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Kleiner Exkurs zum Gewaltbegriff

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der Gewaltbegriff meist nur im Zusammenhang mit der offen und sichtbaren physischen Gewalt benutzt, wobei Formen der Gewalt, die nicht physischer Natur sind, ausgeschlossen bleiben. Jedoch ist die Ausgrenzung der psychischen Gewalt nicht gerechtfertigt, da deren Wirkung oft schwerwiegend und psychische Gewalt häufig mit physischer Gewalt verbunden ist. Beide Formen der Gewalt haben Folgen im seelischen Bereich. Diskriminierungen, Drohungen sowie Hierarchien können ähnliche, manchmal sogar schwerwiegendere psychische Folgen für eine Person haben als körperliche Gewalt. Häufig treten Bedeutungsüberschneidungen mit den Begriffen Macht, Herrschaft und Autorität auf. Der Begriff der strukturellen (indirekten) Gewalt geht auf Johann Galtung zurück, der zwischen manifester, latenter, intendierter, nicht - intendierter, struktureller und personaler Gewalt unterscheidet. Die strukturelle und personale Gewalt können sich durch psychische, physische, objektbezogene und objektlose Gewaltausführungen äußern, dabei kann die Intention eine positive oder negative Einflußnahme sein. Bei der direkt und personal bezeichneten Gewalt gibt es einen Akteur und das Objekt der Gewalt nimmt diese normalerweise auch wahr. Die indirekte, strukturelle Gewalt wird vom Objekt dagegen nur schwer wahrgenommen, da es bei dieser keinen Akteur gibt, sondern die Gewalt in das System von repressiven Strukturen eingebaut ist. Sie äußert sich durch ungleiche Macht- und Lebenverhältnisse. (vgl. Galtung, 1975, S. 12). Gewalt ist nach Galtung (1975, S. 9) jener Faktor, der eine mögliche Selbstverwirklichung verhindert und dann vorliegt, "wenn Menschen so beeinflußt werden, dass ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre aktuelle potentielle Verwirklichung."

Dollard, Doob, Miller, Mowrer & Sears (1939) definieren Aggression "als eine Handlung, deren Zielreaktion die Verletzung eines Organismus (oder Organismus-Ersatzes) ist". "Aggression" meint daher immer ein Verhalten, kein Motiv und keinen aggressionsaffinen Affekt wie Ärger, Wut oder Hass. Die "Gerichtetheit" in der Definition verhindert, dass zufälliges Schädigen als Aggression gilt. Auch die "Absicht" kann nicht als Kriterium gelten, da sonst z.B. Tiere, Kinder und Absichten leugnende Straftäter aus der Aggressionsforschung ausgeschlossen werden müssten. Vandalismus und Umweltverschmutzung können hingegen zu den Aggressionen gerechnet werden, wenn man "Organismus" auch Gruppen oder Institutionen darunter fasst. Unter "Aggressivität" kann man daher die relativ überdauernde Bereitschaft eines Menschen oder Tiers zu aggressivem Verhalten verstehen.

"Gewalt" ist ein heute inflationär gebrauchter Begriff für eine Teilmenge der Aggression, wobei meist physische Aggressionen damit gemeint werden, die mit relativer Macht bzw. Kraft einhergehen. Dazu muss man auch psychische Aggressionen zählen wie Drohungen, und verbale Aggressionen, die mit relativer Macht bzw. Kraft gezeigt werden.

Heute stellen sich in der Aggressionsforschung neue Probleme oder alte Probleme mit plötzlich gesteigerter Dringlichkeit: die sexuelle Gewalt gegen Kinder (sexueller Missbrauch), Gewalt in den Medien (Mediengewalt), Gewalt in der Familie (gegen Kinder, Partner, alte Menschen), Kinder- und Jugendkriminalität, Gewalt in der Schule, Gewalt am Arbeitsplatz (Mobbing), sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder einschließlich (Kinder-) Pornographie, Gewalt im Straßenverkehr, Gewalt im Sport, Gewalt gegen Ausländer, Hooliganismus, politischer Extremismus, Terrorismus, Krieg, aber auch das Phänomen der Selbstverletzung (Autoaggression bis zum Selbstmord).

Inhaltsverzeichnis Theorien zur Erklärung - Genetischer Ansatz - Ethologisches Konzept - Huesmann und Berkowitz - Lernpsychologische Erklärung - Katharsishypothese - Psychoanalytische Erklärung - Frustrationshypothese - Exkurs - Amok - ein interkulturelles Phänomen - Selbstverletzung - Wahrnehmung in der Familie - Familie - Hooliganismus - Medienwirkung - Medien-Forschung - Elterntipps - Selbstverletzendes Verhalten - Trainingsprogramm - Schule - Literatur



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