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Forschung zum Thema Stress

Stress fördert Metastasen

Der Zusammenhang zwischen Krebs und Psyche gibt der Medizin seit Jahrzehnten Rätsel auf. Angst, Stress und seelische Störungen können die Immunabwehr schwächen. Norwegische Forscher behaupten, dass das Krebsrisiko ängstlicher Menschen um 25 Prozent erhöht ist. Doch die meisten Experten weisen die Theorie, dass es eine "Krebspersönlichkeit" gibt und bestimmte Charaktereigenschaften die Entstehung der Krankheit fördern, energisch zurück.

Weniger umstritten ist dagegen die Vermutung, dass die Psyche die Heilungschancen von Tumorpatienten beeinflussen kann. Frank Entschladen von der Fakultät für Biowissenschaft der Universität Witten/Herdecke zeigte, dass das Nervensystem eine große Rolle bei der Bildung von Metastasen spielt. Stress erhöht demnach die Wahrscheinlichkeit, dass sich Tumorzellen schneller im Körper verbreiteten. Negative psychosoziale Einflüsse können daher die Verbreitungsgeschwindigkeit von Krebs im Körper unterstützen. Bisher ging man davon aus, dass sich Metastasen eher ungesteuert und zufällig bilden, doch jetzt gibt es den Beweis, dass dieser Prozess in Wirklichkeit bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgt. Neurotransmitter, die vom Nervensystem freigesetzt werden, können je nach Art einen hemmenden oder aber einen stimulierenden Einfluss auf Tumorzellen haben. Im ungünstigsten Fall weisen sie den wandernden Krebszellen den Weg und locken sie an bestimmte Körperstellen. Ob nun die hemmenden oder aber die stimulierenden Neurotransmitter freigesetzt werden, hängt maßgeblich von psychosozialen Einflüssen ab. Stress erhöht also die Gefahr, dass sich jene Überträgerstoffe durchsetzen, die die Metastasenbildung förderten und damit die Verbreitung des Krebses beschleunigten.

Allerdings haben erst vor Kurzem japanische Forscher festgestellt, dass selbst Menschen mit Psychosen und Neurosen im Vergleich zu seelisch Gesunden kein erhöhtes Tumorrisiko haben. Vor drei Jahren ergab zudem ein Vergleich von Brustkrebspatientinnen mit gesunden Frauen, dass belastende Lebenssituationen nicht zu den Risikofaktoren bei Krebs gehören.

Quelle: Österreichische Apothekerzeitung

Allergie ist Stress für sensible Haut

Neue wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, welch wichtige Rolle die Haut als Eintrittspforte für Allergie-Auslöser aus der Luft (Aero-Allergene) spielt. Aktuelle wissenschaftliche Befunde weisen darauf hin, dass eine reduzierte Barrierefunktion dafür die Ursache sein kann, die ihrerseits durch eine reduzierte Aktivität der hauteigenen Enzyme hervorgerufen werden kann. Die Haut reagiert dann mit Rötungen, schuppigen Stellen, juckt und spannt. Allergien bedeuten Stress für den gesamten Organismus, der Körper ist in ständiger Alarmbereitschaft und deshalb weniger leistungsfähig – dies beeinträchtigt die Barrierefunktion der Haut.

Bei einer Allergie ist das Gleichgewicht der Hautschutzfunktionen gestört, und es kommt durch ein Allergen zu einer immunologisch vermittelten Reaktion. Allergiker, deren Haut von einer Allergie an sich nicht betroffen ist, neigen tendenziell dennoch zu Überempfindlichkeitsreaktionen der Haut. Die Haut von Allergikern ist meist relativ trocken, dünn und neigt zu Entzündungen.

Eine Vielzahl von Hauterkrankungen wie Nesselsucht oder Neurodermitis hat seelische Ursachen, wobei fast jeder dritte Hautkranke auch unter psychischen Problemen leidet. In den vergangenen Jahrzehnten haben Hauterkrankungen immer mehr zugenommen, wobei vor allem Neurodermitis oder Schuppenflechte zu Volkskrankheiten geworden sind. Zwar sind Hautleiden in der Regel auch genetisch veranlagt, doch darüber, ob und wann sie ausbrechen, entscheiden viele Faktoren mit, vor allem aber auch die psychische Verfassung. In einer Studie befragte man Menschen mit Hautkrankheiten und fand, dass 29 Prozent der Hautkranken gleichzeitig auch an einer psychischen Erkrankung litten, während das bei Menschen ohne Hautkrankheiten nur bei 16 Prozent der Fall war. Der Anteil von Menschen mit Depressionen unter den Hautkrankten war dabei mehr als doppelt so hoch, der von Menschen mit Angsterkrankungen oder Suizidgedanken anderthalbmal so hoch. Wenn eine Hauterkrankung auf psychische Probleme zurückgeht, ist die Behandlung daher nur dann adäquat, wenn die psychischen Probleme erkannt und mit behandelt werden. Vor allem bei allergischen Hauterkrankungen gibt es zunehmend Hinweise auf seelische Ursachen, denn Neurodermitis kann sich durch belastenden Stress verschlimmern, unterdrückte Wut in Nesselsucht äußern. Ursache sind dabei vermutlich Neuropeptide, die der Körper in Stress-Situationen ausschüttet, und die dann durch die Nervenbahnen bis zu den Organen gelangen und dort Entzündungen verstärken. Schwerwiegende Lebensereignisse wie die Trennung der Eltern oder der Tod eines Elternteils, in der Schwangerschaft oder in der frühen Kindheit, erhöhen das Risiko für spätere allergische Erkrankungen der Kinder, sodass man frühkindliche Traumata frühzeitig einer psychischen Behandlung zuführen sollte, bevor die psychische Belastung in einer Allergie oder Hauterkrankung mündet.

Quellen
Österreichische Apothekerzeitung
Szczepanski, R., Schon, M. & Lob-Corzilius, T. (2009). Neurodermitis – das juckt uns nicht! Pabst Science Publishers.

Stress durch Emails

Eine Studie hat schon vor Jahren gezeigt, dass es einen regelrechten “E-Mail-Stress” gibt, der zu Müdigkeit, Frustration und Unproduktivität führt. Nur 38 Prozent der Untersuchten hatte einen entspannten Umgang damit und beantworteten diese zum Teil erst am nächsten Tag oder später, während der überwiegende Teil sich durch E-Mails getrieben fühlte und in einem Stresszustand geriet. Ein durchschnittlicher Büroangestellter wendet täglich 49 Minuten für die Verwaltung seiner elektronischen Post auf, wobei viele nach Feierabend zu Hause ihre private Post zu bearbeiten. Den meisten war gar nicht bewusst, wie oft sie ihren Arbeitsprozess unterbrechen, um nach neuen Nachrichten zu sehen. Die Studienteilnehmer kontrollierten ihren Posteingang pro Stunde 30 bis 40 Mal auf neu eingegangene Mails, also alle vier bis fünf Minuten. Diese Unterbrechungen des Arbeitsprozesses führen in kreativen Berufen, die sich über längere Zeitspannen auf ein Projekt konzentrieren müssen, zu nachhaltigen Störungen.

Lebensumstände beschleunigen das Gehen

Man hat hat festgestellt, dass Menschen in Großstädten in 31 Ländern immer wesentlich schneller gehen als auf dem Land, wobei die schnellsten Fußgänger der Welt in folgenden Metropolen zu finden sind: Dublin, Amsterdam, Bern und Zürich, London, Frankfurt, New York, Tokio, Paris, Nairobi und Rom. Auffällig ist, dass mit Ausnahme von Nairobi ein Zusammenhang zwischen dem Reichtum eines Landes und der Geschwindigkeit des Lebens besteht. Die Geschwindigkeit des Lebens, bei der die Fußgängergeschwindigkeit ein Faktor war, ist dort deutlich höher, wo das Klima rau ist, die Wirtschaft produktiv und eine individualisierte Kultur vorherrscht. Eine andere Studie belegt auch, dass Menschen im Durchschnitt im Jahr 2014 schneller gehen als noch in den 90er Jahren, denn benötigten Menschen für 20 Meter in einer Großstadt 1994 noch 13,76 Sekunden, beschleunigten sie bis 2007 auf 12,49 Sekunden, was einer Steigerung von rund zehn Prozent entspricht. Negativer Effekt der dauernden Beschleunigung der Gehzeiten ist, dass Menschen, die in Städten mit hoher Geschwindigkeit leben, ihren Mitmenschen weniger helfen und bedingt durch Stress eher an Erkrankungen des Herzens leiden. Die Überreizung der Sinne in der Stadt löst offenbar einen Abwehrreflex aus, der sich in einem schnellen Gang äußert.
Quelle: http://www.nachrichten.at/nachrichten/gesundheit/Staedter-gehen-schneller;art114,1339283

Religion und Gesundheit

Heinemann (2009) berichtet von einer Studie zum Zusammenhang zwischen Glaube und Gesundheit von Angus Deaton, der Umfragedaten auswertete, die in den Jahren 2006 bis 2008 in 145 Staaten der Erde mit identischen Fragen erhoben worden sind, was mehr als 98 Prozent der Weltbevölkerung entspricht. Die religiöse Dimension eines Teilnehmers wurde dabei nicht nur über Fragen zur Grundeinstellung („Ist Religion ein wichtiger Teil Ihres täglichen Lebens?“), sondern über die Praxis („Haben Sie in den letzten sieben Tagen einen Gottesdienst besucht?“) erhoben. Daneben wurden auch Gesundheitsfragen erhoben, die nicht nur auf den allgemeinen Gesundheitszustand, sondern auch auf Schmerzen, Behinderungen und selbst empfundene Fitness abstellten. Berücksichtigt werden zudem eine Fülle von Faktoren, welche die individuelle Gesundheit beeinflussen sollten wie etwa das Einkommen, das Alter oder das Geschlecht. , das Hauptergebnis war, dass religiöse Menschen bei einer Reihe von Gesundheitsindikatoren besser abschneiden, wobei der Zusammenhang zwischen Religiosität und Gesundheitszustand in armen Staaten besonders ausgeprägt ist. Michael McCullough hat zahlreiche Studien ausgewertet und entdeckte, dass religiöse Menschen belastende Lebenssituationen besser verarbeiten und zeigen weniger häufig depressive Symptome, wobei nicht unerheblich ist, dass die Ehen von religiösen Menschen sich als stabiler erweisen und diese Menschen in ihren Ehen eine höhere Zufriedenheit offenbaren. Offensichtlich hilft der Glaube, mit Stress und Schicksalsschlägen besser fertig zu werden und stabile Beziehungen zu pflegen. Religiöse Menschen leben deshalb länger, weil sie weniger häufig riskante Verhaltensweisen an den Tag legen, denn im Vergleich zu anderen Gruppen trinken und rauchen religiöse Jugendliche und Erwachsene weniger, konsumieren seltener Drogen, legen häufiger den Sicherheitsgurt im Auto an und gehen sogar öfter zum Zahnarzt. Die Verhaltensweisen religiöser Menschen sind vergleichsweise stark durch Selbstdisziplin gekennzeichnet und nicht nur bei den gesundheitlich relevanten Aktivitäten. Viele religiöse Riten beinhalten die Besinnung auf Abweichungen des Verhaltens von den sich selber gesetzten Maßstäben, wobei auch religiöse Praktiken wie Gebet, Meditation oder Fasten die Selbstbeherrschung fördern, wodurch die so entwickelte Fähigkeit zur Selbstregulierung dann auch im Hinblick auf andere Ziele zur Verfügung steht. Jemand, der in der Lage ist, früh aus dem Bett zu kommen, um den Gottesdienst zu besuchen, wird auch mit dem pünktlichen Arbeits- oder Schulbeginn keine Probleme haben. Und jemand, der in Fastenzeiten ohne Alkohol oder andere Genüsse auskommt, dürfte sich auch nicht schwer damit tun, Kapital für die Ausbildung seiner Kinder anzusparen. Persönlichkeitsmerkmale, die sich im Kontext der Religionsausübung herausbilden oder verstärken, können somit in ganz anderen Bereichen positive Folgen bewirken.

Bei einer Auswertung der Daten der Sozialstudie European Social Survey aus elf europäischen Ländern christlicher Prägung wurde untersucht, wie zufrieden die Befragten mit ihrem Leben sind und wie sie ihren emotionalen Zustand beurteilen. Es zeigte sich dabei, dass ProbandInnen, die in der Weihnachtszeit befragt worden waren, deutlich schlechter gestimmt und weniger zufrieden mit ihrem Leben waren als die Menschen, die die Befragung zu anderen Zeiten im Jahr absolviert hatten. Eine Ausnahme bildeten dabei Christen, wobei vor allem jene, die sich selbst als sehr religiös und gläubig einstuften, in der Vorweihnachtsphase positiver eingestellt und zufriedener mit ihrem Leben waren als Nichtgläubige. Eine mögliche Erklärung für den empfundenen Mangel an Lebensqualität und emotionalem Wohlbefinden sieht Mutz (2015) im vorweihnachtlichen Trubel und in der wachsenden Ausrichtung auf materiellen Konsum, wobei christlich orientierte Menschen vermutlich weniger materialistisch und konsumorientiert handeln, was zu weniger Stressempfinden und einem höheren subjektiven Wohlbefinden führt.

Quellen & Literatur

Heinemann, Friedrich (2009). RELIGIOSITÄT. Beste Stressbewältigung Rheinischer Merkur Nr. 40, 01.10.2009.

Mutz, M. (2015). Christmas and subjective well-being: A research note. Applied Research in Quality of Life, 39, 1-16.

Stress in Führungspositionen

Bei wildlebenden Pavianen zeigen nach einer Langzeit-Studie an 125 Affen in Kenia die Alpha-Männchen deutlich mehr Stresshormone im Blut als andere hochrangige Gruppenmitglieder. Das widerspricht bisherigen Annahmen, dass die Vorteile der Alphaposition die Kosten aufwiegen. Man wusste zwar, dass Alpha-Männchen Vorteile in der Fortpflanzung haben, aber offensichtlich hat das Leben an der Spitze auch Schattenseiten ha, wobei der stärkere Stress der Alpha-Männchen vermutlich auf dem ständigen Druck beruht, ihre Spitzenposition verteidigen zu müssen.
Quelle: OÖN vom 18. Juli 2011, S. 12.

Stress und Gehirn

Literatur

Kiem, Sara A., Andrade, Kátia C., Spoormaker, Victor I., Holsboer, F., Czisch, M. & Sämann, P. G. (2012). Resting state functional MRI connectivity predicts hypothalamus-pituitary-axis status in healthy males. Psychoneuroendocrinology, doi:pii: S0306-4530(12)00415-5. 10.1016/j.psyneuen.2012.11.021.

Elbau, G. , Brücklmeier, B., Uhr, M.,  Arloth, J., Czamara, D., Spoormaker, V. I., Czisch, M., Stephan, K. E., Binder, E. B. & Sämann, P. G. (2018). The brain’s hemodynamic response function rapidly changes under acute psychosocial stress in association with genetic and endocrine stress response markers. PNAS, doi:10.1073/pnas.1804340115.

Mucha, M., Skrzypiec, A. E., Schiavon, E., Attwood, B. K., Kucerova, E. & Pawlak, R. (2011). Lipocalin-2 controls neuronal excitability and anxiety by regulating dendritic spine formation and maturation. PNAS, doi:10.1073/pnas.1107936108.

Menschen, die unter stressbedingten Erkrankungen wie einer Depression oder einer Angsterkrankung leiden, zeigen meist deutliche Veränderungen Hippocampus, einem für Lernen und Erinnern wichtigen Areal des Gehirns. Zahlreiche ineinandergreifende neuronale Netzwerke im Gehirn kontrollieren dabei die individuelle Anpassung auf belastende Situationen, wobei sich diese Netzwerke sich auch in Ruhe, also ohne nennenswerte äußere Belastung, messen lassen. In einer Studie an zwanzig Männern konnte nachgewiesen werden, dass sich schon aus den Ruhemustern dieser Netzwerke vorhersagen lässt, wie die individuelle Regulationsfähigkeit des Stresshormonsystems aussieht.
Der alltägliche Stress formt darüber hinaus das Gehirn, d.h., Nervenzellen ändern ihre Morphologie, die Anzahl der Verbindungen mit anderen Zellen und die Art, wie sie mit anderen Neuronen kommunizieren, wobei in den meisten Fällen diese Reaktionen adaptiv und nützlich sind, d.h., sie helfen dem Gehirn mit Stress umzugehen und angemessene Verhaltensreaktionen zu bilden. Unter schweren Belastungen wird allerdings die Pufferfähigkeit des Gehirns erschöpft und die Nervenzellen im Hippocampus beginnen, sich von ihren Prozessen zurückzuziehen, d.h., sie kommunizieren nicht mehr effizient mit anderen Zellen. Eine Strategie der Gehirnzellen ist dabei die Veränderung der Form winziger Prozesse, die sie normalerweise verwenden, um Informationen mit anderen Neuronen, den dendritischen Dornen, auszutauschen. Diese Dornen sind zunächst dünn, nur etwa ein tausendstel Millimeter groß und variieren in ihren Formen, wodurch sie eine Schlüsselrolle in Lernprozessen spielen. Wenn die Dornen lernen, werden sie dicker, eher pilzförmig und bilden stabile Verbindungen, wodurch sie dem Gehirn ermöglichen, sich an Dinge zu erinnern, die einmal gelernt worden waren. Unter Stress wird nach neuesten Untersuchungen dieser Prozess der Veränderung der dendritischen Dornen gestört.

Elbau et al. (2018) haben gezeigt, dass Stress auch die Regulation des Blutflusses im Gehirn beeinflusst, wobei diese neurovaskuläre Kopplung auf den Stoffwechselbedarf, der durch die neuronale Aktivität erzeugt wird, genau abgestimmt ist. Dies könnte einen bisher nicht erkannten Mechanismus darstellen, der zu individuellen Unterschieden in der Stressantwort beiträgt. Es zeigte sich nämlich in einem Experiment, in dem bei Probanden künstlich Stress induziert wurde, dass sich die hämodynamische Antwort in verschiedenen Gehirnregionen (Hippocampus, präfrontalen Cortex) dadurch veränderte, wobei diese Veränderungen innerhalb weniger Minuten erfolgten, sodass sich mit ihrer Hilfe die spätere Ausschüttung von Stresshormonen vorhersagen ließ. Diese Ergebnisse zeigen, dass akuter Stress zu einer schnellen, grundsätzlichen Funktionsanpassung des Gehirns führt, und möglicherweise beeinflussen die individuelle Unterschiede auf dieser Ebene auch das Risiko, unter chronischem Stress Fehlanpassungen und letztlich psychische Symptome zu entwickeln.

Stress in der Schwangerschaft

Eine internationale Studie (Schweiz, USA, Dänemark) ging der Frage nach, wie sich bei Müttern, die während der Schwangerschaft starkem Stress ausgesetzt waren, sich auf die Entwicklung des Fötus auswirkt und welche Folgen Stress für die spätere Gesundheit des Kindes in den ersten zehn Lebensjahren hat. Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft etwa im Beruf unter erhöhtem Stress standen, wiesen dabei ein höheres Risiko für verschiedene Erkrankungen auf als Kinder von ungestressten Schwangeren. So stieg das Risiko für Erkrankungen der Atmungsorgane, der Haut und des Verdauungssystems. Überraschenderweise hatten emotionale Probleme der Mütter während der Schwangerschaft wie Ängstlichkeit oder depressive Stimmungen kaum einen Einfluss auf die Gesundheit des Kindes.

Elissa Epel (University of California) konnte erstmals psychischen Stress direkt in Zusammenhang mit einem Indikator des Alterns in den Zellen bringen. Epel und ihr Team beobachteten 58 Frauen im Alter von 20 bis 50 Jahren über einen längeren Zeitraum. 39 dieser Frauen mussten chronisch kranke Kinder pflegen - Kinder, die etwa an Autismus litten. Die anderen 19 hatten je ein gesundes Kind. Zwar klagten die Mütter der kranken Kinder über mehr Stress, jedoch war ihnen der Stress äußerlich nicht anzumerken. Jedoch fand man im Erbgut “dramatische Unterschiede”– und zwar in Bereichen, die nicht nur eine Schlüsselrolle im Alterungsprozess der einzelnen Zellen spielen, sondern möglicherweise auch bei der Entstehung von Krankheiten. Je länger eine Frau für ein krankes Kind sorgen musste, desto kürzer waren ihre Telomere. Diese umhüllen die Enden der Chromosomen im menschlichen Erbgut wie eine Art Schutzkappe.

Freiburger Wissenschaftler um Robert Kumsta haben nun 2011 nachgewiesen, dass junge Erwachsene, deren Mütter während der Schwangerschaft etwa durch den Tod des Partners großem Stress ausgesetzt waren, ebenfalls bedeutend kürzere Telomere haben als Gleichaltrige. Bei den jungen Erwachsenen, deren Mütter in der Schwangerschaft unter Stress gelitten haben, waren die Zellen um dreieinhalb Jahre früher gealtert als bei einer ungestressten Vergleichsgruppe.

Literatur & Quellen

Tegethoff, M., Greene, N., Olse,n J., Schaffner, E. & Meinlschmidt G. (2011).Stress during Pregnancy and Offspring Pediatric Disease: A National Cohort Study. Environ Health Perspect. July.

http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/897/43854/ (08-08-07)

Stress beim Autofahren - Tunnel erhöhen die Stressbelastung

Bekanntlich fühlen sich viele AutofahrerInnen in Tunnels unbehaglich, wobei in einer Untersuchung von Wissenschafterlern des Instituts für Pervasive Computing der Johannes Kepler Universität Linz (Manseer & Riener, 2014) nachgewiesen wurde, dass auch BeifahrerInnen genauso stark auf Tunnelfahrten wie die FahrerInnen selbst reagieren. Für die Untersuchung wurde eine tunnelreiche Strecke ausgewählt (100 Kilometer Teilstück der A9 zwischen Liezen und Wels mit insgesamt 24 Tunnels oder Unterführungen), wobei allerdings nur Tunnel ab einer Durchfahrzeit von einer Minute berücksichtigt wurden, denn der menschliche Organismus braucht eine gewisse Zeit, um auf Belastungsänderungen zu reagieren. Dafür wurde eine App entwickelt, die im Auto montiert eigenständig erkennt, ob sich das Fahrzeug durch einen Tunnel oder auf einer freien Straße bewegt, während der Stresslevel von Fahrer und Beifahrer wurde kontinuierlich mittels EKG-Geräten aufgezeichnet wurde. Über eine Spektralanalyse wurden die LF/HF-Frequenzbänder der Herzfrequenzvariabilität ermittelt und ausgewertet, denn die Frequenz des Herzrhythmus ist nicht konstant sondern unterliegt Schwankungen. Während Puls- oder Herzschlag eigentlich nur eine körperliche Reaktion anzeigt, ist die Herzfrequenzvariabilität ein Indikator für die mentale Reaktion Stress, denn auf Grund der ständig hohen Anspannung in Stresssituationen ist die Herzfrequenzvariabilität eingeschränkt und infolgedessen reduziert. In der Studie gab es einen signifikanten Anstieg des Stresslevels, wobei es zwischen ein- und zweiröhrigen Tunnels keinen Unterschied im Stresslevel gab, sodass man daraus schließen kann, dass der Tunnel an sich belastend ist und nicht der Gegenverkehr. Des Weiteren zeigte sich, dass auch die Beifahrer belastend sind, denn ihre mentale Alarmbereitschaft stieg genauso stark wie die der Fahrer. Die Stressbelastung des Fahrers könnte eine Erklärung für die erhöhte Unfallhäufigkeit in Tunnels bieten, denn unter Stress trifft man normalerweise keine optimalen Entscheidungen und das Fehlerrisiko steigt. Als Maßnahmen schlagen die Wissenschaftler vor, Tunnels noch besser zu beleuchten, um das Gefühl von Enge zu vermeiden, wobei möglicherweise hellere oder mit Mustern versehene Tunnelwände das Gefühl von Weite schaffen und der Monotonie entgegenwirken könnten.

Literatur

Manseer, M. & Riener, A. (2014). Evaluation of Driver Stress while Transiting Road Tunnels. 6th International Conference on Automotive User Interfaces and Interactive Vehicular Applications (AutomotiveUI'14), September 17-20, Seattle, WA, USA, ACM, 6 pages, ISBN: 978-1-4503-0725-3, September 2014.

Osteocalcin als Stressauslöser

Berger et al. (2019) haben am Mausmodell entdeckt, dass auch das Skelett eine Stressreaktion zeigen kann, und zwar schütten bei Tieren in Gefahrensituationen auch deren Knochen ein Stresshormon aus. Dieser Botenstoff spielt offenbar eine noch wichtigere Rolle für die akute Stressreaktion des Körpers als das Adrenalin, das schon vor einigen Jahrzehnten entdeckte Osteocalcin. Dieses Peptidhormon gelangt von den Knochen in den Blutkreislauf und beeinflusst zahlreiche Körperfunktionen, wobei Experimente nahelegen, dass Osteocalcin unter anderem das Erinnerungsvermögen und die Muskelfunktion verbessern, also Faktoren, die auch in Gefahrensituationen von Vorteil sind. Auch Menschen, die eine Rede halten sollten oder einem Kreuzverhör unterzogen wurden, hatten ebenfalls vermehrt die aktive Form dieses Knochenhormons im Blut. Offenbar sind die Nebennieren für eine akute Stressreaktion offenbar gar nicht so bedeutsam wie gedacht, sondern erst durch Osteocalcin zeigt der Körper eine adäquate Reaktion auf unmittelbare Bedrohungen. Man untersuchte auch, wie genau die Ausschüttung des Knochenhormons in Stresssituationen stimuliert wird, und es zeigte sich, dass wenn die Amygdala das Signal Angst aussendet, die knochenbildenden Osteoblasten den von Neuronen ausgeschütteten Botenstoff Glutamat aufzunehmen beginnen. Im Inneren der Zellen entfaltet dieser Neurotransmitter dann seine Wirkung und hemmt ein Enzym, dass das Osteocalcin normalerweise inaktiv macht. Das nun aktivierte Knochenhormon wird von den Osteoblasten freigesetzt und wirkt hemmend auf parasympathische Neuronen ein, die im Erholungsmodus des Körpers aktiv sind. Dadurch hat der für die Leistungssteigerung bei Belastung zuständige Sympathikus keinen Gegenspieler mehr und die mit der Kampf-oder-Flucht-Antwort assoziierten Reaktionen setzen ein. Die Fähigkeit des Osteocalcins, die akute Stressreaktion auszulösen, das Gedächtnis zu fördern und die Muskelfunktion zu verbessern, legt nahe, dass dieses Peptidhormon einen wichtigen Überlebensvorteil für Wirbeltiere bedeutet, die in potenziell bedrohlichen Umgebungen leben.

Literatur

Berger, Julian Meyer, Singh, Parminder, Khrimian, Lori, Morgan, Donald A., Chowdhury, Subrata, Arteaga-Solis, Emilio, Horvath, Tamas L., Domingos, Ana I., Marsland, Anna L., Kumal Yadav, Vijay, Rahmouni, Kamal, Gao, Xiao-Bing & Karsenty, Gerard (2019). Mediation of the Acute Stress Response by the Skeleton. Cell Metabolism, doi:10.1016/j.cmet.2019.08.012.




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