[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Wertewandel in der Kindererziehung *)

Pflicht Gehorsam Arbeit: es wimmelt nur so von solchen Worten bei uns,
hinter denen sich Eitelkeit, Grausamkeit und Überheblichkeit verbergen.
Kurt Tucholsky

 

Quellen & Literatur

Bumsenberger, Karin (2001). Merkmale und Struktur elterlichen Erziehungsverhaltens. Unveröffentlichte Diplomarbeit. Johannes Kepler Universität Linz: PPP der jku.

Busch, F.-W (1999). Plädoyer für die Beibehaltung eines Leitbildes. Familie in christlicher  Verantwortung. F.-W. Busch, B. Nauck & R. Nave-Herz (Hrsg.), Aktuelle Forschungsfelder der Familienwissenschaft. Familie und Gesellschaft. Band 1 (S. 231-255). Würzburg: Ergon.

Hamann, B (1992). Zeitgeschichtliche Tendenzen gesellschaftlicher Entwicklungen als Herausforderung einer familienorientierten Erziehung. In K.-A. Schneewind & L. von Rosenstiel (Hrsg.), Wandel der Familie. In N. Havers, W. Marx & H. Tschamler (Hrsg.), Münchener Universitätsschriften. Psychologie und Pädagogik (S. 57 - 73). Göttingen - Toronto - Zürich: Hogrefe - Verlag für Psychologie.

Herzog, W., Böni, E. & Guldimann, J.(1997). Partnerschaft und Elternschaft. Die Modernisierung der Familie. Bern - Stuttgart - Wien: Haupt.

Huinink, J (1999). Kinder zwischen Öffentlichkeit und Familie. Zu den Folgen der Umverteilung von Leistungen und Verantwortung für die nachwachsende Generation. In F.-W. Busch, B. Nauck & R. Nave-Herz (Hrsg.), Aktuelle Forschungsfelder der Familienwissenschaft. Familie und Gesellschaft. Band 1 (S. 119-160). Würzburg: Ergon.

Peuckert, R (1999). Familienformen im sozialen Wandel. Opladen: Leske + Budrich.

Schneewind, K.-A (1992). Familien zwischen Rhetorik und Realität: eine familienpsychologische Perspektive. In K.-A. Schneewind & L. von Rosenstiel (Hrsg.), Wandel der Familie. In N. Havers, W. Marx & H. Tschamler (Hrsg.), Münchener Universitätsschriften. Psychologie und Pädagogik (S. 9-35). Göttingen - Toronto - Zürich: Hogrefe - Verlag für Psychologie.

Shutts, K., Kenward, B., Falk, H., Ivegran, A. & Fawcett, C. (2017). Early preschool environments and gender: Effects of gender pedagogy in Sweden. Journal of Experimental Child Psychology, 162, 1–17.

Siehe auch
Geschichte der Kindererziehung - Erziehung und Kultur
Auswirkungen von Schichtunterschieden auf die Erziehung - Mögliche Ursachen dieser Unterschiede
Erziehungsstile - Begriffsbestimmung und Begriffsabgrenzungen
Grenzen und Auswirkungen der Erziehung
Praktische Tipps zur Kindererziehung


 
In der hochindustrialisierten, europäischen Gesellschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten eine intergenerationelle Veränderung der Wertepräferenzen stattgefunden und findet weiterhin statt. Die Richtung des Wandels geht weg von Werten des materiellen Wohlergehens hin zu einer stärkeren Bedeutsamkeit von Werten der Lebensqualität. Man  kann zwar nicht sagen, postmaterialistische Werte hätten die materialistischen ersetzt, aber es sind vor allem in den jüngeren Altersgruppen relativ hohe Nennungen postmaterialistischer Werte zu verzeichnen (vgl.  Herzog, Böni & Guldimann 1997, S. 60 f).

Als Ursachen für diesen Wertewandel werden die Wohlstandssteigerung und die bessere soziale Absicherung, die Tertiärisierung der Wirtschaft, die Zunahme von Angestellten und Beamten, die Bildungsexpansion und der gesellschaftliche Klimawechsel in der Politik genannt. Arbeiter tendieren stärker zu Konformität, die übrigen Berufe eher zu Selbständigkeit, was mit den unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen begründet wird. Das Erziehungsziel Selbständigkeit findet unter Höhergebildeten mehr Unterstützung als unter Hauptschulabgängern, wobei im Laufe der Zeit die Distanzen zwischen den Berufs- und Bildungsgruppen noch gewachsen sind (vgl. Peuckert 1999, S. 138).

Bildung befördert ein eher liberales Denken, reduziert Autoritarismus, Dogmatismus und Ethnozentrismus und geht mit einem stärkeren politischen Engagement einher. Dazu kommt, dass die jüngeren Generationen die Erfahrung des Krieges nicht machen mußten und dadurch in einer Welt aufwachsen konnten, die nicht von existentieller Bedrohung geprägt war (vgl.  Herzog, Böni & Guldimann 1997, S. 60).

Die Veränderung der sozialen und institutionellen Grundlagen von Familien ist bedeutend für die veränderte Lebenssituation der Kinder. Familien- und Privatheitsformen, die nicht dem traditionellen Muster der bürgerlichen Familie entsprechen, gewinnen an Bedeutung. Die Umverteilung von Aufgaben und Leistungen zwischen der Familie und gesellschaftlichen Institutionen bedeutet eine Umverteilung von sozialen Beziehungen aus dem engeren familiären Zusammenhang heraus in den öffentlichen Raum hinein. Das hat nicht nur eine nachhaltige Veränderung der sozialen Beziehungsstrukturen von Kindern zur Folge, sondern impliziert zwangsläufig auch eine Umverteilung von Verantwortung zwischen den Familien und den nichtfamilialen Institutionen und Instanzen gegenüber der nachwachsenden Generation (vgl. Huinink 1999, S. 119f).

Freilich trifft dieser Wertewandel auch das Eltern-Kind-Verhältnis selbst. Mit der Betonung und Anerkennung kindlicher Autonomieansprüche wandelt sich die Eltern-Kind-Beziehung mehr und mehr zu einem partnerschaftlichen Zusammenleben. Aus dem Erziehungsverhältnis wird ein Beziehungsverhältnis, was sich im epochalen Wandel einerseits in einer stärkeren Kindzentriertheit andererseits aber auch in einer Schwächung des Paarsystems äußert (vgl. Schneewind 1992, S. 14).

Die „kindzentrierte Familie, von der Familiensoziologen heute sprechen, bleibt nicht ohne Auswirkungen auf die Ehebeziehungen, führt u. a. zu einer Konkurrenz zwischen den Eltern um das Kind (vgl. Busch 1999, S.  239).

Hinzu kommt eine zunehmende Reflexion und Pädagogisierung der Elternrolle durch eine Schar von Experten, die - vielleicht ohne es selbst besser zu machen - es besser wissen und damit bei vielen Eltern Zweifel an ihrer eigenen Erziehungsfähigkeit nähren (vgl. Schneewind 1992, S. 14).

Neuere Entwicklungen in der Kindererziehung

In den letzten Jahrzehnten sind die Umgangsformen zwischen Eltern und Kindern egalitärer geworden. Gleichzeitig ist die Wahrnehmung der Elternrolle anspruchsvoller und schwieriger geworden.  Bei allen Varianten nach sozialer Schichtzugehörigkeit und Bildungsstand der Eltern äußert sich dies in einer generellen Zurücknahme elterlicher Strafpraktiken, einer geringeren Aufsicht der Kinder und Jugendlichen sowie in einem steigenden Einfluß der Jugendlichen und Heranwachsenden auf innerfamiliale Entscheidungsprozesse (vgl.  Peuckert 1999, S. 137 f).

Insgesamt ist im Erziehungsbereich ein Rückgang konventioneller Normen der Einordnung, wie Disziplin, gute Umgangsformen und Achtung, festzustellen. Auf der anderen Seite nehmen Autonomiewerte, wie persönliche Selbständigkeit, eigene Urteilsfähigkeit und Selbstbewußtsein, zu. Zum Ausdruck kommt dabei ein Schwinden des prämodernen Wertes der Autorität. Das erzieherische Verhältnis verliert sein hierarchisches Gefälle und tendiert zu einer zunehmend partnerschaftlichen Beziehung (vgl.  Herzog, Böni & Guldimann 1997, S. 60).

Alles in allem spricht in einer globalen Sicht einiges dafür, dass Elternsein zunehmend schwieriger geworden ist. Es genügt heute nicht mehr Forderungen an das Kind zu stellen und diese durchzusetzen, sondern Erziehung verlangt ein differenziertes Austarieren von Forderung und Gewährenlassen, von Unterstützung und Ermunterung zur Eigenaktivität, von Schutz und Risiko (vgl. Schneewind 1992, S. 15).

Insgesamt hat sich der Autoritarismus im Verhältnis zwischen den Generationen abgebaut. Das Recht des Vaters ist ersetzt worden durch das Recht der Eltern, auch das Recht der Eltern ist nicht mehr länger „Herrschaftsrecht sondern Sorgerecht. Nicht mehr ,,elterliche Gewalt bestimmt das Verhältnis zum Kind, sondern ,,elterliche Sorge. Diesem rechtlichen Wandel entspricht der Wandel im Verhältnis der Väter zu den Kindern, wie er in den jüngeren psychologischen und soziologischen Forschungen beobachtet wird (vgl.  Herzog, Böni & Guldimann 1997, S. 60).

Laut Erhebungen tendieren viele junge Paare zur Ein-Kind-Familie, ein anderer erheblicher Teil zur Zwei-Kind-Familie. Durchschnittlich bringen bei uns heute gebärfähige Frauen 1,5 Kinder zur Welt. Dabei ergibt sich eine Kinderzahl, die für die gesellschaftliche Reproduktion zu gering ist. Und einem Großteil der vorhandenen Kinder wird die Geschwistererfahrung vorenthalten (vgl.  Hamann  1992, S. 61).

Der Rückgang der Anzahl der Kinder pro Familie wird auf folgende Aspekte zurückgeführt. Die Trennung von Arbeitswelt und Familienleben, eine neue Einstellung zur mütterlichen Erwerbstätigkeit und die Möglichkeiten der Geburtenkontrolle haben zu einem grundlegenden Wandel in der Einstellung zum Kind geführt. Die Erziehung der Kinder und deren maximale soziale Plazierung steht im Vordergrund - verbunden mit einer Intimisierung der Eltern-Kind-Beziehung u. a. wegen der geringen Kinderzahl pro Familie. Kinder nehmen im Leben eines Paares heute einen deutlich anderen Stellenwert ein als in früheren Zeiten. Dies hat Auswirkungen auf die Gestaltung der innerfamilialen Beziehungen. So beteiligen sich heute viele junge Väter bereits an der Pflege und Betreuung ihrer Kinder und nehmen aktiv Anteil an deren Sozialisation (vgl.  Busch 1999, S. 239).

Der Rückgang der Kinderzahlen seit den 60er Jahren dieses Jahrhunderts ist auch in dieser Perspektive zu sehen. Kinder sind in unserer Gesellschaft nicht mehr notwendig zur Altersfürsorge oder als Arbeitskräfte. In den Vordergrund rückt die Freude, die Kinder bereiten. Diese aber ist im Grunde genommen bereits mit einem Kind gegeben. Das psychische Motiv für das generative Verhalten ist nicht quantifizierbar wie das ökonomische. Mehr Kinder reduzieren eher den psychischen Gewinn, weil dann die emotionale Beziehung in ihrer Intensität zurückgenommen oder dosiert werden muß, damit keines der Kinder zu kurz kommt. Die Zunahme an psychischem, nicht-materiellem Wert von Kindern ist daher ein bedeutsamer Faktor, der den Rückgang der Geburtenzahlen zu erklären vermag (vgl.  Herzog, Böni & Guldimann 1997, S. 60).

Die Erziehung und Förderung des Kindes durch die Eltern hat auch einen ökonomischen Aspekt. Die Verwirklichung der Förderungsabsicht kostet viel Geld. Kinder haben bedeutet in der modernen Gesellschaft daher einen nicht unerheblichen Verzicht auf Wohlstand. Da die privaten ,,Kosten der Erziehung von Kindern ungleich höher sind als der private ,,wirtschaftliche Nutzen für die Eltern, ist dieser Aspekt ein weiterer Grund, weniger oder gar keine Kinder zu haben (vgl. Busch 1999, S. 240).

Geschlechtsneutrale Erziehung

Shutts et al. (2017) untersuchten in Schweden die geschlechtsneutrale Erziehung an einer kleinen Stichprobe in schwedischen Vorschulen, in denen genderneutrale Pronomen genutzt werden und traditionell geschlechtsspezifische Verhaltensweisen nicht explizit gefördert werden. Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder, die geschlechtsneutral erzogen wurden, zwar ebenso korrekt das Geschlecht eines anderen, ihnen unbekannten Kindes bestimmen konnten, verbanden aber mit dieser Kategorisierung weniger stereotype Vorurteile. Darüber hinaus waren sie auch eher als andere Kinder geneigt, mit einem Kind des anderen Geschlechts zu spielen. Für den Einfluss der geschlechtsneutralen Pädagogik spricht dabei, dass die beobachteten Effekte auch dann bestehen blieben, wenn Familien, die sich bewusst und aus inhaltlichen Gründen für die jeweilige Schule entschieden hatten, aus der Stichprobe entfernt wurden.

Veränderte Stellung des Kindes

Die veränderte Stellung des Kindes zeigt sich auch an der veränderten Funktion, die Kinder heute für die Eltern erfüllen, am gestiegenen Eigenwert des Kindes. Kinder dienen heute stärker als Sinnstifter und Quelle emotionaler Bedürfnisbefriedigung. Da gleichzeitig von den Eltern ständig Zuwendung und kindgerechte Umgangsformen erwartet werden und der Druck auf die Eltern gestiegen ist, die Entwicklung des Kindes, seine Fähigkeiten und seine  Eigenständigkeit optimal zu fördern und für möglichst gute Ausbildungschancen des Kindes zu sorgen, ist die Ehe zu einem primär „kindorientierten Privatheitstyp geworden, und der Eigenwert der Paarbeziehung ist in den Hintergrund getreten. In der modernen kindzentrierten Familie tritt dabei ein strukturelles, schwer lösbares Problem auf. Die Eltern sind „um der individuellen Entfaltung des Kindes, um seiner Zukunft im allgemeinen Wettbewerb willen, darum bemüht, seine Selbständigkeit und seinen freien Willen zu fördern. Und gerade die weit verbreitete Einstellung, dass das Kind zu fördern sei, ebenso in seiner Selbständigkeit wie in seiner kognitiven und sozio-emotionalen Entwicklung, bewirkt tendenziell das Gegenteil: Kinder können sich kaum noch allein beschäftigen, da sie seit ihrer Säuglingszeit daran gewöhnt sind, dass ständig jemand zur Verfügung steht, der sich ihnen widmet (vgl. Peuckert 1999, S. 137 f).

Die Kindererziehung, die auch heute noch vorrangig Aufgabe der Mutter ist, ist anspruchsvoller, widersprüchlicher und konfliktreicher geworden. Der neu entstandene Normkomplex der „verantworteten Elternschaft verlangt, dass man keine Kinder in die Welt setzen soll, für die man nicht die Erziehungsverantwortung übernehmen kann. Verlangt wird die bestmögliche Förderung der kindlichen Entwicklung unter Respektierung der kindlichen Bedürfnisse und Wünsche. „Das Kind darf immer weniger hingenommen werden, so wie es ist, mit seinen körperlichen und geistigen Eigenheiten, vielleicht auch Mängeln. Es wird vielmehr zum Zielpunkt vielfältiger Bemühungen. Das Gebot bestmöglicher Förderung verlangt ständigen Einsatz der Mütter. Aufgeklärte Eltern müssen als Folge der Verwissenschaftlichung der Erziehung erhebliche „Informationsarbeit leisten, sich mit möglichen Risiken, Schäden und Entwicklungsproblemen des Kindes und den ihnen jeweils angemessenen Erziehungsmethoden auseinandersetzen (vgl.  Peuckert 1999, S. 138 f).

Veränderung in den Erziehungszielen

Einer im Sommer 2009 durchgeführte Studie des Linzer Market-Instituts zeigt nicht nur einen starken Wandel in den Lebenswelten der Kinder, sondern auch einen Wertewandel bei den Erziehungszielen. Wie die untenstehende Grafik zeigt, haben die traditionellen Erziehungsziele, nach denen die heutigen Erwachsenen noch selber erzogen wurden, an Bedeutung verloren, wobei die Erziehung zu Bescheidenheit und Zurückhaltung, zu Unterordnung und ordentlicher Arbeit zu erziehen heute nicht mehr die Bedeutung von früher besitzt.

Wertewandel Erziehung

[Quelle: http://images.derstandard.at/t/12/2010/01/22/1263725597359.jpg]

Vergleiche hierzu auch die eigene Untersuchung zu den Erziehungszielen aus der Sicht von SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern aus dem Jahr 1982:

Erziehungsziele

[Quelle: http://www.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIE/ERZIEHUNGSZIELE/grafik2.jpg]


Quelle: Teile dieser Arbeitsblätter entstammen einer Studie von Karin Bumsenberger: "Merkmale und Struktur elterlichen Erziehungsverhaltens".



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