Das Gehirn schläft während des Schlafes nicht
Quellen: Borbély, A. (1984).
Schlaf und Gehirn.
Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.
Sämann, P. G., Wehrle, R., Hoehn, D., Spoormaker, V. I., Peters, H., Tully, C., Holsboer, F. & Czisch, M. (2011). Development of the brain’s default mode network from wakefulness to slow wave sleep. Cerebral Cortex, (doi: 10.1093/cercor/bhq295)
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Ist der Schlaf ein passiver Vorgang, der lediglich durch das Verschwinden des Wachzustandes zustande kommt, wie dies der römische Schriftsteller Lucretius behauptet hatte, oder ist er ein aktiver Vorgang, der durch die Erregung bestimmter Hirngebiete zustande kommt? Frederic Bremer versuchte mit Experimenten in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zu belegen, dass der Wachzustand nur aufrechterhalten werden kann, solange Sinnesreize aus der Umwelt das Gehirn aktivieren. Nach Durchtrennung der Nervenbahnen, welche die Sinnesorgane mit dem Gehirn verbinden, beobachtete er einen dauernden Schlafzustand. Dieser Befund unterstützte die Annahme, daß Schlaf ein passiver Vorgang sei, der lediglich auf der Ausschaltung aktivierender Einflüsse beruhe.
Walter Hess entwickelte eine Methode, die es ermöglichte, über feine Metallelektroden, die permanent in bestimmten Gehirnregionen von Versuchstieren implantiert worden waren, um die Wirkung elektrischer Reize auf das Verhalten zu erforschen. Er beobachtete, dass nach Reizung bestimmter Hirnregionen ein Versuchstier seinen Ruheplatz suchte, seine typische Schlafstellung einnahm und einschlief. Obwohl es jederzeit weckbar war, mussten Weckreize eine gewisse Intensität erreichen, um das Tier zum Aufwachen zu bringen. Diese Befunde stellten die Theorie des passiven Schlafs in Frage, denn der Schlaf war offensichtlich durch Erregung von Hirnstrukturen hervorgerufen worden, und beruhte daher nicht lediglich auf dem Entzug aktivierender Sinnesreize.
Nachts, wenn Menschen schlafen, fährt der Körper viele Aktivitäten herunter, und die Grundbedürfnisse wie Hunger und Durst spielen nur noch eine untergeordnete Rolle. So kommt es in der Regel nur sehr selten vor, dass Menschen nachts durstig werden, was vermutlich über die Ausschüttung bzw. Hemmung bestimmter Hormone durch das Gehirn geregelt wird.
Giuseppe Moruzzi und Horace Magoun entdeckten, dass die elektrische Reizung im Hirnstamm (Formatio reticularis) ein schlafendes Tier augenblicklich weckt. Aufgrund der Ergebnisse von Moruzzi erschien diese vor allem als eine aktivierende Struktur, deren Erregung zu einem aufmerksamen Wachzustand führt. Der Schlaf schien demnach durch das Ausbleiben dieser Aktivierung zustande zu kommen und damit einpassiver Vorgang zu sein. Weitere Untersuchungen ergaben jedoch, dass die elektrische Reizung im hinteren (caudalen) Teil der Formatio reticularis nicht ein Aufwachen bewirkte, sondern Schlaf auslöste. Die Existenz schlaffördernder und schlafhemmender Gebiete im Hirnstamm wurde in einem weiteren Experiment belegt, indem man Kanülen in jene Blutgefäße implantierte, die den hinteren oder vorderen Hirnstamm versorgen. Die Injektion eines Narkosemittels in die vorderen Gefäße bewirkte "Schlaf", da die aktivierenden Gebiete des Hirnstamms gehemmt wurden, während eine Injektion in die hinteren Gefäße ein Aufwachen des schlafenden Tieres bewirkte, da die schlafbegünstigenden Strukturen gehemmt wurden.
Schlafen und Wachen sind daber zwei unterschiedliche, aber "gleichberechtigte" Zustände, bei denen der eine nicht lediglich durch das Fehlen des anderen erklärt werden kann Obwohl es Hirnstrukturen gibt, deren Reizung mehr den einen oder anderen Zustand begünstigt, gibt es kein eigentliches Schlaf- oder Wachzentrum. Wenn wir schließlich noch die Aktivität einzelner Nervenzellen im Gehirn betrachten, so finden wir, dass die meisten sowohl im Schlaf wie im Wachen aktiv sind und dass sich vor allem das Muster ihrer Entladungsaktivität ändert.
Im Gehirn von Menschen und Tieren werden ständig neue Verbindungen gebildet, um Erinnerungen zu festigen und um sich Erlerntes zu merken. Allerdings lässt sich das aber nicht grenzenlos fortsetzen, denn manches muss auch wieder verschwinden. Möglicherweise dient der Schlaf genau diesem Zweck, der Reduktion und der Säuberung. Nachgewiesen wurde das bei Fruchtfliegen, die dafür genetisch so verändert wurden, dass man die Entwicklung von Synapsen beim Lernen direkt beobachten konnten. Tatsächlich entstanden während Lernsituationen und in einem engen sozialen Umfeld neue Verbindungen. In der folgenden Phase des erhöhten Schlafbedürfnisses ging die Anzahl aber wieder deutlich zurück, außer die Tiere wurden am Schlafen gehindert. Im Schlaf werden die Verbindungen schwächer oder verschwinden ganz, was auch sinnvoll ist, denn starke Verbindungen kosten sehr viel Energie. Daher wird der unnötige Ballast, sozusagen das Hintergrundrauschen des Tages, einfach "gelöscht".
Im menschlichen Gehirn gibt es zahlreiche gleichzeitig aktiven Ruhenetzwerke, wobei beim Einschlafen das "Default Mode Netzwerk“ und ein im spontanen Zeitverlauf gegenläufiges Netzwerk wirksam sind. Diese beiden Netzwerke sind im Wachzustand eng aneinandergekoppelt und stehen für unterschiedliche Aufmerksamkeitsprozesse, wobei das „Default Mode Netzwerk“ eher nach innen gerichtete Aufmerksamkeitsvorgänge unterstützt, während das gegenläufige Netzwerk eher mit der Verarbeitung von Außenreizen beschäftigt ist. Die niedrige Aktivität im „Default Mode Netzwerk“ während des Schlafes erklärt übrigens, warum die Menschen im Schlaf zu keiner bewussten Wahrnehmung fähig sind. Das zeigt sich an zeitlich gegenläufigen Signalaktivitäten, denn wenn das eine Netzwerk eine hohe Signalstärke zeigt, weist das andere niedrigere Signale auf bzw. vice versa. Diese Gegenläufigkeit kann jeder Mensch an sich selber beobachten, denn es ist schwierig, gleichzeitig etwa seinen knurrenden Magen zu beobachten und einem Vortrag zu lauschen. Diese Gegenläufigkeit ist auch bei den typischen Konzentrationsstörungen sichtbar, wo es nicht gelingt, die nach außengerichtete Lerntätigkeit vom innen kommenden Desinteresse abzukoppeln ;-) Das Gegennetzwerk wird ab dem zweiten Schlafstadium von seiner gegenläufigen Aktivität entkoppelt, bleibt jedoch über alle Schlafphasen vorhanden, denn nur so kann das Gehirn einfache Weckreize immer noch verarbeiten.
Während des Einschlafprozesses selbst verändern und interagieren diese beiden Zentren allerdings miteinander, indem der Hippokampus, die für Gedächtnisprozesse zentrale Region, bereits im leichten Schlaf aus dem Netzwerk ausgekoppelt wird, während der Frontallappen, zuständig für höhere Steuerungsprozesse, mit zunehmender Schlaftiefe sogar ganz aus dem Netzwerk ausgeschlossen wird. Diese nun simultanen Veränderungen könnten eine Erklärung für den weitgehenden Bewusstseinsverlust im Schlaf sein. |
Power-Napping - Schlafen zwischendurch
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In Japan und den USA ist der "Power Nap“ (Mittagsschlaf von 20-30 Minuten) im Kommen, denn dort werden Arbeitnehmern Schlafräume zur Verfügung gestellt. In Japan heißt das Schlafen zwischendurch "inemuri", was soviel bedeutet wie "anwesend sein und schlafen". Inemuri ist in Japan in allen öffentlichen Bereichen zu finden und wird weitgehend toleriert: In der Schule, am Arbeitsplatz, im Parlament, in der U-Bahn, sogar im Theater und im Konzert. Auch in den USA gilt es nicht nur als trendige Management-Methode, sondern als leistungssteigernde Maßnahme. Da nun auch Harvard-Forscher und die NASA nachgewiesen haben, dass ein mittäglicher Kurzschlaf die Reaktions- und Konzentrationsfähigkeit messbar steigert, gibt es immer mehr Firmen die Power-Napping sogar aktiv organisieren. Fluglinien erlauben ihren Piloten ein Nickerchen, aber auch große Konzerne wie IBM und Apple lassen mittags Power-Ruhen.
Allerdings sollten Menschen, die nicht durchschlafen können, ihren Rhythmus nicht zusätzlich belasten. Für alle anderen ist ein Mittagsschlaf vom Typ „Power Napping“ durchaus sinnvoll. Wichtig ist nur die strenge Limitierung, weil MittagsschläferInnen möglichst nicht tiefer als bis in Schlafphase zwei einschlafen sollten, um den Kreislauf und den gesamten Schlafrhythmus nicht durcheinander zu bringen.
Wer sich ein Experiment zur Schlafsteuerung machen will, kann beim Power-Napping einen kleinen, schweren Gegenstand in die Hand nehmen, denn wenn man ihn fallen lässt, ist es Zeit, den Mittagsschlaf zu beenden, da die Muskelrelaxation den Übergang in die tieferen Schlafphase kennzeichnet. |
Schlaf und Mondphasen |
Der Glaube, dass der Mond eine außergewöhnliche Wirkung auf die Menschen besitzt, ist uralt und seit Menschengedenken ranken sich Erzählungen über dessen geheimnisvollen Kräfte. So ist auch Mondholz, das bei Neumond geschlagen wird, nach Studien nicht härter und widerstandsfähiger. Zwar kann das Mondlicht Auswirkungen auf das Tierreich haben, aber das bedeutet im Umkehrschluss noch lange nicht, dass es beim Menschen auch so sein muss. Weder kommen bei Vollmond mehr Kinder zur Welt noch passieren mehr Unfälle. Menschen brauchen offensichtlich für unerklärliche Dinge Erklärungen, d.h., sie müssen sich die Welt erklären und dabei helfen diese Mondmythen. Wenn jemand glaubt, dass er wegen des Vollmondes schlechter schläft, weiß er, dass seine Schlafstörung vorbeigehen werden, wodurch es ihm besser geht und er weniger leidet. Studien haben längst widerlegt, dass der Mond einen Einfluss auf auf Schlafqualität und somit Schlafstörungen hat, denn Menschen, die angeblich bei Vollmond schlecht schlafen, leiden in der Regel fünf Tage vor oder nach Vollmond ebenfalls unter Schlafstörungen. Da es keinen wissenschaftlichen Beweis für den Zusammenhang von Schlaflosigkeit und Vollmond gibt, muss man bei einem solchen Zusammenhang vielmehr von dem psychologischen Effekt einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung ausgehen. Das bedeutet, dass viele Menschen allein durch die Erwartung, dass sie bei bestimmten Mondphasen schlecht schlafen dann auch schlecht schlafen, sodass nicht der Mond sondern die Anspannung zu den erwarteten Störungen führt, denn bekanntlich schläft ein Mensch umso besser, je entspannter er schläft. Als weiterer psychologischer Effekt liegt in der selektiven Wahrnehmung der Schlafgestörten, den erfährt ein Betroffener nach einer schlaflosen Nacht, dass Vollmond gewesen war, greift er diese Tatsache als bequemes Erklärungsmuster auf, und jene vielen Male, in denen man trotz Vollmond durchgeschlafen hat, fallen in dann nicht mehr ins Gewicht. Auch Schlafwandeln hat mit dem Mond nichts zu tun, denn beim Faktum, dass Schlafwandler häufig auf eine Lichtquelle zugehen spielt auf Grund der geringen Lichtintensität in diesem Zusammenhang keine Rolle. |