Lena Tellinger

[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Stressbewältigung, soziales Umfeld und Internetgebrauch

Studie abgeschlossen.

Für die Befragung verantwortlich

Lena Tellinger
in Unterstützung durch Dr. Birgit Stetina
Universität Wien
Fakultät für Psychologie
Liebiggasse 5, 1010 Wien

Lena Tellinger untersuchte an der Universität Wien das Thema "Stressbewältigung, soziale Unterstützung und Internetgebrauch" mit Hilfe eines Onlinefragebogens. Die Bearbeitung des Fragebogens dauert etwa 15 bis 25 Minuten.

In den letzten Jahren ist das Internet zu einem wichtigen Teil unseres Lebens geworden. Zuerst dazu gedacht, einen Apparat für Kommunikation darzustellen, hat sich das Internet mittlerweile zu einer virtuellen sozialen Umwelt entwickelt, in der viele Tätigkeiten des realen Lebens möglich sind. Es stellt eine alternative soziale Umwelt für jene Personen dar, die in ihrer realen Umwelt nicht zurecht kommen. Sie fühlen sich freier und drücken ihre Bedürfnisse offener aus als in ihrer sozialen Umwelt. Aktuelle Zahlen der Statistik Austria aus dem Jahr 2008 zur Computer- und Internetnutzung zeigen den Aufschwung des Internets deutlich: fast 70% der befragten Haushalte waren im letzten Jahr bereits mit einem Internetzugang ausgestattet. Soziale Netzwerke und soziale Unterstützung spielen eine wichtige Rolle für die körperliche und seelische Gesundheit. Mit dem Aufkommen der sogenannten „Social Software“ weiten sich soziale Kontakte und Netzwerke auf das Internet aus. Die Nutzung von Seiten wie StudiVZ, Facebook oder MySpace haben laut der Umfrage Mediascope Europe aus dem Jahr 2008 (European Interactive Advertising Association) innerhalb von einem Jahr einen Nutzungszuwachs von 24% verzeichnet. Über 70% der Befragten gaben an, das Internet zu nutzen um mit Freunden in Kontakt zu bleiben.Es ist offensichtlich, dass man die Bereiche Stressverarbeitung, soziale Unterstützung und Internetnutzung nicht mehr trennen kann. In meiner Arbeit möchte ich mich besonders mit den verschiedenen Arten der Stressbewältigung beschäftigen und herausfinden, inwieweit soziale Unterstützung als auch Internetnutzung als Copingstrategien eingesetzt werden. Interessant dabei ist, ob exzessives Internetverhalten möglicherweise durch einem Mangel an geeigneten Stressbewältigungsmechanismen im Alltag entsteht. Untersucht werden soll auch die Rolle sozialer Netzwerke, sowohl in der realen Welt als auch im Internet.

Literatur

European Interactive Advertising Association (2008). EIAA „Mediascope Europe 2008“: Das Internet spielt im privaten und persönlichen Bereich der europäischen User eine immer bedeutendere Rolle.
Verfügbar unter: http://eiaa.net/news/eiaa-articles-details.asp?id=182&lang=3 [05.06.2009].

Statistik Austria (2008). Statistik Austria - IKT-Einsatz in Haushalten.
Verfügbar unter: http://www.statistik.at/web_de/dynamic/statistiken/informationsgesellschaft/
ikt-einsatz_in_haushalten/031635

Identitätsfindung im Internet

Bekanntschaften aus dem Internet prägen heute angesichts von Social Networking, Online-Spielen und andere Aktivitäten im Internet ganz entscheidend die Identität und Werte von Jugendlichen und bilden damit wesentliche Kontexte für Identifikation und Sozialisierung, die früher im realen sozialen Raum stattfanden, wobei es für viele Jugendliche heute selbstverständlich ist, in solchen mehr oder minder öffentlichen Foren ihre Meinung zu posten oder virtuelle Kontakte zu pflegen. Nach der Familie kommen heute nach Untersuchungen in England, Spanien und Japan schon die virtuellen Kontakte, wobei diese deutlich vor den Jugendlichen der Wohnumgebung oder auch anderen realen Bekanntschaften liegen, d.h., diese Kontalle haben eine sehr ähnlichen Rolle wie bisher die traditionellen Peer Groups übernommen, denn Jugendliche verbringen sehr viel Zeit im Internet, was zu Lasten etwa von Hobbys und Sport geht. Für die meisten Jugendlichen sind soziale Netzwerke wie facebook ein Forum zum Kommunizieren mit Jugendlichen aus allen Teilen der Welt, wobei Erlebtes in Form von Fotos und Videos auf die sozialen Plattformen gestellt weren, sodass diese virtuellen Freunde am Privatleben teilhaben können.

Das führt unter Jugendlichen bis hin zu Rankings, wer die meisten friends auf seiner Liste hat, wobei manche bis zu 500 unfassen, da eine möglichst lange Liste für das Ansehen in der virtuellen Welt wichtig ist. In dieser Welt entwickeln sich allmählich ähnliche Mechanismen wie in der realen Welt, wobei Konflikte oder Mobbing heute auch in diesen Fernbeziehungen ausgetragen werden. Es passiert durchaus, dass man in solchen Foren ausgegrenzt wird und keine keine Einladungen mehr zu Treffen und Events erhält.

Schon die Hälfte der Tageszeit verbringen die Menschen mit Mediennutzung

Nach einer Studie der britischen Regulierungsbehörde Ofcom aus dem Jahr 2010 ist ein Mensch durchschnittlich 15 Stunden und 45 Minuten wach, von denen sieben Stunden und fünf Minuten mittlerweile für Medien- und Kommunikationsaktivitäten wie fernsehen, surfen und telefonieren genutzt werden, wobei ein Viertel der Online-Zeit mit sozialen Netzwerken verbracht wird. Die Mehrheit der Social Networker sind dabei zwischen 16 und 34 Jahre alt, doch auch ältere Menschen interessieren sich verstärkt für diese Services. Insgesamt aber dominieren trotz des Wachstums digitaler Medien TV und Radio nach wie vor die Kommunikationsgewohnheiten der Menschen, denn sie schauten im Jahr 2009 durchschnittlich drei Stunden und 45 Minuten pro Tag fern, was drei Prozent mehr als im Jahr 2004 sind. Fernsehen ist also noch ein Fixpunkt in der Tagesgestaltung der Menschen, allerdings wurde nicht erhoben, wie aktiv oder passiv die Medien genutzt werden.

Belastung durch neue Medien

Viele Menschen stürzten sich in ein mediales Dauerfeuer durch die gleichzeitige Nutzung von Internet, SMS, Fernsehen, E-Mail und Telefon, um persönliche Probleme zu verdrängen, und hören dabei nicht auf ihre innere Stimme und die Warnsignale ihres Körpers. Sie betäuben sich mit dem Suchtmittel "Müll aus dem Internet", denn sie empfinden es als quälend, offline zu sein, und schaffen es nicht, wenigstens einen Tag in der Woche ohne diese Medien auszukommen. Süchtiges Verhalten ist dabei häufig eine Kompensation für den Mangel an echter Verbundenheit mit anderen und meist auch sich selbst, d.h., diese Menschen wissen auch mit sich selber nichts anzufangen. Zwar sind die Möglichkeiten des Web 2.0 wie Twitter, Kontaktplattformen und Blogs grundsätzlich hervorragende Möglichkeiten, sich zu vernetzen, doch die Gefahr liegt wie bei vielem im exzessiven Umgang damit. Neuen Medien erfordern von den Menschen des Internetzeitalters neue Wege des Stressmanagements und fest eingeplante Zeiten des geistigen Abschaltens, Übungen der Stille und Zeiten der Kontemplation.

Nach Aussagen von Psychotherapeuten und Psychologen gefährdet übermäßiges Twittern, Mailen und Chatten auf Dauer die Gesundheit, denn der Mensch braucht Ruhepausen, in denen er zu sich kommen kann, aber viele können nicht mehr abschalten und einfach nichts tun. Menschen, die zeitgleich Internet, SMS, Fernsehen, E-Mail und Telefon benutzen, büßen nach Studien deutlich an Leistungsfähigkeit ein, denn das mediale Dauerfeuer sorgt für eine erhöhte Aussschüttung der Stresshormone Cortisol und Adrenalin, sodass Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit massiv leiden, was langfristig in ein Burn-out-Syndrom mündet. Wie bei jedem neuen Medium liegt die Gefahr im exzessiven Umgang, denn durch die Neuheit dieser Medien sind neue Wege des Stressmanagements erforderlich. Man muss nach Ansicht von Experten aktiv offline gehen können und bewusst den geistigen Leerlauf suchen, d.h., Übungen der Stille und Kontemplation einplanen. Zwar wird die nächste Generation sicherlich einen souveränen Umgang mit den heute neuen Medien üben, allerdings dürften es dann andere Medien sein, mit denen sie sich auseinandersetzen werden müssen, denn die Geschwindigkeit der Neuentwicklungen nimmt eher zu als ab und die Zahl der Menschen, die nicht mehr mithalten können, wird ebenfalls vermutlich zunehmen.

Soziale Medien wie Facebook machen süchtig

Die Verhaltenssucht bei sozialen Medien unterscheidet sich von der Sucht bei Computerspielen bzw. den bisherigen digitalen Medien, weil sie mit dem Bedürfnis des Menschen nach Beziehungen gekoppelt ist. Der riesige Unterschied ist die Interaktivität, denn bei Medien, bei denen man nicht interaktiv beteiligt ist, liegt das Suchtpotenzial bei weitem niedriger. Obwohl bei den sozuialen Medien vermutlich Menschen am anderen Ende der Leitung sitzen, handelt es sich nur um Pseudobeziehungen, bei denen vorgegaukelt wird, dass man Beziehungen aufbauen kann. Durch diese soziale Komponente wird das Suchtpotenzial gesteigert, denn der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht Beziehungen für sein psychisches Überleben. Hunderte Facebook-Kontakte sind keine richtigen Freunde, denn drei Freunde im ralen Leben sind viel anstrengender, aufrecht zu erhalten. Außerdem kommt bei den sozialen Medien hinzu, dass man sich im Internet darstellen kann, wie immer man will, d. h., man kann sich sehr leicht attraktiv und interessant machen, was im echten Leben anstrengend und auch oft nur schwer möglich ist. Vor allem Kinder und auch Jugendliche sind dabei suchtgefährdet, denn bei ihnen funktioniert die Selbstkontrolle in diesen Bereichen noch nicht so wie bei Erwachsenen.

Bei Verhaltenssüchten gilt grundsätzlich das Gleiche wie bei substanzgebundenen Süchten, denn süchtig kann ein Mensch nur nach jenen Dingen werden, die das Belohnungszentrum stimulieren, in dem Dopamin ausgestoßen wird. Dieser Glückszustand muss dabei nicht in der extremen Form eines Rauschzustandes vorhanden sein, denn es reichen zahlreiche kleine und sich wiederholende Glücksmomente, die man gar nicht als Euphorie wahrnimmt, aber im Gehirn einen Dopaminausstoß bewirken, wie das etwa bei Facebook der Fall ist, wenn man sieht, dass man über Nacht mehr Freunde bekommen hat, weil man interessante Dinge gepostet hat. Das Ausmaß der Online-Süchte steigt aktuell enorm an, da die Verfügbarkeit rund um die Uhr gegeben ist, wobei oft schon kleine Kinder im Netz präsent sind. Für Eltern gilt, dass sie ihren Kindern daher etwas anderes dafür anbieten, nämlich Beziehung, denn beziehungsfähige Menschen sind nicht nur gegen Süchte und andere psychische Erkrankungen resistenter, sie sind auch ehrgeiziger, motivierter, neugieriger, sozial aktiver, kritischer und optimistischer.



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