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Grundlegende Merkmale von Erziehung und Unterricht

Täglich erfahren Menschen in Familie,
Kindergarten, Schule und Betrieb "Erziehung", "Unterricht" und "Ausbildung".

Bereiche pädagogischen Denkens und Handelns

Pädagogik war ursprünglich bzw. im vorwissenschaftlichen Verständnis (von griechisch "país" = Kind und "ágo" = ich führe, leite) die theoretische und praktische Beschäftigung mit Fragen der "Kindererziehung".

Heute werden "pädagogisch" und "Pädagogik" auch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch als allgemeine Sammelbezeichnungen auf Erziehung und auch Ausbildung verschiedenster Personengruppen angewandt (z. B. "Behindertenpädagogik", "Erwachsenenpädagogik", besser Andragogik).

"Pädagogik" umreißt daher eher unscharf jenes wissenschaftliche Arbeitsgebiet, auf dem man sich vor allem mit Fragen der Entwicklung und Begründung von Zielen der Erziehung und Ausbildung (bzw. des Unterrichts) befaßt.

Auch die Antike und das Mittelalter kannten Unterricht im Sinne der Unterweisung von Heranwachsenden in spezifischen Künsten und Fähigkeiten. Als Kernbereich eines staatlich organisierten Schulsystems mit langjährigem Pflichtcharakter für alle und mit Berechtigungsfunktion für Berufe ist Unterricht eine Erscheinung, die sich flächendeckend erst im Laufe des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hat. Im Zuge der Bildungsexpansion, die für alle modernen Gesellschaften kennzeichnend ist, haben sich Bedeutung und Ausmaß von Schule und Unterricht ständig gesteigert: Heute verbringen Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene immer mehr Lebenszeit in immer anspruchsvolleren Lehr-Lern-Prozessen.

Zum Begriff "Erziehung"

Als Erziehung bezeichnet man alle bewußten und gezielten (= intentionalen) Handlungen und Verhaltensweisen eines relativ erfahreneren Menschen (= Erzieher, Educans), die einen jeweils weniger Erfahrenen (= Zögling, Educandus) zur selbständigen Lebensführung befähigen sollen.

Unterschiedlich umfassende Definitionen von "Erziehung"

(1) "Erziehung ist ... dasjenige Handeln, in dem die Älteren (Erzieher) den Jüngeren (Edukanden) im Rahmen gewisser Lebensvorstellungen (Erziehungsnormen) und unter konkreten Umständen (Erziehungsbedingungen) sowie mit bestimmten Aufgaben (Erziehungsgehalten) und Maßnahmen ( Erziehungsmethoden) in der Absicht einer Veränderung ( Erziehungswirkungen) zur eigenen Lebensführung verhelfen, und zwar so, daß die Jüngeren das Handeln der Älteren als notwendigen Beistand für ihr eigenes Dasein erfahren, kritisch zu beurteilen und selbst fortzuführen lernen" (BOKELMANN, in SPECK & WEHLE 1970, Bd. II, S. 185).

(2) "Als Erziehung werden soziale Handlungen bezeichnet, durch die Menschen ... versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Komponenten zu erhalten (BREZINKA 1974,S. 98).

(3) "Erziehung heißen wir zwischenmenschliche Einwirkungen ... insoweit, als durch sie eine mehr oder minder dauernde Verbesserung fremden oder eigenen Handelns beabsichtigt oder erreicht wird (DOLCH 1969, 106ff.).

(4) Merkmale des "pädagogischen Verhältnisses" (KLAFKI) bzw. des "pädagogischen Bezuges" (NOHL):

  1. positiv getönte gefühlsmäßige Bindung zwischen älterem und jüngerem Menschen
  2. Wechselwirkungsverhältnis zwischen den Beteiligten (auch Rückwirkung auf Educans)
  3. Unmöglichkeit des Erzwingens bzw. Verbot der Täuschung oder Manipulation (speziell durch den Älteren)
  4. Aufrechterhaltung der Beziehung im Interesse des jüngeren Menschen und seiner jeweiligen Lebenssituation
  5. Notwendigkeit des Eingehens auf die gegenwärtigen Voraussetzungen und zukünftigen Möglichkeiten des Jüngeren (nicht nur blinde Übernahme von Traditionen)
  6. Ausrichtung auf Mündigkeit des Jüngeren und Auflösung der Beziehung (sonst Gefahr der Lebensuntüchtigkeit durch "Overprotection")

Danner, Helmut 1998 - Methoden geisteswissenschaftlicher Pädagogik, S. 26-27:

  1. Bei Erziehung handelt es sich um ein "Verhältnis zwischen" "heranwachsender" und "erwachsener" Generation; es besteht also ein Verhältnis zwischen solchen, die Hilfe benötigen und solchen, die diese geben können; man spricht hierbei von "pädagogischem Gefälle", das jedoch kein unterdrückendes Herrschaftsverhältnis ist, sondern sich vielmehr durch Verantwortung legitimiert.
  2. Erziehung soll "planmäßige Führung" sein; sie geschieht also nicht zufällig, nebenbei und nur durch die "Umstände"; sie wird vielmehr bewußt und verantwortlich übernommen. Dabei beruht "Führung" auf einem personalen Vertrauensverhältnis zwischen Erzieher und Zögling(en), wobei nicht gegängelt wird, sondern alles auf die vertrauende und (später) auch einsichtige Zustimmung des Zöglings ankommt.
  3. Es handelt sich um "Auseinandersetzung" mit der überkommenen Kultur, nicht um ein bloßes Übernehmen und Reproduzieren von Kultur, die von äußerlichen Verhaltensweisen über Sprache, Fertigkeiten, Wissenschaft usw. bis zu Grundüberzeugung reicht."

Wer die Lebenslaufbahn seiner Kinder zu verpfuschen gedenkt,
der räume ihnen alle Hindernisse weg.
Emil Oesch

Grundtatbestände bzw. Annahmen jeder Erziehung sind:

Erziehungsbedürftigkeit

Sie ist z. B. damit zu begründen, daß der Mensch relativ zu anderen Primaten eine "physiologische Frühgeburt" ist. Um sein Überleben zu sichern, muß er unterstützt bzw. beeinflusst werden. Der Mensch wird somit als Zögling zum Objekt eines anderen Menschen. Dieser ist (notwendigerweise) mehr oder minder erfahrener, mächtiger, usw. als der Zögling. Jede erzieherische Beziehung ist damit in bestimmter Hinsicht "ungleich".

Erziehungsfähigkeit

Sie umfaßt die persönlichen Voraussetzungen des Zöglings, damit er seine Verhaltensweisen und Einstellungen erfolgreich bzw. dauerhaft ändern kann (z. B. Lernfähigkeit). Erziehungsfähigkeit enthält aber auch Möglichkeiten zu selbstbestimmten Veränderungen, also den Zögling als Subjekt..

"Mündigkeit" bzw. "Selbständigkeit" als Leitziel

Der Zögling soll zur selbständigen Bewältigung der Anforderungen seines Lebens hingeführt werden. Wenn diese erreicht wird, ist daher ein Erziehungsprozeß abgeschlossen, und die erzieherische Beziehung löst sich auf; jedoch kann die "normale" zwischenmenschliche Beziehung zwischen den Beteiligten aufrecht bleiben!

Unterziele von Erziehung auf dem Weg zur Mündigkeit können z. B. sein:

- Prävention (vorbeugendes Verhindern unerwünschten Verhaltens)
- Intervention (Eingriffe zur Aufrechterhaltung oder Herbeiführung erwünschten Verhaltens)
- Rehabilitation (Wiederherstellen von Fähigkeiten und Fertigkeiten des Educandus)
- Konfliktverarbeitung (z. B. Neubestimmung von Zielen und Wertvorstellungen)

Mut zur Erziehung

"Mut" als Grundeinstellung des Erziehers bedeutet z. B., dem Zögling Orientierungssysteme (Normen, Werte) anzubieten, damit er diese übernehmen und verarbeiten bzw. verändern kann. Mut erfordern erzieherische Maßnahmen aber auch deshalb, weil ihr Erfolg ungewiss ist, und sie auch scheitern können.

Modell der Erziehung

"Erziehung", "Ausbildung" und "Unterricht" werden im deutschen Sprachgebrauch unterschieden, nicht aber im angelsächsichen und romanischen: Education ist dort die Sammelbezeichnung für alle Maßnahmen auf dem Gebiet der Ausbildung und Erziehung.

Sozialisation

Sozialisation nennt man die Gesamtheit der eher weniger beabsichtigten, lebenslang andauernden Prozesse der Integration des Einzelnen in seine soziale Umgebung (Gruppen, Organisationen, Gesellschaft).

Diese sozial-individuale Integration umfaßt analytisch gesehen (n. WURZBACHER)

  • die eher zwangsläufigen Übernahme von Wertvorstellungen bzw. normgerechten Verhaltensweisen, sozialen Rollen und Funktionen (= Sozialisation i. e. S.),
  • die aktive Auseinandersetzung mit den sozial-kulturellen Werten und Normen (= Enkulturation) sowie
  • damit verbundeneVeränderungen der individuellen Persönlichkeit (= Personalisation)

Die für Sozialisationsprozesse maßgeblichen Faktoren werden in Abbildung 2 schematisch zusammengefaßt.

Anmerkung:

Im Gegensatz zu Erziehung und Sozialisation steht Dressur oder Manipulation. Damit bezeichnet man eine Veranlassung anderer Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen oder Einstellungen, bei der die eigentlichen Ziele bewußt verborgen bleiben.

Modell der Sozialisation

Modell der Sozialisation

Unterricht und Ausbildung

Als "Unterricht" (Ausbildung, Instruktion) bezeichnet man die

  • aufgrund offizieller Zielvorgaben (z. B. in Lehrplänen, Curricula)
  • geplante und institutionalisierte (z. B. schulische, betriebliche),
  • Vermittlung von Inhalten an Menschen (z. B. Schüler, Lernende)
  • durch speziell dafür ausgebildete Professionisten (z. B. Lehrer, Ausbilder).

Anmerkung:

In Unterricht bzw. beim Unterrichten (als Tätigkeit eines "Lehrers" mit "Lernenden") ereignen sich mannigfaltige und komplexe Prozesse. Diese Vorgänge werden im Hinblick auf ihre Inhalts-(Lehr-/Lernstoff-)Ausrichtung hauptsächlich in der Didaktik untersucht. Unterricht und Ausbildung aber auch in die Bereiche der pädagogischen Psychologie.

Was ist Unterricht?

Unterricht ist die gezielte und geplante Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und praktischem Können. Unterrichtssituationen sind durch einen Lehrenden, einen oder mehrere Lernende sowie durch die vermittelte Sache (Wissen, Fähigkeiten, Können) gekennzeichnet, wobei der Lehrende nicht immer eine anwesende Person sein muss, denn Medien und Informationssysteme können seine Funktion teilweise übernehmen.

Unterricht wird durch mehrere voneinander abhängige Faktoren bestimmt:

  • die fachlichen und überfachlichen Unterrichtsziele
  • die Unterrichtsplanung, die Didaktik und die Auswahl der Unterrichtsmethoden
  • die Unterrichtsmittel
  • die soziale Situation der Lehrenden und Lernenden
  • die Art der jeweiligen Bildungsinstitution und deren Träger.

Quelle:
http://lexikon.meyers.de/meyers/Unterricht

Funktionen eines Lehrers(Becker, 1984; Döring, 1980).

  1. Didaktisch-methodische Planung des Unterrichts
    (z. B. Konkretisieren der Ziele, Auswahl der Inhalte, Analyse der Voraussetzungen)
  2. Laufende Motivierung und Aktivierung der Lernenden
    (z. B. Wecken von Interesse für bestimmte Ziele und Inhalte)
  3. Präsentation von Lern-Inhalten und -Aufgaben unter Nutzung technischer Medien (Instruktionsfunktion)
  4. Kontrolle und Bewertung der Lernleistungen
    (z. B.laufende Kontrollfragen, fallweise schriftliche Prüfungen)
  5. Maßnahmen zur Vermeidung und Behebung von Lernschwierigkeiten
    (z. B. Individualisierung/ Differenzierung, Förderunterricht)
  6. Kontrolle und Steuerung des (sozialen) Verhaltens der Lernenden
    (z. B.Führungsfunktionen)
  7. Bereinigung von Verhaltensstörungen und Konflikten
    (z. B.Schema der rationalen Konfliktlösung v. BECKER)
  8. Nebenfunktionen
    (z. B. Beratung von Lernenden in außerschulischen Fragen, Kontakte zu Eltern, Mitwirkung bei der Schulverwaltung)

Siehe auch

Was ist eine gute Schule? - Zur Diskussion über Evaluationskriterien und Evaluationsverfahren

Zum Verhältnis von Allgemeiner Didaktik und empirischer Lehr-Lern-Forschung

Vergleich zwischen schülerzentriertem und lehrerzentriertem Unterricht

Zur familialen Erziehung siehe auch die Arbeitsblätter

Literaturauswahl zu "Grundzüge der Erziehungswissenschaft"



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