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Die berufliche Sozialisation

Quellen: Bammé, A./Eggert, H./Lempert,W.: Berufliche Sozialisation: Ein einführender Studientext, Max Hueber Verlag, München, 1983

Friebel H. (Hrsg): Berufliche Qualifikation und Persönlichkeitsentwicklung: Alltagserfahrungen Jugendlicher und sozialwissenschaftliche Deutung, Westdeutscher Verlag, Braunschweig, 1985

Hurrelmann, U. (Hrsg): Handbuch der Sozialisationsforschung, Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 1998.

Unter der beruflichen Sozialisation verstehen Bammé/Holling/Lempert zunächst die Entwicklung von Persönlichkeitsstrukturen in der Auseinadersetzung mit den Anforderungen und Bedingungen des Arbeitsprozesses.

Aufgrund der starken Beeinflussung der Eltern in Bezug auf Schul- und Berufswahl, bestimmt die berufliche Sozialisation der Elterngeneration großteils auch die berufliche Sozialisation der Kinder. Schlussfolgernd ergeben sich zwei Fragen:

Anders formulieren kann man berufliche Sozialisation als Aneignungs- und Veränderungsprozess von Kenntnissen, Fähigkeiten, Motiven, Orientierungen und Deutungsmustern, die in der Arbeitstätigkeit eingesetzt werden können. Dann ist hiermit sowohl die Sozialisation für den Beruf als auch die Sozialisation im Beruf, nämlich durch die Arbeitstätigkeit selbst angesprochen. Aufgrund dessen umfassen berufsbezogene Lern- und Entwicklungsprozesse nicht nur die Qualifikation für Arbeitstätigkeiten, sondern auch die gesamte Persönlichkeitsentwicklung (vgl. HEINZ 1980).

Die berufliche Sozialisation ist somit aus zwei aufeinander zu beziehenden Perspektiven zu betrachten:

Einen weiteren Ansatzpunkt zur beruflichen Sozialisation liefert Friebel mit folgender Definition: „Die von den Jugendlichen beim Übergang in den Arbeitsmarkt erfahrene Konfrontation mit den Selektionskriterien und Anforderungen der Ausbildungsbetriebe leitet offensichtlich einen Prozess der beruflichen Sozialisation ein, durch den die Realisierung des Lebensentwurfes eng mit konventionellen, d. h. aber illusionslosen Zukunftserwartungen verknüpft wird“ (FRIEBEL 1985, S. 150).

Entsprechend der Theorie des symbolischen Interaktionismus (Heinz, 1982) führen Sozialisationsprozesse nicht zu einer mechanischen Verinnerlichung von Handlungserwartungen, vielmehr werden diese durch die Akteure selbst interpretiert und mit ihrer Biographie in Verbindung gebracht. Demnach schlagen sich auch restriktive Arbeitsbedingungen nicht in einer total angepassten Arbeitspersönlichkeit nieder. Auch bei begrenzten Handlungsspielräumen und anspruchslosen Tätigkeiten entwickeln die Arbeitenden Bewältigungsstrategien, die der Identitätsverteidigung dienen. Somit prägen die beruflichen Anforderungen und Arbeitssituationen das Arbeitshandeln nicht direkt, sie sind vielmehr durch berufliche Sozialisationsprozesse vermittelt und werden von den Beteiligten selbst interpretiert.

Etappen beruflicher Sozialisation

Das Verhältnis des Individuums zu Beruf und Arbeit konstituiert sich aus Lernanregungen und Anpassungszwängen als mehr oder minder kontinuierlicher Sozialisationsprozess, durch den berufliche Kompetenzen und Persönlichkeitsstrukturen aufgebaut werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von Etappen beruflicher Sozialisation:

Interessant hierbei erscheint, dass berufsbiographische Etappen, die von der normalen Strukturierung beruflicher Werdegänge abweichen, wie etwa beruflicher Abstieg durch Dequalifizierung oder länger dauernde Arbeitslosigkeit, selten zum Thema der beruflichen Sozialisationsforschung geworden sind.

Sozialisation im Zusammenhang mit der Berufswahl Jugendlicher

Die meisten psychologischen Theorien über Berufswahl konstituieren eine Beziehung zwischen Persönlichkeitseigenschaften und Berufsfeldern, während soziologische Konzepte auf die soziale Herkunft und die institutionellen Determinanten, wie das Berufsbildungssystem, verweisen.

Entgegen der Annahme, dass sich Jugendliche in ihrer Identitätsentwicklung an deutlichen beruflichen Vorstellungen ausrichten, verweisen die Ergebnisse von Heinz et al. (1987) darauf, dass die Berufswahl oft durch eine frühzeitige und dem Individuum nicht einsichtige Ausgrenzung vieler Berufsbereiche gekennzeichnet ist, was zur Folge hat, dass man das nicht mehr werden will, was man nicht werden kann.

Das bedeutet, dass den Jugendlichen in der biographischen Etappe des Übergangs in die Arbeitswelt diejenigen Fähigkeitskombinationen als akzeptabel erscheinen, auf die sie durch ihre vorberufliche Sozialisation und die gesellschaftliche Chancenstruktur festgeschrieben sind. Die Formulierung von Berufsinteressen wird damit durch das Angebot an Ausbildungsplätzen eingeschränkt; dies ist durch Prozesse antizipatorischer Sozialisation begleitet, die erreichbaren Berufe an die Stelle von Traumberufen setzen.

 Theorien beruflicher Sozialisation

Die Erforschung der Sozialisation für und durch die Berufsarbeit setzt eine Synthese von Theorieansätzen aus der Sozial-, Persönlichkeits- und Arbeitspsychologie sowie der Berufs- und Betriebssoziologie voraus.

Rollentheoretische Ansätze

Brim formuliert in Rückgriff auf rollentheoretische Annahmen und die Identitätstheorie des symbolischen Interaktionismus die Persönlichkeitsentwicklung als eine erfolgreiche Serie von Rollenlernprozessen, die durch Veränderungen im Sozialgefüge und im Lebenszyklus notwendig werden. Der Zweck der Sozialisation liegt somit in der Förderung von Motivation, Fähigkeiten und Kenntnissen, die für die Ausübung vordefinierter Berufsrollen nützlich sind. Das Resultat der so konzipierten beruflichen Sozialisation ist eine Art „psychischer Kontrakt“ ein „modus vivendi“ zwischen Individuum und Organisation. Die rollentheoretische Konzeption betont vor allem die sozialen Interaktionsprozesse in der Arbeitsorganisation und die Passung zwischen Persönlichkeit der Mitarbeiter und Organisationskultur. Sie vernachlässigt aber sowohl die Konflikte zwischen unterschiedlichen Wertstandpunkten als auch die durch ökonomische Rationalitätskriterien und betriebliche Herrschaftstrukturen eingeschränkten Chancen zur Identitäts- und Fähigkeitsentwicklung in der Berufsarbeit.

Interaktion von Arbeit und Persönlichkeit

Sozialisation für und durch die Berufsarbeit formt die Identität der Beschäftigten nicht ohne Zutun des Individuums. Sie ist laut Hoff (1985) als Interaktionsprozess zwischen Ausbildungs- und Arbeitsstrukturen und der durch Elternhaus und Schule vorgeprägten Persönlichkeit zu verstehen. Damit ist ein Spektrum von Wechselbeziehungen zwischen Berufsarbeit und Persönlichkeitsentwicklung denkbar – allerdings in Abhängigkeit von den Ansprüchen, die an Arbeitsinhalt und Selbstverwirklichung gerichtet und von den realen Arbeitsverhältnissen gefördert oder behindert werden. Die entstehende Kontinuität oder Diskontinuität der Berufsbiographie prägt die Persönlichkeitsstrukturen und beeinflusst die Lebensführung und die Bewertungsmaßstäbe von Berufsarbeit (vgl. HURRELMANN 1998, S. 398 ff.).

Quelle: Diese Arbeitsblätter entstanden teilweise unter Verwendung einiger Abschnitte der vom Autor der Arbeitsblätter betreuten Diplomarbeit von Klaus Kotzor "Freizeitgestaltung von Jugendlichen".



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