Was ist Kausalität?
Verstehen kann man das Leben nur rückwärts.
Leben aber muss man es vorwärts.
Søren Kierkegaard
Das zugehörige Adjektiv "kausal" bedeutet "ursächlich", "das Verhältnis Ursache-Wirkung betreffend", "dem Kausalgesetz" entsprechend".
Eine Kausalkette ergibt sich, wenn jedes Folgeereignis selbst wieder Ursache eines neuen Ereignisses ist. Kausalität impliziert eine strenge Halbordnung: Die Ursache der Ursache einer Wirkung ist damit auch (indirekte) Ursache der Wirkung selbst. Eine Wirkung darf nicht direkte oder indirekte Ursache ihrer selbst sein, da sonst Widersprüche auftreten können (wie z.B. das Großvater-Paradoxon bei Zeitreisen). Die Ereignisse, die ein bestimmtes Ereignis kausal beeinflussen können (also [Mit-]Ursache dieses Ereignisses sein können) bilden die absolute Vergangenheit dieses Ereignisses. Umgekehrt bilden die Ereignisse, die ein bestimmtes Ereignis kausal beeinflussen kann, die absolute Zukunft des Ereignisses.
Das Kausalprinzip (Kausalitätsprinzip) bedeutet, dass jedes Geschehen seine (materielle) Ursache hat, und es keine ursachelosen, "akausalen" Dinge, Erscheinungen, Abläufe usw. gibt. Dieses in elementarer Form bereits von Aristoteles formulierte Kausalprinzip entspricht der Interpretation des Satzes vom zureichenden Grund: "nihil fit sine causa" ("nichts geschieht ohne Ursache").
Einer der Grundgedanken der Kybernetik ist es, die Kausalitätsvorstellung bei einem Vorgang in einem System zu relativieren. Nicht die aneinander gereihte direkte Beziehung von Ursache und Wirkung, der Kausalnexus, entspricht den meisten Naturvorgängen, sondern der Regel- oder Funktionskreis mit rückgekoppelten "Merkmalsträgern". Mit anderen Worten: Die Wirklichkeit ist ein vernetztes System, das man nur als verknüpftes Geschehen begreifen kann, in das die Einzelgeschehnisse eingebettet sind. Da sich wissenschaftlich nur Einzelgegenstände untersuchen lassen, müssen bei jedem Ergebnis immer die Bedingungen, das heißt die Vernetzungen in einem Gesamtsystem berücksichtigt werden.
Die scholastische Lehre von den verschiedenen Ursachen (causae) setzt die aristotelische Einteilung voraus und differenziert sie weiter. Grundsätzlich wird zwischen den internen (inneren) und den externen (äußeren) Ursachen eines Seienden (z. B. einer Bronzestatue) unterschieden.
- causa materialis (materiale Ursache) gehört zu den inneren Ursachen. Sie liegt im Stoff (griech. hyle), "woraus etwas entsteht, und was in diesem Etwas ist, z. B. ist die Bronze die Ursache der Statue" (Aristoteles).
- causa formalis (formale Ursache) gilt als die zweite innere Ursache. Sie besteht in der Form (griech. idea oder eidos), der Struktur oder dem Muster, das sich im Seienden findet. Die Bronzestatue z. B. entsteht dadurch, daß die Bronze in der Form der Statue gestaltet ist. Die scholastische Philos. identifiziert causa formalis häufig mit causa exemplaris (der exemplarischen Ursache), die weitgehend identisch ist mit der platonischen Idee (griech. idea). Die Unterscheidung zwischen causa materialis und causa formalis ist eine relative. So ist die Bronze selbst aus einem Stoff und einer besonderen Bronzeform zusammengesetzt, ebenso wie die Bronzestatue als Materie dienen kann, z. B. bei der Herstellung von Schmuck.
- causa efficiens (wirkende Ursache) ist eine äußere Ursache; sie ist "die Quelle, worin die Veränderung oder die Ruhe ihren Ursprung hat" (Aristoteles), d. h. die causa efficiens bewirkt, daß etwas erzeugt wird. So ist das Hämmern des Schmieds auf die Bronze eine der wirkenden Ursachen, die die Bronzestatue erzeugen. Auch der Schmied selbst kann als causa efficiens bezeichnet werden.
- causa finalis (Zweckursache) ist eine äußere Ursache; sie gibt den Zweck unseres Tuns an. "Z. B. ist Gesundheit die Ursache eines Spaziergangs. Denn "Warum macht man einen Spaziergang?" sagen wir. "Wegen der Gesundheit." Und wenn wir das sagen, meinen wir, daß wir die Ursache angegeben haben" (Aristoteles). causa finalis war für Aristoteles und die Scholastiker ein naturwissenschaftliches Prinzip.
Teilweise die Einteilung in 1-4 überschneidend, gibt es noch weitere Gruppen der causae:
- causa prima/causa secund(ari)a (erste/zweite Ursache): In einer endlichen Kausalreihe a, b, c... n heißt n die "primäre" oder "erste Ursache", wenn n die Ursache der ganzen Kausalreihe ist; alle übrigen Ursachen sind sekundär. causa prima wird gewöhnlich mit Gott identifiziert.
- causa proxima/causa remota (nächste/entfernteste Ursache) und causa immediata/mediata (unmittelbare/mittelbare Ursache): In der Kausalreihe a, b, c... n ist die Ursache c causa proxima und causa immediata der Wirkung b, da zwischen b und c keine weitere Ursache liegt; hingegen ist die Ursache c causa remota und causa mediata der Wirkung a, da zwischen a und c die Ursache b liegt.
- causa principalis/instrumentalis (ursprüngliche/instrumentelle Ursache): Wenn die Ursache n durch die Verwendung der Ursachen a, b, c wirkt, dann ist n causa principalis, während a, b, c jeweils c instrumentalis sind.
- causa sufficiens/deficiens (hinreichende/nicht hinreichende Ursache): Wenn eine Ursache aus sich selbst heraus eine bestimmte Wirkung erzielen kann, ist sie causa sufficiens; kann sie die Wirkung nicht erzeugen - z. B. aufgrund widriger Umstände -, ist sie causa deficiens.
- causa adaequata (adäquate Ursache; von lat. adaequare, gleichstellen): eine Ursache, die der Wirkung entspricht.
- causa efficiens/conservans (auswirkende/bewahrende Ursache): causa efficiens bewirkt, daß etwas zustande kommt, causa conservans, daß etwas weiterhin existiert.
- causa cognoscendi/essendi (Ursache des Erkennens/des Seins): Die Scholastik unterscheidet streng zwischen der causa cognoscendi, die Ursache dafür ist, daß ein Seiendes erkannt werden kann, und der causa essendi, der Ursache dafür, daß ein Seiendes ist, wie es ist.
- causa sui (Ursache seiner selbst): Bezeichnung dafür, daß ein Seiendes nicht von einem anderen, sondern nur durch sich selbst bestimmt ist. Der Begriff wurde in der Geschichte der Philos. in zweifacher Bedeutung verwendet: Zum einen kann causa sui dasjenige heißen, das notwendigerweise existiert und dessen Nicht-Existenz unmöglich gedacht werden kann. Einen solchen causa sui-Begriff verwenden u. a. Plotin, Descartes, Spinoza und Hegel, während Thomas von Aquin ihn ablehnt. Zum anderen kann causa sui dasjenige heißen, das radikal frei ist, insofern es sich selber verursacht. Diese Bedeutung findet sich bei Aristoteles und Thomas von Aquin sowie bei Plotin, Descartes, Spinoza und Hegel.
- causa occasionalis (Gelegenheitsursache) ist bei Malebranche die Bezeichnung für ein Ereignis, das selber keine Wirkung hat, sondern nur die Gelegenheit (lat. occasio) dafür abgibt, daß Gott eine Wirkung erzeugt. Laut Malebranche sind z. B. körperliche Zustände die causa occasionalis für Bewußtseinszustände und umgekehrt.
Literatur
Aristoteles: Metaphysik.
Thomas von Aquin: Über das Sein und das Wesen.
Frank, P.: Das Kausalgesetz und seine Grenzen, herausgegeben von A.J.
Kox. Frankfurt am Main 1988.
Koch,G.: Kausalität, Determinismus und Zufall in der
wissenschaftlichen Naturbeschreibung. Berlin 1994.
Spinoza: Ethik. D. Henrich: Der ontologische Gottesbeweis, 1960.
R. Spaemann/R. Löw: Die Frage "Wozu?", 1981.
W. Stegmüller: Das Problem der Kausalität. In: Probleme der
Wissenschaftstheorie. Hg. von E. Topitsch, 1960.
Philosophielexikon/Rowohlt-Systhema
http://de.wikipedia.org/wiki/Kausalit%E4t (03-06-23)
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