Körperkult Jugendlicher und Ernährung*)
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Die Frage der Selbstannahme Adoleszenter rückt immer mehr in den Mittelpunkt der Entwicklungsforschung, unterliegen die damit verbundenen Einstellungen und Haltungen doch gerade in den letzten Jahren einem äußerst starken, nicht zuletzt gesellschaftlich induzierten Wandel. Auf das Äußere wird in unserer Gesellschaft viel Wert gelegt und jeder kennt die schönen Menschen auf den Plakaten, deren makellose Körper im coolen Outfit uns scheinbar das wahre Glück versprechen. Was aber kaum jemand weiß, ist, dass hier nicht die Wahrheit abgebildet ist, sondern dass die Fotos mit dem Computer bearbeitet werden, um ein optimales Bild zu erzeugen.
Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchungen beziehen sich einerseits auf diese Einstellungen, andererseits auf das konkrete Essverhalten der Heranwachsenden im Alltag.
In Deutschland zeigt nach Erkenntnissen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung jedes fünfte Kind im Alter von elf bis 17 Jahren Symptome eines gestörten Essverhaltens, wobei die Häufigkeit stetig zunimmt, Mädchen häufiger betroffen sind als Knaben. Insgesamt hält sich jeder vierte Jugendliche zwischen 14 und 17 für zu dick.
Inzwischen gibt es auch österreichische Studien, über den Bezug Jugendlicher unterschiedlichen Alters zu ihren Formen, ihrem körperlichen Erscheinungsbild. Reidl befragte zum Thema Körperwahrnehmung achthundert Wiener Jugendliche zwischen dem elften und dem neunundzwanzigsten Lebensjahr (Reidl 2002, S.2). Beginnt man das Studium der Erhebungsresultate bei der Selbstwahrnehmung der TeenagerInnen, so zeigt diese Umfrage großteils befremdende, gar erschreckende Resultate. Die Unzufriedenheit mit sich selbst sowie der Wunsch nach körperlichen Veränderungen unter den Heranwachsenden greift offenbar in stärkerem Ausmaß um sich, als bei oberflächlicher Beobachtung von Schul- oder Klassengemeinschaften angenommen werden könnte. Gerade weibliche Befragte weisen ein hohes Maß an Selbstunsicherheit, an Zweifeln bezüglich ihrer optischen Erscheinung, ihrer Passung in die gesellschaftlichen Ideale auf.
80% der Befragten denken, dass gut aussehende Menschen leichter Karriere machen. Eine Einschätzung, welche sich durchaus mit realen Gegebenheiten deckt. Der soziale und berufliche Erfolg der Einzelnen ist von der eigenen (Schönheits)Wirkung auf andere abhängig. Dies betrifft sowohl Bewerbungsgespräche als auch länger andauernde zwischenmenschliche Beziehungen. Österreichs Heranwachsende haben diesen Umstand erkannt. Für 60% der befragten Jugendlichen ist ihr Aussehen aus den genannten Gründen sehr wichtig. In diesem Zusammenhang halten sich rund 30% der Befragten "beim Essen zurück", um nicht zu dick zu werden (vgl. Reidl 2002).
Doch die jungen Menschen gehen noch einen Schritt weiter. Nicht nur Selbstkasteiung, Disziplin und eigenes Bemühen bieten sich als Möglichkeiten zur Erreichung des konkret vorgegebenen Körperideals an, auch eine Einflussnahme von außen in Form der Modellierung der eigenen Figur liegen für die nächste Generation, im Gegensatz zu ihren Eltern, im Bereich des Wünschenswerten und Machbaren.
17% der befragten österreichischen Mädchen und Frauen, beginnend beim elften Lebensjahr, könnten sich bereits eine Schönheits-Operation für sich vorstellen. Darüber hinaus erklärten sich alleine in der Teilgruppe der 11-14jährigen stolze 20% körperlich und psychisch bereit, sich sofort einer Operation zugunsten der Verbesserung des eigenen Erscheinungsbildes zu unterziehen.
Im Vergleich dazu befragte das Jugendministerium Nordrhein-Westfahlen 2.000 SchülerInnen zwischen neun und vierzehn Jahren zum selben Themenkreis. Die Studie stellt fest, dass jedes fünfte Kind im betroffenen Alter zumindest schon einmal daran gedacht hat, mit einer Operation dem gewünschten Schönheitsideal nachzukommen. Vor allem betreffend Figur und Körperbau scheinen die weiblichen Befragten wesentlich sensibler gegenüber Kritik und daher offener für äußerliche Eingriffe zu sein: 83,3% der zu einer Fettabsaugung bereiten Adoleszenten sind Mädchen (vgl. Stampler 2005, S. 30f).
Für die Haltung der Jugendlichen bezüglich ihres eigenen Körpers und ihrem damit verbundenen Essverhalten ist deren subjektiv empfundener Gewichtszustand ausschlaggebender als ihr objektiv messbares Körpergewicht. Dem entsprechend attestieren sich völlig normalgewichtige Heranwachsende oft allzu üppige, änderungsbedürftige Körperformen, tatsächlich Übergewichtige nehmen ihr Essverhalten und Gewicht tendenziell als schwerwiegendes, größeres Problem wahr. Dieses Gewichtsproblem, eine klar abgrenzbare körperlich-oberflächliche Eigenschaft, wird von Pubertierenden unmittelbar als "Charaktermerkmal" empfunden, Kommentare oder Witzchen anderer über "Dicke" oder auffallende Essgewohnheiten (beispielsweise die oftmalige Verwendung von Ketchup, der Verzehr von Süßem) werden als Kritik des Umfeldes an der eigenen Person, der Persönlichkeit, dem ganzen Ich gewertet (vgl. Diehl 1999, S.170ff).
Die Paradoxie des Dickwerdens
Objektiv Übergewichtige wollen, wie die meisten anderen, vor allem weiblichen Heranwachsenden, das in Medien propagierte Schlankheitsideal erreichen, um soziale Erfolge, Anerkennung, Respekt zu erfahren. Sie fühlen sich zu dick, um einfach nur als sie selbst angenommen zu werden und wollen abnehmen, um im unmittelbaren Umfeld akzeptiert zu werden, um als Persönlichkeit aufzufallen, nicht als "dicke" Person (vgl. Diehl 1999, S. 171f).
Eine Gewichtsabnahme wird sowohl von Normal- als auch von Übergewichtigen im Wesentlichen durch zwei Arten von Essprogrammen angestrebt. Eine Möglichkeit ist das "Was", also das Zählen von Kalorien, das Einsparen von Fetten oder Kohlehydraten, während die andere Option sich auf das "Wie" der Ernährung bezieht, also auf eine Einschränkung der aufgenommenen Nahrungsmengen in Form eines Verzichtes auf Mahlzeiten oder die Reduktion der Portionen. Nach einer gewissen Periode der Mangelernährung (= Energiezufuhr < Tagesumsatz an Kilokalorien), dabei handelt es meist nur um wenige Tage, reagiert der Körper auf die zu geringen Mengen an verfügbaren Verbrennungsstoffen und schaltet den Energiehaushalt des Diäthaltenden auf Sparflamme. Der gesamte Stoffwechsel wird umgestellt, die absorbierten Nährstoffe werden wesentlich intensiver verwertet als in Zeiten normalen Essverhaltens. Ein Beenden der Diät führt, unabhängig davon, ob es sich um die erste oder die fünfzigste Schlankheitskur der Betroffenen handelt, zum so genannten "Jojo-Effekt": Die zu sich genommenen Nahrungsmengen werden auch bei wieder hergestelltem Normalverhältnis von Kalorienzufuhr und Tagesverbrauch intensiver genutzt als vorher und bei ausbleibender unmittelbarer Verbrennung sofort in den Notdepots des Körpers als Fettzellen eingelagert.

Quelle: HBSC Factsheet2 2003, S.3
In diesem Teufelskreis aus normalem Essen, Einschränkungen, Ausbrüchen sowie der Ab- und Zunahme an Gewicht entfremden sich vor allem Mädchen ihrem Körper immer weiter, sie verlieren jegliches Gefühl für angebrachte, notwendige Ernährungsmengen und "normale" Essrituale. Das permanente Hin- und Herschwanken zwischen Mangel- und Überflussernährung mag im Laufe der Zeit tatsächlich zu Übergewicht führen. Im Zuge dieser unerwünschten Entwicklung kann der eigene Körper nur immer stärker als zu dick wahrgenommen werden, das Selbstbewusstsein der Heranwachsenden wird immer weiter geschmälert (vgl. HBSC Factsheet2 2003, S. 3f).
Interesse an Ernährungsthemen
Das Interesse Jugendlicher an Ernährungsthemen variiert naturgemäß sehr stark zwischen den Geschlechtern. Generell kann gesagt werden, dass das Ernährungswissen der 15-18jährigen als gut einzustufen ist. Es muss in diesem Zusammenhang allerdings erwähnt werden, dass unter Pubertierenden kein Interesse an abstrakten Ernährungsthemen besteht, sondern dass die Heranwachsenden sich lieber an Inhalten mit konkretem, erlebbarem Nutzen orientieren. Dies betrifft beispielsweise Möglichkeiten einer Verbesserung von schulischer Leistung oder von sportlichen Erfolgen durch adäquate Ernährung sowie selbstverständlich den Themenbereich von besserem Aussehen durch entsprechende Nahrungsaufnahme. Dies schließt die Körperform ebenso ein, wie eine Straffung des Bindegewebes oder eine Verbesserung des Hautbildes (vgl. Ferge 2001, S 7f).
Alleine das Wissen um die Ernährungspyramide, um Vitamine, Vollwertprodukte oder Ähnlichem ist aber keine ausreichende Grundlage für die gesunde Entwicklung Heranwachsender. Vor allem der Bedarf nach Orientierung und Unterstützung bei der Entwicklung einer gesunden Körpereinstellung darf nicht unterschätzt werden. Während sich nämlich bei Jungen das Interesse für und die Einstellung zu gesunder Ernährung, einem gesunden und leistungsfähigen Körper, mit zunehmendem Alter im Positiven steigern, nimmt bei jungen Mädchen die Bedeutung des Essens als Ersatzbefriedigung, als Mittel gegen emotionale Belastung, mit dem Voranschreiten der Entwicklung zu (vgl. Diehl 1999, S. 167).
Die Einstellung zu sich selbst, der eigenen Figur und somit auch zum eigenen Essverhalten hängen, gerade bei weiblichen Adoleszenten, in starkem Maße von der Resonanz ihres Umfeldes ab. Nur wenn die Jugendlichen ausreichend positives Feedback bezüglich ihres Erscheinungsbildes von Nicht-Familienmitgliedern erhalten und sie die Möglichkeit bekommen, über das Thema "Ich" zu sprechen, sich mit anderen über Probleme und Unsicherheiten bezüglich Körperlichkeit und Selbstbewusstsein auszutauschen, kann Ess-Störungen nachhaltig vorgebeugt werden (vgl. Ferge 2001, S. 7f).
Steuerung der Nahrungszufuhr
Rein aus biochemischer Perspektive betrachtet, handelt es sich beim Essen um den Akt der Aufnahme und Verwertung von Nährstoffen. Die mit dieser Tätigkeit des Menschen verbundenen biologischen, motorischen und emotionalen Reize werden durch Neurotransmitter (Überträgerstoffe) und hormonelle Botensubstanzen wahrgenommen und durch neuroendokrine Mechanismen ans Gehirn weiter geleitet. Das Denkzentrum regelt aufgrund der gemachten Esserfahrungen das zukünftige Nahrungsverhalten. Ursprünglich sollte dieses Verhalten eher instinktgebunden rein auf den Befehlen "Hunger heißt Essen" und "Sättigung bedeutet Aufnahmestopp" beruhen (Gerlinghoff & Backmund 2000, S. 22). In der Praxis zeigt sich das Essverhalten bei Jugendlichen aber sehr komplexen Einflüssen unterworfen. Am wenigsten isst der westliche Mensch aus Hunger (vgl. Kapitel 1: Einführung, S. 1). Aufgrund dieser engen Verbindung des Ernährungsverhaltens zu emotionalen Schwankungen und psychischen Störungen können auch Essstörungen keinem einfachen Modell zugeordnet werden. Ratschläge wie: "Iss´ doch endlich normal" müssen auf unfruchtbaren Boden fallen (Wardetzki 2000).
Ernährungsregelmäßigkeit
Idealerweise besteht das Ernährungsprogramm eines reifenden Körpers aus drei Hauptmahlzeiten, dazwischen sollten zwei gesunde Jausen (Obst) verzehrt werden. Hält man sich streng an derartige Vorgaben der Ernährungswissenschaft, so würden die angeschlossenen Studien (HBSC 2004, befragt wurden Heranwachsende aus ganz Österreich) 23% der 11-15jährigen Mädchen eine unzureichende Nahrungsaufnahme bescheinigen. 25% aller Befragten in der genannten Altersgruppe fielen sogar unter die Rubrik einer problematischen Ernährung. 15% der Pubertierenden nehmen nur eine ordentliche Mahlzeit täglich ein, 10% verzichten wochentags vollständig auf eine Hauptmahlzeit. Paradoxerweise nimmt in diesem Fall der Anteil übergewichtiger Teenager mit der Unregelmäßigkeit aufgenommener Mahlzeiten zu (vgl. HBSC Factsheet4 2004, S. 2).
Übrigens ist für das Körpergewicht der Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme eher gleichgültig. Entscheidend für die Gewichtszunahme oder -abnahme ist die Gesamt-Energiebilanz, d.h. ist die aufgenommene Kalorienmenge größer als der Kalorienverbrauch, dann nimmt man zu. Wäre dem nicht so, müssten Nacht- und Schichtarbeiter mehrheitlich übergewichtig sein, denn sie könnengar nicht anders als in der Nacht essen. Das hat auch eine amerikanische Studie mit Krankenschwestern über einen Zeitraum von 10 Jahrengezeigt. Bekanntlich essen auch Südeuropäer traditionell eher am späten Abend. Allerdings wird von Nahrungsmitteln, die schwer im Magen liegen wie sehr fettreiches Essen am Abend meiden.
Appetit
Essen und Trinken sollten den jungen Erwachsenen Freude machen und in größtmöglicher Freiheit ablaufen. Eine harmonische Tischgesellschaft, Abwechslung auf dem Teller, sorgfältig angerichtete Speisen, kleine Portionen sowie die Möglichkeit, selbst bei der Festlegung des Menüplanes mit zu bestimmen, sind für das Autonomie- und Wohlgefühl der jungen Generation äußerst wichtig.
Speisenwahl
Betrachtet man Appetit und Speisenauswahl österreichischer Adoleszenter genauer, so fällt auf, dass nur 0,8% der Befragten Obst und Salat naturgemäß zu ihren Lieblingsspeisen zählen. Trotzdem greift vor allem das weibliche Geschlecht in seiner täglichen Ernährung regelmäßig zu Obst und Gemüse, wobei der Apfel als Lieblingsobst angegeben wird. Dieses Verhalten beruht nicht zuletzt auf "Ernährungstipps" der Öffentlichkeit, welche durch Werbung und Medien die Vorteile dieser kalorienarmen Nahrungsmittel für den weiblichen Körper propagieren. Von sich aus würde ein Drittel der Befragten eher die italienische Küche bevorzugen. Die Pizza führt, gerade bei männlichen Jugendlichen, eindeutig das Ranking der Lieblingsspeisen an, während bei Mädchen Nudelgerichte in allen Variationen das Rennen machen (vgl. Ferge 2001, S.3f).
Diätverhalten
Es ist stark anzunehmen, dass die Teenager nicht von alleine auf die Idee kommen würden, sich zu kasteien, sondern dass die Gesellschaft verschiedene Anforderungen gerade an junge Frauen stellt, ihnen Idealbilder vorgibt. Transferiert werden diese Vorstellungen durch die modernen Medien. Frauenzeitschriften, Fernsehprogramme und das Internet gleichermaßen strotzen vor Diätangeboten und Erfolgsversprechen im Bezug auf Gewichtsreduktion. Abnehmen, schön, sportlich und fit zu sein, war, so wird suggeriert, noch nie so einfach wie heute. Daraus folgt, dass Personen, welche die Disziplin für eine deutliche Gewichtsabnahme nicht aufbringen, die Anforderungen ihres Umfeldes unerfüllt lassen. Sie versagen im Sinne der Leistungsgesellschaft und werden daher als Verlierer, nicht etwa als Opfer betrachtet. Versager bedeutet, selbst an der eigenen Unförmigkeit schuld zu sein, die annehmbar Schwachen werden als willenlos, unbeherrscht gesehen. Im Gegensatz dazu wird eine eingeschränkte Ernährungsweise von der Umwelt gelobt und verstärkt. Etwas für seine Figur zu tun, aktiv am Körper zu arbeiten gehört heute quasi schon zum guten Ton (vgl. Lamers & Mann 2000, S. 11f).
Aus diesem Druck seitens der Lebensumwelt der Jugendlichen entsteht in den meisten Fällen eine andauernde Unzufriedenheit mit Körpergewicht und formen (=Körperschema), gerade Mädchen empfinden stets die Notwendigkeit, ihr Äußeres zu verändern. Man kann feststellen, dass in der heranwachsenden Generation auch bei Normalgewicht der jungen Erwachsenen der Trend zur Gewichtsabnahme immer stärker wird. Körperbewusste, leistungsorientierte Eltern tun, alleine durch ihr eigenes Essverhalten, das ihrige. Die jungen Leute entwickeln im Laufe der Zeit aus einem temporären Abnehmversuch strukturierte Langzeitstrategien zur dauerhaften Gewichtsreduktion. Anfänglich sinnvoll erscheinende Ernährungsumstellungen enden oft in Crashkuren, verbissenem Hungern oder im totalen Meiden von Zucker und/oder Fetten. Die Folgen sind in den meisten Fällen Heißhungerattacken, der Kontrollverlust über die eigene Nahrungsaufnahme, ein Hin- und Hergerissensein zwischen Verlangen und Verboten (Lamers& Mann 2000, S. 12).
Erschwerend wirkt sich auch in diesem Fall der im Exkurs: Die Paradoxie des Dickwerdens näher beleuchtete Jojo-Effekt aus. Die Reaktion des Körpers auf eine Langzeitverringerung des Gewichtes gilt als für die jugendliche Psyche besonders gefährlich: Kommt es bei Absetzen einer Diät zur unmittelbaren Gewichtszunahme beim darauf folgenden Verzehr normaler Nahrung, so kann dies dermaßen massive Angst- oder Schamgefühle bei den Heranwachsenden auslösen, dass sie sofort wieder in ihr reduktives Verhalten zurückfallen oder eine erneute Einschränkung zumindest versuchen. Es kommt zu einer leichten Depression, verbunden mit dem ersten Stadium einer Essstörung (vgl. Reidl 2000, S. 18).
Diese Tendenzen innerhalb der Jugendkultur führen dazu, dass Pubertierende auch bei oft eindeutigem Untergewicht nur zu 59% mit ihrer Figur zufrieden sind. Die in Österreich vom HBSC befragten Heranwachsenden geben zu 6% an, dass sie dringend eine Diät machen sollten, weitere 13% befanden sich zum Zeitpunkt der Befragung gerade in einer Phase kontrolliert-eingeschränkten Essverhaltens. In einer anderen Fragestellung räumen 18% der Adoleszenten ein, sie fühlten sich permanent unter Druck, eigentlich Diät halten zu sollen (vgl. HBSC Factsheet2 2003, S.3f).
So sehr sich also Jugendliche bemühen, durch ihre Entwicklung unabhängig von Eltern und Dritten, insbesondere gesellschaftlichen Autoritäten zu werden, so wenig Freiheit finden sie aber in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit und im Aufbau ihres Körpergefühles. Die „Gesellschaft“: Altersgenossen, Medien, Wirtschaft und Zeitgeist, setzen einer Eigenständigkeit in Punkto Selbstdefinition und Aussehen klare Grenzen, will man nicht an Status oder Respekt im Umfeld einbüßen. Gerade Österreichs SchülerInnen also finden sich vermehrt vor der fast unlösbaren Aufgabe, sich innerhalb solcher Rahmenbedingungen zum gesunden Erwachsenen heraus zu formen. Häufig misslingt dieses Ansinnen, die Adoleszenten gleiten in eine Essstörung ab.
Welche Faktoren in der körperlichen und geistigen Entwicklung Jugendlicher eine herausragende Rolle spielen und welcher Wahrnehmung, welchen Einstellungen und Einschätzungen sowie welchen Verhaltensweisen österreichische Heranwachsende diesbezüglich unterworfen sind, soll der dritte Teil dieser Arbeit zeigen. Repräsentiert wird die österreischische Jugendkultur dabei durch eine Erhebung an zwei oberösterreichischen Schulen.
Anorexia athletica - Sport-Sucht
Immer mehr junge Männer hungern bis zum Umfallen, trainieren bis zum Zusammenbruch. Für junge Männer bedeutet das Schlank- und Durchtrainiertsein auch Erfolgreichsein, wobei das gesamte Wohlfühlen nach außen verlegt wird. Allgemein haben viele Menschen, die exzessiv in Fitness-Studios trainieren, eine latente Essstörung. Die Erkrankten versuchen durch übermäßigen Sport und den damit verbundenen Kalorienverbrauch, an Gewicht zu verlieren. In Fitnessstudio sind Männer mit 80 Prozent aller Angemeldeten deutlich in der Überzahl, 90 Prozent aller Marathonläufer sind ebenfalls männlich. Der Grat zwischen einem gesunden Maß an Sport und der Sucht nach Muskeln ist sehr schmal, denn wenn Bewegung und Sport das Leben beherrschen, der Wunsch nach einem anderen Körper der dominierende Gesprächsstoff ist, dann sollten sich die Betroffenen helfen lassen, wobei die Einsicht, dass es sich um eine Sucht handelt, der wohl wichtigste Schritt ist.
Adonis-Komplex - Die Gier nach Muskeln
Bis zu 15 Prozent aller Magersüchtigen sind Männer, was durch die Ausübung gewisser Sportarten gefördert wird. Diese Gier nach Muskeln wird auch als Adonis-Komplex bezeichnet., d.h., dass Männer viel zu viel trainieren und sich trotz aufgebauter Muskelmasse noch immer zu schlank fühlen. Ein möglicher Grund für diesen Fitnesswahn ist die Tatsache, dass Männer in den Medien mit einem Schönheitsideal konfrontiert sind, das sie kaum erfüllen können. Für Männer ist dieses Schönheitsideal neu, sie können nicht damit umgehen und vertrauen sich meist niemandem an. Ihre Unsicherheit kompensieren sie mit Sport. Vielleicht sind sie aber auch mit der Emanzipation und dem Eindringen von Frauen in Männerbastionen überfordert. In Fitnessstudio sind Männer mit 80 Prozent aller Angemeldeten deutlich in der Überzahl, 90 Prozent aller Marathonläufer sind ebenfalls männlich.
Richard Harris (Kansas State University) ließ weibliche und männliche Probanden Fragen über ihr Körpergefühl und ihre Selbsteinschätzung beantworten. Die weiblichen Teilnehmer sahen sich anschließend ein Computerspiel mit Beachvolleyballspielerinnen, die männlichen ein Spiel mit muskelbepackten Ringern an. In beiden Spielen treten Protagonisten mit Körpern auf, die im echten Leben kaum vorkommen - die virtuellen Beachvolleyballerinnen verfügen über Playmate-Rundungen, die Wrestler über breite Schultern und dicke Oberarme. Nach dem Spielen füllten die TeilnehmerInnen erneut den Fragebogen aus, in welchem sie sich nun selbst deutlich negativer beurteilten als vor der Untersuchung. Offensichtlich nehmen Störungen im Selbstbild verursacht durch "Vorbilder" in Filmen, Zeitschriften oder Spielen auch bei Männern zu, analog zur Magersuchtproblematik bei jungen Frauen.
Quellen: OÖnachrichten vom 20.04.2007
http://www.golem.de/0812/64314.html (08-12-30)
Siehe auch
- Arten von Essstörungen
- Die Rolle der Erziehung bei Essstörungen
- Risikogruppen für Essstörungen
- Schulische Präventionsmöglichkeiten bei Essstörungen
- Präventionsprogramme bei Essstörungen
Quelle: Diese Arbeitsblätter entstammen teilweise der Studie von Ursula Gruber "Essstörungen an Berufsbildenden Höheren Schulen Österreichs. Wahrnehmung, Behandlung, Prävention".
