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Medien und Medienwirkungsforschung

Übrigens diskutierten schon Platon und Aristoteles darüber, ob die Gewalt in Gedichten und Theaterstücken Menschen und insbesondere Jugendliche gefährden kann oder sie eher kathartische Effekte hat.


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Zu Beginn der Medienwirkungsforschung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ging man von sehr großer, meist negativer Medienwirkung aus. Diese Einschätzung lag in der großen Faszination begründet, die die neuen Medien Kino und Radio ausübten. Der große Erfolg von professioneller Werbung und politischer Propaganda (im Ersten Weltkrieg) verstärkten den Eindruck noch. Um die These der starken, tendenziell negativen Medienwirkung zu bestätigen, wurden in den Vereinigten Staaten die Payne Fund Studies durchgeführt, die den negativen Einfluss des Kinos vor allem auf junge Männer nachweisen sollten. Dieser Einfluss wurde scheinbar bestätigt: Befragte Kinobesucher waren im Durchschnitt aggressiver eingestellt. Jedoch hatte man vernachlässigt, dass das Medium Kino zur Zeit der Studie vor allem von Angehörigen unterer Gesellschaftsschichten genutzt wurde, so dass die festgestellte höhere Aggressivität eher auf die Schichtzugehörigkeit der Befragten, als auf das Kino zurückzuführen war. Die Lazarsfelds Studie "The People's Choice"zeigte jedoch, dass ein für seine Begriffe eher geringer Einfluss moderner Kommunikationsmittel etwa auf das Wahlverhalten existierte. Dies führte zu einer Revision und zur Bildung eines Paradigmas der geringen Medienwirkung, das nun die Medienwirkungsforschung lange bestimmte. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts setzte sich jedoch wieder die Meinung durch, dass doch erhebliche Wirkungen der Medien vorliegen, etwa auf die öffentliche Meinung, die Weltbilder der Rezipienten, wobei aber nicht mehr das simple Ursache-Wirkungs-Modell der Anfangszeit vertreten wurde, vielmehr muss der aktive Umgang der Rezipienten mit den Medien bei der Beurteilung der Auswirkungen stärker berücksichtigt werden (nach wikipedia). Die Annahme einer generellen Ungefährlichkeit von Mediengewalt wird heute von keinem Forscher mehr ernsthaft vertreten, und es herrscht auch eine weitgehende Übereinstimmung darüber, dass die Auswirkungen von Mediengewalt differenziert betrachtet werden müssen. Die meist verwendeten Korrelationsmaße sprechen für einen kleinen bis mittelstarken Zusammenhang zwischen Mediengewalt und Aggressivität des Rezipienten. Mediengewalt stellt also nur einen Faktor innerhalb eines komplexen Bündels von Ursachen für die Entstehung gewalttätigen Verhaltens dar. Nicht alle Medieninhalte wirken gleich, und nicht jeder Mediennutzer ist in gleicher Weise von potenziellen Gefahren der Mediengewalt betroffen. Letztlich bestätigen aktuelle Forschungsbefunde, dass manche Formen von Mediengewalt für manche Individuen unter manchen Bedingungen negative Folgen nach sich ziehen können. Das jedoch als Beweis für die Nichtwirksamkeit von Medien - meist mit dem Argument einer nicht eindeutigen Befundlage begründet - zu nehmen, ist schlichtwegs Unsinn und verweist bloß auf die Frage, welche Interessen mit einer solchen Argumentation vertreten werden sollen.

Kunczik & Zipfel (2004) führen eine Bestandsaufnahme der neueren Forschungen in den verschiedensten Disziplinen über die Auswirkungen medialer Gewaltdarstellungen durch: "Das Kernproblem der Medien- und Gewaltforschung besteht darin, dass die Untersuchungen noch immer zu wenig aufeinander aufbauen bzw. ältere, methodisch problematische Befunde unkritisch rezipiert werden. (…) Was das Forschungsdesign betrifft, so kommen nicht selten der Untersuchungsfrage nicht angemessene Methoden zum Einsatz, und für die Analyse neuer Fragestellungen notwendige methodische Adaptionen und Neuentwicklungen finden zu wenig statt. Versucht man trotz der erwähnten Probleme eine Bilanz zu ziehen, so ist zunächst festzuhalten, dass die Annahme einer generellen Ungefährlichkeit von Mediengewalt fast nicht mehr vertreten wird. Weit reichende Übereinstimmung herrscht auch darüber, dass die Auswirkungen von Mediengewalt jedoch differenziert betrachtet werden müssen. Die Korrelationsmaße der meisten Untersuchungen sprechen für einen kleinen bis mittelstarken Zusammenhang zwischen Mediengewalt und Aggressivität des Rezipienten. Auch stellt Mediengewalt nur einen Faktor innerhalb eines komplexen Bündels von Ursachen für die Entstehung gewalttätigen Verhaltens dar. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass sich hinter einem geringen Einfluss für den Durchschnitt der Medieninhalte und Rezipienten durchaus stärkere Effekte für bestimmte Inhalte und bestimmte Rezipienten verbergen können. Nicht alle Medieninhalte wirken gleich, und nicht jeder Mediennutzer ist in gleicher Weise von potenziellen Gefahren der Mediengewalt betroffen."

Nach der Habitualisierungsthese nimmt durch den ständigen Konsum von Fernsehgewalt die Sensibilität gegenüber Gewalt ab, die schließlich als normales Alltagsverhalten betrachtet wird. Eine Analyse der hierzu vorliegenden Forschungsbefunde zeigt, dass die Habitualisierungsthese noch der weiteren empirischen Untersuchung bedarf. Jüngere Forschungsbefunde haben nämlich Hinweise auf eine mögliche Desensibilisierung durch den Konsum von Mediengewalt erbracht. So findet man bei VielseherInnen eine niedrigere emotionale Beanspruchung als bei Wenigsehern, es kommt durch die Rezeption von Gewaltsequenzen offensichtlich zu einer Verringerung des Einfühlungsvermögens. Insgesamt meinen manche noch immer, dass die Habitualisierung noch nicht als überzeugend nachgewiesen betrachtet werden kann. Die Kultivierungsthese geht schließlich von der Annahme aus, dass ein hoher Fernsehkonsum langfristig das Weltbild von Vielsehern im Vergleich zu Wenigsehern in Richtung der Fernsehrealität prägt. Allerdings gibt es offensichtlich noch zahlreiche nicht genügend erforschte Drittvariablen, die bei den SeherInnen zu sehr unterschiedlich ausgeprägten Kultivierungseffekten führen, sodass der Kausalzusammenhang der verschiedenen Variablen bei der Kultivierung noch nicht eindeutig bestimmt ist. Daher ist es z.B. durchaus möglich, dass nicht ein hoher Fernsehkonsum Angst bewirkt, sondern dass ängstliche Menschen eher der gefährlichen Welt ausweichen, indem sie zu Hause bleiben und mehr fernsehen. In Bezug auf die Kausalitätsproblematik zeigen sich vor allem bei der Kultivierungsthese deutlich die methodischen Schwierigkeiten, ein plausibles theoretisches Konzept in empirisch prüfbare Hypothesen zu überführen, denn es ist unbestreitbar, dass das Fernsehen vor allem in den USA Einflüsse auf nahezu sämtliche Lebens- und Verhaltensbereiche der Menschen ausübt. Manche prophezeien, dass der Fernsehkonsum sogar zum geistig politischen Niedergang einer Gesellschaft beiträgt, auch wenn ein solcher unmittelbare Zusammenhang nur schwer zu erbringen ist. Das methodische Instrumentarium der Sozialwissenschaften ist innerhalb eines derart komplexen Wirkungszusammenhanges wie dem zwischen Fernsehrezeption und Einstellung nicht in der Lage, Kausalbeziehungen nachzuweisen. Vor allem fehlen Replikationen statistischer Zusammenhänge, denn es werden meist nur simple Korrelationsstudien durchgeführt, die zudem oft nicht bzw. zu wenig auf bereits erzielten Befunden aufbauen. Es besteht jedoch zumindest ein Trend dahingehend, moderierende Varlablen wie etwa das bevorzugte Genre, eigene Kriminalitätserfahrungen sowie individuee Informationsverarbeitungsprozesse stärker zu berücksichtigen.

Sie fassen die neuere Forschungslage zusammen: "Auswirkungen von Mediengewalt auf Aggressionsverhalten sind am ehesten bei jüngeren, männlichen Vielsehern zu erwarten, die in Familien mit hohem Fernseh(gewalt)konsum aufwachsen und in ihrem unmittelbaren sozialen Umfeld (d. h. in Familie, Schule und Peer- Groups) viel Gewalt erleben (sodass sie hierin einen "normalen“ Problemlösungsmechanismus sehen), bereits eine violente Persönlichkeit besitzen und Medieninhalte konsumieren, in denen Gewalt auf realistische Weise und/oder in humorvollem Kontext gezeigt wird, gerechtfertigt erscheint und von attraktiven, dem Rezipienten möglicherweise ähnlichen Protagonisten mit hohem Identifikationspotenzial ausgeht, die erfolgreich sind und für ihr Handeln belohnt bzw. zumindest nicht bestraft werden und dem Opfer keinen sichtbaren Schaden zufügen ("saubere Gewalt“). Es ist allerdings zu berücksichtigen, dass die genannten Faktoren nicht unabhängig voneinander sind, sondern miteinander interagieren können (indem z. B. Eigenschaften des Rezipienten sowie dessen Erfahrungen in seinem sozialen Umfeld die Wahrnehmung von Gewaltdarstellungen beeinflussen usw.). (…) Letztlich bestätigen aktuelle Forschungsbefunde die schon länger gültige Aussage, dass manche Formen von Mediengewalt für manche Individuen unter manchen Bedingungen negative Folgen nach sich ziehen können." Paulus Hochgatterer (Schriftsteller und Kinderpsychiater) betonte 2009 in einem Interview im Standard, dass es Kinder gibt, denen intensives Computerspielen nicht guttut, etwa Kinder, die von ihrer Grundausstattung oder von den Gegebenheiten ihres Aufwachsens her schlechtere Voraussetzungen als andere Kinder haben und in ihrer Persönlichkeit verletzlicher sind als andere. Bei Gewalt sind Computerspiele oft nur ein kleiner Baustein für "gewöhnliche" Kinder und Jugendliche. Die Ausnahme sind hingegen "High Risk"-Spieler, also vorbelastete Personen mit Gewalterfahrungen oder ähnlichem, die gezielt brutale Spiele suchen.

Der Report Psychologie vom September 2009 referiert Ergebnisse aktueller Studien die zeigen, dass je intensiver der Gewaltkonsum durch Spiele ausfällt, desto eher sahen Schüler Aggression als normal und akzeptabel an und desto eher unterstellten sie auch anderen feindselige Absichten. Insgesamt nimmt Aggressives Verhalten zu, während die Empathie-Fähigkeit zurückging. Der Einfluss elterlicher Gewalt, die Gruppengewalt und des Schulklimas ist hingegen geringer, wobei vor allem Gewalt-Videospiele zu riskanten Verhaltensweisen stimulieren. Der starke Effekt von Videospielen ist lernpsychologisch erklärbar, den sie fördern aktives Lernen und wiederholtes Üben von Fertigkeiten, geben schnelles und direktes Feedback über die jeweiligen Lernerfolge und die einmal erworbenen Fertigkeiten werden solange geübt und wiederholt, bis sie automatisiert ablaufen können.

Die Autoren versuchen auch, einige mögliche praktische Konsequenzen für medienpädagogischer Interventionsstrategien aufzuzeigen und empfehlen eine gewisse Reduktion des (violenten) Medienkonsums: "Von Eltern angewandt, besteht allerdings die Gefahr, das Verhältnis zu den Kindern zu belasten, die Attraktivität entsprechender Inhalte zu erhöhen und den Gewaltfilmkonsum auf den Freundeskreis zu verlagern. Restriktive Maßnahmen sind am ehesten bei jüngeren Kindern sinnvoll, während sie bei älteren kontraproduktiv wirken können. Gemeinsames Fernsehen mit Kindern ist zu empfehlen, allerdings nur dann, wenn Gewalt eindeutig negativ kommentiert wird, um auf diese Weise den kritischen Umgang mit Medieninhalten zu fördern (aktive Interventionsstrategien). In Bezug auf inhaltliche Elemente, die die Effekte aktiver Interventionsstrategien verbessern können, hat sich eine Sensibilisierung kindlicher Rezipienten für die Opferperspektive als sinnvoll erwiesen. Botschaften, die die Unterscheidungsfähigkeit von Fiktion und Realität erhöhen sollen, sind offenbar nur von beschränktem Nutzen. Wirksam sind sie eher für jüngere Kinder. Ältere erhalten dadurch keine neuen Informationen, und ganz junge Kinder können sie noch nicht verstehen. Jüngere Kinder profitieren eher von medienpädagogischen Botschaften in Form von Statements bzw. Informationen, älteren Kindern sollte stärker Gelegenheit gegeben werden, die erwünschten Schlüsse selbst zu ziehen. Generell kann die Wirkung medienpädagogischer Maßnahmen durch Aufgaben verbessert werden, die die aktive Beschäftigung mit dem Thema erhöhen (z. B. Verfassen von Aufsätzen). Insgesamt sollte mit der Medienerziehung schon sehr früh begonnen werden, um eine Basis für die Zeit zu legen, in der die Heranwachsenden stärker von ihrem Freundeskreis als von Elternhaus und Schule beeinflusst werden. Generell ist es wichtig, die konkreten Maßnahmen der jeweiligen Zielgruppe anzupassen (zu berücksichtigen sind v. a. Alter, Geschlecht und frühere Medienerfahrung)."

Eine Untersuchung von deutschen Psychologen (Hopf, W. H. et al., 2008) zeigte übrigens, dass bei 14-Jährigen die Spuren solcher Gewalt fördernden Medien noch nach zwei Jahren im Denken und Verhalten erkennbar sind, auch wenn andere Risikofaktoren berücksichtigt werden.

(Hervorhebungen und Kürzungen von mir; W.S.)

Paradoxe Vorstellung von Medienwirkung

Bei Medieninhalten ohne Gewaltbezug wird fraglos akzeptiert, dass das, was Menschen in der virtuellen Medienwelt wahrnehmen, ihr Verhalten in der Realität beeinflussen kann. So lebt etwa die milliardenschwere Werbeindustrie von der Überzeugung, dass die Produktwerbung in den Medien KonsumentInnen dazu veranlasst, das beworbene Produkt zu kaufen. Auch das Ausstrahlungsverbot für sexuelle Medieninhalte in Zeiten, zu denen Kinder und Jugendliche vor dem Bildschirm sitzen, beruht auf der Annahme, dass derartige Inhalte sich negativ auf die Entwicklung auswirken. Das zeigt, dass Medieninhalte in ganz unterschiedlichen Bereichen dazu geeignet sein können, das Denken, Fühlen und Handeln der RezipientInnen im realen Leben zu beeinflussen.

Demgegenüber gibt es paradoxerweise Widerstand gegen die Annahme, dass sich die Darstellung von Gewalt in den Medien in ähnlicher Weise auf das Verhalten der RezipientInnen auswirken kann, vor allem auf ihre Bereitschaft zu aggressivem Verhalten. Das Anschauen eines gewalthaltigen Films bringt Menschen selbstverständlich nicht dazu, auf andere loszugehen, sobald sie das Kino verlassen, und genauso wenig trifft es zu, dass Nutzer von Gewaltspielen als Gewaltkriminelle enden. Allerdings geht es um die Frage, ob die Beschäftigung mit Gewalt in der virtuellen Realität der Medien sowohl kurzfristig als auch auf Dauer die Auftretenswahrscheinlichkeit aggressiven Verhaltens in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen erhöht (Krahé, 2012).

Überblick über den Hypertext zur Medienwirkung

Quellen & Literatur

Hopf, W. H. et al. (2008). Media Violence and Youth Violence – A 2-Year Longitudinal Study. Journal of Media Psychology 20, 79–96.

Krahé, B. (2012). Report of the Media Violence Commission. Aggressive Behavior, 38, 335–341.

Kunczik, Michael (1998). Gewalt und Medien. Köln/Weimar/Wien.

Kunczik, Michael & Zipfel, Astrid (2004). Medien und Gewalt. Befunde der Forschung seit 1998 (Kurzfassung). Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Berlin
WWW: http://www.mediaculture-online.de/fileadmin/bibliothek/
kunczik_medien_gewalt3/kunczik_gewalt_medien3.html (05-05-03 - inaktiv!)

http://de.wikipedia.org/wiki/Medienwirkungsforschung (08-08-08)



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