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Genetische Faktoren der Aggression

Die Liebe ist ein Wunder, das immer möglich,
das Böse eine Tatsache, die immer vorhanden ist.
Friedrich Dürrenmatt

Man geht davon aus, dass aggressives Verhalten durch ein sehr komplexes Zusammenwirken von Erbanlagen und Umweltbedingungen bestimmt wird. Dieses Zusammenwirken lässt sich unter fünf Aspekten betrachten:

Neben diesen fünf unmittelbar wirksamen Faktoren gibt es auch historisch bedingte Einflüsse:

Diese Einflussfaktoren bestimmen das Bild der Aggression als extrem komplexes Gebilde. So konnte bei einigen Tierarten die genetische Anlage zur Aggression experimentell nachgewiesen werden, indem etwa Kreuzungsversuche von friedlichen Grillarven mit den Larven aggressiver Grillen, zu entsprechenden Erbgängen führten. Aber auch bei genetisch bedingten Aggressionen zeigen sich Unterschiede: während eine Tierart aktiv angreift, verjagt eine andere den Gegner. Kreuzt man besonders schwach und besonders stark aggressives Verhalten aufweisende Individuen einer Art miteinander, so zeigen sich bereits nach drei bis vier Generationen signifikante Unterschiede im Aggressionsverhalten. Interessanterweise zeigte die Selektion auf hohe Aggression beim Männchen keine Veränderung im Verhalten der Weibchen, sodass auch Geschlechtshormone auf das Aggressionsverhalten Einfluss haben. Umwelteinflüsse wie knappe Ressource oder verkleinerte Territorien moderieren ebenfalls genetische Faktoren. Hält man viele Ratten auf engem Raum, so verhalten sich die Tiere äußerst aggressiv; schwächere Tiere werden getötet und gefressen. Setzt man jedoch Primaten gleichen Bedingungen aus, so zeigen sie kein Verhalten, das mit dem der Ratten zu vergleichen ist. Sie weichen einander aus und zeigen öfter unterwürfiges Verhalten gegenüber stärkeren Tieren um soziale Spannungen zu verhindern bzw. diese abzuschwächen.

Die Neigung zur Aggression wird aber zumindest teilweise von Generation zu Generation weitergegeben, allerdings bleibt immer offen, ob durch Vorbild bzw. Erziehung oder Vererbung. Martin Teicher (Harvard Medical School) hat im Scientific American (Heft 3, 2002) von Untersuchungen berichtet, in denen sich zeigte, dass Hippocampus und Amygdala bei Personen kleiner sind, die in ihrer Kindheit misshandelt oder missbraucht wurden. Offenbar verändert schwerer Stress in der Kindheit die molekulare Organisation dieser Hirnregionen, etwa die Struktur der Rezeptoren für den Neurotransmitter Gamma-Amino-Buttersäure.

Wie die meisten Charaktereigenschaften ist auch Aggressivität zu einem beträchtlichen Teil (zirka 50 %) erblich, wobei vor allem in der Presse auch von einem "Gen für Aggressivität" die Rede war. Die erste einschlägige Arbeit beschrieb acht Männer einer niederländischen Großfamilie, die alle zu ungewöhnlichen Aggressionsschüben neigten, die sich laut den Autoren unter anderem in Brandstiftung und Exhibitionismus äußerten. Bei allen diesen Männern ist ein Gen völlig inaktiv, das für das Enzym Monoaminoxidase A (MAOA) kodiert. Solche Enzyme bauen Monoamine ab, unter diesen sind Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin. Werden diese nicht abgebaut, nachdem sie ihre Botschaft von einer Nervenzelle zur nächsten übermittelt haben, beeinflußt dies die Reizleitung. Aus anderen Arbeiten weiß man, dass die Serotonin-Konzentration im Gehirn Aggressivität und Impulsivität beeinflußt. Bei Mäusen wurden mindestens 15 Gene identifiziert, die mit Aggressivität zu tun haben sollen, darunter ein Gen für NO-Synthase, also ein Enzym, das den vielseitigen Neurotransmitter NO produziert. Schlüsse auf entsprechende Gene beim Menschen sind allerdings problematisch, denn die Gehirnstruktur von Mäusen und anderen Säugetieren unterscheidet sich deutlich und auch unsere Gesellschaft und Kultur ist viel komplexer.

Doch nun vereint eine Arbeit (Science, 297, S. 851) die Einflüsse von Umwelt und Vererbung. Eine Gruppe um Terry Moffitt (King's College London) zeigte, dass jene männlichen Probanden, die in ihrer Kindheit schlecht behandelt worden waren, im Durchschnitt eher antisoziales Verhalten zeigen als eine Kontrollgruppe. Dabei wurde auch die Ausprägung des MAOA-Gens untersucht, wobei sich zeigte, dass die inaktive Ausprägung des Gens nicht nachzuweisen war, allerdings fand man eine mehr und eine weniger aktive Variante. Es scheint die weniger aktive MAOA-Variante die Auswirkung der schlimmen Kindheitserlebnisse wesentlich zuverstärken. Von den in ihrer Kindheit misshandelten oder stark vernachlässigten Männern zeigten nämlich jene mit der weniger aktiven MAOA-Variante in der Adoleszenz doppelt so oft Verhaltensstörungen wie jene mit der aktiveren Gen-Version. Noch deutlicher ist der Zusammenhang bei Gewaltverbrechen wie Raub oder Vergewaltigung. Dagegen hat die Gen-Ausprägung allein - ohne Kindheitstraumata - keinen statistisch feststellbaren Einfluß. Das heißt, dass erst iein Umweltfaktar ("Stressor") einen genetischen Faktor wirksam werden läßt. dass die MAOA-Aktivität sich gerade,in der Kindheit besonders auswirkt, könnte daran liegen, dass ein zweites, ähnliches Gen (MAOB) immer erst später im Leben aktiv wird.

Warum beschränkte sich die Analyse auf Männer? Erstens, weil das MAOA-Gen auf dem X-Chromosom liegt und daher bei Männern nur in einfacher Ausfertigung vorliegt, was die Interpretation erleichtert. Bei Frauen, die ja zwei X-Chromosomen haben, wird die Auswirkung einer weniger aktiven MAOA-Variante meist durch die zweite Ausgabe des Gens auf dem zweiten X-Chrornosom gemildert. Zweitens aber, weil man mehr Erfahrung mit der Beschreibung und Definition von antisozialem aggressivem Verhalten bei Männern hat als bei Frauen. Schließlich ist, wie der US-Genetiker Greg Carey feststellte, der "stärkste genetische Marker für Gewalttätigkeit noch immer die Anwesenheit eines Y-Chromosoms".

VererbungDas Gen, das die Bauanleitung für das Enzym Monoamino-Oxidase A (MAOA) enthält, gehört auch zu den Risikofaktoren für Panikstörungen, wobei es von diesem Gen es eine Variante gibt, die für eine erhöhte MAO-Aktivität sorgt, was die Krankheit begünstigt. In einer Studie mit 369 Panik-Patienten zeigte sich, dass das Risiko-Gen nicht nur für heftigere Angst-Symptome sorgt, sondern auch den Erfolg der Verhaltenstherapie vermindert, denn die Patienten mit der Risiko-Variante gewöhnten sich im Lauf der standardisierten Therapie weniger an die Angst-Situation, während die anderen Patienten besser damit umzugehen lernten. Ein weiterer Unterschied betraf die Aktivierung in einer bestimmten Gehirnregion bei Angstsituationen, woraus man schließt, dass die Verhaltenstherapie bei den zwei Patientengruppen zu unterschiedlichen Gehirnaktivierungsmustern führt. Die Ergebnisse der Studie zeigen erstmals, dass genetische Informationen hilfreich sein können, um individuell zugeschnittene Psychotherapien anzubieten.

Quelle: http://idw-online.de/de/news533166 (13-05-16)

Quellen:

Thomas Kramar (2002). Von Generation zu Generation: Gene und Erziehung geben Aggressivität weiter. Presse vom 10. August, Spectrum S. X.

Literatur:
Teicher, Martin H. (2002). Scars that Won't Heal: The Neurobiology of Child Abuse. Scietific American, 286(3), pp. 68-75.

1848 durchbohrte bei einer Explosion eine Eisenstange den Schädel von Phineas Gage, der zwar den Unfall überlebte, danach aber bei jeder Gelegenheit Streit suchte. Der Grund für dieses Verhalten war vermutlich der Schaden im Vorderhirn, den ihm die Eisenstange zugefügt hatte, denn in diesem Hirngebiet liegen psychische Funktionen wie Einfühlungsvermögen und Impulskontrolle. Kinder, die mit einem defekten Vorderhirn auf die Welt kommen, sind weitgehend unfähig die einfachsten Streitregeln zu erlernen. Mit Hilfe von bildgebenden Verfahren (Kernspintomographie, Positronenemissionstomographie) wurden Soziopathen (Menschen, die im Umgang mit anderen immer wieder auffällig werden) untersucht, und es zeigte sich, dass das Vorderhirn nicht so aktiv war wie bei gesunden Kontrollpersonen. Außerdem fiel bei ihnen ein anderer Hirnbereich, der so genannte Mandelkern, völlig aus. Man vermutet, dass ein Soziopath wegen der Arbeitsweise seines Gehirns nicht in der Lage ist, die Folgen seines Handelns abzuwägen.
Siehe dazu Die Moral sitzt im Vorderhirn

Serotoninspiegel

Bei der Kontrolle von Aggressionen spielt der Sertoninspiegel eine Rolle, wobei dieser bei aggressivem Verhalten vermindert ist. Nach Studien von Berend Olivier (Universität Utrecht) gibt es im Gehirn von Menschen und Tieren Mechanismen, die Aggression steuern, wobei diese Steuerung von Aggression zwar auf genetischen Voraussetzungen beruht, aber auch die Erziehung in der Aggressionsverarbeitung eine wesentliche Rolle spielt. Bei sehr aggressiven Menschen ist das Serotonin-System weniger aktiv als bei normalen Menschen. Pharmakologen züchteten Mäuse, bei denen im Gehirn bestimmte Rezeptoren ausgeschaltet wurden und ein Teil des Serotonin-Systems außer Kraft gesetzt ist. Diese Tiere waren in der Folge nicht mehr fähig, ihre Aggressionen zu unterdrücken.

Jähzorn und Gehirnstruktur

Man weiß, dass Hunger uns aggressiver macht und mehr Ärger empfinden lässt, und auch, dass bestimmte Genvarianten die Ausschüttung von Hirnbotenstoffen beeinflussen und dadurch Aggression fördern und die Impulskontrolle schwächen. Coccaro et al. (2016) haben in einer Untersuchung an Menschen, die häufig kaum kontrollierbare Wutanfälle (Jähzorn) zeigen, aufgezeigt, dass auch die Struktur des Gehirns eine Rolle bei der Entstehung von Aggressionen spielt, wobei krankhafter Jähzorn durch Areale im fronto-limbischen Teil des Gehirns gesteuert wird. Bei den Jähzornigen ist das Volumen einiger Areale im präfrontalen Cortex oder der Amygdala signifikant kleiner als in Vergleichsgruppen, wobei je stärker die Aggressionsausbrüche der Betroffenen waren, desto stärker war dort auch die graue Substanz in jenen Arealen verringert, die als Steuerzentralen für Gefühle gelten. Die Neigung zu aggressivem Verhalten kann daher bei einigen Menschen mit der Anatomie jener Regionen im Gehirn zusammenhängen, die deren Emotionen steuern, und hat möglicherweise weniger mit ihrer Persönlichkeit zu tun.

Literatur

Coccaro, E. F., Fitzgerald, D. A., Lee, R., McCloskey, M. & Luan Phan, K. (2016).
Frontolimbic Morphometric Abnormalities in Intermittent Explosive Disorder and Aggression. Biological Psychiatry: Cognitive Neuroscience and Neuroimaging, 1, 32-38.

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