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Gütekriterien für Wissenschaft und wissenschaftliche Forschungsarbeiten

Quellen:

Breuer, Franz & Reichertz, Jo (2001, September). Wissenschafts-Kriterien: Eine Moderation [40 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 2(3). Verfügbar über: http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/3-01/3-01breuerreichertz-d.htm [Datum des Zugriffs: 04-10-25].

Stangl, Werner (1989). Die Psychologie des Wissenschaftlers.
WWW: http://werner.stangl-taller.at/BERUF/
PUBLIKATIONEN/PARADIGMA/
128WISSENSCHAFTLER/
(04-10-25)

Eine zusammenfassende Systematisierung der wichtigsten aktuell in Diskussion stehenden "Gütekriterien für wissenschaftliche Forschungsarbeiten" versuchen Breuer & Reichertz (2001). Sie unterscheiden

Güte aufgrund der Logik der Rechtfertigung

In der Wissenschaftstheorie der empirischen (Real-)Wissenschaften hat sich in den dominierenden Traditionen des letzten Jahrhunderts (dem Logischen Empirismus und Kritischen Rationalismus und ihren Nachfolge-Unternehmen) unter der Orientierung auf die Idee einer "Einheitswissenschaft" ein Standard-Kanon von Güte-Maßstäben herauskristallisiert, der - unter Absehung von differentiellen Gegenstandscharakteristika bzw. Disziplin-Spezifika - bestimmte logische und methodologische Maximen enthält. Diese allgemein in der scientific community verwendeten (begründungs-)methodologische Kriterien empirischer Wissenschaften, prägen auch heute noch weitgehend das Bild in konventionellen Methodologie-Lehrbüchern der Sozialwissenschaft. Prototypisch sind in diesem Zusammenhang hauptsächlich sprachlich-begriffliche Charakteristika und das Verhältnis von wissenschaftlichen Symbolisierungen bzw. Symbolsystemen und Realität: begriffliche Exaktheit/Präzision, intersubjektive Eindeutigkeit von Begriffen und Aussagen, Subjektunabhängigkeit bzw. Objektivität von Begriffs- und Aussagenverwendung, Reliabilität/Zuverlässigkeit von Beobachtungen, Messungen u.ä., logische Konsistenz von Aussagen und Aussagensystemen, empirische Prüfbarkeit von realitätsbezogenen Behauptungen, Bestätigungsgrad von Aussagen, Repräsentanz von Aussagen für Validität/Gültigkeit sowie Wahrheit empirischer Aussagen, Ästhetik/Einfachheit und Ökonomie von Theorien, Systemhaftigkeit von Aussagen bzw. Theorieintegration.

Güte aufgrund der Logik der Entdeckung

Wenig durchgearbeitet sind die Entdeckung und Entwicklung wissenschaftlichen Wissens bzw. wissenschaftlicher Theorien, was häufig der "Psychologie der wissenschaftlichen Arbeit" zugerechnet wird und so von der epistemologischen und methodologischen Sphäre ausgeschlossen bleibt. Hier spielen Schluss- und Argumentationsweisen eine große Rolle, wie etwa induktive, abduktive Prozeduren und heuristische Verfahren des Erfindens und Entdeckens von Neuem. Als in Diskursen praktizierte, aber wenig systematisierte (systematisierbare?) Kriterien werden in diesem Zusammenhang beispielsweise Charakteristika wie "Kreativität", "Innovation", "Anregungsgehalt", "Überraschungswert" ins Feld geführt.

Güte aufgrund der Ehrlichkeit und Redlichkeit der Wissenschaftler

Basale Gesichtspunkte wie "Ehrlichkeit", "Redlichkeit" und "Ehrenhaftigkeit", die im konventionellen Selbstbild der Wissenschaftler-Gemeinschaft meist gar nicht problematisierungsbedüftig waren werden als Fiktion gern aufrechterhalten. Wissenschaftler/innen dürfen hinsichtlich ihrer Forschungsergebnisse nicht lügen, täuschen, betrügen, sie dürfen ihre Resultate nicht fälschen, sich nicht die Verdienste anderer (verdeckt) aneignen etc. Belehrt durch aufsehenerregende Verstöße gegen solche Maximen werden Gesichtspunkte der "Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" entworfen. Mit einem Kanon institutioneller Maßnahmen und personaler Verpflichtungen soll die Gefahr "wissenschaftlichen Fehlverhaltens" eingedämmt werden. Maximen und Kriterien beziehen sich u.a. auf die Dokumentation und Sicherung von Daten, die seriöse Identifizierung der Autorenschaft von Texten, Regeln der Kooperation in Forschergruppen, institutionelle Prozeduren der Seriositäts-Kontrolle und des Konflikt-Managements, Postulate der Höhergewichtung "qualitativer" gegenüber "quantitativen" Charakteristika wissenschaftlicher Produktion.

Jede Wissenschaft wird - und dessen muss sich jeder im Wissenschaftsbetrieb Tätige bewusst sein - im Hintergrund meist von normativen Zielen geprägt, für die Wege und Mittel gesucht werden, wodurch stets die Gefahr besteht, dass dadurch alle Mittel durch die Ziele geheiligt werden können.

Siehe dazu den Versuch über die Psychologie des Wissenschaftlers (Stangl 1989).

Güte als Gegenstandsangemessenheit: Selbstreflexion und Perspektivität

Unter dem Gesichtspunkt der Abhängigkeit der Qualitäts-Kriterien von der Charakteristik des spezifischen Objekts der wissenschaftlichen Erkenntnis sind eine Reihe weiterer Aspekte ins Feld geführt worden - prototypisch verbunden mit einer (Unangemessenheits-) Kritik an den (naturwissenschaftlich inspirierten) einheitswissenschaftlichen Postulaten für Sozial- bzw. Humanwissenschaften. Es geht hier um erkenntnistheoretische Überlegungen zum Verhältnis von Gegenstandsstruktur und wissenschaftlicher Forschungsmethodik. Das Grundargument ergibt sich aus dem Sachverhalt, dass die Sozial- und Humanwissenschaften es bei ihrer Erkenntnisbemühung mit einem prinzipiell "strukturidentischen Objekt" zu tun haben: Die Rollen von Erkenntnissubjekt und -objekt sind nur "verabredungsbedingt" verschieden und grundsätzlich vertauschbar. Dies wird als fundamentaler Unterschied zur naturwissenschaftlichen Forschungsstruktur angesehen und ist beispielsweise konstitutiv für eine auf Selbstauskünfte und Selbsteinsichten der "Objekte" gegründete Methodik. Nicht die gegenstands-desinteressierten Methodologie-Gesichtspunkte sind danach ausschlaggebend für wissenschaftliche Angemessenheit, sondern die adäquate "Passung" von Gegenstandsstruktur und Forschungsmethodik - wobei der Gegenstandsstruktur der Primat zukommt. Auf diesem Hintergrund resultieren Adäquatheits-Überlegungen für wissenschaftliche Konzepte, die die "Modellierung", das "Menschenbild", die "Repräsentation" von Objekten/Subjekten betreffen. Es wird u.a. darauf abgehoben, dass das Objekt als Erkenntnisgegenstand durch seine Darstellung grundsätzlich erst konstituiert wird (Konstruktion des/der Anderen - "Othering"). Die Wahl der wissenschaftlichen Methoden und (Beobachter-, Teilnehmer-) Perspektiven entscheidet, als was das und was am Objekt feststellbar ist. Strukturcharakteristika der Interaktion von Forschungssubjekt (dem Wissenschaftler bzw. der Wissenschaftlerin) und Forschungsobjekt (der Versuchsperson, dem Untersuchungspartner bzw. der Untersuchungspartnerin) sind mitentscheidend für die Art der Konzeptualisierung des Gegenstands und die möglichen Untersuchungsresultate.

Güte als Ergebnis einer humanen Ethik

Unter dem Gesichtspunkt der Ethik des Umgangs mit den (strukturgleichen) Forschungsobjekten in human- bzw. sozialwissenschaftlichen Kontexten sowie der Verantwortung des Wissenschaftlers bzw. der Wissenschaftlerin für die Wahrung ihrer Belange im Zusammenhang mit der Untersuchung sind eine Reihe von Kriterien aufgestellt worden. Diese werden häufig von wissenschaftlichen und professionalen Gesellschaften in Form von ihre Mitglieder verpflichtenden Ethik-Kodizes formuliert - wobei es sich in der Regel um Maximen mit relativ großen Interpretations-Spielräumen handelt. Dazu gehören vor allem Regeln der Nicht-Schädigung von Untersuchungsteilnehmern und -teilnehmerinnen in physischer, sozialer und psychischer Hinsicht, der "Aufklärung" und (bedingten) Wahrhaftigkeit ihnen gegenüber, des vertraulichen, die Persönlichkeitsrechte wahrenden Umgangs mit ihren Daten u.ä. Als "gut" gelten demnach Untersuchungen, die sich einer humanen Ethik im Umgang mit den jeweils Untersuchten befleißigen. Von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen selbst werden diese Gesichtspunkte häufig als "lästig" empfunden, da sie überwiegend Einschränkungen hinsichtlich ihrer Handlungs- und Verfügungsmöglichkeiten in einem Untersuchungsfeld darstellen. Ihre wissenschaftspraktische Bedeutsamkeit und Wirksamkeit ergibt sich nicht selten erst aufgrund von Anfragen bzw. Anmahnungen einer "kritischen Öffentlichkeit".

Güte als Technologiefähigkeit von Forschung

Ein Qualitätsmerkmal wissenschaftlicher Forschungsergebnisse ist das Kriterium ihrer praktischen Anwendbarkeit, Nützlichkeit und Verwertbarkeit in technischen, ökonomischen und sozialen Kontexten ("Technologiefähigkeit"). Das Kriterium erweist sich als komplex: Einerseits stehen wissenschaftliche Erkenntnisproduzenten diesem Gesichtspunkt mitunter insofern distanziert gegenüber, als "Erkenntnis" - vergleichbar der "Kunst" - in unserer Gesellschaft jenseits praktischer Nützlichkeiten als ein "Wert an sich" gilt, und insofern "Freiheit von Wissenschaft" postuliert (und in Gesellschaftsverträgen versprochen) wird. Andererseits stellt sich v.a. in der jüngeren Wissenschaftsgeschichte heraus, dass für zunächst und vermeintlich "anwendungsferne" wissenschaftliche Erkenntnisse (etwa der Grundlagenforschung) Bereiche gesucht bzw. gefunden werden, die diese Erkenntnisse zu solchen mit allerhöchster praktischer Bedeutsamkeit werden lassen. Demgegenüber kann die kurzfristige bzw. kurzschlüssige intentionale Orientierung der am Wissenschaftsprozess beteiligten Akteure auf Verwertungsrelevanz geradezu kontraproduktive Effekte haben: Anwendungszentrierte Projekte und deren Ergebnisse können etwa im Rahmen sich wandelnder praktisch-kontextueller Umstände zu einer "rasch verderblichen Ware" werden.

Güte als "emanzipatorische Relevanz"

Neben der praktischen Relevanz wissenschaftlicher Forschung - also der prinzipiellen Möglichkeit des gesellschaftlichen Nützlichmachens wissenschaftlicher Erkenntnisse, unter Absehung von den Wertcharakteristika der Zwecke, für die diese eingesetzt werden - wird der Gesichtspunkt der interessenbezogenen Bedeutsamkeit ins Feld geführt. Von bestimmten ethischen und gesellschaftstheoretischen Werten und Zielvorstellungen ausgehend kann die Anwendung/Verwertung wissenschaftlicher Erkenntnisse hinsichtlich ihrer Nützlichkeit für bestimmte Interessen bzw. Interessenten beurteilt werden. Für den human- und sozialwissenschaftlichen Bereich lässt sich dies etwa an der Gegenüberstellung deutlich machen: Dienen Forschungsergebnisse der "Fremdbestimmung" bzw. Manipulation sozialer (Abhängigkeits-) Verhältnisse im Sinne beliebiger (etwa "herrschender") Interessen/Interessenten? Oder erlauben sie eine Selbstaufklärung der Objekte/Subjekte in Bezug auf deren Lebensbedingungen und fördern eine verstärkte Selbstverfügung darüber (Ermöglichung von Selbstreflexion, Selbstentwicklung, Erweiterung von Eigenverfügung über Handlungsmöglichkeiten)? Auch diesem Kriterium ist offensichtlich durch "intentionales Forscherhandeln" - trotz vielerlei ("parteilicher") Bemühungen in den Sozialwissenschaften v.a. der siebziger und achtziger Jahre - nicht oder nur bedingt bzw. nur unter bestimmten Umständen beizukommen.

Güte aufgrund der (Darstellungs-) Politik der Forscher/innen

Für Sozialforscher und -forscherinnen besonders interessant (und riskant) sind die Aspekte der Güte wissenschaftlicher Arbeiten, die sich direkt oder indirekt aus der "Darstellungs-Arbeit" (Impression-Management) und der "Sozial-Politik" der Wissenschaftler/innen ergeben. In mikrosoziologischen Untersuchungen realer Forschungsprozesse (Ethnographien wissenschaftlicher "Laboratorien", der Produktion wissenschaftlicher Texte etc.) sind eine Reihe von Praktiken und praktizierten Kriterien beschrieben worden, die nur bedingt etwas mit dem üblichen Begriff von "Qualitätskriterien" zu tun haben. Es handelt sich vielmehr überwiegend um soziale Anpassungs-, Anschlussleistungen und Selbstpräsentationen der Wissenschafts-Akteure gegenüber unterschiedlichen (inner- wie außerwissenschaftlichen) Mitspielern und Rezipienten, die - wie in jedem anderen sozialen Feld auch - mehr oder weniger konform realisiert, regelgerecht und publikumswirksam "bedient" werden. Hat ein Wissenschaftler bzw. eine Wissenschaftlerin die "richtige Nase" für "angesagte", zeitgemäße Strömungen, Praktiken, Personen etc.? Kann er/sie sein/ihr "In-Sein", sein/ihr "Dazugehören" überzeugend darstellen? Solche Handlungscharakteristika lassen sich mit Oberbegriffen wie "soziale Selbstinszenierung" oder "Staging" kennzeichnen. Sie beziehen sich etwa auf Aspekte wie: Anschluss an aktuelle Foki öffentlicher (medialer, politischer u.ä.) Diskussion, Anschluss an aktuelle Konjunkturen wissenschaftlicher Theorien bzw. "Paradigmen", Verwendung prestigeträchtiger Instrumente und Verfahren (der schnellste/größte Rechner, die innovativste Analyseprozedur etc.), Techniken textueller Präsentation - etwa Konformität hinsichtlich textsortenbezogener Standardschemata, aber auch Laien-Verständlichkeit, Unterhaltungswert u.ä., soziale Verankerung in wissenschaftlichen Netzwerken, Gesellschaften, Seilschaften o.ä., Zugang zu bestimmten Präsentations-Medien, Kooperation mit privaten und kommerziellen Instanzen (Kontakte mit "der Wirtschaft" und "den Medien" u.ä.), taktisches Geschick im Umgang mit Gutachter-Diskursen, Wissenschafts-Bürokratie, Forschungs-Sponsoren u.ä. Die Qualität wissenschaftlicher Arbeiten rangiert in diesem Diskurs umso höher, je mehr es dem jeweiligen Wissenschaftler bzw. der jeweiligen Wissenschaftlerin gelingt, in möglichst vielen der genannten Bereiche erfolgreich zu sein.

Güte als Ergebnis externer Forschungsevaluation

Bei Prozeduren der "Evaluation" wissenschaftlicher Leistungen, die eine Differenzierung zwischen "besserer" und "schlechterer" Wissenschaft, zwischen "Spitzen"- und "Durchschnitts"-Forschung ermöglichen sollen, werden in eklektischer Manier allerlei "Indikatoren" und "Maße" erfunden und übernommen, mit denen eine solche Qualitäts-Differenzierung möglich sein soll. Diese sind relativ wenig an den traditionellen wissenschaftstheoretischen Kriterien orientiert, heben vielmehr stärker "untheoretisch" auf leicht operationalisierbare und quantifizierbare Merkmale, "betriebswirtschaftliche" Maßstäbe und "soziale Resonanzen" wissenschaftlicher Forschungsarbeit ab. Solche Gesichtspunkte stellen diskutierte Kandidaten für das "Ranking" von Personen und Institutionen im Kontext von Wissenschaftspolitik dar, werden zu Propagandainstrumenten im Rahmen von Vermarktwirtschaftlichung und Konkurrenzaktionen von Universitäten, Forschungseinrichtungen, Ausbildungsgängen etc. Beispiele aus diesem Bereich: Menge publizierter Texte eines Wissenschaftlers, einer Wissenschaftlerin, der Mitglieder einer Institution, Aufnahme von Publikationen in (nach Wertung in der "Fachkultur") bestimmte "hochrangige" Organe (Zeitschriften, Verlage), englischsprachige Publikation, Zitations-Häufigkeit von Autoren/Publikationen in selektiven Statistiken ("Impact-Faktor" u.ä.), Einwerbung von "Drittmitteln" bei staatlichen und privaten Förderinstitutionen bzw. Sponsoren, Herausgeberschaften von (renommierten) Periodika, Charakteristika von Ausbildung bzw. Lehre einer Institution, Alter eines Wissenschaftlers, einer Wissenschaftlerin, Geschlechtszugehörigkeit eines Wissenschaftlers, einer Wissenschaftlerin. Als "wichtig" gelten hier die Arbeiten der Verfasser/innen, die bei diesem externen Ranking die vorderen Plätze einnehmen.


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