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Frustrations-Aggressionstheorie (Dollard)

dollard aggressionIm Gegensatz zu den Triebtheorien versuchten Dollard und seine Mitarbeiter (Doob, Miller, Mowrer und Sears) die im psychoanalytischen Konzept enthaltenen dynamischen Eigenschaften ohne die verschwommene und unnötige Annahme eines Aggressionstriebes zu erhalten. Sie nahmen auch keinerlei Bezug auf einen inneren, emotionalen Zustand des Individuums. Frustration wurde lediglich als äußerer Terminus eines Reizes, nämlich der Behinderung von Zielreaktionen betrachtet, was hinsichtlich der Mehrdeutigkeit und Unfassbarkeit menschlichen Verhaltens wohl eher unzulänglich ist. Die von Dollard entwickelte Theorie besagt in ihrer strengsten Form:

Frustrationen erhöhen den Erregungszustand eines Menschen, was sich physiologisch gut nachweisen lässt. Dieser Erregungszustand kann unter anderem durch aggressives Verhalten in den Normalbereich zurückgeführt werden, sodass subjektiv eine spürbare Erleichterung eintritt. Das hat nach den Gesetzen des Lernens zur Folge, dass in ähnlichen Situationen entsprechende Reaktionen wiederholt werden, um diesen Zustand der Erleichterung wieder zu errreichen. Experimente haben aber auch ergeben, dass der durch die Frustration entstehende Erregungszustand auch anders Verhaltensweisen, etwa durch Gespräche oder Lachen abgebaut werden kann. Eine Erregung, auch wenn sie als Wut erlebt wird, führt nur dann zu einer Aggression, wenn ein besonderes Objekt oder ein Sachverhalt vorhanden sind, welche durch besondere Reize die Aggression provozieren.

Als Frustration gilt in diesem Erklärungsmodell die Störung einer bestehenden zielgerichteten Aktivität, und Aggression wird als Verhaltenssequenz verstanden, die auf eine Verletzung einer Person oder eines Organismussurrogats (Ersatzobjekt) abzielt. In einer späteren Weiterentwicklung wurde auf eine ausdrückliche Unterscheidung zwischen offener Aggression und dem Anreiz zur Aggression (instigation to aggression) besonderes Augenmerk gelegt. Daher heißt es hier: Frustration schafft Anreize zu irgendeiner Form von Aggression. Es kommt daher nach diesem erweiterten Konzept nur dann zur Aggression, wenn der durch Frustration erlangte Reiz zur Aggression in der Hierarchie der unterschiedlichen Reize an oberster Stelle steht. Stehen andere Reize dieser Hierarchie an oberster Stelle, so wird Aggression zumindest zeitweilig verhindert und durch andere Verhaltensweisen ersetzt. Daraus geht hervor, daß je mehr nicht- aggressive Reaktionen durch lang andauernde Frustrationen gelöscht werden, es wahrscheinlicher wird, daß die Möglichkeit einer aggressiven Verhaltensweise immer stärker ist.

Aus pädagogisch-psychologischer und aus soziologischer Sicht ist von  Bedeutung, dass aggressives Verhalten stets das Ergebnis eines Lern- und Sozialisationsprozesses darstellt. Aggressionen werden, wie fast alle komplizierten menschlichen Verhaltensweisen, erlernt (z.B. durch Verstärkung aggressiver Verhaltensweisen oder Lernen am Modell). So kann ein Kind z. B. lernen, dass aggressives Verhalten häufig zum Erfolg führt oder das aggressive Modell einer Erziehungsperson zeigt dem Kind eine derartige Verhaltensweise. Aggressive Handlungen, die in einem Spiel zum Erfolg führten, werden mit größerer Wahrscheinlichtkeit erneut auftreten. Schon Kinder werden häufig zu aggressiven Handlungen im Sport angeleitet, um etwa den Erfolg einer Mannschaft zu erhöhen, sodass z.B. ein Fußballspieler sehr schnell, dass "hartes Einsteigen" lernt, wenn er damit erfolgreich sein kann. Die Bekräftigung, die im Zurückweichen des Gegners oder im Lob des Trainers aber auch der Zustimmung durch Zuschauer zum Ausdruck kommt, verstärkt die aggressiven Verhaltensweisen.

Aggressives Verhalten bei Kindern kann übrigens auch auf eine eingeschränkte Sprachentwicklung hindeuten, denn diese Kinder haben durch das sprachliche Defizit weniger Möglichkeiten, ihre Gefühle über Sprache auszudrücken und neigen daher in ihrer Frustration eher zu Gewalt.

Literatur

Bandura, A. (1979). Sozial-kognitive Lerntheorie. Stuttgart: Klett-Cotta.

Dollard, J., Doob, L.W., Miller, N.E., Mowrer, O.H. & Sears, R.R. (1939). Frustration and Aggression. New Haven: Yale University-Press.

Freud, S. (1920). Jenseits des Lustprinzips. Gesammelte Werke, Bd. XIII. London: Imago Press.

Lorenz, K. (1963). Das sogenannte Böse. Wien: Borotha-Schoeler.

Nolting, H.P. (1978). Lernfall Aggression. Reinbek: Rowohlt.

Petermann, F. & Petermann,U. (1978). Training mit aggressiven Kindern. München: Urban & Schwarzenberg.

Schwind, H.-D. & Baumann, J. (Hrsg.).(1990). Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Berlin: Duncker & Humblot.

Selg, H., Mees, U. & Berg, D. (1997). Psychologie der Aggressivität (2., überarb. Aufl.). Göttingen: Hogrefe.

 

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