Adipositas

Die Adipositas ist eine weit verbreitete Erkrankung und ist in traditionellen Gesellschaften häufiger in der Oberschicht anzutreffen, denn diese prägt meist auch das gesellschaftliche Schönheitsideal. In unserer Gesellschaftsform findet man sie jedoch eher in der Unterschicht, denn Dicksein widerspricht unserem Schönheitsideal. Lange Zeit wurden Adipöse als undisziplinierte Menschen angesehen, die sich gehen lassen. Heute werden genetische und organische Einflüsse als stark prägend für eine solche Entwicklung erkannt:

  • Übergewicht beginnt bei einem BMI von 25 bis 30.
  • Adipositas beginnt bei einem BMI von 30.
  • Extreme Adipositas beginnt bei einem BMI von 40.

Das Fetthormon Leptin wird als Signal von Fettzellen abgegeben, die dem Gehirn mitteilen, dass der Körper mit der Nahrungsaufnahme nun aufhören sollte. Bei Menschen mit Übergewicht sind jedoch auch schon standardmäßig hohe Leptin-Werte vorhanden, und man vermutet, dass sich deren Gehirn gegenüber dem Signalhormon taubschaltet - also eine Leptin-Resistenz vorhanden ist. Eine Studie der Harvard Medical School lässt vermuten, dass es sich um einen Signalstau im Protein produzierenden Teil des endoplasmatischen Reticulums handelt, wodurch eine Art Stress entsteht, nach dem Entstehungsort als ER-Stress bezeichnet.

Adipositas bedingt ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen, Zuckererkrankung, Bluthochdruck, Gelenkschäden und manche Krebsarten. Aber: Übergewicht ist nicht in jedem Fall gesundheitsschädlich. Seine Art (Fettverteilung am Körper) und die der Ernährung sind wichtige Einflussgrößen.

Diäten können über den "Jojo-Effekt" eine Adipositas aufrechterhalten oder verschlimmern. Durch sie kommt es zu einer besseren Nahrungsmittelverwertung, aber nach Ende der Diät zu einer übermäßigen Gewichtszunahme. Am Entstehen von Sucht und Entzugssymptomen ist nach neuesten Forschungen im Gehirn ein Regelkreis beteiligt, der CRF-Stress-System genannt wird (CRF = Corticotropin-Releasing-Factor). Versuche an Tieren zeigten, dass sich beim wiederholten Abbrechen einer Diät im Gehirn ähnliche Prozesse abspielen wie bei Alkohol- oder Drogensüchtigen, die nach einem Entzug rückfällig werden. Bei Menschen, die wiederholt Diäten abbrechen, kommt es vermutlich auch deshalb zu den gefürchteten Fressattacken, da sie Stress und negative Gefühle wie Ängstlichkeit meiden wollen.

Da die Adipositas gesellschaftlich unerwünscht ist, kann sie seelische Verstimmungen auslösen. Als Psychogene Adipositas werden die Formen bezeichnet, die vor allem seelische Ursachen haben. Ungefähr 5 Prozent aller Adipösen leiden an einer Heißhungerstörung (Binge-Eating-Disorder), das heißt, sie leiden an Essattacken, die durch Unlustspannungen ausgelöst werden. Ungefähr 10 % sind Nachtesser, die tagsüber ein eingeschränktes Essverhalten haben.

Immer mehr Jugendliche leiden an einer Adipositas. Häufig ist die Erkrankung mit einer depressiven Störung verbunden. Die Betroffenen leben traurig und zurückgezogen und essen vermehrt. Das Übergewicht fördert dann den weiteren sozialen Rückzug.

Nach Untersuchungen in den USA möchten Menschen lieber mit einem Blinden, einem Ladendieb oder einem Kokainabhängigen beisammen sein als mit einem dicken Menschen. In einer Studie der Universität Tübingen (Ansgar Thiel, Institut für Sportwissenschaft) zeigte man Jugendlichen im Alter von zehn bis 15 Jahren Fotografien von normalgewichtigen Jugendlichen, Kindern im Rollstuhl und fettleibigen Jugendlichen. Die ProbandInnen sollten angeben, ob sie mit den abgebildeten Personen gerne spielen würden und außerdem beurteilen, ob sie die dargestellten Kinder klug oder sympathisch finden.

Die adipösen Kinder wurden als am wenigsten sympathisch angesehen und am seltensten als Spielkameraden bevorzugt. Am sympathischsten war den Studienteilnehmern das normalgewichtige Mädchen. Die Werte der körperbehinderten Kinder lagen etwa in gleicher Höhe wie die des normalgewichtigen Jungen. Bei der Spielkameradenpräferenz lehnten die weiblichen Studienteilnehmer die adipösen Kinder noch stärker ab als die Jungen. Das normalgewichtige Mädchen hielten die meisten Befragten für das hübscheste Kind. In dieser Kategorie sind die körperbehinderten nicht öfter genannt worden als die adipösen Kinder. Als am wenigsten hübsch stuften 87,1 Prozent der Befragten die adipösen Kinder ein, allein 69,5 Prozent den Jungen.

Die übergewichtigen Kinder wurden in den restlichen Kategorien am häufigsten mit schlechten Eigenschaften in Verbindung gebracht. Die adipösen Kinder wurden nur in 2,6 Prozent der Fälle als die intelligentesten eingeordnet. Das adipöse Mädchen nannten 25 Prozent als das am wenigsten intelligente Kind, den adipösen Jungen sogar zwei Drittel. Dick wurde sehr häufig auch mit faul gleichgesetzt: Die beiden adipösen Kinder wurden zu fast 95 Prozent als die faulsten angenommen, der Junge allein schon mit 75 Prozent. Der Studienautor interpretiert, dass in diesem Alter die Sportlichkeit und Körperlichkeit bei einem adipösen Jungen als stärker beeinträchtigt wahrgenommen werde als bei einem Mädchen. Bei der Intelligenz und der Faulheit urteilten die befragten Jungen und Mädchen etwa gleich, außerdem habe es kaum Unterschiede zwischen den Befragungsergebnissen der Schüler von der Hauptschule und dem Gymnasium gegeben. Nur der adipöse Junge sei von den Hauptschülern in Sachen Faulheit minimal weniger negativ gesehen worden.

Nebst den körperlichen Risikofaktoren sind adipöse Kinder also auch von psychosozialen Auswirkungen der Adipositas betroffen. Übergewichtige Kinder werden früh mit negativen Einstellungen gegenüber ihrem Äusseren konfrontiert, schon Sechsjährige beurteilen die Erscheinung eines übergewichtigen Kindes als faul, schmutzig, dumm und unattraktiv. In einerStudie aus dem Jahr 1961, in der Abbildungen von Kindern zu bewerten waren, wurden die Zeichnungen mit den Abbildungen adipöser Kinder am negativsten beurteilt, sogar noch um ein Vielfaches negativer als vor 40 Jahren. Das heisst, die Stigmatisierung adipöser Kinder scheint in den letzten Jahrzehnten parallel zur Entwicklung eines überschlanken, gesellschaftlichen Schönheitsideals massiv zugenommen zu haben. Diese negative Etikettierung wirkt sich hemmend auf die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts sowie auf den Aufbau von sozialen Kontakten aus.

Fettleibigen besitzen offenbar einen sehr geringen sozialen Status und kaum jemand will mit ihnen spielen. Offensichtlich schließen die Befragten vom Aussehen auf die psychischen Eigenschaften (Halo-Effekt). Dicke Menschen werden als ausgegrenzt, weil sie nicht dem gängigen Schlankheitsideal entsprechen und Übergewicht wohlauch als selbstverschuldet gilt.

Quelle: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd2007/downloads/pd-2007-08.pdf (08-12-06)

Siehe zu Essstörungen auch

Siehe auch das Spezialthema Esstörungen bei Jugendlichen mit folgenden Arbeitsblättern:


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