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Das Vergessen

Es ist wichtig, sich zu erinnern.
Noch wichtiger ist, zu vergessen.
Rainer Maria Rilke

Nur was ich vergessen soll, vergesse ich nicht.
Nelly Sachs

Was geschieht im Gehirn, wenn wir vergessen?

 

 

 

 

 

Praktischer Tipp
Manchmal wenn man unterwegs ist hat man gute Ideen, aber keine Möglichkeit, diese z.B. in schriftlicher Form festzuhalten und dann vergisst man diese Einfälle ebenso schnell, wie sie gekommen sind. Dagegen helfen Anker, also ein Gegenstand, den man angreifen kann. Klassisch ist der Knoten im Taschentuch, aber es kann auch ein bestimmter Mantelknopf sein. Wenn man diesen später erneut angreift, fällt einem der Einfall wieder ein. Wenn man sich aber sehr viele verschiedene Dinge merken muss, ist es oft besser, stets einen Bleistift oder Kugelschreiber mit einem Notizblock, Klebezetteln oder einen Taschenkalender mitzuführen. Auch ein Handy mit einer Diktierfunktion kann gute Dienste leisten.

 

 

Siehe dazu auch die Ausführungen zum

 

 

 

Eine nette Idee hatten Ansgar Jonietz und Johannes Bittner, als die für vergessliche Menschen die Webseite http://wasgabich.de/ einrichteten, auf der jeder, der etwas verleiht, abspeichern, was er wem bis wann geliehen hat. Dann wird man zum richtigen Zeitpunkt per Email daran erinnert, so lange, bis man das Verliehene zurückerhalten hat.

 

 

Jeder Akt der Erinnerung ist gleichzeitig auch das Ausblenden des Nichterinnerten, d.h., es besteht ein dialektisches Verhältnis zwischen Erinnern und Vergessen. Man kann sich daher niemals mit einem alleine auseinandersetzen, denn wenn man über das Erinnern spricht oder nachdenkt, kommt gleichzeitig das Vergessen zum Vorschein. Im gleichen dialektischen Verhältnis steht aber auch die Gegenwart zur Vergangenheit, denn Gegenwart ist immer auch Erinnerung, ohne diese gäbe es im Jetzt keine erkennbare Welt.

Lernen und die Verarbeitung unbekannter Informationen basiert darauf, dass Nervenzellen neue Verbindungen miteinander ein gehen. Steht eine Information an, für die es noch keinen Verarbeitungsweg gibt, wachsen von der entsprechenden Nervenzelle feine Fortsätze auf die Nachbarzellen zu, an deren einem Ende sich eine spezielle Kontaktstelle (Synapse) bildet. Über diese tauschen Zellen ihre Informationen aus. Wird eine Information zu selten gebraucht, vergessen wir sie allmählich und der Kontakt löst sich wieder auf. Vermutlich ist Vergessen die wichtigste Eigenschaft des menschlichen Gedächtnisses, denn unser Gedächtnis sammelt nicht wie etwa ein digitaler Speicher eines Computers, sondern es interpretiert und bewertet, sodass unwichtige, schlechte aber auch peinliche Dinge der Vergangenheit aus jeder Rückschau ausgeblendet werden. Kleine Vergesslichkeiten im Alltag passieren auch durch zwei konkurrierende Gehirnprozesse: bei sich häufig wiederholenden Abläufen, z.B. dem Weg zur Arbeit, schaltet das Gehirn auf "Autopilot". Ein Brief, der ausnahmsweise am Weg zur Arbeit eingeworfen werden sollte, gerät dadurch in Vergessenheit. Christopher Pittenger (Yale-University, New Haven) fand mit seinen MitarbeiterInnen in Experimenten mit Mäusen, dass die Gehirnprozesse zu den beiden Vorhaben in verschiedenen Hirnregionen stattfinden. Diese stehen im Wettbewerb zueinander. Schalteten sie bei den Tieren einen der Prozesse aus, übernahm die andere Hirnregion das Kommando. Die Forscher schließen daraus, dass beide Prozesse im gesunden Gehirn parallel arbeiten, sich aber zugleich gegen den jeweils anderen durchsetzen wollen.

Über das, was im Gehirn passiert, wenn wir vergessen, gibt es im Wesentlichen zwei Theorien.

  • Die eine besagt, dass die Gedächtnisspur einfach mit der Zeit verblaßt und verschwindet (Theorie des Spurenverfalls). Wie dies genau erfolgt, ist jedoch noch nicht geklärt.
  • Die zweite Theorie geht davon aus, dass wir vergessen, indem neue oder aktuelle Eindrücke die alten Gedächtnisspuren überlagern und so den Zugriff auf die alten Erinnerungen erschweren (Interferenztheorie). Dabei werden verschiedene Perspektiven auf das zu Erinnernde unterschieden:
    • Die retroaktive Interferenz ist rückwärtsgerichtet, d.h., später Erlerntes stört früher Erlerntes. Je größer die Ähnlichkeit zwischen zwei Arten von Gedächtnismaterial ist, umso größer ist die Interferenz zwischen ihnen beim Lernen bzw. der Erinnerung. 
    • Die proaktive Interferenz ist vorwärtsgerichtet, früher Gelerntes stört später zu Lernendes.
    • Misslingen des Abrufs: Die Information ist nicht mehr zu finden, wenn man den Kontext der Speicherung vergessen hat. "Etwas auf der Zunge haben" bedeutet, den Abrufreiz zumindest momentan nicht zugänglich haben.
    • Motiviertes Vergessen: Die Information wird aus irgendeinem Grund vor dem Bewußtsein verborgen (z.B. Angst, Schuldgefühl, Abneigung oder Ablehnung einer Person bzw. Sache).

Wenn die Gedächtnisspur, wie die erste Theorie behauptet, irgendwann einmal abgebaut würde, dann sollte man umso mehr vergessen, je mehr Zeit seit dem zu erinnernden Ereignis vergangen ist. Dies konnte bisher jedoch nicht gezeigt werden. Im Gegenteil:

Ein holländischer Gedächtnisforscher widerlegte die Theorie in einem Selbstversuch. Er notierte seine Erlebnisse täglich auf Karteikarten. Sechs Jahre späer fragte ihn seine Sekretärin nach den Ereignissen jedes Tages. Manchmal brauchte er starke Hilfen, um sich zu erinnern. Zum Beispiel verriet sie ihm, mit wem er an einem bestimmten Tag gesprochen hatte. Dann konnte er sich gut an den Gesprächsinhalt erinnern. So konnte der Wissenschaftler sich an jeden Tag der vergangenen sechs Jahre erinnern. Keine einzige Gedächtnisspur war also ausgelöscht. Bestätigt wird das durch neueste Forschungen der Neurobiologie (Sonja Hofer, Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried), denn es blieben in Versuchen mit Mäusen auch bei Inaktivität die Synapsenverbindungen zwischen den Nervenzellen bestehen. So zeigten Nervenzellen, die für die Verarbeitung von visuellen Informationen zuständig sind, ein deutlich erhöhtes Auswachsen neuer Zellkontakte, wenn sie zeitweise keine Information mehr von dem ihnen zugeordneten Auge bekamen. Nach etwa fünf Tagen hatten sich die Nervenzellen soweit neu verbunden, dass sie nun auf Informationen aus dem anderen Auge reagieren konnten - das Gehirn hatte also gelernt sich mit nur einem Auge zurechtzufinden. Kamen nun wieder Informationen von dem zwischenzeitlich inaktiven Auge, nahmen die Nervenzellen schnell ihre ursprüngliche Arbeit wieder auf und reagierten kaum mehr auf Signale aus dem anderen Auge. Ein Großteil der neu entstandenen Fortsätze blieb bestehen, was darauf hindeutet, dass häufig nur die Synapsen inaktiviert und somit die Informationsübertragungen unterbrochen werden. Da eine einmal gemachte Erfahrung vielleicht später noch einmal gebraucht werden könnte, scheint das Gehirn einige Fortsätze auf Vorrat zu behalten. Wurde nämlich das gleiche Auge zu einem späteren Zeitpunkt abermals inaktiviert, verlief die Neuorganisation der Nervenzellen deutlich schneller - und das, obwohl keine neuen Fortsätze entstanden. Scheinbar Vergessenes lässt sich auf diese Weise also relativ schnell wieder aktivieren, denn die zuständigen Nervenstrukturen sind nicht gelöscht worden, sondern sind jederzeit bereit, wieder aktiviert zu werden. Beim Lernen einmal entstandene Verbindungen zwischen Nervenzellen bleiben also bestehen, auch wenn sie länger nicht gebraucht wurden. Die Informationsübertragung im Gehirn wird bei längerem Nichtgebrauch daher nur zeitweise unterbrochen und die zuständigen Gehirnsynapsen werden inaktiv. Da aber eine einmal gemachte Erfahrung vielleicht später doch noch einmal gebraucht wird, behält das Gehirn die Verbindungen auf Vorrat. Neuronen können sich offensichtlich flexibel umstrukturieren und bestimmte Kontaktstellen bei Bedarf aktivieren oder deaktivieren. Da die Nervenverbindungen bereits bestehen, müssen nur die beteiligten Synapsen reaktiviert werden. Bei einer Reaktivierung organisierten sie sich einfach neu, daher funktioniert Wiedererlernen wesentlich schneller als Neulernen.

Daher fällt es Menschen leichter, sich erworbenes aber in Vergessenheit geratenes Wissen oder Fähigkeiten erneut anzueignen. Manche Fertigkeiten wie Radfahren oder Schwimmen werden auch nach jahrzehntelanger Nichtanwendung nicht verlernt, sondern sind sehr rasch aktivierbar.

Die Theorie von der Überlagerung oder Störungen durch neue Informationen scheint das Vergessen besser zu erklären. Wir vergessen demnach bestimmte Ereignisse und Dinge, weil sie von interessanteren, wichtigeren Dingen überlagert werden. Vergessen ist also in den meisten Fällen ein "Verlernen" durch neu hinzukommende, aktuellere Inhalte. Das Verlernen ist eine Fähigkeit, die für ein Individuum lebensnotwendig ist, denn hätte man ein "perfektes Gedächtnis", man könnte dann kaum ein anderes Auto fahren als das, in dem man es in der Fahrschule gelernt hat. Man würde immer das Schaltschema, die Anordnung der Bedienungselemente usw. des ersten Autos nie loswerden. Ein Tier in freier Wildbahn, das nichts "vergessen" könnte, würde z.B. immer wieder zur einmal erlernten Futterstelle zurückkehren und könnte auf Veränderungen seiner Umwelt in diesem Bereich nicht mehr reagieren, würde also verhungern. Lernen und Verlernen sind zusammengehörige Fähigkeiten und notwendig zur laufenden Anpassung und Bewältigung einer sich wandelnden Umwelt.

Siehe dazu Lernen und Verlernen durch Endocannabinoide.

Forscher der Universitäten Magdeburg und Regensburg zeigten anhand der Hirnaktivität von Probanden, dass Hemmungsprozesse bei der Entstehung des Vergessen eine maßgebliche Rolle spielen. In dieser Studie von Wimber et al. (2008) wurden 23 Probanden gebeten, bestimmte zuvor gelernte Gedächtnisinhalte (unbekannte Bezeichnungen von Früchten) aktiv abzurufen. Tatsächlich zeigte sich, dass im Anschluss verwandte (d.h. potentiell störende) Gedächtnisinhalte schlechter erinnert bzw. eher vergessen wurden als unverwandte (d.h. potentiell nicht störende), sodass es sich bei dieser Art von Vergessen bzw. schlechterem Erinnern um eine langfristige Schwächung von Erinnerungen durch Inhibition handelt. Am Abruf der schlecht erinnerten Inhalte sind insbesondere jene Hirnregionen beteiligt sind, die für die Reaktivierung schwacher Gedächtnisrepräsentationen zuständig sind. Je mehr abrufinduziertes Vergessen ein Proband zeigte, desto höher die Aktivität in besagten Regionen des Stirn- und Schläfenlappens. Dagegen konnte in Hirnregionen, die bei der kurzfristigen Blockierung von Gedächtnisinhalten eine Rolle spielen sollten, kein vergleichbares Muster gefunden werden. Diese Befunde liefern starke Evidenz für die bisher umstrittene Existenz von hemmenden Mechanismen im menschlichen Langzeitgedächtnis.

Vergessen ist daher nicht nur ein passives Ereignis, sondern wird auch durch aktives Erinnern verursacht, denn erinnern Menschen sich etwa an ihre aktuelle Telefonnummer, sorgt das Gehirn gleichzeitig dafür, dass die frühere Telefonnummer weniger abrufbar wird. Diese Überlagerung von Gedächtnisinhalten (abrufinduziertes Vergessen) ist ein normaler Mechanismus, der dabei hilft, das Gedächtnis zu "säubern" bzw. "aufzuräumen. Die Wissenschaftl geht heute davon aus, dass das Gehirn Mechanismen des Vergessens braucht, damit sich ähnliche Wissensinhalte nicht gegenseitig stören. Allerdings läßt der Mechanismus diese "vergessenen" Inhalte nicht völlig aus dem Gedächtnis verschwinden, denn zeigt man den Probanden die Namen der vergessenen Früchte, können sie diese zumindest wiedererkennen.

 

Vergessen - ein aktiver Prozess im Gehirn

Literatur:
Hanslmayr, S., Volberg, G., Wimber, M., Oehler, N., Staudigl, T., Hartmann, T., Raabe, M., Greenlee, M. W. , & Bäuml, K-H. T. (2012). Prefrontally Driven Downregulation of Neural Synchrony Mediates Goal-Directed Forgetting. The Journal of Neuroscience, 32, 14742-14751.

Das Vergessen wissenschaftlich mit den heute üblichen Bildgebungsmethoden zu erforschen ist relativ schwierig, denn nicht mehr vorhandene Erinnerungen hinterlassen keinen eindeutigen Abdruck im Gehirn. Immerhin dürfte klar sein, dass das Gehirn einigen Aufwand betreibt, um Erinnerungen zu löschen, d.h., Vergessen ist ein aktiver Prozess, wobei es auf molekularer Ebene zu einem Zusammenspiel einer ganzen Kaskade von Proteinen kommt, wobei ein Protein namens Rac (es zu einer Gruppe von Proteinen, die sich während der Evolution nur wenig verändert haben) vermutlich die Schlüsselsubstanz darstellt.

Zumindest bei Fruchtfliegen, die in einem Konditionierungsexperiment lernten, einen Duft mit Futter und einen anderen Duft mit leichten Stromschlägen zu verbinden. In der Versuchsgruppe hatte man das Rac-Protein stillgelegt, in der Kontrollgruppe war es hingegen aktiver. Die nichtmanipulierten Tiere konnten sich etwa eine Stunde lang gut an die beiden Düfte erinnern, während Fliegen mit stilgelegtem Rac hingegen noch nach mehr als einem Tag wussten, bei welchem Duft sie Stromschläge zu befürchten hatten. Fliegen, bei denen das Protein Rac besonders aktiv war, hatten die Diskrimination schon nach einer halben Stunde wieder vergessen. Auch bei der Kreuzvalidierung, wenn man die Bedeutung der beiden Düfte vertauschte oder mit anderen Duftpaaren arbeitete, waren die Fliegen mit aktivem Rac die vergesslichsten, wobei in den weiteren Experimenten Rac die Vergessenskaskade besonders schnell auslöste. Offensichtlich wirkt Rac zum einen, indem es Erinnerungen irgendwann löscht, sofern sie nicht ständig aufgefrischt werden, zum anderen aber werden bei neuen Informationen die alten Erinnerungen besonders rasch gelöscht.

Dem Mechanismus des Vergessens auf der Spur

Vergessen ist also nicht immer eine Fehlfunktion des Gedächtnisses, sondern auch ein willentlicher Akt des Gehirns, der sehr hilfreich ist, wenn Informationen, die man sich gemerkt hat, veraltet oder nicht mehr relevant sind, wie alte Adressen, vergangene Termine, aber auch psychisch belastende Erinnerungen. Indem das Gehirn in einem willentlichen Prozess veraltete, irrelevante Informationen ausblendet und durch neue ersetzt, stellt es Kapazitäten frei und optimiertdadurch seine Leistungsfähigkeit. Wie Hanslmayr et al. (2012) in einer Untersuchung zeitgen, steigt beim Akt des Vergessens der Sauerstoffverbrauch im linken präfrontalen Kortex an, einer Gehirnregion, die als Steuerzentrale des Gehirns gilt und eine wichtige Rolle bei der Handlungsregulation, aber auch beim Unterdrücken von Informationen spielt. Zugleich registrierte man einen Rückgang der Synchronisation der Signale zwischen Neuronengruppen, was in der Regel eine Grundlage dafür darstellt, Informationen zwischen Zellverbänden auszutauschen.

Vergessen zur Komplexitätsreduktion

 

 

Nach Ansicht von Ernst Pöppel ist das menschliche Gehirn auf Schnelligkeit hin trainiert, wobei es Nicht-Relevantes es von selbst entsorgt, d.h., es sorgt "bewusst" auch für Wissenslücken. Da es für Menschen immer schwieriger wird, in vielen Bereichen Bescheid zu wissen, da die Welt immer komplexer wird, wird auch der Umfang an verfügbaren Daten immer größer, sodass es für den Einzelnen sinnvoll ist, nicht so viel Allgemein- und Detailwissen anzuhäufen. Menschen sollten eher ein Orientierungswissen anstreben, also eine Landkarte des Wissens, das sich um die zentralen Themen des Lebens dreht. Nach Pappel ist das z.B. Basiswissen über die Finanzmärkte, andere Kulturen, Energie- und Umweltthemen und ein wenig Geschichte. Viele andere Themen, die in Quiz-Shows oder Gesellschaftsspielen abgefragt werden, sind seines Erachtens völlig unwichtig und das Wissens darüber unnütz. Bei einer Informationsflut übernimmt das Gehirn die Selektion ganz von selbst, indem es Komplexitätsreduktion und Vergessen betreibt. Auch wenn Menschen versuchen, sich alles zu merken, sondiert das Gehirn dennoch automatisch das aus, was nicht relevant ist. Relevant für das Gehirn ist alles, zu dem es Bezugspunkte im vorhandenen Wissen und der Persönlichkeit findet, sodass fast alles, was Menschen am Tag aufnehmen, am Abend wieder vergessen ist. Was bleibt, ist allein das, bei dem das Gehirn einen Kontext zu bereits Vorhandenem herstellen konnte und es dementsprechend als wichtig bewertet hat. Ereignisse, die emotional wichtig für einen Menschen sind, brennen sich in das Gedächtnis ein und der Mensch kann sich davon nicht befreien, so sehr er das auch versucht. Vergessenstechniken gibt es in diesem Bereich nicht, wobei gerade diese emotionalen Erinnerungen Teil der Identität sind, den Menschen zu der Persönlichkeit machen, dier er ist. Diese „episodic memories“ bestehen meist nur aus ein paar hundert Bildern, die Menschen intuitiv aufrufen und die helfen, Neues zu bewerten, ob es wert ist, gespeichert zu werden und Teil der Lebensgeschichte zu werden. Das führt übrigens auch dazu, negative Erfahrungen mit der Zeit zu verklären, damit man nicht mehr so betroffen ist. Zwar gibt es zwischen den Menschen Unterschiede in der Aufnahmefähigkeit der Gehirne und man kann das Gedächtnis durch Lernen früh schulen, aber was das Gehirn letztendlich für aussortierbar hält, darauf hat der Einzelne keinen Einfluss.

Stress macht vergesslich

 

Siehe dazu auch:
PS im Hirn

 

 

Unangenehme Erfahrungen zu sammeln, zu speichern und mit bestimmten Verhaltensweisen zu verknüpfen, ist eine der wichtigsten Aufgaben des zentralen Nervensystems. Wird eine schlechte Erfahrung aber nicht regelmäßig wiederholt, gerät sie allmählich doch in Vergessenheit. Bisher rätselten Forscher über die genauen Mechanismen, die das langsame Vergessen steuern. Wenn die Erinnerung an ein unangenehmes Erlebnis verblaßt, ist nun die Hypothese von Beat Lutz (Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München), wirken im Gehirn körpereigene Substanzen, wie sie auch in Cannabis vorkommen. In Konditionierungsversuchen lernten Mäuse, ein Tonsignal mit einem leichten Elektroschock in Verbindung zu bringen. Hörten die Mäuse in den folgenden Tagen das Signal, erstarrten sie, auch wenn sie keinen elektrischen Schlag bekamen. Nach etwa elf Tagen begannen sie aber, das Erlebnis zu vergessen und kümmerten sich nicht mehr um den Ton. Anders verhielten sich Mäuse, denen die für Cannabinoide empfindlichen Rezeptoren fehlten: Sie konnten die mit dem Ton verknüpften negativen Erinnerungen nicht verdrängen.
Quelle: Nature, 418, 2002, S. 530.

Die meisten Menschen führen einen ständigen Kampf gegen das Vergessen. Ob es die Telefonnummer ist oder ein Name, an den man sich nicht mehr erinnert, das Gedächtnis scheint sehr unzuverlässig zu sein. Dabei gibt es meist einen einfachen Grund für unsere Alltagsvergesslichkeit: Unsere Lebensweise. Stress ist der größte Risikofaktor für Vergesslichkeit. Wer andauernd zuviele Eindrücke aufnehmen und speichern muss, der ist anfälliger dafür, einiges davon zu vergessen.

Neben dieser eher psychologischen Ursache gibt es eine weitere Erklärung für den Erinnerungsverlust. Zu hohe Konzentrationen des Stresshormons Cortisol schädigen wahrscheinlich die Nervenzellen im Gehirn. Die Produktion des Cortisols geht im Gehirn von einer ganz bestimmten Hirnregion aus, dem Hypothalamus. Ein Botenstoff signalisiert der Nebenniere, Cortisol auszuschütten. Das Stresshormon hat eine wichtige Funktion: In einer Gefahrensituation bereitet es den Körper darauf vor, entweder zu kämpfen oder zu fliehen. Damit es nicht zum DauerStress kommt, wirkt das Stresshormon auf den Hypothalamus zurück und stoppt damit seine eigene Produktion.

Was passiert, wenn diese Kontrolle nicht funktioniert, zeigt sich zum Beispiel bei Menschen, die Depressionen haben. Bei ihnen reagiert der Hypothalamus nicht mehr auf das Cortisol. Die Folge: Immer mehr Cortisol im Gehirn und damit DauerStress - mit negativen Auswirkungen auf das Gedächtnis. Vor allem bei älteren Menschen mit Depressionen können die Gedächtnisleistungen stark abnehmen. Diese Entwicklung ist allerdings umkehrbar - sind die Depressionen weg, funktioniert auch das Gedächtnis wieder so wie vorher.

Dass Stress vergesslich macht, das haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie an Mäusen gezeigt. Durch einen gentechnischen Eingriff ist im Gehirn der Mäuse die Stressregulation ausgefallen - und sie sind deshalb extrem vergesslich. Das konnten die Wissenschaftler durch einen Gedächtnistest zeigen: Sie füllten ein rundes Becken mit Wasser und stellten eine Plattform an eine ganz bestimmte Stelle. Normale Mäuse erinnerten sich nach einigen Trainingsrunden daran, wo die Plattform war - sie schwammen sofort darauf zu. Anders die Stress-Mäuse: Auch nach vielen Übungsrunden fanden sie die Plattform höchstens zufällig.
Außer Menschen mit Depressionen gibt es noch eine andere Gruppe, die erhöhte Stresswerte hat: Marathonläufer. Anscheinend ist vor allem bei älteren Läufern durch die ständige körperliche Belastung der Cortisolspiegel im Gehirn höher als normal. Bei Gedächtnistests schnitten diese älteren Läufer deutlich schlechter ab als Vergleichspersonen - ein weiterer Hinweis über den Zusammenhang von Stress und Gedächtnis. 

Eine interessante Studie des Londoner Neuropsychologen Neil Martin zeigte die Wirkung verschiedener Düfte, insbesondere von Schokolade, auf die Gehirnaktivität des Menschen. Möglicherweise kann durch Riechen an bestimmten Aromastoffen die Gedächtnisleistung beeinflußt werden.

Verliebtheit macht vergesslich

Menschen, die verliebt sind, vergessen bekanntlich oft die Welt um sich herum, was vermutlich mit dem Hormon Serotonin zusammenhängt. In Pisa wurden Menschen untersucht, die stark verliebt waren und unter Vergesslichkeit litten. Es zeigte sich, dass bei starker Verliebtheit ein Serotoninmangel auftritt, der dazu führt, dass ähnlich wie bei Menschen, die unter Zwangsneurosen leiden, eine Art Gedankenkarussell entsteht, d.h., alles dreht sich nur noch um das Objekt der Begierde. Nach etwa 12 bis 18 Monaten soll sich dieser Zustand aber wieder normalisieren.

Verliebtheit macht übrigens auch unkonzentriert …


Früheste Erinnerungen von Kindern

Das frühkindliche Erinnern bzw. eher das Phänomen des "kindlichen Vergessens" wurde von Sigmund Freud mit belastenden sexuellen Tabus und Aggressionen als ödipale Verdrängung erklärt, was inzwischen eher zweifelhaft ist. Heute weiß man, dass verschiedene Faktoren dafür verantwortlich sind, dass das Langzeitgedächtnis aktiviert und die Erinnerungen bleibend gespeichert werden. Babys erinnern sich nur an Dinge, die reflexhaft ablaufen, etwa daran, dass sie an der Brust saugen müssen, um satt zu werden. Auch den Geruch der Mutter prägen sie sich automatisch ein und erinnern sich später daran.

Das autobiographische Gedächtnis, das für die Speicherung persönlicher Erlebnisse zuständig ist, funktioniert erst richtig, wenn Kinder ihre Muttersprache gut beherschen. Mit zwei bis drei Jahren fängt das Kind an, zu verstehen dass es ein eigenständiges Leben führt und lernt über die Zusammenhänge in seiner Welt, über Gestern, Heute und Morgen. Im Alter von zwei bis drei Jahren entwickeln Kinder auch eine Vorstellung davon, wer sie sind, und dass sie ein eigenständiges Leben führen. Erst wenn Erlebnisse in einen auf die eigene kindliche Person bezogenen chronologischen Kontext eingeordnet werden können, sind sie später als Erinnerungen abrufbar. Erlebnisse, die ein Kind nicht mit Worten wenigstens ansatzweise beschreiben kann, werden im Gedächtnis nicht korrekt zugeordnet und können später nicht aufgefunden werden. Optimalen Bedingungen zur korrekten Abspeicherung von Erinnerungen erreicht ein Kind meist erst in der Pubertät. Sollte sich ein Kind dennoch detailliert an Ereignisse während der ersten sechs Lebensjahre erinnern, so liegt das vermutlich daran, dass man ihm immer wieder davon erzählt oder Bilder bzw. sogar Filme aus dieser Zeit gezeigt hat. Vieles wird auch von unserem Gehirn "ergänzt" bzw. fabuliert - siehe dazu False Memories.

Alerdings hat man 2011 in einer Langzeitstudie an Kindern herausgefunden, dass ein Teil jener Kinder, die mit zwei Jahren ein ungewöhnliches Spiel kennengelernt hatten und damit spielten, sich sechs Jahre später noch daran erinnern und davon berichten konnten. Dieses Spielzeug war eine magische Verkleinerungsmaschine, denn legten die Kinder einen größeren Gegenstand oben auf einen Kasten und betätigten dann einen Hebel an der Seite, läutete eine Glocke. Öffnete das Kind eine Klappe, lag dahinter der gleiche Gegenstand in verkleinerter Form. Hatte das Kind den Umgang mit der Maschine gelernt, erhielt es als Erinnerung ein buntes Abzeichen.

Man darf vermuten, dass es am Außergewöhnlichen dieser Spiele lag, das ähnlich traumatischen Ereignissen fest ins Gedächtnis eingebrannt wurde. Außerdem entwickelt sich in diesem Alter der Wortschatz deutlich, mit dem Erlebnisse auch verbalisiert und somit besser behalten werden können.

 

Das Gedächtnis im Alter

 

Wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet,
"nicht mehr können",
dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag
und aus Ihrem Gedächtnis.
Brief Thomas Bernhards an Siegfried Unseld

Ältere Menschen klagen häufig über ein nachlassendes Gedächtnis und mangelnde Aufmerksamkeit. Sie haben vor allem Schwierigkeiten beim Einprägen neuer Informationen. Die Gedächtnisstörungen sind ein Teil des normalen Alterungsprozesses und individuell sehr verschieden. Die Ursache ist noch unklar. Es wird vermutet, dass entweder die Inhalte nicht tief genug verarbeitet werden oder dass alte Menschen die Fähigkeit verlieren, unbewußt Gedächtnistricks anzuwenden.

Der Abbau des Gedächtnisses im Alter könnte eine Anpassung an die sich wandelnden Aufgaben sein, die das Gedächtnis in verschiedenen Lebensabschnitten erfüllen muss. In jungen Jahren sind Gedächtnisfähigkeiten wie das schnelle Aufnehmen und Behalten von Informationen wichtig, denn Kinder müssen viel Neues lernen - vom Erkennen der Eltern über die Nahrung bis hin zum Schreiben, Lesen oder Binden von Schuhbändern. Und hierfür brauchen die Heranwachsenden einen möglichst schnellen Speicher mit viel Platz. Im Laufe des Lebens nimmt die Erfahrung im Umgang mit neuen Eindrücken zu. Jetzt werden mehr und mehr Strategien angewendet, die dazu dienen, Informationen zu filtern und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Der Erwachsene ist in der Lage, aus der Fülle der auf ihn einströmenden Eindrücke und Situationen diejenigen auszuwählen und abzuspeichern, die er für wesentlich erachtet - sein Gedächtnis nutzt die Lebenserfahrung.

Sobald Menschen merken, dass sie vergesslich werden, sollten sie damit anfangen, ihr Gedächtnis täglich zu trainieren. Man kann beispielsweise die Tageszeitung verkehrt herum lesen, aus einem Wort neue Begriffe formen oder beim Einkauf im Supermarkt alles im Kopf zusammenrechnen. Wichtig ist, dass man die Übungen immer wieder variier, denn Routine "schont" das Gehirn. Immer dann, wenn man von einer Gewohnheit abweicht, entstehen neue Verknüpfungen im Gehirn, daher sollte man nicht jeden Tag nur Kreuzworträtsel lösen, sondern auch einmal andere Wortspiele oder Sudoku spielen, um dem Gehirn Abwechslung zu bieten.

Kann man das Gedächtnis trainieren?

 

 

 

Ein kurioses Detail aus Immanuel Kants Lebensgeschichte, der häufig mit Merkzetteln arbeitete, um nichts zu vergessen, betrifft die Entlassung seines Dieners Lampe. Um nicht zu vergessen, dass er ihn entlassen hatte, notierte er auf einem seiner Merkzettel: "Lampe muss vergessen werden!"

 

 

Das Gehirn und die Negation

Wenn Menschen etwas Gesagtes hören, so erzeugt das Gehirn dazu innere Bilder, Töne, Gerüche und Emotionen. Verbindet man das Gesagte mit einer Negation, üblicherweise mit den Worten "nicht" oder "kein", so verarbeitet das Gehirn diese Information zunächst genau so, indem es die selben inneren Bilder, Töne, Gerüche und Emotionen erzeugt. Daher können Menschen nicht bewusst vergessen, denn der Gedanke an etwas, das wir nicht denken sollen, braucht zunächst diesen Gedanken. Bei allen "Nicht“-Formulierungen schafft unser Gehirn als Erstes immer ein Bild dessen, was manchmal nicht gewünscht wird. Sagen Sie daher nie: "Du brauchst keine Angst haben!"
Man kann es übrigens üben, genau zu sagen was man möchte, und dabei bewusst auf Negationen verzichten.

Wissenschaftler der Universität Potsdam untersuchen den Altersabbau bei ganz speziellen Gedächtnisleistungen und versuchen herauszufinden, ob sich der Altersabbau durch Training stoppen läßt.

Zum Beispiel bei Pianisten: Ein Konzertpianist kann ein Musikstück in verschiedenen Variationen spielen, indem er die Lautstärke und die Abfolge einzelner Töne von Variation zu Variation verändert. Diese verschiedenen Interpretationen ein- und desselben Stückes kann er mühelos wiedergeben, denn sein Gedächtnis hat sie zuverlässig gespeichert. Diese Fähigkeit nimmt jedoch mit dem Alter ab. Ältere Konzertpianisten spielen bei jeder Wiederholung etwas anders, weil sie die Variationen nicht mehr so exakt gespeichert haben - eine Folge des Abbaus des "Klaviergedächtnisses" im Alter.

Aber - das haben die Potsdamer Wissenschaftler in ihrer Klavier-Studie herausgefunden - durch regelmäßiges Üben können die älteren Konzertpianisten genauso gut bleiben wie die jungen. Sie können dann ein kompliziertes Stück zweimal exakt gleich spielen - genau wie die jungen Kollegen. Nur durch diese Art Gedächtnistraining konnte ein Meister wie Wladimir Horowitz noch in hohem Alter virtuose Stücke spielen, vermutet man.

Das zweite Beispiel: Schachspieler. Großmeister wie etwa der Russe Gari Kasparov sind nicht deshalb so erfolgreich, weil sie besonders viele Spielzüge im Voraus berechnen können. Vielmehr haben sie den Verlauf bereits gespielter Schachpartien im Kopf. Man schätzt, dass ein Spieler wie Kasparov über mehrere einhunderttausend Spielsituationen abgespeichert hat. Während einer Partie vergleicht er die Stellung der Figuren auf dem Brett mit alten Spielen seines Gegners, die er im Kopf gespeichert hat. Er erkennt so, was sein Gegner vorhat. Je mehr Spielsituationen des Gegners er gelernt hat, also je besser sein "Schachgedächtnis" ist, desto eher erkennt er die Strategie des Gegners und kann entsprechend reagieren. Alternde Schachspieler aber vergessen nach und nach immer mehr Spielsituationen. Aber auch hier läßt sich durch Training der Gedächtnisabbau aufhalten - wie bei den Klavierspielern. Spieler wie Victor Kortschnoi können deshalb in hohem Alter immer noch 25-jährige Großmeister schlagen.

Auch der Verlust der Merkfähigkeit im Alter läßt sich durch Training ausgleichen. Dies wurde im Rahmen einer Studie am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin gezeigt. Die Versuchspersonen mussten sich 30 Begriffe merken, zum Beispiel Hahn, Salami, Kellner oder Hund. Diese Worte wurden ihnen in Zwei-Sekunden Abständen genannt. Ungeübte ältere Teilnehmer konnten meist nicht mehr als drei Begriffe in der richtigen Reihenfolge nennen. Doch mit wenigen Trainingsstunden konnten sie fast ein Dutzend Begriffe richtig wiedergeben. Was in jungen Jahren ohne Übung geht, bedarf jedoch im Alter einiger Tricks. Den älteren Versuchsteilnehmern wurde in den Trainingsstunden die Methode der Orte beigebracht.

Mit solchen Gedächtnishilfen können ältere Menschen zwar mit jungen untrainierten Menschen mithalten. Aber: Wenn die jungen Menschen ebenfalls mit Tricks arbeiten, haben ältere Menschen keine Chance.

Siehe auch Wie funktioniert Gedächtnistraining?

Krankhafter Gedächtnisschwund

 

Eine Studie der Universität Rostock von Paul Stoll zeigte, dass Menschen mit Atemstörungen im Schlaf - also Schnarchen - weniger Wachstumsfaktoren für Nervenzellen aufweisen. Die bei den Probanden festgestellten Defizite reichen von Gedächtnisstörungen über Konzentrationsschwächen und Reizbarkeit bis hin zu schweren Einschränkungen der Hirnfunktionen..
Quelle: OÖN vom 26.08.2006

Mit höherem Lebensalter kann es zu krankhaften Störungen des Gedächtnisses und des Denkens kommen, zur sogenannten Demenz. In Deutschland leidet jeder dritte Mensch über achtzig Jahren an irgendeiner Form der Demenz. Die Alzheimersche Krankheit ist die häufigste Form. Sie macht zwei Drittel aller Demenzen aus. Aber auch andere Abbauprozesse im Gehirn (wie bei Parkinson- oder Huntington-Patienten oder Gehirninfarkte und Stoffwechselstörungen) können zu krankhaften Hirnleistungsstörungen führen.

Aber nicht jeder Mensch wird in hohem Alter zwangsläufig dement. Dies zeigt eine kürzlich in der Fachzeitschrift "Lancet" veröffentlichte Studie. Zwar steigt die Zahl der krankhaften Gehirnstörungen mit dem Alter stark an, aber dieser Anstieg scheint sich nach dem 80sten Lebensjahr stark zu verlangsamen. Etwa die Hälfte der über 95-jährigen scheint demnach immun gegenüber Hirnleistungstörungen zu sein. So auch gegenüber der Alzheimerschen Krankheit.

Depressionen

Neben Alzheimer können auch Depressionen Ursache sein für den krankhaften Gedächtnisverlust im Alter (siehe auch "Stress und Gedächtnisverlust", S. X). Etwa fünf Prozent der Fälle lassen sich auf Depressionen zurückführen. Im Unterschied zu Alzheimer ist dieser Gedächtnisverlust umkehrbar; verschwinden die Depressionen, beispielsweise durch eine Psychotherapie, dann verbessert sich auch die Gedächtnisleistungen wieder.

Das Recht auf Vergessen ;-)

Quelle:
DER STANDARD/Printausgabe, 8.3.2011.

 

Vor 20 Jahren veröffentlichte die spanische Tageszeitung El País einen Artikel über "Das Risiko, schlank sein zu wollen", in dem es um eine angeblich verpfuschte Brustoperation von Dr. Guidotti R. ging. Streitwert: 500 Millionen Peseten; dem Arzt drohte eine maximale Haftstrafe von sechs Jahren. R. wurde freigesprochen und wollte, dass die Sache am besten vergessen wird. Das Dumme daran: Bei einer Google-Suche mit seinem Namen scheint der betreffende Artikel weiterhin ganz oben auf, nicht gerade eine Empfehlung für den Schönheitschirurgen. R. führte dagegen bei der spanischen Datenschutzbehörde Beschwerde, einer von rund 80 Fällen, in denen der Regulator von Google die Entfernung aus dem - automatisch generierten - Suchindex verlangt. Das besonders Bemerkenswerte daran: Die Entfernung des ursprünglichen El País-Artikels wurde vom Anwalt des Arztes nicht verlangt. Google rief in dieser und den meisten anderen Fällen das Gericht an. Jetzt sieht es nach einer ersten Anhörung im Jänner danach aus, dass die spanischen Richter den Fall zur Klärung vor den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg bringen wollen.

Türen als Erinnerungsstopp

Radvansky, Gabriel A., Krawietz, Sabine A. & Tamplin, Andrea K. (2011). Walking through doorways causes forgetting: Further explorations. The Quarterly Journal of Experimental Psychology, 64, 1632-1645.

Radvansky, Krawietz & Tamplin (2011) ließen sechzig ProbandInnen unterschiedliche Objekte auswählen, in eine Kiste verpacken und von einem Tisch zu einem anderen bringen. Stand der Zieltisch im gleichen Raum wie der Tisch, von dem die Auswahl getroffen wurde, konnten sich die ProbandInnen daran erinnern, welche Objekte sie von einem Ort zum anderen transportiert hatten. Wenn der Zieltisch jedoch in einem anderen Raum stand, also die ProbandInnen den Raum gewechselt und eine Tür durchschritten hatten, gelang es ihnen weniger gut, die transportierten Objekte wiederzuerkennen. Offensichtlich löst das Überqueren einer Türschwelle das Vergessen aus, wobei die Türe eine Art Grenze darstellt, die Denkvorgänge und Erinnerungen voneinander zu trennen. Ähnlich wie beim Zeigarnik-Effekt zieht das Gehirn vermutlich einen Schlussstrich unter die erledigte Aufgabe. Der von Bluma Zeigarnik (1900-1988) beschriebene Zeigarnik-Effekt beschreibt, dass unerledigte Handlungen besser in der Erinnerung des Menschen gespeichert werden als erledigte.

 

Vergessen Elefanten tatsächlich nichts?

Quelle
Interview mit Marion East vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in der Frankfurter Rundschau vom 17. August 2012.

Nach Ansicht von Verhaltensforschern haben die sprichwörtlichen Elefanten tatsächlich ein sehr gutes Gedächtnis haben, denn sie sind darauf angewiesen, um zu überleben. Einerseits ist es die ungewöhnliche Gesellschaftsstruktur der Elefanten und ihre extrem lange Lebenserwartung, da Elefanten knapp neunzig Jahre alt werden können. Sie leben in Fission-Fusion-Gesellschaften zusammen, d.h., die Mitglieder einer Gruppe bleiben nicht, wie etwa bei einem Wolfsrudel, ständig zusammen, sondern sie trennen sich immer wieder und jedes Tier geht seine eigenen Wege. Begegnen sich die ehemaligen Rudelmitglieder irgendwann nach Jahren oder gar Jahrzehnten, dann ist es für sie von Vorteil, wenn sie einander sofort erkennen. Ein Elefant setzt dabei vor allem auf seine Ohren und seinen Rüssel und nur zu einem geringen Teil auf seine Augen, wobei Elefanten mit ihrem komplexen und ausgeklügelten Lautsystem, das unter anderem Töne im extrem tiefen Infraschallbereich umfasst, über mehrere Kilometer hinweg kommunizieren und sich dabei gegenseitig erkennen können. Das gute akustische Erinnerungsvermögen umfasst dabei auch bestimmten Situationen oder Erfahrungen, denn Elefanten haben große Angst vor dem Brummen von Bienen, denn sie reagieren auf Bienenstiche in den Rüssel oder in der Augengegend äußerst empfindlich. Elefanten können auch verschiedene Menschengruppen an ihrem Geruch erkennen und in der Folge diejenigen meiden, die ihnen nicht wohl gesonnen sind. Solche Verbindungen bleiben für das ganze Leben im Gedächtnis, weshalb auch die alten Leitkühe besonders wichtig für eine Gruppe sind, denn ihre Erfahrungen spielen eine Schlüsselrolle für das Überleben der Gruppe. In Dürreperioden sterben vor allem jüngere Tiere, die nicht von einer erfahrenen Kuh angeführt werden, während Gruppen mit älteren Matriarchinnen vom Wissen ihrer Anführerinnen profitieren, denn diese können sie zielsicher zu Wasserstellen führen, die unter ähnlichen Umständen in der Vergangenheit auch während der Dürre Wasser enthalten haben.


Quellen und Literatur zum Vergessen

Borchard-Tuch, Claudia & Groß, Michael (2002). Was Biotronic alles kann. Wiley.
Quelle: Römer, Anke (2009). Ebbinghaus' Erben : vor über 100 Jahren entdeckte Hermann Ebbinghaus grundlegende Prinzipien des Lernens. Psychologie heute.
WWW: http://www.psychologie-heute.com/themen_und_trends/heft0907.html (10-01-02)
Wimber, M., Bäuml, K.-H., Bergström, Z., Markopoulos, G., Heinze, H.-J. & Richardson-Klavehn, A. (2008). Neural Markers of Inhibition in Human Memory Retrieval. Journal of Neuroscience, 28(50), 13419-13427.
http://www.wdr.de/tv/Quarks_Co/gedaechtnis/index.html (01-05-01)
http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/LERNTECHNIKORD/Vergessen.html (02-05-13)
http://www.apa.at/scripts/depot/swe/19970521DBI023.txt (01-04-99)
http://www.psychologie.uni-freiburg.de/einrichtungen/Paedagogische/lernen/strategie/pq4r/gedaechtnis.html (01-12-22)
http://www4.psychologie.uni-freiburg.de/einrichtungen/Paedagogische/lernen/strategie/pq4r/gedaechtnis.html (03-11-11)

http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/mensch/neurobiologie-gelernt-ist-gelernt_aid_348220.html (08-11-15)

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