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Die frühkindliche Bindung an die Bezugsperson

Quellen:

Unter Verwendung von Kramar, T. & Tomasowsky, D. (2007). Entwicklungsbiologie: Es zählt die Qualität der Betreuung. Die Presse 23.02.2007, S. 3.

Fearon, R. Pasco, Bakermans-Kranenburg Marian J., van IJzendoorn, .Marinus H., Lapsley, Anne-Marie & Roisman, Glenn I. (2010). The Significance of Insecure Attachment and Disorganization in the Development of Children's Externalizing Behavior: A Meta-Analytic Study. Child Development, 81, 435 - 456.

Grossmann, Karin & Grossmann, Klaus (2004). Bindungen - das Gefüge psychischer Sicherheit. Stuttgart: Klett-Cotta.

Leder, M. (2004). Elterliche Fürsorge – ein vergessenes soziales Grundmotiv. Zeitschrift für Psychologie, 212, 10-24.

Wolff, U. & Ziegenhain, U. (2000). Der Umgang mit Unvertrautem – Bindungsbeziehung und Krippeneintritt. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 177-188.

Bindung im Frühkindalter für ganzes Leben wichtig Frühes emotionales Verhältnis fördert die Gehirnentwicklung Kinder brauchen eine fixe Bezugsperson (pressetext austria vom 14.4.2009)

http://de.wikipedia.org/wiki/
Bindungstheorie (09-02-02)

Siehe dazu auch

Geschichte der Kindererziehung
Erziehung und Kultur

Wertewandel in der Kindererziehung
Neuere Entwicklungen
in der Kindererziehung

Auswirkungen von Schichtunterschieden
Mögliche Ursachen von Unterschieden

Erziehungsstile
Begriffsbestimmung und Begriffsabgrenzungen

Grenzen und Auswirkungen
der Erziehung

Grundlegende Merkmale
von Erziehung und Unterricht

Praktische Tipps zur Kindererziehung
Wie mache ich es richtig?

Mit sechs Monaten beginnt die Bindung an die primäre Bezugsperson. Diese wird aber nach neueren Erkenntnissen durch eine zeitlich begrenzte außerfamiliäre Betreuung nicht grundlegend gestört. Der britische Arzt und Psychoanalytiker John Bowlby war der erste, der die kindliche Entwicklung konsequent aus evolutionärer, darwinistischer Sicht betrachtete. Dass Darwin so kränklich war, erklärte Bowlby durch den frühen Verlust seiner Mutter. Bowlby selbst klagte, dass seine Mutter ihn jeden Tag nur eine Stunde zum Tee gesehen und mit sechs Jahren ins Internat gesteckt hatte.

Auch wenn das Kind das aktive Element in dieser Bindung darstellt, haben Eltern für die Voraussetzungen zu sorgen, dass die Bindung aufrecht erhalten werden kann. Es handelt sich dabei um keine symmetrische Beziehung, denn die Eltern müssen den Kindern Schutz bieten und auf deren Bedürfnisse reagieren. Jede andere Haltung würde ein Kind überfordern. Die Münchner Frühpädagogin Becker-Stoll hebt dabei die Rolle des Vaters in den ersten Lebenswochen des Kindes hervor, denn die ersten zwei Wochen nach der Geburt sollte der Vater ganz der Familie gehören und die Mutter unterstützen, damit sie sich ganz dem Kind widmen kann. Dienstreisen haben ihrer Meinung nach hier nichts verloren. Förderlich für das elterliche Feingefühl ist aber auch ein Augenmerk auf die Paarbeziehung, denn Eltern können nur dann gute Eltern sein, wie es ihnen selbst gut geht, wobei gezielte Hilfe von außen und soziale Netzwerke sehr hilfreich sind.

Bowlby hat mit Mary Ainsworth die Bindungsentwicklung in den ersten Jahren nach der Geburt untersucht, wobei das Fürsorgeverhalten der Mutter zum sogenannten "Bonding" führt. "Bindung" bedeutet dabei , daß das Kind sich etwas "sagen lasst". Sie unterscheiden dabei verschiedene Phasen der Bindung, die unterschiedliche Auswirkungen bei einer Störung bedingen. In Längsschnittstudien wurden verschiedene Bindungstypen gefunden. Siehe dazu im Detail Frühkindliche Verletzlichkeit.

Diese Bindung, wie sie Bowlby etwa in "The Nature of the Child's Tie to his Mother" (1958) konstatierte, bildet sich jedoch wesentlich früher, denn im Alter von sechs bis 18 Monaten findet jene massive Entwicklung von Regionen in den Stirnlappen des Gehirns statt, die zum für Emotionen zuständigen limbischen System gehören. So beginnen Kinder mit frühestens sechs Monaten, Zeichen echter Zuneigung zu zeigen, denn erst sechs Monate nach der Geburt wird der Mensch "kommunikativ", da zu diesem Zeitpunkt der Stirnlappen aktiviert wird und es zur ersten echten wechselseitig empfundenen Beziehung kommt. Jetzt wird die Welt erstmals eingeteilt in nah und fern, in dazugehörig und fremd. Und fremd ist unangenehm. Das typische Fremdeln dauert etwa bis zum Alter von eineinhalb Jahren. Zwar können Kinder dieses Alters einem vollkommen Unbekannten durchaus ein Lächeln schenken, Hirnmessungen aber zeigen, daß dieses Lächeln nicht Ausdruck echt empfundener Zuneigung ist. Enge emotionale Kontakte mit Kleinkindern fördern die Entwicklung der neuronalen Netzwerke im Bereich des Emotionalen, während negative Erfahrungen zu fehlerhaften Netzwerken führen. Bindung an eine Bezugsperson ist der erste tiefgreifende emotionale Prozess, der das Gehirn eines Neugeborenen beeinflusst, und diese Erfahrung ist grundlegend, da Emotionen auch an allen späteren Lernprozessen beteiligt sind. Frühe Trennungserfahrungen von Kindern führen zu einem Anstieg der Stresshormone, die ihrerseits hohen Einfluss auf Strukturveränderungen im Gehirn haben, sodass eine traumatische Erfahrung oder ein Übermaß an Stress in frühen Entwicklungsphasen später zu Verhaltens- und Lernstörungen führen kann bis hin zu psychischen Erkrankungen wie etwa Depressionen.

Während John Bowlby auf der Grundlage seiner empirischen Befunde strikt die These vertrat, dass für den Aufbau einer stabilen Bindung die Beziehung des Kindes zu einer zentralen Bindungsperson konstitutiv sei, haben neuere Forschungen gezeigt, dass Kindern ein solcher Bindungsaufbau auch dann gelingt, wenn gleichzeitig Beziehungen zu mehreren Bindungspersonen bestehen. Dies betrifft in erster Linie eine Aufwertung der Bedeutung des Vaters, aber auch einer Pflegemutter, zu der Kinder oft intensive Beziehungen aufbauen. Hierbei wird jedoch beobachtet, dass das Kind eine deutliche Unterscheidung zwischen den verschiedenen Bindungspersonen vornimmt, indem es ihnen unterschiedliche Funktionen zuordnet (z.B. bleibt die leibliche Mutter häufig die zentrale Bindungsperson, an die das Kind sich vorrangig wendet, wenn es sich schlecht fühlt). Selbst sehr kleine Kinder sind in der Lage, etwa die Beziehung zu einer Tagesmutter in einer Kindertagesstätte auf einen funktionalen Aspekt zu reduzieren, wenn sie vorher zu ihrer primären Bindungsperson eine sichere Bindung aufgebaut haben. Die Eingewöhnung gelingt nachweislich besser, wenn das Kind in der Anfangsphase von der Mutter begleitet und somit schonend in die neue Situation eingeführt wird.

Allerdings haben Kinder, die in Pflege- oder Adoptivfamilien aufwachsen, trotz aller öffentlichen Fürsorge dennoch gravierende Störungen ihres Gebundenseins erlitten, und entwickeln in der Folge Bindungs- und Vertrauensstörungen. Menschen sind dort zu Hause, wo sie verstanden werden, wobei die Feinfühligkeit der Eltern eine sichere Bindungsentwicklung fördert, denn das bedeutet Zuverlässigkeit, eine wesentliche Grundvoraussetzung für emotionales und soziales Wachsen, für Ordnung, Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit. Für betreuende Pflegefamilien, Heimbetreuer und die Kinder selbst ergeben sich dadurch oft schwerwiegende Beziehungsprobleme, besonders wenn die Ersatzeltern darauf nicht ausreichend vorbereitet sind oder unrealistische Erwartungen an das Kind hegen. In der Praxis sind Bindungsstörungen häufig verbunden mit ADHS und Störungen des Sozialverhaltens. Kinder, die in schwierige Verhältnisse hinein geboren werden, weisen oftmals bereits genetische Belastungsfaktoren auf, die ADHS oder kognitive Störungen begünstigen können. Diese Kinder zeigen schon in der frühen Kindheit Anpassungsstörungen, Regulationsstörungen, Fütterstörungen, Störungen des Schlaf-/Wachrhythmus, wobei ein Teufelskreis entsteht, denn das ist sehr oft anstrengend für die Eltern, was bei diesen nicht nur positive Gefühle auslöst, sondern auch negative problematische Reaktionen, die bis zu psychischer oder gar körperlicher Misshandlung gehen können. Kinder, die von Geburt oder der frühen Kindheit an unter solchen Risikofaktoren leben, erleiden in vielen Fällen fast zwangsläufig Bindungsstörungen, zu denen oft Traumatisierungen etwa durch Gewalterfahrungen hinzukommen.

Diese Bindung ist der instinktiven Prägung, die Konrad Lorenz an Gänsen erforschte, zwar ähnlich, doch findet diese sofort nach dem Schlüpfen statt und betrifft automatisch die Figur, die das Küken als erstes erblickt, das kann auch ein bärtiger Forscher sein. Wieso beginnen Menschen erst so lange nach der Geburt, Bindungen zu entwickeln? Weil ihre Bindungen nicht nach automatisch ablaufenden Programmen gebildet werden und weil das menschliche Gehirn bei der Geburt ein ziemlich unfertiges Organ ist. Enten können bald nach der Geburt davonwatscheln, Menschen laufen der Mutter frühestens mit einem dreiviertel Jahr davon, wobei sich die selbstständige Fortbewegung und die emotionale Bindung an die Bezugsperson synchron entwickeln.

Die Bedeutung des "Urvertrauens" im Leben eines Kindes geht übrigens auf Forschungen des amerikanischen Psychologen Harry Harlow zurück, der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Intelligenz und Sozialverhalten von Rhesusaffen studierte. Harlow machte seine Studien in einer Zeit, in der Forschung über die Bedeutung von Liebe und Beziehungen in einer Wissenschaft und somit auch nicht in der Psychologie etwas zu suchen hatten. Sie galten vor allem auf Grund des herrschenden Behaviorismus nichts, da Beziehungen und andere emotionale Regungen des Menschen als etwas betrachtet wurden, das der noch jungen wissenschaftlichen Psychologie nur einen Ruf der Unseriosität einbringen würde. Als der experimentelle arbeitende Psychologe Harlow einen Lehrstuhl annimmt, dominiert gerade die Lehrmeinung von John B. Watson und seiner Anhänger, die Mutterliebe als gefährliches Instrument einstuften. Nach der hohen Säuglingssterblichkeit, die man zuvor in Kinderheimen beobachtet hatte, setzte sich das Prinzip höchster und damit auch emotionaler Sterilität in der Wissenschaft durch, denn wer Kinder bemutterte, schwächte sie.

Harlow ließ in seinen ethisch umstrittenen Versuchen die Tiere auch unsägliche emotionale Qualen leiden, um alles über deren Entwicklung zu erfahren. So isolierte er sie monatelang, machte sie depressiv. An der University of Wisconsin in Madison baute er eines der ersten Primatenlabors auf, wobei den Versuchstieren Teile der Hirnrinde entfernt oder starke Strahlendosen verpasst wurden, um zu sehen, wie sich das auf deren Lernvermögen auswirkt. Trennte man die Tiere unmittelbar nach der Geburt von ihren Müttern, zeigten sie extreme Anhänglichkeit zu Frotteehandtüchern, die auf dem Boden ihrer Käfige herumlagen. Nahm man sie ihnen fort, begannen sie zu schreien. Aus Stacheldraht, einer wärmenden Glühbirne und einem Saugnippel konstruierte Harlow eine Surrogatmutter, die bei Bedarf rund um die Uhr Milch spendete. Ein zweites Gestell war nur mit einem Frotteefell überzogen. Doch darauf stürzten sich die verwaisten Rhesusäffchen, als sei es die leibliche Mutter. Die Milchpuppe ließ sie, abgesehen von kurzen Besuchen zur Nahrungsaufnahme, vollkommen kalt. An dieser Präferenz änderte sich auch dann nichts, wenn die künstlichen Mütter mit allerlei Attributen versehen wurden; selbst wenn sie eiskalte Luft verströmten oder auf ihr Baby einstachen, wurden sie verzweifelt akzeptiert. Gestattete man nicht einmal diesen Kontakt, verfielen die kleinen Affen in tiefste Apathie. Harry Harlow war überzeugt, die messbare Komponente der Mutter-Kind-Liebe gefunden zu haben: den Grad an körperlicher Berührung, der einem Primatenkind zugestanden wurde. Er zog eine Schlussfolgerung, die weit über die experimentellen Befunde hinausreichte: Auch der Mann sei von Natur aus mit allen körperlichen Attributen ausgestattet, ein Kind aufzuziehen. Stillende Mütter würden zu Hause nicht mehr gebraucht, sie könnten stattdessen getrost zur Arbeit gehen. Später zeigte sich jedoch , dass die auf Frotteehandtücher fixierten Tiere schwere Verhaltensstörungen entwickelten.

Stört es die Bindung, wenn die Mutter während des Tages arbeitet?

Studien in den USA ergaben, dass bei Kleinkindern berufstätiger Mütter die Mutterbindung häufiger instabil ist als bei jenen von Hausfrauen, auch wenn der Unterschied nur gering war (z.B. 37% versus 29%). Darufhin startete das "National Institute of Child Health and Human Development" (NICHD) 1991 eine Langzeitstudie an über 1300 Kindern aus allen größeren ethnischen Gruppen und sozialen Schichten. Dabei wurde auch durch Fragen über Aktivitäten von Wickeln bis Trösten, aber auch über Gefühle die Qualität der Betreuung festgehalten. Man fand, dass es bei der Entwicklung einer Bindung eher auf die Qualität der Beziehung ankommt, vor allem darauf, wie einfühlsam die primäre Bezugsperson in den meisten Fällen die Mutter während der gemeinsamen Zeit auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht. Geringeren, aber immer noch signifikanten Einfluss hat die Qualität der außerfamiliären Betreuung. Diese ist umso besser, je seltener die Betreuungspersonen wechseln, je einfühlsamer sie sind und je kleiner die Gruppe ist. Kinder, die in Krippen mit mindestens vier Kinder waren, haben später im Kindergarten weniger Verhaltensprobleme.

Die Mutter-Kind-Beziehung wird nach diesen Ergebnissen durch eine frühe Fremdbetreuung jedenfalls nicht beeinfluss, sodass Eltern keine Schuldgefühle haben sollten, wenn Vater und Mutter außer Haus arbeiten. Wichtig ist hingegen ein fließender Übergang von familiärer in außerfamiliäre Betreuung, denn nach Ansicht von Wilfried Datler (Uni Wien) gibt es Hinweise darauf, dass es hilfreich ist, wenn mehrere Kinder gemeinsam den Neuanfang erleben, etwa beim Start der Kinderkrippe im Herbst. Jede Trennung ist eine Belastung für das Kind, aber nicht per se schlecht, denn Kinder müssen lernen, mit Belastungen umzugehen.

Bindung und spätere Entwicklung

Bindung beginnt letztlich bei der Geburt und ist dann gegeben, wenn sich ein Kind sicher und beschützt fühlt, wenn es die Umwelt erkundet, selbstständig wird und sich in psychologisch Sinn positiv entwickelt. Eine sichere Bindung fördert nach den Ergebnissen bisheriger Forschung die soziale Kompetenz, das Selbstvertrauen und auch die Selbstregulation, also alles Faktoren, die auch einen Schutz vor aggressivem Verhalten darstellen. Die emotionale Bindung eines Kleinkinds zu einer Bezugsperson bzw. zu seinen Eltern hat also eine hohe Bedeutung für dessen weitere Entwicklung, denn diese ist die beste Voraussetzung für ein Kind, auch im Jugend- oder Erwachsenenalter Vertrauen zu anderen Menschen aufbauen zu können. Bindung bedeutet, dass das Kind ein Urvertrauen zu einer einzigen Person aufbaut, die nicht austauschbar ist, wobei dieses Bedürfnis des Kindes biologisch verankert ist und zu einer hohen Qualität der Beziehung führen kann, wenn die erwachsene Person darauf mit dem richtigen Verhalten antwortet. Wenn ein Erwachsener für ein Kind einschätzbar ist, dann ist auch das Kind für den Erwachsenen einschätzbar, sodass Bindung immer relational ist und für beide Seiten gilt. Unsicher gebundene Kinder haben später weniger Beziehungen, sind rigider im Denken und Handeln, zeigen eher Probleme in der Sprache und Kommunikationsentwicklung und verlassen sich mehr auf sich selbst als auf andere Menschen. Störungen durch fehlende Sicherheit und Stabilität im frühen Kindesalter begleiten einen Menschen oft durch sein ganzes weiteres Leben, und bei besonderen lebenskritischen Ereignissen wie dem Schuleintritt, der Pubertät oder dem Übergang zum eigenständigen Leben brechen diese wieder auf. Eine früh erworbene und verfestigte Bindung ist übrigens manchmal so fest, dass sie selbst gegenüber der betreffenden Person auch dann hält, wenn diese das Kind schlecht behandelt bzw. sogar misshandelt.

Man vermutet, dass das Zeitfenster für soziale Kompetenz oder emotionale Entwicklung mit einem bestimmten Kindesalter abgeschlossen ist, wobei solche verpassten Zeitfenster später nur mit einem erheblich höheren Aufwand nachzuholen sind. Die Trennung von der Bindungsperson bedeutet für jedes Kind großes seelisches Leid, sodass die Erschütterung und Trauer etwa beim Verlust der Eltern schon bei Kleinkindern feststellbar ist, wobei nach Studien die Trennung von der Mutter bei Säuglingen zur Regression und sogar zum Tod führen kann.

Wechsel und Übergänge zwischen Bindungspersonen sollten daher so gering wie möglich gehalten werden, denn ändert sich die Erziehungsperson, so sollte dies nur einen Übergang zu einer dann weiteren konstanten Person (z.B. Großeltern oder Pflegefamilien) sein, wobei nach einer Trennung gute Bedingungen in einer Pflegefamilie selbst traumatisierten Kindern die Chance eines Neuanfangs geben können.

Eine sichere Bindung zu entwickeln ist schützt vor Abhängigkeit und bildet die Grundlage für das Erkunden der Welt, für den emotionellen Ausdruck sowie für das eigene Bindungsverhalten während des späteren Lebens und fördert die soziale Kompetenz sowie die Belastbarkeit in der Schule, im Jugendalter und der Partnerschaft. Siehe dazu die Ausführungen zur Imago-Paartherapie.

In einer Langzeitstudie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim sowie der Universitäten Magdeburg, Potsdam und Dresden wurden 279 Frauen und Männer von der Geburt bis ins Erwachsenenalter hinein beobachtet. Als die Kinder drei Monate alt waren, interviewte man die Familien und registrierte, wie die Eltern in kritischen Situationen reagierten, etwa wenn das Kleinkind weinte oder sich nicht füttern ließ, wobei dabei eine große Rolle die Mimik der Eltern spielte und auch die Art und Weise, ob diese ihr Kind eher zart oder grob behandelten. Als diese Kinder nun 19 Jahre waren, war das Blutbild bei denjenigen auffällig, deren Eltern eher ungeduldig oder ruppig mit ihnen umgegangen waren. Man vermutet daher, dass sich sich schon der Umgang in den ersten Lebensmonaten auf die Gesundheit im Erwachsenenalter auswirken kann.

Unsichere Bindungen gehen mit späterer Verhaltensauffälligkeit einher

Fearon et al. (2010) analysierten 69 Studien (Methoden waren dabei im wesentlichen Fragebogen und Beobachtungen) mit insgesamt 6.000 Kindern, inwiefern Verhaltensprobleme wie Aggressionen und Feinseligkeiten bei Kindern bis zum Alter von zwölf Jahren mit unsicherer Bindung zur Mutter im Kleinkindalter zusammenhängen. Das Ergebnis war für Buben eindeutig: Entwickelt eine Mutter zu ihrem Sohn in dessen ersten Lebensjahren keine sichere Bindung, sind bei ihm spätere Verhaltensprobleme wahrscheinlicher, auch wenn diese erst viele Jahre später gemessen wurden. Bei Mädchen werden hingegen Aggressionen eher indirekt manifest, etwa in den Sozialbeziehungen oder über Depressionen.

Bindungsbeziehung und Krippeneintritt

Man nimmt allgemein an, dass die täglich wiederholte Trennung von der Bindungsperson das Kind emotional sehr stark belastet und physiologisch messbar erregt und argumentierte damit, dass diese Trennung vom Kind als Zurückweisung erlebt wird. Eine angemessene Eingewöhnungsphase ist nach Aussage von ExpertInnen sehr wichtig für das Kind, denn es muss die neue Umgebung, die neue Betreuerin sowie die Gruppe an sich, kennen lernen. Dies funktioniert mit einer vorübergehenden Anwesenheit der Bindungsperson natürlich besser.

Es wurden vier Bindungstypen definiert, deren empirische Basis in standardisierten Beobachtungen in einer "fremden Situation" gelegt wurde. Ein unbekannter Raum mit einer Spielecke, den die 12 bis 18 Monate alten Kinder in Anwesenheit der Mutter erkunden. Vorübergehend wird die Mutter von einer fremden Person ersetzt. Wie viele Tränen dabei fließen, wie viel Freude oder Gleichgültigkeit das Kind zeigt, lässt auf den jeweiligen "Bindungstyp" schließen. Das "sicher gebundene" (B-Typ) Kind erobert mutig die neue Umgebung, solange die Mutter im Raum ist. Die Trennung betrübt es, umso freudiger wird die Rückkehr begrüßt. Im späteren Leben vertraut dieser in sich gefestigte Typ seinen eigenen Stärken - aus psychoanalytischer Sicht der Idealfall. Der "unsicher-vermeidende" (A-Typ) Bindungstyp bleibt distanziert, wenn die Mutter anwesend ist, lässt sich bereitwillig von Fremden trösten und zeigt der Rückkehrerin die kalte Schulter. Der "unsicher-ambivalente" (C-Typ) Bindungstyp schwankt zwischen Trennungsangst und Wut, die sich gleichermaßen gegen die eigene wie die fremde Bezugsperson richten. Diese beiden Bindungstypen sind als Erwachsene nicht in der Lage, echte Gefühle zu zeigen, weil sie hin- und hergerissen sind zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und der Furcht davor, dass dieses Verlangen nicht erwidert wird. Später kam im Zuge der Untersuchung schwer vernachlässigter Kinder die Kategorie "desorganisiert" (D-Typ) hinzu, wobei das kindliche desorganisierte Verhalten mit der Unmöglichkeit, überhaupt Bindungsverhalten aufzubauen, in Verbindung gebracht wurde, bzw. zeigen diese Kinder äußerst unerwartete, nicht zuzuordnende Verhaltensweisen.. Es gab nämlich in den folgenden Untersuchungen immer auch Kinder, deren Verhalten sich nicht eindeutig in eine der drei Hauptreaktionsschemata einordnen ließen. Ainsworth und auch nachfolgende Kollegen stuften solche Kinder meist innerhalb der sicheren Kategorie, und einige wenige als vermeidend, ein.

Wolff & Ziegenhain (2000) untersuchten 35 einjährige West-Berliner-Kinder über einen Zeitraum von sieben Monaten. In der Gruppe befanden sich 17 Mädchen und 18 Jungen. Die Schulbildung der Mütter reichte vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur. Die Kinder wurden in die oben beschriebenen Typen eingeteilt. Die Untersuchung zur Bindungsbeziehung zur Mutter ergab, dass mehr als die Hälfte über einen Zeitraum von 6 Monaten in ihrer Bindungsqualität zur Mutter stabil blieben. Mit Hilfe der Pradiktionsanalyse wurde die systematische Bindungsbeziehung mit der Mutter als Folge der Krippenerfahrung untersucht. Es wurden drei Hypothesen möglicher Veränderungen aufgestellt, welche in drei unterschiedlichen Prädiktionsanalysen überprüft wurden.

Die Analysen bestätigen die zweite, und leicht abgeschwächt, die dritte Hypothese. Die Mutter-Kind-Beziehung wird daher eindeutig nicht durch Krippenerfahrung belastet.

Gestaltung der Eingewöhnung in die Krippe und Bindungsqualität zur Mutter

Die Eingewöhnung wurde in 3 Stufen unterteilt. Die erste Stufe wurde als "sanftes Eingewöhnungsverhalten" definiert. Dabei bleibt die Mutter in der ersten Woche die ganze Zeit beim Kind, bzw. ist nicht länger als 30 Minuten abwesend. Die Anwesenheit der Mutter in der Krippe wird dann allmählich reduziert. Die zweite Stufe wurde als "mäßig sanfte Eingewöhnung" definiert. Hier bleibt die Mutter ebenfalls eine Woche in der Krippe, ist aber bei jedem Krippenbesuch mindestens eine Stunde abwesend und blieb nach der ersten Woche abrupt weg. Die dritte Stufe wurde als "abruptes Eingewöhnungsverhalten" definiert. Hier bleibt die Mutter höchsten an drei bis vier Tagen bis zu zwei Stunden.

Das Ergebnis zeigte, dass sich die Art des Überganges in die Krippe sehr wohl auf die Bindungsbeziehung mit der Mutter auswirkt. Eine Analyse ergab, dass die Kinder, die nach sechs Monaten in der Krippe sicher gebunden waren, im Unterschied zu unsicheren Kindern häufiger sanft eingewöhnt worden waren.

Eine weitere Analyse bestätigte, dass die Beziehungsqualität mit der Erzieherin unabhängig von der mit der Mutter ist.

Offensichtlich nehmen manche Kinder eine deutliche Unterscheidung zwischen den verschiedenen Bindungspersonen vor, indem sie ihnen unterschiedliche Funktionen zuordnen, etwa bleibt die leibliche Mutter häufig die zentrale Bindungsperson, an die das Kind sich vorrangig wendet, wenn es sich schlecht fühlt. Interessanterweise scheinen selbst sehr kleine Kinder in der Lage zu sein, die Bindung zu einer Tagesmutter auf einen funktionalen Aspekt zu reduzieren, sofern sie zu ihren primären Bindungspersonen eine sichere Bindung aufgebaut haben. Gerade bei der Eingewöhnung der Kinder in die anfangs ungewohnte Situation in einer Kindertagesstätte zeigt sich zugleich die Richtigkeit von Bowlbys Konzept einer primären Bindungsperson, denn die Eingewöhnung gelingt nachweislich besser, wenn das Kind in der Anfangsphase von der Mutter begleitet und somit schonend in die neue Situation eingeführt wird.

Zusammenfassung

Sicher gebundene Kleinkinder gelten im Kindergarten allgemein als sozial kompetent, emotional, flexibel und selbständig. Jedoch ergab die Untersuchung, dass diese Kinder anfangs weitaus ängstlicher, irritierbarer und verschlossener als unsicher-vermeidend gebundene Kinder waren. Sie weinten häufiger als die anderen Kinder. Die unsicher-vermeidend gebundenen Kinder waren dagegen anfangs aktiver, fröhlicher und angeregter. Die desorganisierten Kinder weinten am wenigsten und ihr Verhalten befand sich zwischen den sicher gebundenen und den unsicher-vermeidend gebundenen Kinder. Allerdings änderte sich die Situation nach vier Wochen. Die Kinder zeigten gegenläufige Verhaltensreaktionen. Dadurch lässt sich vermuten, dass die unsicher-vermeidend gebundenen Kinder anfangs genauso belastet gewesen sind wie die sicher gebundenen. Die Kinder können die neue Situation anfangs noch gut regulieren, längerfristig belastet die Situation die Kinder jedoch sehr. Sicher gebundene Kinder hingegen bewältigen die Situation mit ihrem offenen Ausdruck der Gefühle und des Kummers besser.

Eine anfangs unsichere Bindung lässt sich allerdings auch nachträglich verbessern, was dann in der Folge die Entwicklung eines Kindes auch positiv beeinflussen kann, etwa durch eine psychologische Betreuung, den Abbau von Stressfaktoren oder die generelle Verbesserung äußerer Umstände. Gezielt könnte die Betreuungsperson eines Kindes an der sicheren Bindung arbeiten, wenn sie dem Kind allmählich zur verlässlichen Quelle von Unterstützung und Trost wird, dabei aber auch dessen Selbstständigkeit und das Erkunden der Welt fördert.

Elterliche Fürsorge – ein soziales Grundmotiv

Warum kümmern sich Eltern um ihre Kinder?

Die Emotion Fürsorglichkeit ist nach Leder (2004) bis jetzt nie intensiv untersucht worden. Diese geringe Beachtung der elterlichen Fürsorge in der Psychologie ist aus mehreren Gründen überraschend, denn die Motivation zu elterlicher Fürsorge ist von ähnlich fundamentaler Bedeutung wie die Sexualität. Keine Spezies, die eine Form von individueller Bindung kennt, kann ohne sie auskommen, wobei die elterliche Fürsorge das unverzichtbare Gegenstück zur kindlichen Bindung bildet, welche in der Entwicklungspsychologie seit vielen Jahrzenten intensiv erforscht wird. Bindungsbezogene kindliche Verhaltensäußerungen wie z.B. die verschiedenen Formen des Weinens können aber ohne ein Verständnis dessen, woran sie appellieren, nicht verstanden werden.

Anforderungen an ein Modell der Fürsorgemotivation

Die Empfänger von Fürsorgeleistungen sind die Kleinkinder und Babys, denn sie brauchen sehr viel Unterstützung von Eltern, in der Regel den weiblichen Elternteil. Die Kinder müssen ernährt und vor Gefahren geschützt werden. Wegen der biologischen Existenz, sind die Eltern hochmotiviert, die Fürsorge für ihre Kinder zu gewähren, denn keiner würde so viel für ein anderes ohne Gegenleistung tun. Das kann man auch „genetische Egoismus nennen“, denn man versucht die eigenen Gene zu verbreiten (vgl. Leder 2004, S.11). „Aus evolutionsbiologischer Perspektive lassen sich folgende funktionelle Erfordernisse an die Motivation zu elterlicher Fürsorge bzw. Brutpflege formulieren“.

„Die Fürsorgemotivation sollte…
… auch spezifische Reize ansprechen.
… eine gewisse Autonomie voraussetzen.
… mit dem Entstehen von sekundärer Bindung anwachsen.
… Verhalten hervorrufen, das geeignet ist, Bindung herzustellen und zu bekräftigen.
… begrenzt sein und zwar bezüglich der Adressatenkreises und bezüglich der Quantität“ (Leder 2004, S.11f).

Phänomenologische Plausbilität

„Um überzeugend sein zu können, muss ein Versuch, die Fürsorgemotivation in ihrer kausalen Struktur zu explizieren, aber nicht nur funktionellen Erfordernissen genügen, sondern er sollte auch phänomenologisch plausibel sein. Phänomenologisch ist klar, dass es sowohl von der wahrgenommenen Bedürftigkeit des Anderen als auch von der eigenen Fürsorge- bzw. Hilfsbereitschaft abhängt, ob man in einer konkreten Situation Unterstützung gewährt“ (Leder 2004, S.12f).
Es gibt aber auch Fürsorgeappetenz und Fürsorgeaversion, die einen Abgleich der empfundenen Bedürftigkeit und der Fürsorgebereitschaft erfordern:

Die empfundene Bedürftigkeit ist kleiner als Fürsorgebereitschaft

Dieser Zustand heißt Fürsorge-Appetenz. In dieser Phase ist die Fürsorgebereitschaft hoch, jedoch man hat keine Gelegenheit. Man befindet sich auf der Suche nach geeigneten Empfängern der eigenen Fürsorge.

Die empfundene Bedürftigkeit ist größer als Fürsorgebereitschaft

„Übersteigt die Empfundene Bedürftigkeit des Anderen die eigene Fürsorgebereitschaft, so möchte man der Situation entfliehen. Die Not des Anderen ruft sozusagen nach einem und verlangt anscheinend mehr Engagement, als zu leisten man willens oder in der Lage ist“.

Die empfundene Bedürftigkeit entspricht der Fürsorgebereitschaft

Wenn die empfundene Bedürftigkeit und die Fürsorgebereitschaft in gleicher Höhe sind, ist das das ideale Verhalten.

Die Fürsorge-Appetenz bzw. Aversion bestimmt das Bedürfnis, ob man sich den Fürsorgeempfängern nähern oder sie meiden soll (vgl. Leder 2004, S.13).

Die Gesinnung der Elternliebe

Es gibt noch eine andere Überlegung zur Elternliebe als spezifisch menschlicher Form elterlicher Fürsorge: Die Fürsorgemotivation. Diese wird Pflegeinstinkt genannt und man betrachtet sie als mächtigsten Instinkt. Der Pflegeinstinkt bildet den wichtigsten Bestandteil der Gesinnung der Elternliebe und beinhaltet die angeborene Fürsorgemotivation und drei weitere Bestandteile (vgl. Leder 2004, S. 22f):

  1. Die Beziehung zwischen Eltern und Kind
  2. Die Identifikation der Eltern mit ihrem Kind
  3. Die Investition der Eltern in ihr Kind.

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