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Essstörungen: Veränderungen durch Therapie - Behandlung - Beratung - Selbsthilfe

Obwohl bei der Essstörungssymptomatik Anteile süchtigen Verhaltens zu finden sind und auch von Esssucht, Magersucht und Eß-Brech-Sucht gesprochen wird, können in der Beratung und Behandlung nicht automatisch Suchtkonzepte übernommen werden. Ein ganz wesentlicher Unterschied zur Tablettensucht, Alkoholismus und zur Drogensucht besteht darin, daß es keine Abstinenzregel geben kann, da es ja nicht möglich ist, auf das Essen zu verzichten.

Im Laufe der letzen Jahre hat sich jedoch ein breites Angebot mit speziellen Konzepten an Hilfsmöglichkeiten für Eßgestörte etabliert. Es gibt inzwischen Beratungsstellen für Essstörungen und Spezialabteilungen in psychosomatischen Kliniken und Suchtkliniken. Darüberhinaus gibt es Suchtberatungsstellen, freie Praxen und wissenschaftliche Forschungsteams, sowie in fast jeder Stadt Selbsthilfegruppen, an die sich Betroffene wenden können.

Wichtigste Voraussetzung ist die Bereitschaft, eine Unterstützung von außen anzunehmen. Mit anderen Worten: Betroffene müssen sich der eigenen Krankheit bewußt stellen und einen ersten Kontakt zu einer der genannten Stellen machen. In einem Informationsgespräch besteht die Möglichkeit, für sich zu klären, welche Einrichtung ihnen am angemessensten erscheint; ob z.B. eine klinische oder eine ambulante Betreuung in Frage kommt. Je nach Einrichtung besteht die Möglichkeit, Einzel-, Gruppen-, Familien- oder Paar-therapie/beratung zu nehmen. Allen gemeinsam ist jedoch, daß sie keine schnellen Erfolge versprechen können. Eine oft langjährig bestehende Symptomatik kann eben nicht in kurzer Zeit behoben werden. Als Therapieerfolge können beispielhaft folgende Veränderungen eintreten: Das Leben dreht sich nicht mehr ausschließlich um Essen oder Nicht-Essen. Das Selbstwertgefühl hat sich so weit stabilisiert, daß es nicht mehr allein vom Körpergewicht abhängig ist. Hungergefühle und Gefühle des Sattseins werden wahrgenommen. Der eigene Körper wird als zu-sich-selbst-gehörend angenommen. In Problemsituationen wird Ärger und Wut auch einmal ausgedrückt, statt diese Gefühle "wegzuessen". Rückfälle in Krisensituationen können akzeptiert werden.

Behandlungsformen

Die Schwierigkeit bei der Behandlung von Essstörungen liegt darin, eine Balance zu finden zwischen der Beachtung der physischen Probleme, die jede Art von Aufmerksamkeit und Konzentration unmöglich machen und vor allem schnell lebensbedrohlich werden können, und der Richtung des Augenmerks auf das, was hinter der Sucht liegt. Bei schlechter physischer Verfassung kann eine ärztliche Behandlung oder sogar die Einweisung in ein Krankenhaus unbedingt notwendig sein. Erzwungene Maßnahmen berücksichtigen jedoch nicht, daß die Betroffenen die Situation selbst meistern können sollte und behindern somit vorerst die Möglichkeit, allmählich eine eigene Kontrolle aufzubauen. Eine an Zwangsmaßnahmen anschließende Therapie müßte daher dazu beitragen, eigene Gefühle und Grenzen kennenzulernen und zuzulassen. Ein weiteres Ziel jeder Therapie muß sein, den eigenen Körper zu akzeptieren und Bedürfnisse nicht mehr nur mit dessen Hilfe auszudrücken.

Eine Behandlung, die sich nur auf die körperlichen Symptome der Betroffenen konzentriert, kann natürlich nicht die Sucht selbst beseitigen. Magersüchtige Patientinnen, die in einem Krankenhaus künstlich ernährt werden, haben dadurch noch lange nicht ihre Eßverhalten geändert und erleiden nach der Entlassung oft sofortige Rückfälle. Als Ergänzung zu anderen Maßnahmen helfen auch Medikamente, die Heißhungeranfälle und depressive Verstimmungen dämpfen können, welche oft Begleiterscheinungen von Essstörungen sind (Serotoninregulation).

Die Psychoanalyse geht davon aus, daß unbewußte und unbewältigte Konflikte der Kindheit die Ursache psychischer Störungen sind. Dies ist zumindest teilweise auch bei Essstörungen der Fall. Ziel dieser therapeutischen Behandlung ist es, Beziehungsmuster und unverarbeitete Probleme bewußt zu machen und dadurch zu verarbeiten. Die akuten Symptome (z.B. die Sucht ) werden außer acht gelassen, da man davon ausgeht, daß sie automatisch verschwinden, wenn die Verletzungen der Vergangenheit bewältigt sind und alte Verhaltensmuster erkannt wurden.

Die Gesprächspsychotherapie, z.B. die klientenzentrierte Ausprägung bei Rogers, beschäftigt sich im Gegensatz zur Psychoanalyse mit den aktuellen Problemen der Patientinnen. Der Therapeut verbalisiert regelmäßig, wie die Erzählungen und die Körpersprache der Betroffenen auf ihn wirken und vermittelt ihr dadurch eine Art Spiegelbild, sodaß die Betroffenen in die Lage sind, sich praktisch "von außen" zu betrachten. Dieser veränderte Blickwinkel bringt es oft mit sich, daß die Klientin ihr Handeln und Erleben besser versteht, sie es aber auch ändern kann. Der Therapeut gibt jedoch grundsätzlich keine Handlungsanweisungen, denn die Änderung der problematischen Verhaltens -weisen soll durch Selbsterkenntnis erfolgen.

Bei der Verhaltenstherapie geht es darum, unerwünschtes Verhalten zu erkennen und Alternativen zu entwickeln. Es wird davon ausgegangen, daß jedes erlernte Verhaltensmuster auch wieder verlernt werden kann. Bei einer Essstörung analysiert man, unter welchen Bedingungen sich das gestörte Eßverhalten entwickelt hat und warum es aufrechterhalten wird. Da die Essstörung in vielen Fällen als Ersatz für fehlende Konzepte zur Lösung von Problemen und Konflikten dient, werden neben der "Symptombehandlung" andere Konfliktlösungsstrategien erarbeitet, die auf Dauer eine Stabilisierung der Fortschritte bewirken sollem. Zu Beginn der Therapie werden kurz -, mittel - und langfristige Ziele festgelegt und es wird gemeinsam erarbeitet, wie man sie erreichen kann. Es werden Regeln entwickelt, die zum Aufbau eines gesunden Eßverhaltens beitragen sollen, z.B. mit Hilfe von Selbstbeobachtungsprotokollen die von der Patientin geführt werden müssen. Sie helfen, Auslöser, Art und Schwere der Erkrankung zu erkennen und Therapieziele zu kontrollieren. Situationen, in denen es zu einer Verschlimmerung der Symptome kommt, werden auf diesem Weg erkannt und alternative Verhaltensweisen können entwickelt werden.

In einer Gruppentherapie fördert die ähnliche Problematik aller Teilnehmerinnen das Gefühl, in der Sucht nicht alleine zu sein. Die Selbstexploration wird gefördert; man hat die Möglichkeit, sich in den Geschichten der anderen selbst wieder zu entdecken. Die Gruppe wirkt häufig als Gegengewicht zu den sehr engen und verstrickten Beziehungen innerhalb der Familie. Bei Gruppen mit Essstörungen haben sich besonders Körperübungen bewährt. Berührungen, Massagen und Wahrnehmungsübungen fördern das Vertrauen zwischen den Betroffenen und helfen, das verzerrte Bild des eigenen Körpers realistischer einzuschätzen und zu korrigieren. Probleme entstehen vor allem dann, wenn die Betroffenen beginnen, miteinander zu konkurrieren. Besonders magersüchtige Frauen vergleichen sich ständig mit anderen und versuchen, weniger zu wiegen, wie ihr Umfeld.

Da die Ursachen oder Auslöser von Essstörungen oft im familiären Bereichliegen und diese Ausdruck für die Konflikte sind, die in der Familie existieren, kann eine Familientherapie angebracht sein, denn jedes Mitglied wird damit zu einem mehr oder weniger großen Teil der Sucht und wird in die Behandlung mit einbezogen. Oft ist nicht klar, wieviel eine Person im Familiensystem mit seinem eigenen Verhalten zur Entstehung und Beibehaltung einer Sucht beiträgt, daher kann das mit Hilfe einer Familientherapie analysiert und verändert werden. Alte, unbewußte Strukturen werden auf diesem Weg aufgebrochen und es wird klar, daß die Essstörung oft nur ein Symptom für ein Problem ist, das die gesamte Familie betrifft und unbewußt oder bewußt totgeschwiegen wird.

Im Psychodrama werden Gefühle und Ereignisse nicht nur beschrieben und analysiert, sondern aktiv ausgedrückt. Es gibt dabei keine Zuschauer; auch die anderen Gruppenmitglieder sind in der Regel an der Darstellung der einzelnen, persönlichen Problematik beteiligt. Konflikte können auf diesem Weg aufgearbeitet werden. Alte Verhaltensmuster kristallisieren sich deutlich heraus und können mit Hilfe der Gruppe durch neue ersetzt werden. Festgefahrenes Verhalten kann durch die Methodik des Rollentausches erkannt und verändert werden. Das Psychodrama bietet die Möglichkeit, sich selbst von anderen darstellen zu lassen und damit einen tieferen Einblick in die eigene Persönlichkeit zu gewinnen. Betroffene können in Rollen schlüpfen, die ihnen bisher fremd waren und damit zum Beispiel lernen, Aggressionen und Gefühle besser zu äußern. Da das Psychodrama die verbale Kommunikation überschreitet, und den Akzent auf das handelnde Moment legt, bedient es nicht das Verlangen nach Versorgung, das mit einer jeden Sucht verbunden ist, sondern das Geheimste und Stummste einer Esssüchtigen wird öffentlich und erhält Sprache.

Selbsthilfegruppen

Neben der Möglichkeit, sich professionelle Hilfe zu suchen, gibt es auch die Möglichkeit, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen oder selbst eine Gruppe zu gründen. Besondere Voraussetzungen sind dafür nicht erforderlich. Es gibt jedoch bestimmte Regeln, die eingehalten werden sollten. Für viele Beteiligte bedeutet die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe, aus Isolation und Heimlichkeit herauszutreten und im Kontakt mit anderen Betroffenen Verständnis für die eigene Problematik zu erfahren. Voraussetzung ist auch hier, die Verantwortung für sich selbst und die eigenen Handlungen übernehmen zu wollen.

Angehörige und Freunde

Vertrauen ist der erste Schritt zur Hilfe Angehörige und Freunde sollten wissen, daß es wenig Sinn hat, Betroffene zur Beratung und Behandlung zu zwingen. Genausowenig hilfreich ist es, die Augen vor der Essstörung zu verschließen. Ein offenes und ehrliches Gespräch mit einer guten Freundin oder einer anderen vertrauten Person kann der erste Schritt für Betroffene sein, sich konkrete Hilfsangebote zu suchen. Auch die Angehörigen selbst haben die Möglichkeit, sich an Beratungsstellen oder andere Einrichtungen zu wenden und z.B. im Rahmen von Familiengesprächen die Betroffenen zur Selbstverantwortung zu motivieren.

Prävention

Da die Eltern-Kind-Beziehung bei der Entstehung von Essstörungen eine große Rolle spielen, gibt es Möglichkeiten, jedem Kind im Laufe der Erziehung hilfreiche oder aber auch schlechte Voraussetzungen für eine spätere psychische und physische Gesundheit mitzugeben. Seelisch ausgeglichene und selbstbewußte Kinder mit stabilen Ich sind belastbarer als andere. Ein gesundes Eßverhalten vorzuleben und gleichzeitig den eigenen Körper als etwas Schönes, Wertvolles und Liebenswertes darzustellen, kann späteren Essstörungen vorbeugen. Alles, was dazu führt, daß ein Kind sich selbst und seinen Körper annehmen kann, fördert das Selbstbewußtsein und wirkt somit leztlich präventiv. In der Schule können spezielle Unterrichtseinheiten, Referate oder aber die Einführung von Beratungsstunden aufklärend helfen. Maßnahmen auf gesundheitspolitischer Ebene können mit einem Abbau von Abhängigkeiten und Mehrfachbelastungen insbesondere bei Frauen insgesamt unterstützend wirken.

In Österreich gibt es eine Telefon-Hotline, die anonym für Anfragen zum Thema Essstörungen zur Verfügung steht: 0810/810 400 (zum Ortstarif)

Siehe zu Essstörungen auch

Soziale Beziehung beeinflusst das Dicksein

Nach einer Studie von Nicholas Christakis (Harvard Medical School, Boston Massachusetts) ist Dicksein sozial "ansteckend", denn die Gefahr zum Dickwerden steigt um 57 Prozent, wenn ein eng befreundeter Mensch zugenommen hat. Für die Untersuchung wurden die Daten von 12000 Patienten aus einer mehr als 30 Jahre laufenden Herzstudie ausgewertet.Dabei ist auch die Art der Beziehung ausschlaggebend: Bei Geschwistern erhöhte sich das Risiko um 40 Prozent, bei Ehepaaren um 37 Prozent. Übergewicht ist nach Ansicht der Forscher in sozialen Netzwerken messbar und steigt eindeutig, je nachdem, um welche Art von Sozialbeziehung es sich handelt. Freunde nehmen danach nicht nur durch ihr gemeinsames Ernährungsverhalten zu, sondern auch, wenn sie hunderte Kilometer entfernt voneinander leben. Die Soziale Distanz spielt also eine größere Rolle als die geographische Distanz. Vermutlich ändert man seine Vorstellung von einer akzeptablen Figur, wenn man die Leute betrachtet, die einem sozial nahe stehen. Eine wesentliche Rolle spielt aber auch das Geschlecht, denn ein Mädchen nimmt eher dann zu, wenn ihre Schwester dicker wird - ein beleibter Bruder ist weniger entscheidend. Offenbar werden Menschen mehr von jemandem beeinflusst, der ihnen ähnelt, als von jemandem, der anders ist. Bei Ehepaaren könnten der Geschlechtseffekt und der Freundschaftseffekt gegeneinander wirken. Vielleicht lässt sich die Wirkung sozialer Bindungen auch stärker für Programme zum Abnehmen nutzen, womit indirekt bestätigt wird, dass ein gemeinsames Abnehmen in einer Beziehung bzw.. in einer Gruppe nahestehender Personen leichter fällt.

In einer Studie (Mata et al., 2015) wurde der Zusammenhang zwischen dem Familienstand von Menschen und ihrem Body-Mass-Index unter sucht, wobei sich zeigte, dass sich zusammenlebende Paare zwar besser ernähren als alleinstehende Menschen, jedoch im Durchschnitt aber auch mehr wiegen und weniger Sport betreiben. Die Daten wurden in Italien, den Niederlanden, Polen, Russland, Spanien und Großbritannien erhoben, wobei nicht nur verheiratete Paare erfasst wurden, sondern auch solche, die ohne Trauschein zusammen in einem Haushalt leben. Der höhere Body-Mass-Index betraf sowohl Männer wie auch Frauen, und auch länderübergreifend zeigten sich wenige Unterschiede. Der durchschnittliche Body-Mass-Index der befragten alleinstehenden Männer lag bei 25,7 und bei den verheirateten Männern bei 26,3, bei Frauen lag der Durchschnittswert der unverheirateten bei 25,1 und der verheirateten bei 25,6.

Quellen & Literatur

New England Journal of Medicine

Mata, J., Frank, R. & Hertwig, R. (2015). Higher body mass index, less exercise, but healthier eating in married adults: Nine representative surveys across Europe. Social Science & Medicine, doi:10.1016/j.socscimed.2015.06.001

Siehe auch das Spezialthema Esstörungen bei Jugendlichen mit folgenden Arbeitsblättern:



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