Der Einfluss des Fernsehens auf die geistige und emotionale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen
Manfred Spitzer lehrt Psychiatrie an der Universität Ulm. Einige Bücher: "Geist im Netz", "Musik im Kopf", "Selbstbestimmen", "Vorsicht Bildschirm. Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft". Zusammengestellt nach http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/
archiv/.bin/dump.fcgi/2005/0827/magazin/
0002/ (05-09-26)
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Manfred Spitzer kommt unter dem Titel "Vorsicht Bildschirm!" in einem Artikel in der Online-Version der Berliner Zeitung vom 27.08. 2005 zu dem Schluss, dass Fernsehen die Köpfe der Kinder vermüllt und diese dumm und gewalttätig macht. Er fasst dabei einige Studien zur Medienwirkung zusammen und stellt zusammenfassend fest, dass Fernsehkonsum ungünstige Auswirkungen auf die schulischen Leistungen hat, wobei der Effekt alle Fächer betrifft und nicht mit anderen Faktoren zu erklären ist bzw. sich sogar langfristig auf den später erreichten Ausbildungsgrad auswirkt. Besonders beunruhigend sei dabei die langfristige Wirkung des Fernsehkonsums in sehr jungen Jahren. Interessant ist in diesem Zusammenhang das in verschiedenen Studien festgestellte und von der Forschung als "Third-Person-Effect" bezeichnete Phänomen, dass sich die Überzeugung von der Gefährlichkeit der Medien nicht auf die eigene Person bezieht, sondern es lediglich !die Anderen sind, die als höchst gefährdet betrachtet werden.
Gerald Hüther erklärt in einem Interview in der Süddeutschen, welche Folgen es seiner Meinung nach vor allem für junge Menschen hat, die immer mehr Zeit online verbringen, indem sie Videos laden, twittern, chatten und versuchen, in ihren sozialen Netzwerken nichts zu verpassen. "Wenn Jugendliche den ganzen Tag mit großer Begeisterung SMS-Botschaften verschicken, führt das dazu, dass im Gehirn aus den kleinen Wegen und Nervenverbindungen Straßen werden, auf denen genau dieser Prozess immer flüssiger abläuft. Wir wissen, dass die Hirnregion, die den Daumen steuert, bei Jugendlichen in den vergangenen zehn Jahren viel größer geworden ist." Die intensive Beschäftigung mit dem Internet begünstigt die Fähigkeit, schnell Bildmuster zu erkennen, trainiert das Bewegen der Maus die Kopplung zwischen Auge und Hand wer viel fernsieht, ist in der Lage, schnelle Szenenwechsel zu begreifen. "Um die Aufmerksamkeit der Zuschauer weiter zu fesseln, ist das Fernsehen in den vergangenen 20 Jahren immer schneller und bunter geworden. Die Jugendlichen, die nur das kennen gelernt haben, können heute keinen Film mehr aus den 50er Jahren ertragen. Ihr Gehirn hat sich an die schnellen Sequenzen angepasst. Mehr als drei Seiten in einem Buch zu lesen, überfordert sie - weil sie verlernt haben, selbst Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Schneller, bunter und aufregender als das Fernsehen kann für sie nur noch ein interaktives Medium sein."
Siehe dazu auch die Arbeitsblätter
Medien und Psychologie
Thesen zur Wirkung von Gewaltdarstellungen
Thesen zur Wirkung von Gewalt in den Medien
Methoden der Wirkungsforschung
Ausmaß der Gewalt im Fernsehen
Auswirkungen des Fernsehkonsums im Kindes- und Jugendalter auf das Bildungsniveau des Erwachsenen
Eine neuseeläändische Studie, die die Auswirkungen des Fernsehkonsums im Kindes- und Jugendalter auf das Bildungsniveau des Erwachsenen erforschte, kam zu dem Ergebnis: Je mehr zwischen dem fünften und fünfzehnten Lebensjahr ferngesehen wird, desto schlechter ist mit 26 Jahren das erreichte Bildungsniveau.
Einfluss des Fernsehens auf die berufliche Qualifikation von Kindern mit mittlerem Intelligenzniveau
Am deutlichsten beeinflusst das Fernsehen die berufliche Qualifikation der Kinder mit mittlerem Intelligenzniveau, d.h., der gering Begabte erreicht eher keinen Abschluss, während der Hochbegabte an der Universität landet - mit oder ohne viel Fernsehen. Was aber in der Mitte der Intelligenzverteilung geschieht, hängt sehr wesentlich davon ab, wie viel ferngesehen wird - das betrifft statistisch betrachtet den größten Teil der Kinder und Jugendlichen.
Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten bei Vielfernsehern
In einer repräsentativen US-amerikanischen Erhebung fand man. dass im Alter von sechs Jahren Kinder, die zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr viel fernsehen (mehr als drei Stunden täglich) eine deutliche Beeinträchtigung ihrer kognitiven Fähigkeiten (Konzentration, Lesefähigkeit, Sprachverständnis, mathematische Fähigkeiten) gegenüber Wenigsehern (weniger als drei Stunden täglich) zeigen. Dieser Effekt war bei Kindern, die bereits vor dem dritten Lebensjahr viel fernsehen, besonders ausgeprägt.
Siehe auch Medienwirkung - einmal anders betrachtet
Fernsehen und schulische Leistungen
Eine Studie untersuchte an Schülern von dritten Klassen in Kalifornien den Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein eines Fernsehers im Kinderzimmer und den schulischen Leistungen in Mathematik, im Lesen, im Sprach- und im Kunstunterricht. In allen drei Bereichen schnitten die Kinder ohne eigenen Fernseher deutlich besser ab als diejenigen, die über einen verfügen.
Zusammenhang zwischen Fernsehen und gestörter Aufmerksamkeit
Amerikanische Wissenschaftler publizierten im Jahr 2004 eine Studie, aus der ein Zusammenhang zwischen Fernsehen und gestörter Aufmerksamkeit klar hervorgeht. Zehn Prozent der untersuchten Kinder insgesamt litten unter Aufmerksamkeitsstörungen. Das wichtigste Ergebnis der Untersuchung war: Je mehr Zeit Kinder zwischen zwei und vier Jahren vor dem Fernseher verbringen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie in der Grundschule an einer gestörten Aufmerksamkeit leiden.
Fernsehen und Leseleistung
In einer deutschen Studie teilte man Kinder im Kindergartenalter in Wenigseher (15 bis 20 Minuten täglich), Normalseher (etwa eine Stunde) und Vielseher (mehr als zwei Stunden) ein. Dann wurde die Leseleistung der Kinder im ersten und dritten Schuljahr gemessen. Die Vielseher hatten im Verlauf der zweiten und dritten Klasse nicht die gleiche Leistungszunahme wie die Kinder, die insgesamt weniger fernsahen. Es liegt also tatsächlich am Fernsehen im Kindergartenalter, dass das Lesen in der Schule nicht so gut funktioniert.

Fernsehkonsum und Sprachkompetenz
Roseberry et al. (2009) untersuchten in drei Studien an 93 Kindern zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Jahren, ob sie aus Fernsehsendungen - vor allem Sendungen, die als erzieherisch wertvoll eingestuft werden - neue Zeitwörter lernen können. Unter Dreijährige profitierten dabei sprachlich von den Videos kaum, wenn sie die Ausschnitte alleine ansahen, war allerdings ein Erwachsener anwesend, der die Handlung vormachte, die später im Video gezeigt wurde, konnten sich die Kinder die neuen Wörter weit besser merken. Ältere Kinder hingegen profitierten sprachlich von den Sendungen.
In einer Längsschnittstudie wurde versucht, unter Berücksichtigung von Intelligenzunterschieden mögliche Effekte des Fernsehens auf die Entwicklung von Sprach- und Lesekompetenzen von 332 Grundschulkindern aufzudecken. Die Kinder der beiden etwa gleich großen Alterskohorten waren zu Beginn der Studie durchschnittlich etwa sechs bzw. acht Jahre alt. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden Kinder mit hohem Fernsehkonsum (Vielseher) und Kinder mit weniger stark ausgeprägtem Fernsehkonsum (Normal- und Wenigseher) in Bezug auf die Entwicklung ihrer (schrift)sprachlichen Leistungen verglichen, wobei die Intelligenz als zusätzlicher Faktor berücksichtigt wurde.
Obwohl die allgemeine Intelligenz der Kinder durchgängig die stärksten Effekte zeigte, erwies sich auch der Fernsehkonsum als relevanter Einflussfaktor. Dabei ergaben sich in der jüngeren Altersgruppe Interaktionen zwischen den Faktoren in dem Sinne, dass die Vielseher gerade in der Gruppe der weniger intelligenten Kinder besonders schwache sprachliche Leistungen im Vergleich zu Wenigsehern zeigten.
Siehe dazu auch den Online verfügbaren Text "Zum Einfluss des Fernsehens auf die Entwicklung von Sprach- und Lesekompetenzen von Kindern". Dort heißt es: "Bisher ist noch unklar, inwiefern das Fernsehen tatsächlich als Ursache für die schwächeren Sprach- und Leseleistungen der Vielseher" betrachtet werden kann. Ebenso plausibel ist die Annahme, dass Kinder mit sprachlichen Defiziten lediglich das leichtere" Medium Fernsehen als Freizeitbeschäftigung bevorzugen. (...) Im Zuge weiterer Forschungsarbeiten sollen daher potenziell relevante Merkmale des familiären Hintergrundes, wie z.B. der Anregungsgehalt der Umwelt oder das elterliche Engagement in schulischen Angelegenheiten mit berücksichtigt werden, da diese möglicherweise mit dem Fernsehkonsum von Kindern in Beziehung stehen."
Quellen:
Roseberry , Sarah, Hirsh-Pasek, Kathy, Parish-Morris, Julia & Golinkoff, Roberta M. (2009). Live Action: Can Young Children Learn Verbs From Video? Child Development, 80, 1360 - 1375.
Schiffer, Kathrin, Ennemoser, Marco & Schneider, Wolfgang (2002). Die Beziehung zwischen dem Fernsehkonsum und der Entwicklung von Sprach- und Lesekompetenzen im Grundschulalter in Abhängigkeit von der Intelligenz. Zeitschrift für Medienpsychologie, 14, S. 12-13.
Siehe auch
Fernsehen und Gewalt und
Ausmaß der Gewalt im Fernsehen bzw.
Medien und Psychologie
In einer Studie des Psychologischen Instituts der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Myrtek & Scharff 2000) wurden unter Alltagsbedingungen die körperlich-emotionalen Auswirkungen von Fernsehen auf 200 Schüler untersucht. Bei diesem Versuch trugen die Schüler über einen Zeitraum von 23 Stunden ein tragbares Datenerfassungsgerät, das über Messelektroden die Veränderung der Herzfrequenz und Bewegungsaktivität erfasste. Zusätzlich wurden die Schüler etwa alle 15 Minuten aufgefordert, ihr momentanes Befinden und Verhalten per Knopfdruck in das Gerät einzugeben.
Man konnte damit nachweisen, dass Vielseher nicht nur emotional schwächer auf das Fernsehen reagieren als Wenigseher, sondern auch schlechtere Schulleistungen erbringen, vor allem im Fach Deutsch. Auch litt darunter die Kommunikation mit Freunden und Familienmitgliedern. Im Vergleich zur Schulzeit war die Freizeit emotional stärker beanspruchend, wobei dem Fernsehen eine zentrale Rolle zukam. Vielseher stumpften den Fernsehinhalten gegenüber stärker ab als Wenigseher. Im Gegensatz dazu empfanden die Vielseher in der Schule mehr "Stress" als die Wenigseher und und erbrachten schlechtere Leistungen, besonders im Fach Deutsch.
Literatur: Myrtek, Michael & Scharff, Christian (2000). Fernsehen, Schule und Verhalten: Untersuchungen zur emotionalen Beanspruchung von Schülern. Bern: Hans Huber.
Babys und Kleinkinder vor dem Bildschirm
Pränatales Fernsehen
Wenn sich die schwangere Mutter regelmäßig eine Soap-Opera ansieht, dann kann beim Erklingen der Titelmelodie erhöhte Aktivität des Embryos nachgewiesen werden. Später lassen sich die Kinder dann durch diese Melodie beruhigen.
Literatur:
Götz, Maya (2007). Fernsehen von -0,5 bis 5. Eine Zusammenfassung des Forschungsstands. TelevIZIon, 20/1, 12-17.
http://origin-www.br-online.de/jugend/izi/deutsch/publikation/televizion/20_2007_1/goetz_solo.pdf (08-05-06)
Unter Verwendung von
Spitzer, Manfred (2005). Vorsicht Bildschirm!
WWW: http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2005/0827/magazin/0002/ (05-09-26)
Stangl, Werner (2001). [stangl] test: intelligenz - was ist das? .
WWW: http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/testintelligenzwasistdas.html (05-09-26)
