[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Schulische Präventionsmöglichkeiten bei Essstörungen*)

LehrerInnen

Quellen:

Diketmüller, Rosa (2004). Essstörungen. Möglichkeiten und Grenzen der Thematisierung im Unterrichtsfach Leibesübungen. Krems: Frauenforum Leibeserziehung. Online: http://www.ffl.at/images/Schrift/SR_05.pdf (06-06-27)

Lamers, L. & Mann, R. (Hrsg.) (2004). Essstörungen. Arbeit mit Selbsthilfegruppen. Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Nicht selten werden Essstörungen bei TeenagerInnen als erstes von ihren Lehrkräften erkannt, noch bevor beispielsweise die Eltern den Zustand des Sprösslings wahrnehmen (wollen).Gerade LeibeserzieherInnen sind in diese Richtung oft sensibilisiert, achten sie doch neben Schaffung eines körperlichen Ausgleichs für die Jugendlichen auch verstärkt auf die Gesundheit ihrer Zöglinge. Nicht jedes Unterrichtsfach eignet sich in gleicher Weise für die Ansprache gesundheitsbezogener Themen, erinnert man sich aber der Rahmenlehrpläne für berufsbildende höhere Schulen und deren Bildungsaufgaben, so rechtfertigt das Ziel der Erziehung der Schützlinge zu selbstständigen, verantwortungsvollen, entscheidungsfähigen Persönlichkeiten jede Art der Auseinandersetzung mit Themen wie Entwicklungsstörungen innerhalb des gesamten Fächerkanons. In diesem Kontext sollte auch dem kollegialen Austausch der Lehrkräfte untereinander mehr Tribut gezollt werden. Erfahrungsaustausch und in weiterer Folge auch das Geben von Ratschlägen und Hilfestellungen, das Erbitten von Unterstützung durch andere Lehrpersonen, nehmen den Druck von Verantwortung und/oder Hilflosigkeit von den einzelnen LehrerInnen.

Eine professionelle Herangehensweise von Lehrkräften an die Suchtthematik und/oder an gestörtes Essverhalten bedingt in erster Linie Wissen über die Krankheiten, ihre Symptome und ihre Entstehung sowie Möglichkeiten zur Prävention und Therapie. Man kann diese heuristisch orientierte Vorgehensweise in folgenden Einzelschritten beschreiben:

Leider sind in diesem Kontext noch sehr wenige Informationen und Materialien an Schulen vorhanden, Interessierte müssen sich weitgehend selbst Unterlagen organisieren. In diesem Kontext ist im Bezug auf die Bewältigung von Essstörung (Erkennung, Prävention und Vermeidung) an den Schulen eine enge Zusammenarbeit von LehrerInnen, Eltern und SchulärztInnen anzuraten. Durch gegenseitige Information, den angeregten Dialog ist es eher möglich, Schritt für Schritt gegen die Krankheit des/der Betroffenen vorzugehen – ob durch direkte Interaktion mit der/dem Betroffenen oder durch indirekte Maßnahmen (vgl. Diketmüller 2004, S. 1-7).

Warnsignale Essgestörter an LehrerInnen

Magersüchtige sind meist die Klassenbesten, fallen zu Beginn ihrer Krankheit vor allem durch Ehrgeiz, Konsequenz und Strebsamkeit auf. Die ganze Persönlichkeit der Betroffenen scheint zunehmend leistungsorientiert zu werden. Da die Erkrankten oft dennoch sehr beliebt in ihrer Peergroup sind, werden diese Anstrengungen von Erziehungsberechtigten oft als Reifung, als Enthusiasmus missgedeutet. Erst wenn die Opfer immer deutlicher durch die Sucht beherrscht werden, sich ihre Körperlichkeit ändert und daraus unmittelbar der soziale Rückzug folgt, offene Depression oder Aggression sowie Weinerlichkeit resultieren, zwingen die Kranken ihr Umfeld zu einer neuen Wahrnehmung, wenn sie auch mit größter Mühe ihr Leistungsniveau und ihr "öffentliches Gesicht" aufrecht erhalten.

Engagierte PädagogInnen haben durchaus die Möglichkeit, Kranke anzusprechen – selbstredend unter vier Augen nach Maßgabe der persönlichen Vertrauensverhältnisse und der Gesprächsbasis zwischen Erziehendem/Erziehender und SchülerIn. Allerdings stoßen solche Versuche, mögen sie auch noch so gut gemeint sein, zumeist auf die Ablehnung der Betroffenen.. LehrerInnen sollten sich also auf eine mögliche Enttäuschung und Zurückweisung vorbereiten, bevor sie die Kranken mit deren Symptom konfrontieren. Essgestörte sehnen sich in den meisten Fällen nach Zuwendung und Aufmerksamkeit, stecken aber bereits zu tief im Suchtverhalten, um nicht von der Angst beherrscht zu werden, Kontakt nach außen könnte sie von der Verfolgung ihrer (Essens)Ziele abhalten. Gelingt in diesem Sinne eine direkte Kontaktaufnahme zu den PatientInnen nicht, bleibt interessierten Lehrkräften immer noch die Möglichkeit, indirekt als Vorbild auf die Kinder einzuwirken, ihnen eine andere Erwachsenenrolle vorzustellen als jene, die die Sprösslinge aus dem Elternhaus kennen. Lehrkräfte sollten sich aber bei jedem Interaktionsversuch bewusst sein, dass die Möglichkeiten einer Kontaktauf- oder Einflussnahme äußerst begrenzt sind und sehr bald in den Tätigkeitsbereich von PsychotherapeutInnen übergehen (vgl. Diketmüller 2004, S. 2). Jedenfalls sollten im gesamten Verlauf einer Krankheit Solidarität mit und Verständnis für die Kranken gezeigt werden. Nur daraus kann im Laufe der Zeit auch das Vertrauen der SchülerInnen aufgebaut werden (vgl. Lamers, Mann 2000, S. 61ff).

Eine Schule kann in diesem Zusammenhang ihren Lehrkräften folgende Möglichkeiten zur Erweiterung ihres Aktionsradius anbieten:

Dies betrifft sowohl die Verknüpfung von Essen und Gefühlen als auch die Interpretation von Selbstwert und Rollenbild der modernen Frau, die Herstellung einer Beziehung der SchülerInnen zum eigenen Körper sowie den Versuch, soziale Netzwerke in der Klasse aufzubauen und die Sprösslinge zu motivieren, über andere Wege als schulische Leistungen und körperliche Merkmale Selbstbestätigung  zu finden (vgl. Reidl 2000, S. 24f).

Zu guter Letzt fällt den Lehrkräften meist auch die unangenehme Aufgabe zu, die betroffenen Eltern mit der Krankheit ihrer Zöglinge zu konfrontieren bzw. dieses Thema erstmals öffentlich anzusprechen. Zeigen die Erziehungsberechtigten Kommunikationsbereitschaft, ist ein diskretes Gespräch mit beiden Elternteilen anzuraten, das allerdings nicht ohne das Wissen der/des Kranken stattfinden sollte. Im Dialog können Hilfestellungen, Informationen und Adressen angeboten werden. Auch ist in diesem Rahmen die Möglichkeit gegeben,  zu professioneller Begleitung zu raten und entsprechende Kontakte zu ermöglichen. Eine wichtige Rolle spielt dabei, den Eltern bewusst zu machen, dass sie nicht die Schuld an der Krankheit ihres Kindes tragen. Auch bei größtem Bemühen hätte die Familie die Krankheit ihres Sprosses weder verhindern können, noch werden sie in der Lage sein, diese zu beenden (vgl. Lamers & Mann 2000, S. 63).

 

Gesamtschulische Prävention

"Die Heilung einer Essstörung kann nicht in der Schule passieren, die Bewältigung der zugrunde liegenden Probleme können nur jenen Raum einnehmen, der Frauen von der Gesellschaft versagt wird und Essen wird zu einer legitimen Chance, sich selbst etwas zu geben" (Diketmüller 2004, S. 7).

"Der Schule kommt die wichtige Aufgabe zu, das Problem so früh wie möglich zu erkennen und anzusprechen" (Lagemann 2001, in: Diketmüller 2004, S. 7).

Möglichkeiten, bereits im Vorfeld gegen die Entstehung von Essstörungen in der Schule aktiv zu werden, gibt es zahlreiche. Für die Früherkennung der Krankheit und die Organisation eines schulischen (Hilfs)Angebotes bezüglich der Thematik ist allerdings die positive Einstellung aller Beteiligten: Der Eltern, der LehrerInnen und der Schulleitung gegenüber den zu setzenden Schritten und Maßnahmen Voraussetzung. Als Ziele einer schulischen Interaktion im Bezug auf die Prävention und/oder Bewältigung von Essstörungen können dabei die Ermöglichung positiver Körpererfahrungen (Entspannung, Blick "nach innen") oder die Schaffung von Bewegungskompetenzen für die Freizeit der SchülerInnen genannt werden. Diese operativen Ideen sind letzten Endes dem Richtziel der Entwicklung eines unbeschädigten, positiven Selbstwertgefühles des Adoleszenten unterworfen, welches nicht vom Körpergewicht abhängt (vgl. Diketmüller 2004, S. 8).

Ausgangspunkt jeder edukativen Zusammenarbeit sollte die Schaffung einer "gewaltfreien Schulatmosphäre" (Diketmüller 2004, S. 8) sein, welche sich durch ein Unterlassen von Hänseleien und Gewalt in jeglicher Form, statt dessen aber durch ein angenehmes Diskussionsklima, durch die Möglichkeit zum Austausch und zur Hilfestellung auszeichnet. Nur dann können SchülerInnen lernen, Stärken und Schwächen bei sich und anderen zu entdecken, zu akzeptieren, ihren Körper zu spüren und gerne zu haben. Mädchen können aus Rollenklischees und Opferrollen heraus finden und sich, auch im schulischen Umfeld, frei bewegen, sie können im geschützten Rahmen schwierige Aufgaben lösen, Probleme bewältigen (vgl. Diketmüller 2004, S. 9-10).

Von Seiten der Lehrkräfte kann ein solcher Rahmen durch das Schaffen bewertungsfreier Räume entstehen, in dem Bemühungen und nicht nur Resultate gelobt werden. Kann man Vergleiche, Ausgrenzungen und Blossstellungen vermeiden, die SchülerInnen zu eigenen Entscheidungen ermutigen so entsteht ein positives Selbstwertgefühl, um nicht zu sagen Selbst-Vertrauen, das essentiell für die Entwicklungsbewältigung auch im privaten Umfeld scheint. Gerade Mädchen ist in diesem Zusammenhang mitzuteilen, dass sie nicht nur "lieb, nett, gescheit und schön sein" müssen (Dicketmüller 2004, S.10), sondern auch annehmen dürfen, was sich hinter der Fassade verbirgt: Ihr Temperament, ihre Fehler und auch einen eventuell keimenden Protest (vgl. Diketmüller 2004, S. 9-10).

Auf folgende Bereiche kann die Schule in der jugendlichen Entwicklung positiv einwirken:

Siehe auch

Quelle: Diese Arbeitsblätter entstammen der Studie von Ursula Gruber "Essstörungen an Berufsbildenden Höheren Schulen Österreichs. Wahrnehmung, Behandlung, Prävention".



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