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Der Berufsfindungsprozess

Literatur

Abels, H. (1993). Jugend vor der Moderne: Soziologische und psychologische Theorien des 20. Jahrhunderts. Opladen.

Flammer, A. (1988). Entwicklungstheorien: Psychologische Theorien der menschlichen Entwicklung. Bern: Huber Verlag.

Schenk-Danzinger, L. (1988). Entwicklungspsychologie. Linz: Österreichischer Bundesverlag.

Die Wahl eines Berufs und die Vorbereitung auf eine Berufsausübung sind wahrscheinlich die wichtigsten Entwicklungsaufgaben, vor die sich der Heranwachsende gestellt sieht, denn er ist hierbei gezwungen, sich auf die Zukunft, auf die Gestaltung seines eigenen Lebens zu orientieren (vgl. SCHENK-DANZINGER, L., 1988, S. 393.).

Havighurst hat dabei für Jugendliche folgende neun Entwicklungsaufgaben beschrieben:

Diese neun Stufen sind noch um folgende drei Entwicklungsaufgaben zu ergänzen:

Havinghurst hat aber nicht nur die Entwicklungsaufgaben Jungendlicher beschrieben, sondern auch den Jugendlichen selbst.

Um nun aber den sozialen Status des Erwachsenen einnehmen zu können, muss der Jugendliche nicht nur einfach älter werden, sondern er muss mit bestimmten geistigen und sozialen Aufgaben fertig werden. Diese Entwicklungsaufgaben fallen, wie bereits erwähnt in die Phase der Adoleszenz (vgl. ABELS, H., 1993, S. 263.).

Der Prozess der Berufsfindung lässt sich eindeutig in die 5. Aufgabe von Havighurst (Anstreben wirtschaftlicher Unabhängigkeit und Einleitung einer beruflichen Karriere) einordnen. Betrachtet man in diesem Zusammenhang die Entwicklungsperioden nach Havinghurst, so lässt sich dieser Lebensabschnitt in den Bereich des mittleren Schulalters (bis 12 Jahre) bis zur Adoleszenz (bis 17 Jahre) einordnen.

Die Entscheidung für oder gegen einen künftigen Beruf birgt eine Reihe von Vorinformationen in sich. Erst das Wissen, welche Berufe mit welchen Tätigkeiten, Anforderungen, Ausbildungswegen, Arbeitsbedingungen, Einkommen etc. verbunden sind, ermöglicht eine für das Individuum richtige Entscheidung. Um nun die Berufsfindung bewusster und überlegter vornehmen zu können und Fehleinschätzungen zu vermeiden, brauchen die Schüler eine geeignete Grundlage um sich über ihre eigenen Wünsche und Neigungen klar zu werden, die eigenen Fähigkeiten zu erkennen sowie notwendige Informationen über die Berufswelt bekommen zu können (vgl. http://www.akwien.at)

Problematisch dabei erscheint jedoch die Tatsache, dass der Jugendliche in dieser Entwicklungsphase Entscheidungen treffen soll, die für das ganze spätere Leben von größter Bedeutung sind, ohne dass er noch die Kenntnis seiner selbst und der sachlichen Seite des Lebens hat, die unbedingt nötig wäre, um eine richtige Entscheidung zu begründen (vgl. ABELS, H., 1993, S. 123 f.).

Vor der Entscheidung zu einem bestimmten Beruf sollte zuerst auf die Gründe eingegangen werden, warum ein Individuum bereit ist beziehungsweise bereit sein muss, Arbeit zu verrichten. Dazu gibt es in der Literatur verschiedene Ansätze, die im nachstehenden Unterkapitel dargestellt werden.

Ginzberg gliedert die berufliche Entwicklung in folgende drei Stufen:

Super versucht im Gegensatz zu Ginzberg das gesamte Leben in die folgenden 5 Stufen der Berufsentwicklung miteinzubeziehen:

Die generellen Antriebe der Berufswahl

Gesellschaftliche Rahmenbedingungen

Seit den 1950er-Jahren gibt es einen ständigen Anstieg der Anteile von Schülerinnen und Schülern eines Jahrganges, die in anspruchsvolle weiterführende Schulformen übergehen. Damit ist formal das Anspruchsniveau an Bildungsgänge und Qualifikationszertifikate angestiegen. Parallel zu dieser Expansion von anspruchsvollen Bildungsgängen und ihren Abschlüssen ist der Arbeitsmarkt geschrumpft. Er ist heute durch harte Verdrängungswettbewerbe und einen hohen Sockel von Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Die objektive Chancenstruktur für Jugendliche ist damit so beschaffen, dass nur ein Teil der jungen Generation Möglichkeiten für den Einstieg in anspruchsvolle Berufslaufbahnen hat, während ein anderer Teil am Arbeitsmarkt abgewiesen wird und das auch dann, wenn im Vergleich zu früheren Generationen ein anspruchsvoller Bildungsgang durchlaufen und ein hochwertiges Schulabschlusszeugnis erworben wurde. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass die Elternhäuser heute so nervös auf Rückschläge in der Schullaufbahn und Rückstufungen in der Leistungskarriere ihrer Kinder reagieren. Zu Recht wittern Väter und Mütter hier eine Gefährdung ihres erreichten sozialen Status. Wenn ihre Kinder trotz formal höherer Schulabschlüsse und formal besserer Schulleistungen keine aussichtsreichen beruflichen Laufbahnen einschlagen können, entsteht naturgemäß Statusangst. Diese Unruhe und Nervosität überträgt sich auf immer mehr Schülerinnen und Schüler, und zwar schon im Grundschulalter. Es bleibt den Kindern und Jugendlichen gar nichts anderes übrig, als sich auf die schulische Leistungstätigkeit wie auf eine industrielle, quasi den Gesetzen von Lohnarbeit folgende Arbeit einzurichten. Sie absolvieren diese "schulische Lernarbeit" mehr oder weniger zwanghaft und mechanisch, der "Lohn" ist das Zeugnis mit dem Tauschwert für vermeintlich erfüllendere Erlebnisse im späteren Leben, dem eigentlichen Erwachsenenleben. Wird aber ein Abschlusszeugnis mit hohem Tauschwert im Beschäftigungssystem nicht erreicht, dann sind Frustrationen für die Selbstdefinition und in der Folge Belastungen für Selbstwertgefühl und Gesundheit vorgezeichnet. Die Schulzeit kann unter diesen Umständen als eine "verlorene Lebenszeit" definiert werden, da sie den instrumentellen Wert des Zugangs zum Beschäftigungssystem nicht einlöst.

Befriedigung der überlebensnotwendigen Bedürfnisse

Der Trieb, sein Überleben zu sichern, ist zweifelsohne der ursprünglichste Antrieb zur Arbeit. Es lässt sich in allen Formen der Arbeit finden, erklärt aber noch nicht die menschliche Arbeit, denn es gibt zahlreiche andere Möglichkeiten, das Überleben zu sichern (die bloße Befriedigung der primären körperlichen Bedürfnisse, wie etwa Nahrung, Vermeidung von Schmerzen etc. werden hier aufgrund ihrer starken, ausschließlich subjektiven Verankerung nicht als Arbeit bezeichnet). Zur eigentlichen Arbeit werden Bedürfnisbefriedigungen erst dann, wenn das Beschaffen der Mittel und Objekte innerhalb der Gruppe geschieht. Arbeit ist somit eine Bedürfnisbefriedigung durch Arbeitsteilung. Blickt man zurück in die Geschichte, so lässt sich unwiderruflich nachweisen, dass die Urberufe alle von den Grundstämmen Sammler, Jäger, Ackerbauer etc. ausgehen, von Tätigkeiten also, die ausschließlich der Lebenserhaltung dienen.

Der Betätigungsdrang

Der Betätigungsdrang gehört zu den grundlegenden Antrieben der Arbeit. Die Lust an der Betätigung kommt in der Literatur in den verschiedensten Bezeichnungen vor. Sigmund Freud betont einen Bewältigungstrieb, K. Bühler spricht von einer Funktionslust und Adler bezeichnet den Drang auch als Machttrieb. Moser hingegen differenziert zwischen zwei Arten von motorischer Lust, die beide in der Arbeit entstehen können: allgemeine Funktionslust (diffuser motorischer Äußerungsdrang) und das Lustmoment an einem bestimmten, abgegrenzten Bewegungsvollzug im Sinne einer Meisterung der Situation (instinct to master). Ziel dieses sogenannten Meisterungsbedürfnisses ist es, ein Stück der Umwelt zu kontrollieren und zu verändern. Nach Moser kann sich diese Lustkomponente selbst bei den monotonsten Arbeiten finden.

Wahrung der sozialen Stellung und des Prestiges

Sofern die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen (Nahrung etc.) befriedigt sind, treten andere Motive um zu Arbeiten in den Vordergrund. Nunmehr stehen persönliche Geltung, Sicherheit der Position und Verlangen nach Erfolg im Zentrum. Die in der Arbeit hervorgebrachte Leistung ist heutzutage in den westlich orientierten Kulturkreisen zur sozialen Legitimation geworden.

Das Leistungsprinzip liegt dem sozialen Prestige als Wertmaßstab zugrunde. Der Leistungsdrang, der Drang beruflich erfolgreich zu sein, wird zur Daseinslegitimität und ist in unserer Kulturform so ausgeprägt, dass sich diesem kaum einer entziehen kann. Wesentlich ist dabei, dass die Arbeit die häufigste und dem heutigen Menschen naheliegendste Form des Erfolges und der Machtanhäufung ist.

Die soziale Pflichterfüllung

Ein weiterer Antrieb zur Arbeit kann die Verpflichtung sein, für eine oder für mehrere Personen zu sorgen. Es unterscheidet sich von dem allgemeinen Streben, seine Stellung in der Gesellschaft zu erhalten dadurch, dass es sich entweder auf eine bestimmte Person oder eine Intimgruppe (nie auf die Gesellschaft als Gesamtkörper) bezieht und dass dieses Gefühl der Verpflichtung aus einem Gefühl der liebenden Zuwendung entspringt. Diese Fürsorge ist in jedem Menschen als mögliche angelegt, tritt aber nicht bei jedem Menschen in Erscheinung.

Die Rolle des Gelderwerbes

Die Form der Arbeit, die heutzutage vorherrscht, ist die Erwerbsarbeit mit Entlohnung durch Geld und nicht mehr wie in früheren Epochen durch Tauschwaren. Die Verwendungsmöglichkeiten des Geldes gehen über die Verwendung für die Existenzsicherung hinaus. Man kann sich mit Geld alle möglichen Wünsche erfüllen. Es wird zum Mittel der Bedürfnisbefriedigung und nimmt damit die Stellung ein, die in den Augen des Kindes die Erwachsenen einnahmen (Die Psychoanalyse geht davon aus, dass die Art des Umgangs eines Menschen mit Geld tiefe Schlüsse auf seine Triebstruktur erlaubt).

Neben der unbewussten Bedeutung des Geldes als Mittel jeglicher Wunscherfüllung, ist Geld auch Maßstab und Dokumentation der Arbeitsleistung. Wer viel Geld besitzt, besitzt auch ohne große Arbeitsleistung hohes Prestige, außerdem dient es in gleicher Weise wie die Arbeitsleistung als soziale Legitimation des Individuums.

Intrinsische und extrinsische Motivation und berufliche Passung

Literatur

Sortheix, F. M. Chow, A. & Salmela-Aro, K. (2015). Work values and the transition to work life: A longitudinal study. Journal of Vocational Behavior, 89, 162-171.

Sortheix et al. (2015) untersuchten Arbeitswerte und Berufsfindung junger Erwachsener in einer Längsschnittstudie (Finnish Educational Transitions Study), wobei die Antworten von 415 jungen Erwachsenen zu zwei Zeitpunkten erfasst worden waren: 2008, als sie 20 oder 21 Jahre alt waren und studierten beziehungsweise einen Beruf erlernten, und 2011, als die 22- oder 23-Jährigen ihren ersten Arbeitsplatz hatten. Es zeigte sich, das intrinsische Werte die Passung verbesserten, d. h., wer sich seinen Beruf interessen- und freudegeleitet aussuchte, gab bei der zweiten Befragung eine bessere Person-Berufs-Passung an, wobei intrinsische Werte keinen Einfluss darauf hatten, ob man später häufiger Arbeit hatte oder nicht. Extrinsische Werte hingegen beeinflussten den Beschäftigungsstatus, denn Studierende, die ihre Laufbahn von Einkommen oder Aufstiegsmöglichkeiten abhängig machten, waren in der zweiten Befragung seltener arbeitslos. Jene, die aber einen möglichst sicheren Job haben wollten, waren zwei Jahre später häufiger arbeitslos. Extrinsische Werte hatten somit keinen Einfluss auf die Person-Berufs-Passung. Zwar legen die Ergebnisse den Schluss nahe, dass jemand, der darauf schaut, was er später verdient, nach seiner Ausbildung häufiger einen Arbeitsplatz findet, doch langfristig zahlen sich eher intrinsische Werte aus, denn Lust an der Arbeit macht über Jahrzehnte hinweg zufriedener als monatlich einen bestimmten Lohn überwiesen zu bekommen.

Aufgaben der Berufsberatung

Etwa seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts ergab sich durch die immer komplexer werdende Arbeitswelt ein ein erhöhter Bedarf an beruficher Information. So wurde versucht, im Schulunterricht - z.B. durch den Berufskundeunterricht - auf die vielfältigen Möglichkeiten der Arbeitswelt einzugehen. Eine wichtige Aufgabe der Berufsberatung ist seither die Bereitstellung von Informationen über die Berufs- und Arbeitswelt, um die berufliche Informiertheit bzw. das berufliche Wissen zu erhöhen. Das geschieht durch schriftliches Informationsmaterial über Berufe oder Ausbildungswege, Vorträge von Berufsberatern in Schulklassen. Die Berufsberatung kann auch direkte Kontakte mit der Berufs- und Arbeitswelt anbieten, um reale Betriebs- oder Arbeitserfahrungen zu vermitteln, etwa durch Berufsmessen, Betriebsbesichtigungen und Schnupperlehre zu vermitteln. In vielen Fällen verwendet man auch einschlägige Testverfahren, um die Kompetenzen und Interessen des Berufssuchenden mit Aspekten der Berufswelt und deren Anforderungen in Beziehung zu setzen. Siehe dazu etwa den Situativen Interessen Test (SIT). Neben der individuellen Beratung bietet die institutionelle Berufsberatung auch Gruppenberatungen für kleinere Gruppen von Berufswählern mit ähnlichen Fragen und Interessem an, um gruppendynamische Effekte für die Abklärung der Berufspräferenzen zu nutzen. Am Ende solcher Gruppenberatungen steht aber in den meisten Fällen jedoch die direkte Interaktion zwischen Berater und Ratsuchenden.

Literatur

Cardoso, Paulo, Silva, Joana R., Gonçalves, Miguel M. & Duarte, Maria Eduarda (2014). Innovative moments and change in Career Construction Counseling. Journal of Vocational Behavior, 84, 11–20.

Cardoso et al. (2014) haben Gesprächssequenzen einer Berufsberatung untersucht und verschiedene Formen des Herangehens gefunden, wobei die ersten fünf Möglichkeiten eine innovative, positive Veränderung mit sich bringen, während der Rückzug zum Problem einer Weiterentwicklung eher abträglich ist:

 



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