[werner.stangl]s arbeitsblätter 

 

Diskussion ist die Kunst, wohlüberlegt aneinander vorbeizureden.
Clare Boothe-Luce

Die Gruppendiskussion

Bei der Gruppendiskussion als Forschungsmethode handelt es sich um eine spezielle Form des Interviews, bei dem mehrere Personen gleichzeitig befragt werden. Es gibt dabei verschiedene Formen:

Bei einer Gruppenbefragung werden die Meinungen und Einstellungen einzelner UntersuchungsteilnehmerInnen erkundet, sodass es sich um eine ökonomische Form eines  Interviews handelt, wobei die Gruppensituation als solche nicht von Interesse ist. Eine Gruppendiskussion kann aber auch dazu dienen, Meinungen und Einstellungen einer Gruppe zu erkunden, wobei die Untersuchungseinheit nicht das Individuum sondern die Gruppe selbst ist. In diesen möchte man die Prozesse untersuchen, die der Meinungsbildung in Gruppen zu Grunde liegen, sodass es weniger um die Meinungen und Einstellungen selbst geht, als um die Art und Weise, wie diese in der Gruppe zustandekommen. Eine Gruppendiskussion kann auch der Erkundung öffentlicher Meinungen und Einstellungen in Bereichen dienen, in denen die soziale Erwünschtheit eine Rolle spielt. Hier sind zwar primär die Meinungen und Einstellungen selbst von Interesse, doch spielen Gruppenprozesse insofern eine Rolle, als dass psychische Sperren in der Gruppe leichter durchbrochen werden.

Ablauf einer Gruppendiskussion

Eine Gruppendiskussion wird mit Zustimmung der TeilnehmerInnen in irgendeiner Form aufgezeichnet. Die Gruppendiskussion lässt sich in die folgenden Phasen unterteilen.

Am Anfang stehen, wie bei jeder Form der Datenerhebung, theoretische Vorüberlegungen. Diese betreffen Gedanken sowohl zu eventuellen psychischen Sperren und Möglichkeiten ihrer Überwindung (Grundreiz, Reizargumente) als auch zur Zusammensetzung der Gruppe.

Auf die Begrüßung der TeilnehmerInnen folgt die Präsentation eines sog. Grundreizes durch die Untersuchungsleitung. Der Grundreiz dient zum einen dazu, das Thema der Diskussion noch einmal zu umreißen; zum anderen ist der Grundreiz in der Regel provokativ gestaltet, so dass er zum Widerspruch reizt und auf diese Weise die Diskussion in Gang bringt.

Es schließt sich die eigentliche, freie Gruppendiskussion an. In dieser Phase beschränkt sich der/die ForscherIn in der Regel auf die Gesprächssteuerung, also das Wort vergeben, dafür sorgen, dass TeilnehmerInnen ausreden können, greift aber selbst nicht durch Äußerung eigener Meinungen in die Diskussion ein, um die TeilnehmerInnen nicht unter Druck zu setzen.

Für den Fall, dass die Diskussion ins Stocken gerät, sollte der/die ForscherIn möglichst einige Reizargumente vorbereitet haben. Diese dienen ähnlich dem Grundreiz dazu, die Diskussion wieder in Gang zu bringen, Da der/die ForscherIn jedoch selbst nicht in die Diskussion eingreifen sollte, werden solche Reizargumente häufig durch einen Vertrauten der Untersuchungsleitung vorgebracht – durch eine Person also, die nur zum Schein an der Gruppendiskussion teilnimmt.

Am Ende der Gruppendiskussion kann eine Metadiskussion stehen, also eine Diskussion über die Diskussion. Hier haben die UntersuchungsteilnehmerInnen Gelegenheit, zu beschreiben, wie sie die Diskussion empfunden haben, ob sie sich in ihren Äußerungen frei gefühlt haben usw.

Alle Faktoren, die sich auf die Gruppendynamik auswirken, können auf diese Weise grundsätzlich auch den Verlauf einer Gruppendiskussion beeinflussen. Das sind insbesondere:

Diskussionsthema: Ein Thema, von dem die Diskutierenden selbst betroffen sind (z.B. Diskussion über Studiengebühren unter Studierenden), führt vermutlich zu lebhafteren Diskussionen als ein eher abstraktes Thema (z.B. Stadtrandgestaltung). Bei einem eng umrissenen Thema wird die Diskussion vermutlich ebenfalls anders verlaufen als bei einem eher weit definierten Thema, das viele Möglichkeiten zum ‚Abschweifen‘ bietet.

Gruppengröße: Als optimal gilt eine Gruppengröße zwischen 5 und 15 Personen. Je mehr Personen an der Diskussion teilnehmen, desto geringer sind natürlich die Möglichkeiten einzelner TeilnehmerInnen, ihre Meinung auch tatsächlich zum Ausdruck zu bringen. Je kleiner die Gruppe, desto schneller kann sich die Diskussion erschöpfen; zugleich ist hier der Druck auf die TeilnehmerInnen größer, sich auch tatsächlich zu äußern.

Zusammensetzung der Gruppe bzgl. soziodemographischer Merkmale: In Gruppen, die im Hinblick auf soziodemographische Merkmale eher homogen zusammengesetzt ist, verläuft die Diskussion vermutlich symmetrischer als in soziodemographisch heterogenen Gruppen. In heterogenen Gruppen ist zu befürchten, dass einzelne Mitglieder sich nicht ‚trauen‘, ihre Meinung zu sagen, wenn diese von der Meinung soziodemographisch höher gestellter Mitglieder abweicht. Andererseits ist es in einer heterogenen Gruppe wahrscheinlicher, dass sich unter den Mitgliedern ein breites Spektrum von Meinungen und Einstellungen findet.

Bekanntheitsgrad der Mitglieder: In der Literatur wird zwischen natürlichen Gruppen (deren Mitglieder auch im Alltag interagieren) und ad hocGruppen (die speziell für die Untersuchung zusammengestellt sind) unterschieden. Natürliche Gruppen benötigen keine ‚Aufwärmphase‘. Ein Durchbrechen psychischer Sperren bei problematischen Themen kann wiederum Fremden gegenüber leichter fallen, da hier keine sozialen Konsequenzen zu befürchten sind.

Meinungsverteilung in der Gruppe: Auch in Bezug auf die in der Gruppe vertretenen Meinungen kann eine Gruppe eher heterogen oder eher homogen sein. In heterogenen Gruppen besteht die Gefahr, dass die Meinungen so weit auseinandergehen, dass die Diskussion in enen Streit ausartet. In einer allzu homogenen Gruppe kann dagegen der Fall eintreten, dass die Mitglieder in so hohem Maß einer Meinung sind, dass die weitere Diskussion sich erübrigt.

Verhalten der Diskussionsleitung: Das Verhalten der ForscherInnen hat ebenfalls einen deutlichen Einfluss auf den Diskussionsverlauf. Unter formalen Gesichtspunkten können ForscherInnen die Funktion der Diskussionsleitung übernehmen und so z.B. weniger durchsetzungsfähigen Gruppenmitgliedern Gehör verschaffen. Wenn ForscherInnen ihre eigene Meinung zu dem Diskussionsthema äußern, kann dies die anderen TeilnehmerInnen unter Druck setzen, die es ggf. nicht wagen, mit ihrer eigenen von der forscherseitig präferierten Meinung abzuweichen.

Bewertung der Gruppendiskussion als Forschungsmethode

Der Vorteil der Gruppendiskussion besteht darin, dass dieses Verfahren es als einziges ermöglicht, Gruppenprozesse, kollektive Einstellungen, deren Verbreitung usw. zu erfassen. Das Verfahren ist allerdings auch in mehrerer Hinsicht problematisch, denn es gibt letztlich keine Trennbarkeit von Themen und Gruppeneffekten. ForscherInnen wollen sich mit der Gruppendiskussion zwar gruppendynamische Prozesse zu Nutze machen; eine systematische Erforschung der Art und Weise, wie sich die verschiedenen Einflussfaktoren auf den Verlauf der Gruppendiskussion auswirken, fehlt jedoch. Entsprechend ist bei der Auswertung selten eine Trennung zwischen Themen und Gruppeneffekten möglich – es ist also im Nachhinein z.B. nicht feststellbar, ob eine bestimmte Äußerung der tatsächlichen Meinung der DiskussionsteilnehmerInnen entspricht oder auf gruppendynamische Faktoren zumindest mit zurückzuführen ist. Gruppendiskussion sind ein aufwändiges, arbeitsintensives Verfahren, denn schon die Organisation von Gruppenterminen kann sich schwierig gestalten. Arbeitsaufwändig ist aber vor allem die Auswertung des Materials. So ist z.B. die Verschriftlichung von Gruppendiskussionen, bei denen häufig mehrere Personen durcheinander sprechen, ungleich schwieriger als die von Interviews. Bei Gruppendiskussionen kommt es nicht selten vor, dass einzelne TeilnehmerInnen sich gar nicht an der Diskussion beteiligen. Eine repräsentative Erfassung öffentlicher Einstellungen und ihrer Verbreitung ist auf dieser Grundlage daher nur eingeschränkt möglich. Das Problem lässt sich aber durch eine Reduktion der Gruppengröße mildern, wobei auch die soziodemographische Zusammensetzung der Gruppe hier eine Rolle spielen kann.

Quellen

Bortz, J. & Döring, N. (2002). Forschungsmethoden und Evaluation für Human- und Sozialwissenschaftler. Berlin: Springer.

Mayring, P. (2002). Einführung in die qualitative Sozialforschung. Weinheim u. Basel: Beltz.

Schreier, M. (2002/03). Einführung in die psychologische Methodenlehre. Skript zur Vorlesung. Universität Köln.


Inhaltsübersicht Forschungsmethoden der Psychologie und Pädagogik




inhalt :::: kontakt :::: news :::: impressum :::: autor :::: copyright :::: zitieren ::::
navigation: