[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Geschichte der Kindererziehung *)

Quellen:

Berg, Ch. (1991). „Rat geben“ - Ein Dilemma pädagogischer Praxis und Wirkungsgeschichte. Zeitschrift für Pädagogik, 5, 709 – 734.

Bumsenberger, Karin (2001). Merkmale und Struktur elterlichen Erziehungsverhaltens. Unveröffentlichte Diplomarbeit. Johannes Kepler Universität Linz: PPP der jku.

DeMause, L (1992). Hört ihr die Kinder weinen. Eine psychologenetische Geschichte der Kindheit. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Engfer, A (1988). Sozioökologische Determinanten des elterlichen Erziehungsverhaltens. In K.-A. Schneewind & T. Herrmann (Hrsg.), Erziehungsstilforschung. Theorien, Methoden und Anwendung der Psychologie elterlichen Erziehungsverhaltens (S. 123-160). Bern - Stuttgart - Wien: Verlag Hans Huber.

Höffer-Mehlmer, M. (2003). Elternratgeber – zur Geschichte eines Genres. Baltmannsweiler: Schneider.

Lukesch, H (1976). Elterliche Erziehungsstile. Psychologische und soziologische Bedingungen. Stuttgart - Berlin - Köln - Mainz: Kohlhammer.

Petzold, M (1999). Entwicklung und Erziehung in der Familie. Familienentwicklungspsychologie im Überblick. Hohengehren: Schneider.

Scheuerl, H (1985). Geschichte der Erziehung. Ein Grundriß. Stuttgart - Berlin - Köln - Mainz: Verlag W. Kohlhammer.

Schneewind, K.-A (1980). Elterliche Erziehungsstile: einige Anmerkungen zum Forschungsgegenstand. In T. Herrmann & K.-A. Schneewind (Hrsg.), Erziehungstilforschung. Theorien, Methoden und Anwendungen der Psychologie elterlichen Erziehungsverhaltens (S 19-30). Bern - Stuttgart - Wien: Verlag Hans Huber.

Schneewind, K.-A (1991). Familienpsychologie. Stuttgart - Berlin - Köln: Kohlhammer.

Tenorth, H.-E (1988). Geschichte der Erziehung. Einführung in die Grundzüge ihrer neuzeitlichen Entwicklung. Grundlagentexte Pädagogik. Weinheim - München: Juventa Verlag.

Kein Halt, keine Geborgenheit: Woran Kinder psychisch leiden.
WWW: http://www.nachrichten.at/ratgeber/
familie/art124,271983 (09-10-07)

Siehe auch
Wertewandel in der Kindererziehung - Neuere Entwicklungen in der Kindererziehung
Auswirkungen von Schichtunterschieden auf die Erziehung - Mögliche Ursachen dieser Unterschiede
Erziehungsstile - Begriffsbestimmung und Begriffsabgrenzungen
Grenzen und Auswirkungen der Erziehung

Praktische Tipps zur Kindererziehung


 

Man kann nach Petzold  (1999, S. 9ff) sozialgeschichtlich gesehen sechs Entwicklungsphasen unterscheiden:

In der ersten Phase der Geschichte, der Kindheit, hatten Kinder keinen eigenen gesellschaftlichen Wert. Diese Epoche war gekennzeichnet durch eine allgemeine soziale Akzeptanz des Kindermords. Es war üblich, unerwünschte Kinder auf unterschiedlichste Art und Weise zu töten, man ertränkte sie einfach oder steckte sie in große Gefäße, in denen sie dann "vergessen" wurden und verhungerten. Sie dauerte etwa von der Antike bis zum 4. Jahrhundert.

Im Mittelalter, genauer gesagt vom 4. bis zum 13. Jahrhundert, wurden unerwünschte Kinder oder solche, die zu ernähren eine Familie nicht in der Lage war, nicht mehr getötet, sondern für immer weggegeben, z. B. in Klöster. Allgemein lebten die Kinder der höheren Schichten mehr mit den Bediensteten als mit ihren Eltern zusammen, während sie in den unteren sozialen Schichten schon früh zu harter Arbeit herangezogen wurden, um die Familie ernähren zu helfen. Im Mittelalter unterteilte man das Lebensalter von Kindern in drei Stufen: Die Infantia dauerte von der Geburt bis zum Ende des 6. Lebensjahres, wobei bis dahin die Eltern ermahnt wurden, sich gut um das abhängige Kind zu kümmern. Die Pueritia dauerte bei Mädchen vom 7. bis zum 12. Lebensjahr und bei Buben vom 7. bis zum 14. Lebensjahr. Anzeichen für das Verlassen dieser Entwicklungsstufe war eine gute Ausprägung des Sprachvermögens, erweiterte soziale und moralische Empfindungen und das beachtliche logische Denkvermögen. Auch im Mittelalter betrachtete man Mädchen in diesem Alter als früher reif als gleichaltrige Buben. Man betrachtete sie in diesem Alter als eigenständige Mitglieder der Gesellschaft und konnte sie verheiraten. Ab dem 7. Lebensjahr begann auch für manche Kinder die Ausbildung. Die Adolescentia, das Jugendalter, setzte ab dem 12. bzw. dem 14. Lebensjahr ein, wobei man ihnen ab diesem Alter einen vermehrten Drang der Jugendlichen zur Sünde feststellte.

Ehe und Familie wurden in der Renaissance zum Adressaten konfessionell geordneter Erziehungsvorstellungen. Erziehung wurde vor allem Sache dieser Instanz, nicht mehr die Kirche, wie man es später noch im katholischen Bereich wird finden können.  Die protestantischen Erziehungsstraktate und -praktiken stärkten die Gewalt des Hausvaters als nicht nur ökonomische, sondern auch religiöse Autorität. Außerdem wurde die eigenständige Rolle der Frau durch die protestantischen Erziehungskonzepte aufgewertet (vgl.  Tenorth  1988, S. 65).

Im 18. Jahrhundert erkannte man erstmals in der Kindheit eine eigene Lebensperiode, die gegenüber Normen und Traditionen der Erwachsenen ihren eigenen Wert hatte. Kindheit wurde hier nicht bloß „entdeckt“, sondern als Konstrukt überhaupt erst „entworfen“, was auf fatale Weise pädagogischen Allmachtsphantasien Vorschub leistete. Der Wandel der Kindesnatur hing von kulturellen und sozialen Bedingungen, unter denen vor allem Erwartungen, die die Erwachsenen an ihre Kinder herantrugen, eine prägende Rolle spielte, ab. Eigene Reservate für Kinder erhielten den Zweck, vom Ernstleben der Erwachsenen abgehoben solchen kindlichen Bedürfnissen zu dienen, auf die die übrige Gesellschaft sonst keine Rücksicht nahm. Hierzu gehörte einerseits der Prozeß der Verschulung und andererseits ein vom Leistungsdruck der Erwachsenen abgehobenen Spielraum des unschuldigen Kindsein-Dürfens (vgl.  Scheuerl  1985, S. 89ff).

Im Zuge der Aufklärung traten bekannte Philosophen und Pädagogen mit Erziehungsratgebern an die Öffentlichkeit, dazu gehören "Émile" von Roussseau oder "Wie Gertrud ihre Kinder lehrt" von Pestalozzi sowie Bücher der Philanthropen Salzmann und Campe (Berg, 1991, S. 715). Das humanistische Leitziel war, den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit im Sinne Kants zu befreien und ihn anzuregen, seinen Verstand zu benutzen und sich selbst zu erziehen, wobei der Ausgangspunkt die zu dieser Zeit besonders erforschte Natur und die zeitgenössischen Erkenntnisse dazu waren. Die Erziehungsratgeber richteten sich an Eltern, insbesondere an die mit der Erziehungspflicht betrauten Mütter, aber auch an professionelle Erzieher, wie die Hauslehrer.

Die ersten Ratgeber gaben vor allem den Erziehern von Kindern aus aristokratischen Familien Orientierungshilfen, wandten sich später auch an einfachere Schichten. Die Ratgeber befassten sich dabei mit den Entfaltungsmöglichkeiten des Kindes und dessen Lernfähigkeit über Sinneseindrücke sowie mit der körperlichen und moralischen Erziehung, wie z.B. mit Ordnung und Strafen. Bei den Strafen wurde vor allem der Unterschied der Erziehungseinwirkung durch „natürliche Strafen“ und „künstliche Strafen“ oder Appelle an die Einsicht des Kindes in Gesprächen zwischen Eltern und Kind diskutiert.

Ärzte beschäftigten sich in ihren Ratgebern mit der körperlichen Entwicklung und Erziehung, z.B. Ernährung und Hygiene, Theologen und Pädagogen schrieben über die intellektuelle Entwicklung, z.B. Sprachentwicklung oder (häuslicher) Unterricht und über ethisch-moralische Erziehung, z.B. Gehorsam, Herzensbildung oder Askese. Im 18. und 19. Jahrhundert, vor allem in der Zeit der Vor- und Frühindustrialisierung, gab es eine Hinwendung zur Religiosität, zur sittlichen Erziehung bzw. zu Tugendkanons, wobei als Alltagstugenden Höflichkeit und Takt, Ordnung, Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Ehrlichkeit und Fleiß galten. Dabei war vor allem der Gehorsam, d.h., die Bereitschaft des Kindes die Befehle des Erwachsenen zu befolgen, Kern der Erziehung, d. h., der Wille des Kindes musste gebrochen werden. Dieser Gehorsam sollte, wenn nötig, auch mit Gewalt erzwungen werden. So waren Prügelstrafen ein probates und alltägliches Erziehungsmittel. Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde eine Erziehung ohne körperliche Strafen im Rahmen der Reformpädagogik von Pädagogen in Betracht gezogen (vgl. Berg, 1991).

Ab dem 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der ganze Bereich der Bildung und Ausbildung gesellschaftlich neu gestaltet und enorm ausgebaut. Nun ist die Sozialisation des Kindes ein zentrales Thema gesellschaftlicher Aufgaben geworden. Es setzte sich zunehmend der Gedanke durch, dass ein Kind nicht nur körperlich "herangezogen" werden und ein wenig Anleitung erhalten, sondern die komplizierte Gesellschaft kennenlernen und in sie eingegliedert werden müßte, um in ihr existieren und überleben zu können.

Man kann sogar sagen, dass das Kind eine Entdeckung des 19. Jahrhunderts ist. Die Einsicht in der Erziehungsfähigkeit und -bedürftigkeit des Kindes führt dazu, dass sich die Familie um das Kind herumgruppiert und sich die Gesellschaft von da an in die familiäre Sphäre einerseits und die gesellschaftliche Sphäre andererseits polarisiert (vgl.  Schneewind  1980, S. 127).

Erziehung und Bildung wurden insbesondere im 20. Jahrhundert vom Staat zur Beeinflussung des Volkes benutzt, denn so gab etwa das Curriculum vor, was an Wissen gebraucht wurde, um sein Leben erfolgreich führen zu können. Bei den zu vermittelnden Werten und Tugenden stimmten dabei Schule und Elternhaus weitgehend überein. Vor allem das totalitäre politische System des Nationalsozialismus bemächtigte sich der Kinder in Jugendverbänden, wodurch zusätzlich auch die Freizeit politisch beeinflusst und die Kinder im Sinne der Ideologie des Staates erzogen werden sollten. Das politische Infiltrieren des Familienalltags spiegelt sich auch in den Erziehungsratgebern dieser Zeit, denn so forderte die populäre und propagierte Johanna Haarer alle Mütter auf, ihre Kinder abzuhärten und keine persönliche Bindung zu ihnen aufzubauen. Mit einschlägiger Ratgeberliteratur wurden also die Ziele des Regimes vermittelt, das Parteiprogramm im Erziehungsrat konkretisiert und der Bevölkerung nahegebracht.

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts war als oberster Wert die Unterstützung und Förderung des Kindes bei der Entwicklung zu einer individuellen Persönlichkeit zu erkennen. Dies setzte ein gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Eltern und Kindern voraus. Ein Machtgefälle mußte vermieden werden, da sich das Kind sonst nicht seiner persönlichen Art entsprechend entwickeln konnte. Im Rahmen dieser modernen Ideologie kam den Eltern die Rolle zu, dem Kind bei seiner persönlichen Entwicklung zu helfen. Disziplinierende Maßnahmen sollten unterbleiben, da sie das Kind nicht unterstützten und förderten, sondern es behinderten.

Erziehung und Kultur

Was durch Erziehung bezweckt wird, hängt von den Persönlichkeitsidealen ab, die in einer Gesellschaft und in ihren Untergruppen gelten. Vom gesellschaftlichen Gesichtspunkt aus betrachtet ist die Erziehung in erster Linie ein Mittel, um den Fortbestand einer Gesellschaft und ihrer Kultur zu sichern.

Betrachtet man die Erziehung nicht vom Gesichtspunkt der Gesellschaft, sondern vom Individuum, d.h. von der Person des Zu-Erziehenden und ihrer Vervollkommnung aus, dann zeigt sich auch dabei, dass die als Ideal gesetzten psychischen Dispositionen nicht beliebig sind, sondern den im Lebensraum des Educanden jeweils geltenden Normen entsprechen (vgl.  Brezinka 1995, S. 169f). 

Laut Kagan sind die Art der subjektiven Kodierung des Kindes die entscheidenden Konsequenzen familiärer Erfahrungen, wenngleich bislang noch nicht geklärt ist, wie die Übertragung eines externen Ereignisses in eine subjektive Interpretation stattfindet. Es mag sein, dass einer der kritischen Faktoren hierbei kulturelle Unterschiede bezüglich der kindseits wahrgenommenen elterlichen Erziehungsziele sind (vgl. Schneewind 1991, S. 85).

Die Schlußfolgerung, dass elterliche Feindseligkeit und strikte Kontrolle zu aggressivem Verhalten bei Kinder führt, erscheint innerhalb eines spezifischen kulturellen Kontext plausibel. Ein als feindselig klassifiziertes Elternverhalten muß nicht in jedem Fall zu denselben Konsequenzen führen, wenn es in einer anderen Kultur oder Subkultur geäußert wird. Ein anschaulicher Beleg dafür ergibt sich aus einer Untersuchung von Familien in den USA, dass farbige Mädchen, deren Mütter in hohem Maße aggressive und feindselige Disziplinierungspraktiken verwendeten, durchsetzungsfähiger und unabhängiger in ihrem Verhalten waren als eine Kontrollgruppe von weißen Mädchen und ihren Müttern. Daraus läßt sich der Schluß ziehen, dass mit den eher autoritären Erziehungspraktiken die Absicht verbunden war, bei diesen Mädchen eine gewisse überlebenssichernde Härte zu entwickeln. Dies hat zur Folge, dass diese Mädchen das Verhalten ihrer Mütter nicht als einen Ausdruck der Zurückweisung, sondern eher als einen Beweis ihrer liebevollen Fürsorge wahrnahmen (vgl. Schneewind 1991, S. 85).

Kinder in Gesellschaften mit hohem soziopolitischen Pluralismus (wie in den USA, Deutschland, ...) entscheiden sich in Situationen kollidierender Normorientierungen viel weniger erwachsenen- oder autoritätsorientiert als Kinder, die in Gesellschaften mit niedrigen soziopolitischen Pluralismus (wie z.B. in Rußland, ...), aufwachsen (vgl. Engfer 1980, S. 125).

Erziehungsnormen, -einstellungen und -praktiken werden selbst als integrierender Bestandteil von Kulturen betrachtet und - unter einer solchen Annahme - als Determinante ihrer selbst. Das heißt, dass sich in verschiedenen Gesellschaften - im Sinne eines Gefüges von Menschen - unterschiedliche Erziehungsstile herausgebildet haben (vgl. Lukesch 1976, S. 29).

Die Geschichte der Kindererziehung ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erst erwachen. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto unzureichender wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen, gequält und misshandelt wurden (vgl.  deMause 1992, S. 12). Nicht nur in der Antike, sondern auch in der mittelalterlichen Kunst finden sich kaum Darstellungen von Kindern. Das mangelnde Interesse am Kinde zeigt sich auch im Umgang mit ihnen. So wurden sie unzureichend gepflegt, misshandelt, ausgesetzt, versklavt, getötet und ausgebeutet. Die Forschung geht davon aus, dass etwa die Hälfte aller Kinder in einem Zustand zwischen Leben und Tod dahinvegetierten und viele starben. Im Unterschied zu heute war die gesellschaftliche Akzeptanz der Beziehungen von Erwachsenen mit Kindern weitaus größer, da sie mit religiösen Argumenten und alten Mythen gerechtfertigt wurden und somit teilweise legal waren. Dies belegen die Schriften der Sumerer, Babylonier, Israeliten sowie die Überlieferungen der Griechen und Römer (Salhab 2004).

Die Gewalt in der Erziehung hat sich gewandelt, ist aber immer noch ein zentraler Problembereich. Die Psychoanalytikerin Alice Miller glaubte, dass die Erzählungen ihrer Patienten über Misshandlungen und Missbrauch niemals deren Phantasien entspringen, sondern stets realen Erfahrungen. Fast alle Kinder erfahren durch Erwachsene Herabsetzung, Ignoranz und Gewalt, aber wird ein Kind geschlagen und seelisch verletzt, dann lernt es selber zu schlagen und zu verletzen, während das beschützte und respektierte Kind lernt, Schwächere zu respektieren und zu beschützen. Kinder ahmen nur das nach, was sie am eigenen Leib erfahren. Ohne Therapie und ohne Auseinandersetzung mit dem Erlebten werden aus misshandelten oder vernachlässigten Kindern rachsüchtige und hartherzige Erwachsene, wobei es keinen Sinn macht, Appelle zur richtigen Erziehung an die Eltern zu richten. Die Erwachsenen müssen sich selber klarmachen, was ihnen an Schmerzen in ihrer Kindheit zugefügt worden war. Miller zeigte, welche Auswirkungen Gewalt gegen Kinder haben kann, und mahnte, dass seelischer, körperlicher und sexueller Missbrauch lebenslange Folgen für die Menschen haben kann. Alice Miller 1923 als Alicja Rostowska in Lemberg geboren, studierte Philosophie, Psychologie und Soziologie und machte danach eine Ausbildung zur Psychoanalytikerin. Ihre wichtigsten Bücher sind "Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst" und "Am Anfang war Erziehung".

Psychische Leiden der Kinder in einer veränderten Welt

Am Rande der Tagung "Die Kraft der Familie: Das Geheimnis geglückter Beziehungsentwicklung in der Kindheit“ gab Michael Merl, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Kinderklinik Linz, den OÖN ein Interview, in welchem er analysiert, woran Kinder heutzutage psychisch leiden.

Zu wenig Halt

„Kinder und Jugendliche haben oft große Schwierigkeiten, weil ihre Entwicklung nicht mehr so stattfinden kann, wie sie es eigentlich brauchen würden“. Viele Eltern könnten ihrem Nachwuchs nicht die erforderliche Geborgenheit im Leben geben, weil sie selbst mit vielerlei Problemen zu kämpfen hätten.

Unsichere Eltern

Mütter und Väter geraten heutzutage viel öfter als früher in Situationen , in denen sie nicht mehr wüssten, wie Erziehung geht, wie man Kinder führt. „Ich will hier nicht der Großfamilie das Wort reden, aber dort lernte man natürlich ganz automatisch, wie manche Dinge im Leben funktionieren.“

Wegwerf-Gesellschaft

Die moderne Gesellschaft nimmt Dinge vorweg, die Kinder für eine gesunde Entwicklung brauchen. „Wir leben in einer Kultur, in der man nicht mehr lernt, etwas zu erarbeiten und dann zu schätzen. Früher wurde viel gebastelt, gebaut oder gemeinsam hergestellt. Heute kauft man alles fertig – und wenn es kaputt ist, wirft man es wieder weg.“

Keine Erlebnisräume

Kindliche Erlebnisräume sind oft nicht mehr vorhanden. „Als ich ein Kind war, lernten wir beim Räuber-und-Gendarm-Spiel, wie es ist, sich zu bekriegen, zu streiten und danach wieder zu versöhnen. Wir lernten leben“.

Spiegelneuronen

Durch die neuen Kommunikationsformen wie Simsen und Chatten verlieren Jugendliche eine immens wichtige Fähigkeit. „Sie sehen nicht mehr, wie die Botschaften, die sie senden, bei ihrem Gegenüber ankommen. Sie erkennen die Freude oder die Enttäuschung im Gesicht des anderen nicht“. Es wichtig ist, die Reaktion des Kommunikationspartners zu erkennen, zu fühlen, zu erspüren. „Dafür sind so genannte Spiegelneuronen in unserem Gehirn verantwortlich. Diese Verbindungen sind zwar da – wenn sie aber nur selten genützt werden, verkümmern sie, und wir verlieren die Fähigkeit, Gefühle bei anderen Menschen zu erkennen.“

Zu wenig Gemeinsamkeit

„Familien tragen viel dazu bei, wie Menschen werden. Gibt es zum Beispiel keine gemeinsamen Zeiten, keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr, ist auch keine Gelegenheit mehr da, über den Tag, die Schwierigkeiten zu reden. Die Kultur der aktiven Auseinandersetzung mit den anderen geht verloren“. Genau diese Zeiten wären wichtig, weil Kinder so die nötige Geborgenheit bekommen und sich hier den Schutz holen, den sie brauchen, wenn sie in Schwierigkeiten sind.

Quelle: Einige dieser Arbeitsblätter zur Erziehung entstammen der Studie von Karin Bumsenberger "Merkmale und Struktur elterlichen Erziehungsverhaltens" und werden hier für die Verwendung in Lehrveranstaltungen vorgehalten.



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