oder Destruktionstrieb liegt nach Freud in einem immerwährenden Widerstreit mit der Libido, der sexuellen Triebkraft des Menschen. Das Zusammen- und Gegeneinanderwirken dieser beiden Triebe führt nach Freuds Ansicht zum dynamischen Bild des menschlichen Lebens. Nach dieser Vorstellung müßte aggressives Verhalten also zu einer Reduktion der Intensität aggressiver Gefühle und Handlungen führen. Somit könnte die natürliche Aggression eines Menschen durch symbolische Handlungen auf sozial verträgliche Weise abgebaut werden. Empirische Befunde zeigen aber mehrheitlich, daß reales aggressives Verhalten nicht zu einer Katharsis führt, sondern die Wahrscheinlichkeit aggressiven eher Verhaltens erhöht, was für die kognitiven und lerntheoretischen Ansätze spricht (Mummendey, 1996).

Die Katharsisthese, die sich bis auf Aristoteles zurückführen läßt, findet ihre zweite Quelle in der von Josef Breuer und Sigmund Freud entwickelten expressiven Psychotherapie oder Katharsistherapie, in der die Hypnose dazu verwendet wurde, den Widerstand gegen das Auftreten des Verdrängten zu überwinden und dadurch das Abreagieren unterdrückter Affekte zu ermöglichen. Anhänger der Katharsisthese, die zumeist von der Existenz eines angeborenen Aggressiontriebes ausgehen, behaupten, durch das dynamische Mitvollziehen von an fiktiven Modellen beobachteten Gewaltakten in der Phantasie werde die Bereitschaft des Rezipienten abnehmen, selbst aggressives Verhalten zu zeigen (Postulat der funktionalen Äquivalenz der Aggressionsformen).

Von der Katharsisthese gibt es mehrere Varianten.

Alle drei Formen der Katharsisthese können als empirisch widerlegt betrachtet werden. Eine durch das Ansehen violenter Medieninhalte bewirkte Aggressivitätsminderung auf Grund des Abfließens des Aggressionstriebs erfolgt nicht. Inzwischen ist auch Seymour Feshbach (1989, S. 71), der die Katharsisthese lange Zeit vertreten hat, von seiner Position abgewichen und wertet die vorliegenden Befunde neu: "Die Ergebnisse zeigen mir, daß die Bedingungen, unter denen eine Katharsis auftreten kann, nicht alltäglich sind, während die aggressionsfördernden Bedingungen sehr viel häufiger vorkommen."

Allerdings stellte Jürgen Grimm (1996) in einer 1993/94 durchgeführten Studie fest, daß der Konsum von Spielfilmgewalt zumindest kurzfristig eine Aggressionsminderung bewirken kann. Die reaktive Aggressivität seiner Probanden, d. h. die Neigung, in verschiedenen sozialen Situationen selbst mit Gewalt zu reagieren, war nach dem Filmerlebnis vermindert. Dieser Befund steht jedoch vollkommen isoliert da. Zudem stellte Grimm außerdem eine Stimulation von Aggressionsangst durch die Thematisierung von Gewalt fest. Die Aggressionsreduktion kann daher auch mit Hilfe der Inhibitionsthese erklärt werden, derzufolge beim Rezipienten durch die Beobachtung gewalttätiger Verhaltensweisen Aggressionsangst ausgelöst wird, die die Bereitschaft vermindert, selbst aggressiv zu handeln.

 

Unter Verwendung von

Kunczik, Michael & Zipfel, Astrid (o.J.). Wirkungen von Gewaltdarstellungen.
WWW: http://www.medienpaedagogik-online.de/mf/4/00677/ (05-11-21)

Literatur:

Feshbach, S. (1989). Fernsehen und antisoziales Verhalten. Perspektiven für Forschung und Gesellschaft. In Groebel, J. & Winterhoff-Spurk, P. (Hrsg.), Empirische Medienpsychologie. München.

Grimm, J. (1996). Das Verhältnis von Medien und Gewalt - oder welchen Einfluß hat das Fernsehen auf Jugendliche und Erwachsene? In Bundesminister des Innern (Hrsg.), Medien und Gewalt. Bonn.

Mummendey, A. (1996). Aggressives Verhalten. In: W. Stroebe, M. Hewstone & G. M. Stevenson (Hrsg.), Sozialpsychologie. Eine Einführung (S. 421-452). Berlin: Springer.

Literatur

Bandura, A. (1979). Sozial-kognitive Lerntheorie. Stuttgart: Klett-Cotta.
Dollard, J., Doob, L.W., Miller, N.E., Mowrer, O.H. & Sears, R.R. (1939). Frustration and Aggression. New Haven: Yale University-Press.
Freud, S. (1920). Jenseits des Lustprinzips. Gesammelte Werke, Bd. XIII. London: Imago Press.
Lorenz, K. (1963). Das sogenannte Böse. Wien: Borotha-Schoeler.
Nolting, H.P. (1978). Lernfall Aggression. Reinbek: Rowohlt.
Petermann, F. & Petermann,U. (1978). Training mit aggressiven Kindern. München: Urban & Schwarzenberg.
Schwind, H.-D. & Baumann, J. (Hrsg.).(1990). Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Berlin: Duncker & Humblot.
Selg, H., Mees, U. & Berg, D. (1997). Psychologie der Aggressivität (2., überarb. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.

Inhaltsverzeichnis Theorien zur Erklärung - Genetischer Ansatz - Ethologisches Konzept - Huesmann und Berkowitz - Lernpsychologische Erklärung - Katharsishypothese - Psychoanalytische Erklärung - Frustrationshypothese - Exkurs - Amok - ein interkulturelles Phänomen - Selbstverletzung - Wahrnehmung in der Familie - Familie - Hooliganismus - Medienwirkung - Medien-Forschung - Elterntipps - Selbstverletzendes Verhalten - Trainingsprogramm - Schule - Literatur



inhalt :::: kontakt :::: news :::: impressum :::: autor :::: copyright :::: zitieren ::::
navigation: