[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Wer immer die Wahrheit sagt,

kann es sich leisten,

ein schlechtes Gedächtnis zu haben.

Das Vergessen - Einige Forschungsergebnisse zum Erinnern und zum "False-Memory-Syndrome"

In einer repräsentativen Untersuchung in den USA stimmten fast zwei Drittel der Aussage zu, dass das Gedächtnis wie eine Videokamera funktioniert, die alle Geschehnisse eins zu eins aufzeichnet. Etwa die Hälfte der Befragten glaubte immerhin, dass einmal gespeicherte Erinnerungen mit der Zeit unverändert bleiben, und fast vierzig Prozent hielten den Bericht eines einzigen glaubwürdigen Augenzeugen für einen ausreichenden Beleg für die Schuld eines Angeklagten. Unser Gehirn ist aber vom Aufbau her nicht auf detailliertes Erinnern angelegt und einmal dort abgelegte Informationen bleiben im Gehirn nicht unverändert. Je häufiger sich Menschen an etwas Vergangenes erinnern, desto mehr verändern sie unbewusst auch die Erinnerung. Bei jedem Erinnern wird die vorhandene Information über das Vergangene nämlich überschrieben und meist auch ergänzt, wobei sich unweigerlich Fehler einschleichen. Meist schmücken Menschen in der Erinnerung ein Erlebnis besonders aus und fügen unbewusst ein Detail hinzu, das sich so gar nicht ereignet hat, das aber in dieses Geschehen und somit in die Erinnerung "hineinpasst". Allmählich sind diese Menschen dann der festen Überzeugung, es tatsächlich so und nicht anders erlebt zu haben. Falsche Erinnerungen sind somit für den, der sie hat, nicht unbedingt "falsch". Viele psychologische Phänomene wie Aufmerksamkeit, Stress, Emotionen und vor allem bereits ähnlich Erlebtes sind dafür verantwortlich, warum sich Erinnerungen so unterschiedlich in unser Gehirn einprägen.

Erinnerungsspuren entstehen bekanntlich dadurch, dass sich Aktivitätsmuster vieler Neuronen in Raum und Zeit verändern, wobei der Output der Neuronen nicht eine einzelne Information ist, sondern eine ganze Kette von Impulsen. Erinnerungsspuren entstehen dabei auch durch eine Art Verdrängungswettbewerb zwischen den Neuronen, denn wenn ein Neuron aktiv ist, dann unterdrückt dieses die Aktivität der Neuronen in unmittelbarer Umgebung, sodass nur die am besten passende Spur, also das am besten zum Erleben passende Aktivierungsmuster der Neuronen in den Synapsen abgelegt wird.

Historisches: Kurz vor Ende einer Vorlesung am 4. Dezember 1901 im kriminalistischen Seminar der Berliner Universität wollte ein Student über christliche Moralphilosophie diskutieren, ein Kommilitone pöbelte ihn an. Aus dem Wortgefecht wurde eine Rauferei und plötzlich hielt jemand eine Pistole in der Hand. Der Professor wollte den Arm des Schützen herunterdrücken, doch als der Revolver auf Brusthöhe des Kontrahenten ist, löste sich der Schuss. Dieser "Mord" war vom Strafrechtsprofessor Franz von Liszt auf Anregung von William Stern mit einer Spielzeugwaffe inszeniert worden, um die Glaubwürdigkeit von Erinnerungen zu beurteilen. Nach diesem Experiment wurden die schockierten Studenten als Zeugen vernommen. Schon am Abend machte ein Drittel der Zeugen grob fehlerhafte Angaben, und eine Gruppe, die erst fünf Wochen später befragt wurde, brachte es auf eine Irrtumsrate von 80 Prozent, wobei es nicht nur Erinnerungslücken gab, sondern auch detaillierte Erinnerungen an Vorgänge, die gar nicht stattgefunden hatten, etwa an Worte, die nie gefallen waren, an einen Fluchtversuch des Opfers, den es nicht gab und vieles mehr. Stern und von Liszt forderten danach eine wissenschaftlichen „Aussagepsychologie“, d.h., Gerichte sollten sich in Zukunft von Sachverständigen beraten lassen, wenn es um die Glaubwürdigkeit von Zeugen geht.

Siehe zu diesem Thema auch die Arbeitsblätter zum Vergessen

Unvermeidlicher Selbstbetrug

Je öfter ein Angler von seinem Fang erzählt, umso größer wird der Fisch. Nicht nur beim sprichwörtlichen Anglerlatein und Seemannsgarn verändern sich die Erinnerungen an frühere Ereignisse, fast jede Begebenheit wird in unserem Gedächtnis nachträglich verfälscht. Manchmal glauben wir uns sogar an Vorgänge zu erinnern, die niemals stattgefunden haben. Erstaunlicherweise können wir dieser Selbsttäuschung nicht einmal dann widerstehen, wenn wir bewußt darauf achten, nicht hereinzufallen.
Quelle:
Spektrum der Wissenschaft-Ticker (16. November 1998)

"Selbst wenn Sie die Menschen restlos über die Möglichkeit illusorischer Erinnerungen aufklären, versetzt sie das nicht in die Lage, ihre Denkprozesse zu kontrollieren und den Fehler zu vermeiden", sagt Kathleen McDermott von der Washington University in St. Louis. "Die wichtigste Frage ist jetzt, wie und wann diese falschen Erinnerungen entstehen und vermieden werden können."

In der Oktober-Ausgabe 1998 der Zeitschrift Memory und Language beschrieben McDermott und ihre Mitarbeiter ein Experiment, aus dem hervorgeht, daß unser Gedächtnis nicht wie ein Videorecorder arbeitet. Stattdessen ist der Vorgang des Erinnerns ein konstruktiver Prozeß, bei dem einerseits Erinnerungsbruchstücke verarbeitet werden müssen und andererseits eine vollständige Handlung entstehen soll.

Sie konfrontierten Studenten, die sich als Versuchspersonen gemeldet hatten, mit Listen von Wörtern, die einen gemeinsamen inhaltlichen Kontext haben. So passen zu dem Thema "Schlaf" etwa Begriffe wie "Bett", "Traum", "Decke", Kopfkissen" und andere. Insgesamt gab es 20 Aufzählungen mit jeweils 15 Wörtern. Bei der Hälfte der Listen stand der Hauptbegriff (in dem Beispiel wäre dies "Schlaf") nicht dabei. Die Studenten wurden gebeten, eine Tonbandaufnahme anzuhören, auf welcher die Wortlisten vorgelesen wurden. Anschließend sollten sie sagen, ob das besondere Wort dabei war oder nicht.
In der Versuchseinleitung wurde den Probanden ganz genau erklärt, worum es in dem Test ging. Die Forscher erläuterten ihnen das Konzept der falschen Erinnerungen und verdeutlichten es anhand von Beispielen. Sie wurden angewiesen, sorgfältig darauf zu achten, bei den Versuchsreihen aufmerksam zu sein und falsche Erinnerungen zu vermeiden. Um die Aufgabe zu vereinfachen, fragten die Wissenschaftler direkt im Anschluß an das Verlesen einer Liste, ob der kritische Begriff aufgetreten sei. "Den Ergebnissen zufolge sind Menschen nicht sonderlich gut darin, diese einfache Aufgabe zu bewältigen, selbst wenn sie über das Phänomen der fehlerhaften Erinnerung informiert wurden", sagte McDermott.
Die Forscher haben zwei mögliche Erklärungen für den Effekt: Die Illusionen könnten auftreten, weil das nicht vorhandene, aber in den Kontext passende Wort aufgrund der Assoziation in das Bewußtsein springt, sobald die Liste den Probanden vorgelegt wird. Alternativ dazu wäre es denkbar, daß die Verarbeitung der Information unterhalb der bewußten Ebene stattfindet, wo dann die Verbindung zu eng verwandten Wörtern etabliert wird.
McDermott nimmt an, daß es uns Menschen schwerfällt, zwischen dem zu unterscheiden, was wir extern gehört, und dem, was wir intern selbst dazugedichtet haben. Selbst beim ernsthaften Versuch, beide Quellen der Erinnerung zu trennen, treten Fehler auf. Wie in diesen und anderen Versuchen gezeigt wurde, sind bei geschicktem Druck von außen auch die falschen Erinnerungen detailgenau. So glaubten einige Studenten, die Position eines Wortes in der Aufzählung angeben zu können, obwohl das Wort überhaupt nicht vorkam.
"Anscheinend handelt es sich um einen sehr natürlichen Vorgang", meint McDermott. "Ich glaube, wir sollten nicht so überrascht sein, denn das ist die Art, wie wir normalerweise die Welt wahrnehmen. Ein Film besteht zum Beispiel aus einer Reihe von Einzelbildern, aber wir nehmen sie als ein bewegtes Bild wahr. Der Geist verfährt mit dem Gedächtnis genauso: Er benutzt Schlußfolgerungen, um eine manchmal unvollständige Abbildung der Vergangenheit zusammenzusetzen."

Jeder Vierte erfindet falsche "Erinnerungen"

Quelle:
http://www.apa.at/scripts/depot/
swe/19970217DBI052.txt (97-03-24)

Wimber, Maria, Alink, Arjen, Charest, Ian, Kriegeskorte, Nikolaus & Anderson, Michael C. (2015). Retrieval induces adaptive forgetting of competing memories via cortical pattern suppression. Nature Neuroscience, http://www.nature.com/neuro/
journal/vaop/ncurrent/abs/
nn.3973.html#supplementary-information.

Jeder vierte Erwachsene hat bei einer amerikanischen Studie falsche "Erinnerungen" aus seiner Kindheit erfunden. Je schlechter das Gedächtnis ist, desto größer sei auch das Risiko, sich vergangene "Erlebnisse" einzubilden. Das berichteten Forscher auf der Jahrestagung der Amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft (AAAS) in Seattle (US-Bundesstaat Washington).

Ein amerikanisch-australisches Team unter Leitung von Elizabeth Loftus an der Universität Washington in Seattle hatte Menschen mit der Vorstellung konfrontiert, sie hätten als Kind mit der Hand eine Fensterscheibe eingedrückt. 24 Prozent der Studienteilnehmer gaben nach den Gesprächen an, dies sei ihnen tatsächlich passiert, wie Loftus Freitag nachmittag (Ortszeit) berichtete.Beim Abspeichern von simplen Informationen spielt das Gedächtnis sogar jedem zweiten einen Streich. Loftus Kollege Henry L. Roediger fand in Studien mit Studenten heraus, daß "Illusionen des Gedächtnisses durchaus normal sind". Jeder zweite hatte behauptet, das Wort "Schlaf" gehört zu haben, nachdem eine Liste mit den Wörtern Bett, Traum, Decke, Dösen und Polster verlesen worden war. >Loftus wurde nach eigenen Angaben aufgrund von Expertenberichten auf das Thema aufmerksam, nach denen sich Erwachsene fälschlicherweise an sexuellen Mißbrauch in der Kindheit erinnerten. Für sie sei es nun auch nachvollziehbar, daß sich Erwachsene fälschlich in traumatische "Erinnerungen" aus der Kindheit zurückversetzen können.

Künftig wollen die Forscher testen, ob sich die Einbildungskraft auch positiv nutzen läßt, etwa zur Behandlung von magersüchtigen Mädchen, die ihre frühere Figur anerkennen. Zudem dürften sich bekannte, aber wenig befolgte Empfehlungen von Ernährungsexperten in das Gedächtnis "pflanzen" lassen.

Man hat in einem Versuch (Wimber et al., 2015) auch gezeigt, dass wenn sich Menschen an etwas Konkretes erinnern, ähnliche, in dem Zusammenhang störende Erinnerungen allmählich vergessen werden, indem das Gehirn aktiv die konkurrierenden Erinnerungen unterdrückt, sodass der Prozess des Erinnerns mit bestimmt, welche Aspekte der Vergangenheit zugänglich bleiben und welche nicht. Frühere Studien haben schon gezeigt, dass das wiederholte Erinnern einerseits die Gedächtnisinhalte stabilisier, aber es hat Hinweise darauf gegeben, dass Erinnern immer auch auch Vergessen auslöst. Vermutlich handelt es sich um einen hemmenden Kontrollmechanismus, der dafür verantwortlich ist, indem er Erinnerungen unterdrückt, die dazwischenfunken, wenn man sich an etwas Bestimmtes erinnern möchte, wobei nach und nach diese Unterdrückung dann zur Auslöschung der Erinnerung führt. Probanden lernten in einem Experiment zunächst, bestimmte Schlüsselwörter mit zwei verschiedenen Bildern zu verknüpfen, etwa das Wort "Sand" mit einem Bild von Marylin Monroe und mit einem Bild von einem Hut. Im eigentlichen Experiment sollten sich die Probanden dann auf das Schlüsselwort hin an das erste dazugehörige Bild erinnern, das sie gelernt hatten. Die Wissenschaftler gingen davon aus, dass das zweite Bild als Störfaktor wirken würde. Die Probanden erinnerten sich in 74 Prozent der Versuche an das richtige erste Bild. Wenn sie einen Fehler machten, erinnerten sie sich häufiger an das zweite Bild als an ein Kontrollbild, was aber im Verlauf der Versuche immer seltener geschah. Das deutet darauf hin, dass es einen hemmenden Mechanismus gibt, der nach und nach die störenden Erinnerungen unterdrückt. In weiteren Versuchen konnte man auch zeigen, dass die zu dem zweiten Bild gehörende Hirnaktivität im Laufe der Wiederholungen abnahm, wobei je stärker die Abnahme war, desto eher vergaßen die Probanden das zweite Bild vollständig. Dabei gab es einen Zusammenhang zwischen der Aktivität im präfrontalen Kortex des Gehirns und dem Auslöschen der Erinnerung, denn je stärker die Aktivität war, desto stärker war die Abnahme des Störfeuers und desto stärker das Vergessen. Diese Ergebnisse bestätigen erneut, dass Vergessen nicht etwas Passives ist, sondern dass die Menschen selber daran mitwirken, woran sie sich aus ihrem Leben erinnern. Übrigens: Journalisten wählen dann für dieses Forschungsergebnis einen kurzschlüssigen Titel wie "Für neue Erinnerungen müssen alte vergessen werden" oder "Für neue Erinnerungen müssen alte weichen", was natürlich in diesem Zusammenhang einfach falsch ist!

Mit geschlossenen Augen erinnert man sich besser

Literatur
Nash, R. A., Nash, A., Morris, A. & Smith, S. L. (2015). Does rapport-building boost the eyewitness eyeclosure effect in closed questioning? Legal and Criminological Psychology 2044-8333, http://dx.doi.org/10.1111/lcrp.12073.

Wenn es um die Rekonstruktion von Unfällen oder Verbrechen geht, spielen Augenzeugen eine entscheidende Rolle, doch sind deren Erinnerungen oft alles andere als zuverlässig, denn ihr Gehirn speichert die Ereignisse im Nachhinein falsch ab bzw. werden diese bei jeder Aktualisierung mehr oder minder leicht verändert. Robert Nash et al. (2015) haben nach Möglichkeiten gesucht, die dem Gedächtnis von Augenzeugen helfen kannn. Für die Studie zeigten man allen Probanden zunächst einen Film, in dem ein Elektriker zu sehen war, der aus seinem Wagen ausstieg, ein Haus betrat und dort einige Arbeiten verrichtete. Dabei stahl er auch einige Objekte. Anschließend stellte man den Testpersonen einige Fragen zu Filmdetails, wobei ein Teil der Probanden während der Befragung die Augen schließen sollten, um ihre Konzentration zu fördern, während der Rest die Augen offen hielt. Die Probanden, die ihre Augen geschlossen hatten, konnten 23 Prozent mehr Fragen korrekt beantworten, erinnerten sich an mehr Details und machten auch weniger Fehler. Offenbar half ihnen das Aussperren optischer Reize dabei, sich besser in den Film zurückzuversetzen. In einem zweiten Experiment mit akustischen Elementen konnten sich die Teilnehmer mit geschlossenen Augen ebenfalls an mehr akustische und visuelle Details erinnern. Die Ergebnisse zeigen, dass das Augenschließen Augenzeugen dabei hilft, sich zu erinnern

 

Wiederholtes Warnen wird vom Gehirn als Empfehlung erinnert - "illusion of truth"-effect

Quelle:
Skurnik, Ian, Yoon, Carolyn, Park, Denise C. & Schwarz, Norbert (2005). How Warnings about False Claims Become Recommendations. Journal of Consumer Research, 31, March

Da das menschliche Langzeitgedächtnis komplexe Informationen mit vorangegangen, ähnlichen Informationen verbindet, doch der Kontext und die speziellen Charakteristika einer Information nach einer bestimmten Zeit vergessen werden, bleibt oft nur die Basisinformation übrig. Darum erinnert sich der Konsument z.B. nicht an die wiederholten Warnungen vor einem Produkt, sondern nur noch an die Marke selbst. Besonders ältere Personen sind durch das Nachlassen der Gedächtnisleistung davon betroffen. Die Ergebnisse der Studie erachten die Forscher als ausschlaggebend für die Prävention von Betrügereien, denn für ältere Menschen kann die verminderte Merkfähigkeit problematisch werden. Zweifel gegenüber der Glaubwürdigkeit von Quellen, die die Annahme eines Arguments zunächst verhindern, verblassen nach einiger Zeit, das Argument selbst wird in wachsendem Grade akzeptiert (Sleeper Effect).

Die Wirksamkeit angsteinflößender Warnungen bei Gesundheitskampagnen ist in der Psychologie seit langer Zeit umstritten, denn zwar wirken angsteinflößende Warnungen und verändern Einstellungen bzw. helfen, Verhalten zu modifizieren. Dennoch sollte man auf Angstbotschaften verzichten, denn einerseits sind die Effekte eher gering, d. h., es braucht massive Drohszenarien, um das Verhalten der Menschen zu ändern, andererseits reagiert der dadurch Eingeschüchterte meist nur kurzfristig. Allerdings gibt es Nebenwirkungen wie einen ständigen inneren Alarmzustand, der das Wohlergehen unter Umständen stärker beeinträchtigt als manche der beschworenen Gefahren selbst.

"Falsche Erinnerungen" oder das "False-Memory-Syndrome"

Gekürzt nach:
Gresch, Ulrich (2002). Subject: Verlaesslichkeit von Erinnerungen.
Online im Internet: Newsgroup: de.sci.psychologie.
Date: Fri, 20 Sep 2002 09:10:05
Date: Sat, 21 Sep 2002 10:04:52
Date: Tue, 25 Mar 2003 22:07:02

"Was ich anbieten kann, sind wissenschaftliche Verallgemeinerungen. Ich kann sagen, basierend auf der wissenschaftlichen Arbeit von mir und vielen anderen Gedächtnisforschern, dass einige Menschen dazu gebracht werden können, falsche Erinnerungen zu entwickeln. Ich kann gestützt auf Wissenschaft sagen, dass es ohne Bestätigung sehr schwer ist, zwischen wahren und falschen Erinnerungen zu unterscheiden. Und ich kann hervorheben, dass einige Anschuldigungen aus wissenschaftlicher Sicht fast unmöglich sind."
Loftus, E. F. (1999). Lost in the Mall: Misrepresentations and Misunderstandings. Ethics and Behavior, 9 (1), 51-60.
Weitere Literatur zum Thema:
Loftus, G., & Loftus, E. F. (1980). On the permanence of stored information in the human brain. American Psychologist, 35, 409-420.
Loftus, E. F., & Palmer, J. C. (1974). Reconstruction of automobile destruction: An example of the interaction between language and memory. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 13, 585-589.
Loftus, E., Ketcham, K. (1995). Die therapierte Erinnerung. Vom Mythos der Verdrängung bei Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs. Stockholm: Norstedt.

Bei nüchterner Betrachtung kann man aber trotz der verwirrenden Befundlage mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß wohl kaum "sehr vieles bei der Erinnerung" erfunden wird. Der Mensch wäre überhaupt nicht lebensfähig, wenn er sich nicht darauf verlassen könnte, daß er die für seinen tägliche Aktivität erforderlichen Sachverhalte auch richtig erinnert - zumindest im Wesentlichen. Wer dies - z. B. aufgrund eines organischen Defekts - nicht kann, ist behindert und sehr schnell auf fremde Hilfe angewiesen. Man denke auch daran, daß unser Gedächnis die Ressourcen enthält, aus denen wir immer wieder neu unsere Persönlichkeit gestalten. Wenn wir dabei "sehr viel erfinden" würden, dann würde unsere Persönlichkeit die Fähigkeit einbüßen, in Interaktionen Komplexität zu reduzieren. Und umgekehrt natürlich auch: Wenn unsere Interaktionspartner sehr viele Erinnerungen an uns erfinden würden, dann hätte wir ebenfalls große Probleme, verlässlich mit ihnen zu kommunizieren. Es verblüfft immer wieder, mit welcher Leichtigkeit sich auch (angehende) Psychologen in Sachen "Gedächtnis" ins Bockshorn jagen lassen. Es ist ja für den Psychologie-Historiker kein Geheimnis, warum in den Medien (vor allem den amerikanischen) immer wieder groteske Behauptungen über die angebliche Fehlbarkeit des Gedächtnisses lanciert werden. Es geht um dieses kleine schmutzige Familiengeheimnis. Lügt die Tochter? Oder hat Vati wirklich ...? In den USA gibt es immer wieder Prozesse mit dieser Thematik, bei denen es um viel Geld geht. Und es gibt Interessenverbände, die sich liebevoll der Frage des "False Memory" widmen? Und es gibt "Spin Doctors".

Und bekanntlich schwappen die "bahnbrechenden Erkenntnisse" des US-Spins dann mit ein paar Jahren Verzögerung über den großen Teich. Nicht selten werden dann diese Erkenntnisse sogar mit Experimenten drapiert, die (für den Laien) überzeugend klingen, bei denen es sich aber fast immer um Versuche handelt, die zumindest extern (ökologisch) nicht valide sind. Laien, die sich nicht davon beeinflussen lassen, was in der Zeitung steht oder im Fernsehen gebracht wird, sondern einfach nur dem "gesunden Menschenverstand" folgen, sind da mitunter sogar gegenüber "Fachleuten" im Vorteil. Jeder denke an seinen Alltag und frage sich: Wieviel erfundene Erinnerungen könnte ich mir eigentlich leisten, um hier über die Runden zu kommen? Lassen wir also die Ideologie weg: Neulich entdeckte ich eine Nazi Web Site. Deren Autoren behaupteten tatsächlich, daß die Berichte der KZ-Überlebenden auf das "False Memory Syndrome" zurückzuführen seien.

(...)

Das "False-Memory-Syndrome" ist keineswegs ein wissenschaftlicher Begriff, wie der Terminus suggerieren könnte, sondern eine PR-Erfindung. Dabei handelt es sich um eine verzerrte, höchstgradig tendenziöse und polemische Darstellung gedächtnispsychologischer Befunde. In den USA ist in den letzten Jahrzehnten ein regelrechter Wirtschaftszweig entstanden, der politische Propaganda in die Form wissenschaftlicher "Erkenntnisse" gießt. Die Absicht der Erfinder des "False-Memory-Syndromes" war es natürlich nicht, Wasser auf die Mühlen der Holocaust-Leugner zu gießen. Allerdings ist es ihnen gelungen, dieses PR-Produkt als "Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis" in den Köpfen eines interessierten Laienpublikums zu etablieren. Wer "durchblickt", fabuliert bei passender Gelegenheit von "False Memories". Damit haben es die Erfinder des "False-Memory-Syndromes" den Holocaustleugnern ungewollt leicht gemacht, ihre perverse Geschichtsklitterung nun mit "psychologischen" Weihen zu veredeln.
Die ursprüngliche implizite Botschaft des "False-Memory-Syndromes" lautete: "Misstraue den Erinnerungen mutmaßlicher Opfer sexuellen Missbrauchs." Der "Erfolg" des "False-Memory-Syndromes" ist durch die Tatsache bedingt, daß es immer noch ein Tabubruch ist, über "sexuellen Mißbrauch" zu sprechen. Dieses "Syndrome" lässt sich also sehr gut integrieren in eine Strategie des Denkens, die in Orwells 1984 "Delstop" genannt wird: "Delstop bezeichnet die Fähigkeit, geradezu instinktiv auf der Schwelle jedes riskanten Gedankens haltzumachen. Es schließt die Gabe mit ein, Analogien nicht zu begreifen, logische Fehler zu übersehen, die simpelsten Argumente misszuverstehen und von jedem Gedankengang, der in eine ketzerische Richtung führen könnte, gelangweilt und abgestoßen zu werden."
Riskante Gedanken entstehen aber gerade in der Auseinandersetzung mit Bereichen, für deren Verständnis wir auf Erinnerungen angewiesen sind, weil sich diese Bereiche nur zu oft und nur zu leicht der objektiven Überprüfung entziehen (oder ihr, von interessierten Kreisen) bewusst entzogen werden. Diese Erinnerungen sind verpönt, weil sie zum Tabubruch führen oder etablierte Mächte und mächtige Interessen gefährden könnten. Also: "Delstop". Manche Nazis versuchen nun, diesen "False-Memory-Delstop" für sich arbeiten zu lassen, und zwar in dem Bewusstsein, daß die Erinnerung an den Holocaust trotz offizieller "Vergangenheitsbewältigung" immer noch Elemente des Tabubruchs enthält - vor allem, aber nicht nur in Deutschland. Die "Vergangenheitsbewältigung" wurde ritualisiert und in Formeln gegossen. Auch in des Nazismus und Antisemitismus unverdächtigen Köpfen erzeugt ein gedankliches Abweichen von diesen Formeln und Ritualen Unbehagen. Daher ist die Schwelle hoch, sich gedanklich auf die Erinnerungen von Überlebenden einzulassen. Den Nazis kann das nur recht sein. Genau diese Auseinandersetzung mit diesen Erinnerungen wünschen sie natürlich nicht. Also: False-Memory-Delstop. Die Strategie ist durchschaubar, sicher. Aber es steht zu befürchten, daß sie erheblichen politischen und moralischen Schaden anrichtet, wenn es den Nazis gelingt, die False-Memory-Ideologie in den Köpfen einer größeren Zahl von Menschen mit den Erinnerungen der Holocaust-Überlebenden zu verbinden - wenn es den Nazis also gelingt, ein generelles Misstrauen gegenüber den Erinnerungen der Opfer nazistischer Gewaltherrschaft pseudowissenschaftlich zu "legitimieren".

Das betrogene Ich

Aus Erzählungen, Familienfotos und Fernsehbildern bastelt sich das Gehirn Erinnerung zusammen. Das Ich muss sich selbst täuschen, um die Gegenwart zu bewältigen

Unter diesem Titel fasst Andrea Schuhmacher einige spektakuläte Ergebnisse zu neueren Ergebnissen der psychologischen und neurobiologischen Gehirnforschung zusammen - insbesondere verweist sie auf die Forschungen von Elizabeth Loftus, wohl die bedeutendste Forscherin zum Phänomen des "False Memory Syndroms". Sie schreibt: "Auf irgendeinem Wege musste der Hase mit dem grauen Fell und den albernen Schneidezähnen in das Gehirn des Studenten gelangt sein. Denn auf Nachfrage konnte sich dieser plötzlich erinnern, wie er als Kind in Disneyland Bugs Bunny begegnet war. Er berichtete sogar, wie ihm die Comicfigur die Hand geschüttelt und eine Karotte präsentiert hatte. Es war mit Sicherheit eine falsche Erinnerung: Als Geschöpf des Entertainment-Konzerns Warner Brothers hatte Bugs Bunny schon immer striktes Hausverbot im Disneyland der Konkurrenz. Mit einem schlichten Trick hatte das Team von Elizabeth Loftus, Psychologin an der University of Washington in Seattle, den Hasen in das Gedächtnis des Studenten geschleust. Die Forscher hatten ihm eine fingierte Werbeannonce des Disney-Konzerns gezeigt, in der er als Kind neben Bugs Bunny abgebildet war. Anderen ging es ähnlich: 16 Prozent der 167 Versuchspersonen entdeckten in diesem Experiment plüschige Hasenerlebnisse in ihrem Gedächtnis, in einer Folgestudie waren es sogar 35 Prozent. Noch erfolgreicher manipulierten die Psychologen mit gefälschten Fotos. So montierte Loftus ein Kindheitsporträt des jeweiligen Probanden mit seinem Vater in das Bild eines Heißluftballons. Jeder zweite Befragte erinnerte sich daraufhin an eine Himmelfahrt, die nie stattgefunden hatte. Anderen Versuchsteilnehmern suggerierte Loftus mit ähnlich schlichten Mitteln, dass sie als Kinder beim Ballspiel ein Fenster eingeschlagen oder bei einer Hochzeit den Punsch über die Festtagskleidung der Gäste gegossen hätten. "Eines sollten wir uns klarmachen", sagt Loftus, "unser Gedächtnis wird jeden Tag neu geboren."

Mehr unter Das betrogene Ich in der Zeit

Phillip Isola et al (2011) konnten in einem Art Memory-Versuch an Hand von Fotos zeigen, welche Merkmale eines Bildes seinen Erinnerungswert bestimmen. Dabei zeigte sich, dass Attraktivität und Erinnerungswürdigkeit nicht dasselbe sind. Es waren meist doe abgebildeten Personen, die den Betrachtern im Gedächtnis hängen bleiben, selbst wenn sie diese zuvor nie gesehen hatten. Es zeigte sich auch, dass es Szenen im Innenraum und Motive im menschlichen Größenmaßstab waren, die deutlich besser erinnert werden als die schönste Landschaft oder Stadtansicht. Überraschende Elemente sorgen zusätzlich für ein besseres Erinnern, etwa wenn eine Landschaft ungewöhnlich geformte Hecke aufwies.

Quelle:
Schuhmacher, Andrea (2005). Das betrogene Ich.
WWW: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2005/05/Autobiographisches_Gedaechtnis.xml (05-12-12)
Literatur:
Loftus, Elizabeth F. (2003). Make-believe memories, American Psychologist (November 2003).
http://faculty.washington.edu/eloftus/Articles/AmerPsychAward+ArticlePDF03%20(2).pdf (05-12-12)
Loftus, E. F. (1996). Eyewitness testimony. Cambridge,
MA: Harvard University Press.
Loftus, E. F. (2002). Memory faults and fixes. Issues in Science and Technology, 18(4), pp. 41–50.
Loftus, E. F. (2003). Our changeable memories: Legal and practical implications. Nature Reviews: Neuroscience, 4, pp. 231–234.

Isola, P., Xiao, J., Torralba, A. & Oliva, A. (2011). What makes an image memorable? IEEE Conference on Computer Vision and Pattern Recognition (CVPR). pp 145-152.

Vergessen als Akutmaßnahme zur Verdrängung und Ablenkung

Quelle: http://www.focus.de/
gesundheit/ratgeber/ psychologie/news/
psychologie-vergessen-statt-aufarbeiten_aid_335567.html (08-08-09)

Wer sich aufregt, ärgert oder deprimiert ist, neigt dazu, die Umstände des emotionalen Aufruhrs immer wieder durchzukauen, in Gedanken, in Selbstgesprächen oder in Gesprächen mit FreundInnen.

Ethan Kross (Universität Michigan) und Ozlem Ayduk (Universität Kalifornien) ließen 141 VersuchsteilnehmerInnen sich an eine besonders schmerzliche Erfahrung aus der jüngeren Vergangenheit erinnern. Eine Gruppe sollte sich intensiv vorstellen, diese Situation erneut zu erleben, eine andere Gruppe sollte sich zwar auch zurückversetzen, aber das Erlebnis wie eine andere Person beurteilen (“Warum hat er/sie sich so schlecht gefühlt“). Eine dritte Gruppe sollte sich neben der negativen Erinnerung mit völlig neutralen Sätzen beschäftigen und ablenken. Nach dem Experiment fühlten sich jene TeilnehmerInnen am besten, die die Situation von außen betrachtet hatten, die Ablenkung half etwas weniger gut. Am schlechtesten ging es den ProbandInnen, die voll in die damalige Situation eingetaucht waren. Noch eine Woche später hatte diese letzte "Distanz-Gruppe" die wenigsten negative Gefühle.

Psychologen raten daher, sich erst mit etwas Distanz ans Aufarbeiten der negativen Erfahrung zu machen, denn Menschen sind nicht besonders gut darin, konstruktiv über eigene Fehler, unangenehme Gefühle und Stimmungen nachzudenken. Dabei drehen sich die meisten nur im Kreis. Es bringt im Akutfall mehr, eine Art mentale Auszeit zu nehmen.

Bereits vor einigen Jahren haben Untersuchungen der Universität Colorado gezeigt, dass es in den Gehirnprozessen so etwas wie Verdrängung tatsächlich geben dürfte, was jedoch immer wieder vor Gericht ein umstrittenes Thema darstellt. Karl-Heinz Bäuml und Simon Hanslmayr (Institut für Psychologie der Universität Regensburg) wiesen nach, dass Erinnerungen willentlich unterdrückt werden können, was sogar zu einem vollständigen Vergessen von Erfahrungen führen kann. Verantwortlich dafür sind „vorgreifende“ bzw. antizipierende Kontrollmechanismen im Gehirn, die eine Unterdrückung von Erinnerungen unterstützen. So zeigte man ProbandInnen verschiedene Fotos mit menschlichen Gesichtern und ordneten jedem Gesicht ein bestimmtes Wort zu, das sich die Versuchspersonen einprägen sollten. Danach wurden die Versuchspersonen dazu aufgefordert, die Erinnerungen an das jeweils gesuchte Wort während der Darstellung des Fotos mit dem Gesicht entweder zu aktivieren oder bewusst zu unterdrücken. Diese Anweisung zum Erinnern oder Unterdrücken erhielten die Probanden aber bevor sie die Fotos präsentiert bekamen. Mit steigender Zahl von Wiederholungen konnten sich die Probanden immer weniger an die Gesicht-Wort-Kombinationen erinnern.

In den gleichzeitig beobachteten Gehirnaktivitäten der Versuchspersonen entdeckte man zwei verschiedene Mechanismen, um Erinnerungen zu unterdrücken: zum einen den normalen Verarbeitungsprozess, der nach der Präsentation eines Gesicht-Wort-Paares abläuft aber auch einen vorauslaufenden Prozess, der schon vor der Präsentation eines Gesichts wirksam wird. Dieser „vorausschauende“ Kontrollmechanismus ist vermutlich die Ursache dafür, dass Erinnerungen und Erfahrungen absichtlich unterdrückt oder vergessen werden.

Es sollte bei der Interpretation der Ergebnisse beachtet werden, dass "willentliches Vergessen" auch eine Art Schutzmechanismus sein kann, etwa dass man traumatische Ereignisse verdrängt, um zu überleben. Verdrängen ist oft eine lebensrettende Maßnahme des Gehirns. Traumatische Erlebnisse kommen nämlich immer wieder zurück, oft zu einem ungünstigsten Zeitpunkt, auch wenn man denkt, sie für immer weggeschlossen zu haben.

Bei einem traumatisches Erlebnis wird das Gehirn von Stresshormonen überschwemmt, wobei diese Hormone mit ihren Rezeptoren genau in den Hirnbereichen andocken, die Emotion und Kognition zusammenschalten. Wenn die Hormone massiv aktiv sind, blockieren sie dort die normale Speicherung und den Abruf von Informationen. Wenn man dann später an die Information heran will, die unbewusst eingespeichert ist, werden abermals die Stresshormone ausgeschüttet, die den bewussten Abruf unterbinden. Diese Schutzfunktion löscht mit der Zeit entweder die Spuren oder diese werden tief ins Unterbewusste verbannt. Allerdings ist es selten, dass eine Information gar nicht mehr vorhanden ist, meist existiert die Erinnerung irgendwo im Gehirn, nur der Zugang dazu ist verschüttet. An solche Erinnerungen heranzukommen kann relativ spontan geschehen, wenn man in einer normalen, gelockerten Atmosphäre ist, mann kann aber auch mittels Hypnose an die Informationen gelangen. Auch eine Psychotherapie, die eventuell mit Medikamenten kombiniert wird, kann mittel- oder langfristig solche verdrängten Informationen wieder ans Tageslicht geholt werden. Allerdings leistet das Gehirn häufig massiven und langfristigen Widerstand, sodass es auch nach jahrelanger Therapie nicht möglich ist, einen Zugang zu diesen Erinnerungen zu finden. Manche Amnesie-Patienten bekommen ein mulmiges Gefühl, wenn sie in bestimmten Situationen sind oder mit bestimmten Personen zusammentreffen, können aber nicht erklären, woran es genau liegt. Wenn im alltäglichen Lebensvollzug solche traumatischen Ereignisse im Hintergrund immer mitschwingen, die man nicht bewusst fassen kann, kann sich dadurch langfristig auch die Persönlichkeit verändern, etwa dass man anfälliger für Depressionen wird. Vermutlich ist es in manchen Fällen auch gut, all den verdrängten Seelenmüll nicht zu aktivieren.

Wissenschaftler der Universität Bern haben jüngst in den Neuronen des Gehirns einen Mechanismus nachgewiesen, der möglicherweise für das Vergessen mitverantwortlich ist, wobei ein vom Gehirn selbst produzierter Stoff eine wichtige Rolle spielt. Bestimmte Sternzellen greifen nämlich durch einen körpereigenen Stoff, der Cannabis ähnlich ist, in die Chemie des Gehirns ein, wobei die Verbindung zwischen den Nervenzellen schwächer wird.

Gedächtnis durch spezielle Neuronenverbindungen leistungsfähiger

Quelle:
Schott, Björn H., Niklas,Christoph, Kaufmann, Jörn, Bodammer, Nils C., Machts, Judith, Schütze, Hartmut & Düzel, Emrah (2011). Fiber density between rhinal cortex and activated ventrolateral prefrontal regions predicts episodic memory performance in humans. PNAS 2011 : 1013287108v1-201013287.

Schott et al. (2011) haben mittels Magnetresonanztomographie einen möglichen Hinweis entdeckt, warum manche Menschen ein hervorragendes Gedächtnis besitzen, während andere Probleme beim Erinnern haben. Bei der Untersuchung, welche Gehirnregionen aktiviert werden, während sich Studenten eine Liste von Wörtern einprägten, zeigten bei allen Studienteilnehmern mehrere Regionen im Vorderhirn eine stärkere Aktivität bei Wörtern, die später erinnert werden konnten, und zwar im Vergleich zur Aktivität bei jenen Wörtern, die später vergessen wurden. Zwei der aktivierten Vorderhirnregionen waren dabei mit den inneren Anteilen des Schläfenlappens verbunden, wobei die Stärke dieser Verbindung eine enge Beziehung zur individuellen Gedächtnisleistung aufwies. StudienteilnehmerInnen, die über eine stärkere Verbindung zwischen diesen Gehirnstrukturen verfügten, zeigten überdurchschnittliche Gedächtnisleistungen. Offenbar gibt es große Unterschiede zwischen Menschen hinsichtlich der Verbindungsmuster zwischen diesen Hirnregionen, wobei diese Unterschiede sehr spezifische Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses haben.

Auch Insekten können sich falsch erinnern

Untersuchungen haben gezeigt, dass auch das Gedächtnis von Hummeln für das Vergessen anfällig sind. Zwar funktioniert das Kurzzeitgedächtnis von Hummeln gut, doch Probleme gibt es bei den Insekten ähnlich wie beim Menschen beim Langzeitgedächtnis. Hunt & Chittka (2015) trainierten die Hummeln darauf, eine süße Belohnung zu erwarten, wenn sie nacheinander verschiedene künstliche Blumen anflogen. Eine Gruppe von Hummeln bekam Zuckerwasser, wenn sie zuerst eine gelbe Blume anflogen und danach eine schwarz-weiß geringelte, während die zweite Gruppe in umgekehrter Richtung konditioniert wurde. Danach wurden den Hummeln drei Blumen vorgestellt, von denen zwei gelb und eine schwarz-weiß geringelt waren, wie sie sie schon kannten, die dritte Blume war hingegen gelb und weiß geringelt, war also eine Kombination der vorherigen Blumen. Wenige Minuten nach dem Training flogen fast achtzig Prozent der Hummeln die Blumen an, auf die sie konditioniert worden waren, d. h., ihr Kurzzeitgedächtnis funktionierte. Nach einem Tag veränderte sich die Reaktion der Hummeln, denn jene Hummeln, die auf die gelbe Blume konditioniert worden waren, flogen diese zwar zunächst mit großer Sicherheit an (78 Prozent), doch gegen Ende des ersten Tages flogen sie zu fast fünfzig Prozent die Blume mit den gelb-weißen Ringen an, obwohl sie diese im Training nie gesehen hatten. Drei Tage später schienen sich die Tiere zunächst an die richtige Blume zu erinnern, bevor sie dann zur falschen flogen. Offensichtlich vermischte sich die Erinnerung an die richtige Blume mit der Erinnerung an die falsche Blume, sodass die Hummeln sie letztlich nicht mehr unterscheiden konnten, d. h., dass die Gedächtnisspuren für zwei Reize im Gedächtnis der Tiere kombiniert wurden. Man bezeichnet dieses Phänomen als "Erinnerungs-Verknüpfungs-Fehler", d. h., dass verschiedene Erinnerungen nicht nur mit der Zeit verblassen, sie können sich auch überlagern und zu neuen Erinnerungen zusammenfügen.

Literatur
Hunt, K. L. & Chittka, L. (2015). Merging of Long-Term Memories in an Insect. Current Biology; DOI: 10.1016/j.cub.2015.01.023.

Siehe dazu auch die Ausführungen zum

Literatur zum Vergessen



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