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Brainstorming
Ich glaube nicht an die kollektive Weisheit individueller Unwissenheit.
Thomas Carlyle
Brainstorming - 1953 von Alex F. Osborn in den USA entwickelt - ist eine Gruppenaktivität, durch die zu einem vorgegebenen Thema Ideen oder Lösungsmöglichkeiten frei von Zwängen gefunden werden sollen. Durch Regeln sollen Barrieren abgebaut und kreatives Verhalten gefördert werden. Mit seiner Behauptung, dass Individuen, die in Gruppen brainstormen, mehr Ideen finden als wenn sie alleine arbeiten, hat Osborn (1953) ein umfangreiches Forschungsprograrnm stimuliert. Allerdings ist diese Behauptung falsch, denn Kommunikation kann die Ideengenerierung zwar stimulieren, aber die durch das Zuhören verursachten Unterbrechungen der eigenen Denkarbeit führen zu großen Beeinträchtigungen der Ideengenerierung, die den Stimulierungseffekt letztlich überschatten. Stimulierungseffekte sind nur in solchen Situationen nachweisbar, in denen eine Produktionsblockierung ausgeschaltet ist, z.B. beim elektronischen Brainstorming oder Brainwriting (vgl. Stroebe & Nijstadt 2004).
Die Methode ist aber leicht zu erlernen, da man den TeilnehmerInnen Sinn und Spielregeln rasch vermitteln kann. Es sind ausser Schreibutensilien keinerlei technische Hilfsmittel notwendig. In der Praxis wird häufig auch etwas als Brainstorming angekündigt, was eher eine freie Diskussion innerhalb einer Konferenz ist, insbesondere wenn der Leiter der in der Hierarchie am höchsten Stehende ist.
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Aufbau der Methode
Die Gruppe muss einerseits genügend groß sein, um die erforderlichen gruppendynamischen Anreize zu schaffen, andererseits muss sie klein genug sein, um die Kommunikation von jedem mit jedem zu ermöglichen. Ob ein Gesprächsleiter nötig ist oder die Gruppe sich selbst organisiert, hängt von ihr ab. Falls ein Leiter bestimmt wird, so soll er nach Nimmergut (1975, 90f.)
- überwachen, dass die Spielregeln eingehalten werden,
- kurz in das Thema bzw. Problem einführen,
- den Kommunikationsfluss durch unauffälliges Eingreifen aufrechterhalten und
- bei Abschweifen zum Thema zurückführen.
Folgende Rahmenbedingungen sind zu berücksichtigen:
- eine vom Aktiviätsrhythmus her eine günstige Tageszeit wählen, meist zwischen 9 und 13 bzw. 16 und 20 Uhr,
- der Zeitrahmen (5 bis 30 min) ist festzulegen,
- die ingestörte Äußerung muss jedem möglich sein und
- jegliche Kommentare, Korrekturen, Kritik und Bewertungen sind verboten.
Folgende Spielregeln sollten beachtet werden:
- Alle Teilnehmer sollten ihr Wissen einbringen, auch wenn es für das Problem nicht relevant erscheint, denn es kann Assoziationen bei anderen wecken.
- Einfälle der Teilnehmer dürfen nicht reglementiert werden.
- Problemorientierung geht vor Lösungsorientierung, denn frühzeitiges "Einschießen" auf eine Lösung erschwert das Auffinden von Alternativen.
- Geringer Konsens kann fördernd auf das Hervorbringen neuer, innovativer Ideen wirken.
- Die Ideenbewertung kommt nach der Sitzung, denn diese dient allein der Ideenfindung.
- In hierarchisch strukturierten Gruppen mit Abhängigkeitsverhältnissen darf der Vorgesetzte die von ihm vermutete oder favorisierte Lösung nicht äußern, denn die anderen schwenken sonst leicht darauf ein, anstatt innovativ und kreativ zu sein.
- Quantität geht vor Qualität, denn es geht zunächst darum, Ideen zu produzieren.
- Jeder Versuch einer Kritik oder Stellungnahme während der Sitzung soll vermieden oder aufgeschoben werden.
- Es besteht kein individuelles Urheberrecht an Ideen, sondern ein kollektives, denn Kennzeichen des Brainstormings ist das Aufgreifen und Weiterspinnen von Ideen. Daher kann sich kein Beteiligter das Ergebnis oder Teile davon auf seine Fahne schreiben.
Zur Dokumentation der Ergebnisse ist ein
Protokoll günstig, wozu eine oder zwei Personen abzustellen sind, die nicht kreativ mitarbeiten. Die geäußerten Ideen werden nummeriert und anonym festgehalten. Alle Vorschläge sind zu protokollieren, es darf nicht durch Weglassen gewertet werden. Rückfragen des Protokollanten sind unzulässig, da sie den Ideenfluss stören. Eine zusätzliche Tonbandaufnahme ist möglich, um sicherzustellen, dass nichts untergeht. Das Protokoll wird entweder am Tisch zu Papier oder auf eine Tafel oder ein Flipchart gebracht.
Brainstorming kann nur Rohmaterial liefern, das in einem zweiten Schritt strukturiert werden muss. Hier ist nun Kritik erlaubt und auch notwendig. Nachdem man ähnliche Ideen zusammengefasst hat, kann man z. B. nach Realisierbarkeit sortieren in: sofort realisierbar, später realisierbar, nach weiterer Bearbeitung realisierbar, nicht realisierbar. Den Abschluss der Auswertung stellt eine Liste mit Vorschlägen dar.
Kriterien für die optimale Gruppenzusammensetzung beim Brainstorming
Face-To-Face-Gruppen sind in ihrem Kreativitätspotential dem Leistungsvermögen sogenannter Nominalgruppen, also Gruppen, die aus getrennt arbeitenden Einzelnen gebildet werden, meist unterlegen. Es zeigte sich in Untersuchungen, dass sich der kreative Output von Gruppen tatsächlich steigern lässt, wenn den Gruppenmitgliedern bestimmte Rollen zugewiesen werden, die ihren individuellen Neigungen entsprechen. Als entscheidendes Kriterium für die Effektivität eines Brainstorming stellte sich eine gezielte Rollendifferenzierung innerhalb der Gruppe dar, d.h., Gruppenarbeit ist solange ineffektiv, wenn die Gruppen einfach bunt durcheinander gewürfelt werden. In solchen bunt gemischten Gruppen hemmt die Gruppendynamik bei einem gemeinsamen Brainstorming die Kreativleistungen der einzelnen Mitglieder. Dabei zeigte sich, dass folgende Merkmale schöpferischer Menschen in der Gruppenbildung für ein Brainstorming berücksichtigt werden müssen:
- Einfallsreichtum - der Ideator generiert schnell viele Ideen,
- bereichsspezifisches Wissen - der Modulator kann diese Ideenimpulse aufnehmen, weiter ausspinnen und konkretisieren,
- Aufgaben-Motivation - der Animator hat selbst eher weniger Ideen, kann aber zwischen den Ideengebern vermitteln und diese motivieren.
Diese drei Komponenten sind nämlich bei den wenigsten Menschen gleich stark ausgeprägt, sodass in Gruppen daher die einzelnen Gruppenmitglieder ihren individuellen Fähigkeiten gemäß spezifische Rollenfunktionen übernehmen sollten, wodurch alle Mitglieder arbeitsteilig in diesen drei Funktionen einen wirklich kreativen Gruppenprozess in Gang setzen können.
Literatur
Zysno, Peter V. & Bosse, Ari (2009). Was macht Gruppen kreativ? In E. H. Witte, C. H. Kahl (Hrsg.): Sozialpsychologie der Kreativität und Innovation. Lengerich/Berlin: Pabst.
Witte, Erich H. (Hrsg.) (2001). Leistungsverbesserungen in aufgabenorientierten Kleingruppen. Lengerich/Berlin: Pabst.
Probleme der Methode
Das Brainstorming ist sicherlich geeignet, ohne große Vorarbeiten einen schnellen Einstieg in komplexe Themen zu bekommen, wobei die dabei notwendige Kommunikation auch für die spätere Umsetzung der Lösungsvorschläge förderlich sein kann. Allerdings werden in manchen Fällen neue Ideen von kreativen Menschen schneller im Alleingang produziert werden können, wobei die Summe der Einzelergebnisse häufig besser ist als das Gruppenergebnis. Am günstigsten scheint es daher, wenn Gruppenmitglieder ihre Ideen schon vor der Sitzung individuell notieren und diese Informationen dann in der Gruppe austauschen bzw. sich erweitern.
Es gibt einige formale Probleme:
- Die Größe der Gruppe ist begrenzt, denn bei zu großen Gruppen werden die Intervalle zwischen den Beiträgen zu groß.
- Selbstdarstellungsrituale einzelner Teilnehmer sind schwer zu unterbinden, ohne die Betreffenden zu brüskieren.
- Wer von den Teilnehmern in der Lage ist, seine Vorstellungen besser und schneller zu formulieren, dem wird im Allgemeinen höhere Aufmerksamkeit zuteil, sodass es innerhalb einer Gruppe zu informeller Führerschaft kommen kann.
- Auch nonverbale Kritik ist vom Grundsatz her zu unterlassen. Wer hat jedoch seine Mimik und Gestik so im Griff? Und wenn sich nichts regt, ist dies förderlich für kreatives Denken?
Die Erfahrung lehrt, dass die zahlreichen negativen Befunde zur Effektivität der Beliebtheit des Gruppenbrainstorming keinen Abbruch tun, denn die überdauernde Popularität beruht darauf, dass dieses mehr Spaß macht als individuelles Brainstorming. Ausserdem haben die Teilnehmer den subjektiven Eindruck, in Gruppen produktiver zu sein als alleine, selbst wenn das Gegenteil der Fall nachweisbar ist (vgl. Stroebe & Nijstadt 2004).
Maria Pricken nennt auf seiner Webseite "No Brainstorming" elf seiner Menung nach gute Gründe, kein Brainstorming durchzuführen. Für ihn ist diese Methode "zwar nicht tot, doch für manche riecht es bereits ein wenig verdächtig. Mit gutem Grund, denn wie fast jeder schon erlebt hat, erzeugen Brainstormings häufig keine wirklich überzeugenden Ergebnisse". Er nennt dann elf Gründe, von denen einige ergänzend hier hervorgehoben werden sollen, da sie besonders in festgefahrenen institutionellen Strukturen kaum den erhofften Erfolg bringen:
- Weil die Teilnehmer mental den Schritt aus dem Tagesgeschäft nicht schaffen!
- Weil es selten gelingt, die Gruppenanpassung und die Political Correctness während des Meetings aufzubrechen.
- Weil die Teilnehmer nicht gelernt haben, in Chancen und Möglichkeiten zu denken, und stattdessen Profis im Aufspüren von Problemen und Hindernissen sind, die eine Idee bereits im Geburtsstadium vernichten.
- Weil man versucht, den Ideenfindungsprozess innerhalb der engen Strukturen des Unternehmens zu starten. Wenn es um wichtige oder revolutionäre Ideenansätze geht, ist dieser Versuch meist zum Scheitern verurteilt. Erfolgversprechender ist es, den Innovationsprozess mit einem externen Partner durchzuführen, der von den bestehenden Unternehmensstrukturen unberührt bleibt.
Siehe dazu ausführlicher Warum Brainstorming in Gruppen Kreativität vermindert
Brainwriting
Anders als beim Brainstorming denkt und schreibt beim Brainwriting jeder Teilnehmer selbst, es findet in der Ideenfindungsphase keinerlei verbale Kommunikation statt. Konkret funktioniert das Brainwriting so: Die TeilnehmerInnen sitzen gemeinsam an einem Tisch und jeder bekommt ein Blatt Papier. Oben auf diesem Blatt steht bei jedem Teilnehmer die selbe Fragestellung bzw. Problematik. Der Moderator gibt nun jedem Teilnehmer drei Minuten Zeit, jeweils drei Ideen auf das Blatt Papier zu schreiben. Wenn die Zeit abgelaufen ist werden die Blätter zu der jeweils links sitzenden Person weitergegeben. Jetzt beginnt eine neue Runde und jeder schreibt drei neue Ideen unter die des Nachbarn, die als Inspiration genutzt oder einfach ignoriert werden können. Eine Runde muss dabei nicht vollständig sein!
Nach der Ideenfindungsphase werden alle Ideen vorgelesen, diskutiert und vom Moderator zusammengeführt. Die Vorteile vom Brainwriting gegenüber dem klassischen Brainstorming sind offensichtlich, denn beim Brainwriting werden meist viel mehr Ideen produziert. Die Ideen werden beim Brainwriting sofort schriftlich festgehalten und gehen nicht verloren, während andere Teilnehmer ihre Ideen vorstellen. Alle Teilnehmer kommen beim Brainwriting zu Wort und alle Beiträge bekommen die selben Chancen. Die Ideen können anonym vorgestellt werden, daher kann sich beim Brainwriting jeder trauen auch mal verrückte Ideen einzubringen. Die Zeitbegrenzung beim Brainwriting gibt den Teilnehmern einen leichten Druck, Ideen zu liefern.
Brainwriting mit Karteikarten
Man kann ein Brainwriting auch sehr gut mit Karteikarten durchführen, indem jede Idee eine neue Karte bekommt, damit man später die zahleichen Ideen gut sortieren kann, wobei es wichtig ist, dass man deutlich, lesbar und groß schreibt, damit später die gesamte Gruppe die Ideen auch dann gut lesen kann, wenn man sie an einer Tafel oder Wand aufhängt, um darüber zu diskutieren. Günstig ist es auch, kurze, prägnante Formulierungen für seine Ideen zu finden.
Wenn man alleine die Kärtchentechnik anwendet und das Gefühl hat, es gehen die Ideen aus, dann schaut man auf die Karten, die man bereits geschrieben hat und lässt sich selbst von seinen eigenen Ideen anregen. Wenn dann alle Ideen gesammelt sind, sortiert man sie gemeinsam nach sinnvollen Zusammenhängen. Wenn dann alle Ideen sortiert an der Tafel hängen, kann man gut diskutieren und kritisieren bzw. weiterarbeiten, wie auch bei der Auswertung eines normalen Brainstormings.
Brainwalking
ist eine Kreativitätsmethode, bei welcher angeregt durch Brainstorming und Brainwriting Flippcharts im Gebäude bis hin zum Parkplatz aufgehängt werden. Auf den großen Papierbögen ist dann eine Fragestellung zum Hauptproblem notiert, das eine Gruppe von BrainwalkerInnen lösen soll. Die TeilnehmerInnen gehen in beliebiger Reihenfolge zu den Flippcharts und füllen die Bögen, die ein wachsendes Anregungspotential darstellen. Die Vorzüge des 20 bis 30 Minuten langen kreativen Spazierens sind die Assoziationsfreiheit. Durch das freie Herumwandern wird der fluss nicht unterbrochen. Nebenbei wird der Organismus wach und die Durchblutung des Gehirns wird durch die Bewegung gefördert. Die Erlebnisse, Gegenstände wie Personen, die ein Brainwalker auf seinen Spaziergängen hat, regen zu Analogien und neuen Perspektigen an. Der gewinnbringende Ortswechsel ist also inspirierender als ein Konferenzraum mit seiner konfektionierten Möblierung. Auch in Seminaren merkt man oft, dass beim lockeren Mittagessen bessere Ideen prouziert werden als im Seminar selber. In ungewohnter Umgebung kann man leichter auf neue Gedanken kommen. Nach den Rundgängen folgt eine systematische Auswertungsrunde, bei der zwei Fragen im Zentrum stehen: Ist der Vorschlag realisierbar? Wird damit das Ziel besser erreicht?
Synectics
Synectics als Kreativmethode basiert auf Brainstorming und wurde von William Gordon entwickelt, ist jedoch anspruchsvoller und der Verlauf ist komplizierter, liefert aber genauere und detailliertere Problemlösungen. Grundgedanke ist, dass Probleme niemals mit derselben Denkweise gelöst werden können, durch die sie entstanden sind.
Es werden dabei vertraute Muster und Lösungen reorganisiert, umstrukturiert, angepasst, in neues Wissen und neue Muster umgewandelt. Der aufwändige Verlauf von Synektik sorgt für außergewöhnliche Ergebnisse, da Analogien in Stufenfolgen gebildet werden, indem man sich sich von dem Problem möglichst weit entfernt. Dann werden von Ende der Assoziationskette die Lösungen auf das eigentliche Problem übertragen. Der Verlauf:
- Das Problem wird anschaulich dargestellt und analysiert.
- Erste spontane Lösungen werden vorgeschlagen.
- Das Problem wird neu überprüft und neu Formuliert.
- Vergleich zu direkten Analogien (spontan, ohne lange nachzudenken)
- Individualisierung – persönliche Analogien werden gebildet.
- Kontradoktion – symbolische Analogien werden vorgeschlagen.
- Zweite Bildung direkter Analogien.
- Die Analogien werden analytisch überprüft.
- Übertragung auf das Problem.
- Anpassung, Korrekturen und Entwicklung von Lösungsansätzen.
Diese Methode kann sowohl in kleineren Gruppen (3-4 Personen) als auch in mittelgroßen (bis 10 Personen) durchgeführt werden.
Weitere Methoden der Ideenfindung
- Mindmapping
- Clustering
- Die Osborn-Methode
- Die Umkehr-Methode
- Die Morphologische Matrix
- Das Ideen-Formular
- Die Reizworttechnik
- Das 6-Hut-Denken nach Edward de Bono
Literatur
Osborn, Alex F. (1953). Applied imagination. New York: Scribner.
Scholles, Frank (2000). Brainstorming.
WWW: http://www.laum.uni-hannover.de/ilr/lehre/Ptm/Ptm_KreaBrain.htm (00-05-09)
Stroebe, Wolfgang & Nijstadt, Bernard A. (2004). Warum Brainstorming in Gruppen Kreativität vermindert. Psychologishe Rundschau, 55, Heft 1, S. 2-10.
Pricken, M. (o.J.). No Brainstorming. 11 gute Gründe, kein Brainstorming durchzuführen!
WWW: http://www.mariopricken.com/de/services/opentrainings_nobrainstorming.cfm (10-02-02)
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