[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Zwei Dinge sollen Kinder von ihren Eltern bekommen:
Wurzeln und Flügel.
J. W. von Goethe

Erziehungsstile und -ziele

Laut Erich Weber sind Erziehungsstile relativ sinneinheitlich ausgeprägte Möglichkeiten erzieherischen Verhaltens, die sich durch typische Komplexe von Erziehungspraktiken charakterisieren lassen (vgl. Domke 1991, S. 16). Für das Entstehen von Erziehungsstilen lassen sich nach Domke (1991, S. 16f) drei hauptsächliche Bedingungsfelder ausmachen:

Der Ausdruck Erziehungsstil wird als Bezeichnung für einen Komplex von Variablen aufgefasst, mit denen die sozialen Interaktions und Wahrnehmungsprozesse, die bei Erziehern und Erzogenen auffindbar sind, hinreichend genau beschrieben und rekonstruiert werden können (vgl. Lukesch 1976, S. 11).

 Die Trennung von Merkmalen auf der Verhaltens und der Erlebensebene, die Differenzierung kognitiver Komponenten in deskriptive und normative Elemente, die Berücksichtigung aller an der Interaktion beteiligten Partner und die Betonung von Metaebenen erlaubt den Entwurf eines weitgespannten Systems von Erziehungsstilvariablen (vgl. Lukesch 1976, S. 16 f).

Man unterscheidet zwischen dem Selbstbild des jeweiligen Interaktionspartners, dem Fremdbild des anderen und den ZweckMittelVorstellungen.  Sie beziehen sich aus der Sicht von Eltern auf Urteile über den funktionalen Zusammenhang von Erziehungszielen und Erziehungspraktiken. In Ausweitung auf alle in einer Situation involvierten Interaktionspartner kann man zusätzlich davon ausgehen, dass auch Kinder solche instrumentellen Überzeugungen besitzen, um ihre Ziele und Wünsche bei den Eltern durchzusetzen (vgl. Lukesch 1976, S. 14 f).

Das Zweck-Mittel-Schema ist ein Denkmuster, das überall benutzt wird, wo Menschen planen, handeln und das Handeln anderer Menschen zu verstehen versuchen.  Es stellt wie jedes andere Schema komplizierte Gegenstände und Zusammenhänge stark vereinfacht dar. Im Zentrum der Praktischen Pädagogik stand von jeher die Frage, welche Mittel geeignet sind, um bestimmte Zwecke zu verwirklichen. Der Erzieher wendet Mittel an, um bestimmte Zwecke zu erreichen (vgl. Brezinka 1995, S. 219 ff).

Diese zuletzt genannte Unterscheidung weist direkt auf die Notwendigkeit hin, in der Erziehungsstilforschung deskriptive und normative Aussagen über die verschiedensten Sachverhalte, beispielsweise in Form von Real und Idealbildern von sich selbst, von den anderen Interaktionspartnern, von seiner Beziehung zu den anderen u. a. m. zu unterscheiden. Solche normativen Orientierungen sind natürlich nicht nur hinsichtlich gewünschten Kindverhaltens anzutreffen, sondern betreffen auch die Erzieherperson selbst (vgl. Lukesch 1976, S. 14 f).

Bei der Datengewinnung unterscheidet man zwischen selbst und fremdperzipierten Erziehungsverhalten. Unter dem Aspekt der Selbstperzeption berichten Elternpersonen selbst über ihr eigenes Verhalten. Unter der Perspektive der Fremdperzeption berichten andere Personen über das Elternverhalten. Wichtige Spezialfälle sind dabei die vom elterlichen Erziehungsverhalten betroffenen Kinder sowie Personen, die sich professionell mit ElternKindBeziehungen beschäftigen, wie z. B. einschlägig arbeitende Psychologen (vgl. Schneewind 1980, S. 25).

Bei konsequenter Berücksichtigung des Interaktionscharakters der Eltern-Kind-Beziehung ist aber genau zwischen den Einstellungen und Wahrnehmungen jedes Interaktionspartners zu unterscheiden. So macht es einen Unterschied aus, ob Kinder das Verhalten ihrer Eltern ihnen gegenüber wiedergeben ("perzipiertes Erziehungsverhalten") oder ob Eltern ihr eigenes Verhalten schildern ("selbstberichtetes Elternverhalten"). Genauso kann unterschieden werden zwischen den Einstellungen, Zielen und ZielMittelRelationen, die Eltern selbst berichten ("selbstperzipierte elterliche Erziehungseinstellung") und der Wahrnehmung dieser Merkmale bei den Kindern ("perzipierte mütterliche Erziehungseinstellungen"). Mit der Bezeichnung selbst und fremdperzipierte Erziehungsstilmerkmale kann man diese Unterschiede treffend wiedergeben. Im selben Ausmaß Mus diese Unterscheidung auch auf die in der Erziehungsstilforschung relevanten kognitiven Komponenten bei Kindern und der Wahrnehmung dieser durch die Eltern angewendet werden (vgl. Lukesch 1976, S. 15 f).

Verfolgt man die Möglichkeiten weiter, die mit der Berücksichtigung von mehreren Interaktionspartnern und ihren Kognitionen gegeben sind, so kommt man zur Unterscheidung von einer direkten Wahrnehmungsebene zu einer Ebene der Wahrnehmung dieser ersten Wahrnehmung (erste MetaPerspektive) und zu einer zweiten (MetaMetaPerspektive) usw (vgl. Lukesch 1976, S. 16).

Es gibt keine andere vernünftige Erziehung,
als Vorbild zu sein, wenn’s nicht anders geht, ein abschreckendes.
Albert Einstein

Erziehungsstil-Typologie

In der Erziehungsstil-Typologie nach Baumrind (1966, zit. nach Schimpke 2007) findet sich die Unterscheidung zwischen einem autoritativen, einem autoritären und einem nachgiebigen Erziehungsstil.

In der autoritativen Erziehung herrscht zwischen Eltern und Kindern eine offene Kommunikation: Alle dürfen ihre eigene Meinung äußern und hören den anderen zu. Die Eltern verhalten sich gegenüber ihren Kindern responsiv, gehen also feinfühlig auf ihre Kinder ein. Sie unterstützen die Selbstständigkeit und Individualität ihrer Kinder und beachten sowohl die Rechte der Kinder als auch ihre eigenen. Bei Entscheidungen fragen sie die Kinder nach ihrer Meinung. Gleichzeitig erwarten die Eltern von ihren Kindern, dass sie sich (altersentsprechend) reif verhalten, und sorgen konsequent für die Einhaltung dieser Anforderungen sowie anderer Regeln. Diese Verhaltensstandards werden dem Kind erklärt und begründet. Falls nötig, werden auch Befehle und Sanktionen angewandt, oft auch stärkere, als zur Erlangung der Einwilligung des Kindes nötig gewesen wären

In der autoritären Erziehung schränken Eltern die freie Meinungsäußerung ihrer Kinder ein. Sie sind wenig responsiv, gehen also kaum feinfühlig auf ihre Kinder ein, und wirken der Individualität und Selbstständigkeit ihrer Kinder entgegen. Es gibt engere Grenzen, mehr Regeln und Verbote für die Kinder, als für ein geordnetes Zusammenleben notwendig wären. Die Einhaltung dieser Regeln wird oft durch harte Strafen (einschließlich körperlicher Strafen), wenig durch positive Verstärkung herbeigeführt.

Nachgiebige Erziehung hat hat einiges mit dem autoritativen Stil gemeinsam: Auch nachgiebige Eltern verhalten sich ihren Kindern gegenüber responsiv, unterstützen ihre Selbstständigkeit und Individualität und erfragen bei Entscheidungen ihre Meinung. Jedoch kommunizieren sie wenig Verhaltenserwartungen an das Kind. Weder erwarten sie altersentsprechend reifes Verhalten noch die Einhaltung sinnvoller Regeln des Zusammenlebens. Dass die Kinder diesen (wenigen) Verhaltenserwartungen/Regeln entsprechen, wird nicht konsequent durchgesetzt. Daraus lässt sich wohl unstrittig folgern, dass nachgiebige Eltern ihre eigenen Bedürfnisse und Rechte häufig denen ihrer Kinder unterordnen.

Im Prinzip beruhen die meisten der Typologien auf dem klassischen Konzept der Lewinschen Typologie der Erziehungsstile.

Educandus als zu Erziehender, Schüler, Zögling

Unmündiger vom Educans (=Erzieher) Abhängiger (Beispiel: Normative Pädagogik, "autoritärer" Erziehungsstil)

prinzipiell Gleichberechtigter mit dem Educans Interagierender (Beispiel: Erwachsenenbildung, "demokratischer" Erziehungsstil)

weitestgehend Freier den Educandus Beeinflussender (Beispiel: "Antiautoritäre Erziehung")

Erziehungsmethoden sind Verfahrensweisen, mit denen Personen gemäß dem Anspruch von Zielen sowie nach bewährten Grundsätzen und Regeln das Lernen anderer Personen mehr oder weniger planmäßig zu unterstützen versuchen.  "Mehr oder weniger planmäßig" soll bedeuten, dass exakt durchgeplante Handlungsabläufe in der Erziehung kaum realisierbar sind (vgl. Domke 1991, S. 14). Unter elterlichem Erziehungsverhalten sind alle kindbezogenen Verhaltensweisen einer Elternperson zu verstehen.

Ein Erziehungsstil mus nicht, aber er kann aus Erziehungsmethoden und Methodenelementen bestehen, die ausgesprochen stilprägend sind. Der pädagogische Stilbegriff ist also umfassender als der Methodenbegriff und schließt erziehungsmethodisches Handeln als eines seiner Bedingungs- und Möglichkeitsfelder mit ein. Nach dieser begrifflichen Vorklärung ist nun endlich zu fragen, durch welche Merkmale sich Methode selbst auszeichnet (vgl. Domke 1991, S. 17).

Als weitere begriffliche Aufgliederung ist zwischen Erziehungseinstellungen, Erziehungszielen und Erziehungspraktiken zu unterscheiden. Während Erziehungseinstellungen bereits in der 30er Jahren untersucht wurden, trat die Erforschung von Erziehungszielen erst 20 Jahre später auf, indem sie als sogenanntes "Nebenprodukt" zu Erziehungseinstellungen und -praktiken auffielen. Dies ist insofern wichtig, da alle drei Begriffe keineswegs unverbunden nebeneinander stehen, sondern vielmehr als integrative Bestandteile des gesamten Systems elterlichen Erziehungsverhaltens aufzufassen sind. So ist beispielsweise die Funktionalität elterlicher Erziehungspraktiken erst nachvollziehbar, wenn klar ist, aus welcher Einstellung zum Kind eine konkrete elterliche Maßnahme abgeleitet und welches Ziel verfolgt wurde.

Sozialisation nennt man die Gesamtheit der eher weniger beabsichtigten, lebenslang andauernden Prozesse der Integration des Einzelnen in seine soziale Umgebung (Gruppen, Organisationen, Gesellschaft).

Diese sozial-individuale Integration umfasst analytisch gesehen

Im Gegensatz zu Erziehung und Sozialisation steht Dressur oder Manipulation. Damit bezeichnet man eine Veranlassung anderer Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen oder Einstellungen, bei der die eigentlichen Ziele bewusst verborgen bleiben.

Erziehungsziele

Erziehungsziele sind Idealvorstellungen von der Gesamtpersönlichkeit oder von einzelnen Persönlichkeitseigenschaften, die die zu Erziehenden soweit wie möglich verwirklichen sollen (vgl. Brezinka 1986, S. 69). Laut Brezinka bilden erzieherische Handlungen eine Klasse der sozialen Handlungen. Sie unterscheiden sich von anderen sozialen Handlungen durch das, was mit ihnen bezweckt wird. Es ist immer Mittel zu einem Zweck. Es sind Handlungen, durch die Menschen versuchen, das Gefüge der psychischen Dispositionen anderer Menschen in irgendeiner Hinsicht dauerhaft zu verbessern oder seine als wertvoll beurteilten Bestandteile zu erhalten oder die Entstehung von Dispositionen, die als schlecht bewertet werden, zu verhüten (vgl. Brezinka 1995, S. 18 ff). Alles was Eltern ihren Kindern erlauben oder verbieten, in welchem Ausmaß sie ihre Kinder beaufsichtigen oder alleine etwas tun lassen, wie wichtig Gehorsam und Folgsamkeit erachtet werden, all dies gilt als wichtiger Teil ihrer Erziehungspraxis.

Erziehungsziele oder Ziele der Erziehung sind

Sie können vermittelt und angestrebt werden


Beziehungen zwischen Erziehungsstilen und der Angstbewältigung (Depressionen)

In der Forschung zur Angstbewältigung gibt es einige wenige Arbeiten, die sich mit den Entwicklungsbedingungen vergleichsweise stabiler interindividueller Unterschiede im CopingVerhalten befassen. Es wird angenommen, dass Menschen sich danach unterscheiden, ob sie eine kritische Situation dadurch meistern, dass sie diese möglichst wenig zur Kenntnis nehmen, oder dadurch, dass sie ihr gerade besonders viel Aufmerksamkeit schenken Neben älteren Untersuchungen, die nahelegen, dass Represser in einem freundlichen, entspannten und ausgeglichenen Familienklima aufgewachsen sind, Sensitizer dagegen ihre Familien eher als unterdrückend, belastend und distanziert erfuhren, entwickelten Krohne, Wiegand, Kiehl, (1985) ein Zweispurigem für Vorhersagen von Angstbewältigungsdispositionen aufgrund der Erziehungsstildimensionen

Operationalisiert werden diese Dimensionen durch das Erziehungsstil Inventar (ESI, Krohne et al. 1985). Es konnte bestätigt werden, dass die Ausbildung vigilanter Informationsverarbeitung eng mit den Erziehungsstilmustern "häufiger und inkonsistender Tadel" und "wenig Unterstützung" verbunden ist. Represser berichteten von einer positiven Familienerziehung, was als ein Indiz für die generelle Tendenz vermeidender Angstbewältiger interpretiert werden kann, unangenehme oder bedrohungsbezogene Sachverhalte zu verleugnen (vgl. Krohne, Rogner & Schuhmacher 1988).

Siehe auch die Begriffsbestimmung: Erziehungsstil


Erziehungsstil aus Elternsicht

Das Prozessmodell von Belsky (vgl. Belsky 1984, zit. n. Reichle & Franiek 2009, S. 13) besagt, dass die individuellen psychologischen Ressourcen der Eltern, also die Elternpersönlichkeit, die Kindereigenschaften und die Eltern-Kind-Beziehung großen Einfluss auf das elterliche Erziehungsverhalten haben. Auch die Qualität der Paarbeziehung beeinflusst das Erziehungsverhalten, da Konflikte zwischen Elternteilen auf die Eltern-Kind-Beziehung übertragen werden (vgl. Engfer 1988, zit. n. Reichle & Franiek 2009, S. 13).
Petermann und Warschburger gehen davon aus, dass bei negativer Beeinflussung des elterlichen Erziehungsverhaltens die Kinder meist aggressiv, schüchtern oder hyperaktiv werden (vgl. Petermann & Warschburger 1995, zit. n. Reichle & Franiek 2009, S. 13).

Eine aktuelle Studie zur Vorhersage externalisierenden Problemverhaltens von Vor- und Grundschulkindern aus dem deutschen Sprachraum berichtet zwischen "engagierter, selbstbewusster Elternschaft", einem Aggregat aus zwei positiven Elternverhaltensweisen und hohem Selbstwirksamkeitserleben (Beelmann et al. zit. nach Reichle & Franiek 2009, S. 22).

Man unterscheidet zwei Faktoren des früheren Erziehungstils. "Reaktionsbereitschaft" mit den Polen "Liebe" versus "Feindseligkeit" sowie "Forderungen und Kontrolle" mit den Polen "fordernd, kontrollierend" versus "keine Anforderungen, geringe Kontrolle". Aus diesen beiden Kombinationen ergeben sich somit vier Erziehungsstile:

Das autoritative Verhalten

Das autoritative Verhalten der Eltern ist ein akzeptierendes, sensibles, kindzentriertes, forderndes und kontrollierendes Verhalten gegenüber dem Kind (vgl. Baumrind 1971). In der autoritativen Erziehung herrscht zwischen Eltern und Kindern eine offene Kommunikation: Alle dürfen ihre eigene Meinung äußern und hören den anderen zu. Die Eltern verhalten sich gegenüber ihren Kindern responsiv, gehen also feinfühlig auf ihre Kinder ein. Sie unterstützen die Selbstständigkeit  und  Individualität ihrer Kinder  und  beachten  sowohl die  Rechte  der Kinder als auch ihre eigenen. Bei Entscheidungen fragen sie die Kinder nach ihrer Meinung. Gleichzeitig erwarten die Eltern von ihren Kindern, dass sie sich altersentsprechend verhalten, und sorgen konsequent für die Einhaltung dieser Anforderungen sowie anderer Regeln. Diese Verhaltensstandards werden dem Kind erklärt und begründet. Falls nötig, werden auch Befehle und Sanktionen angewandt, oft auch stärkere, als zur Erlangung der Einwilligung des Kindes nötig gewesen wären (Baumrind, 1983, S. 135). Durch diesen Erziehungsstil weisen die Kinder bessere Schulleistungen, weniger Depressionen und Ängstlichkeit, höhere Eigenständigkeit und geringere Verhaltensprobleme auf (vgl. Steinberg 2001, zit. n. Reichle & Franiek 2009, S. 13). Diese Kinder haben höhere vorschulische Fertigkeiten, eine deutlichere Aussprache und mehr soziale Fertigkeiten (vgl. Dekovic & Janssens 1992, zit. n. Reichle & Franiek 2009, S. 13).

Das autoritäre Verhalten

Eltern, die den autoritären Erziehungsstil anwenden, sind wenig sensibel, elternzentriert, fordern und kontrollieren ihr Kind ständig (vgl. Baumrind 1971, zit. n. Reichle & Franiek 2009, S. 13). In der autoritären Erziehung schränken Eltern die freie Meinungsäußerung ihrer Kinder ein. Sie sind wenig responsiv und gehen kaum feinfühlig auf ihre Kinder ein, wirken der Individualität und Selbstständigkeit ihrer Kinder entgegen. Es gibt enge Grenzen, viele Regeln und Verbote als  für  ein  geordnetes  Zusammenleben wirklich notwendig  wären.  Für die  Einhaltung dieser Regeln wird oft Strafen (auch körperlichen) und weniger durch positive Verstärkung gesorgt. Sie legen einen rauen und barschen Erziehungsstil an den Tag, schreien, geben häufig negative Befehle, zeigen offenen Ausdruck von Ärger, machen physische Bedrohungen und sind aggressiv (vgl. Patterson & Reid 1970, zit. n. Reichle & Franiek 2009, S. 16). Diese Eltern sind der Meinung, dass Strafen effektiv sind, weil der Wille des Kindes gezügelt wird. Sie lassen sich auf keine Diskussionen über die Richtigkeit der Standards ein (vgl. Fagot 1995, zit. n. Reichle & Franiek 2009, S. 16).

Das permissive Verhalten

Das permissive Verhalten beschreiben die Autoren Reichle und Franiek damit, dass Kinder geringe Anforderungen und Kontrolle verspüren. Dennoch weisen die Eltern ein akzeptierendes, sensibles und kindzentriertes Verhalten auf (vgl. Baumrind 1971, zit. n. Reichle & Franiek 2009, S. 13). In der nachgiebigen Erziehung verhalten sich Eltern ihren Kindern gegenüber responsiv, unterstützen ihre Selbstständigkeit und Individualität und erfragen bei Entscheidungen ihre Meinung. Jedoch kommunizieren sie wenig Verhaltenserwartungen an ihr Kind, d.h., weder erwarten sie altersentsprechend reifes Verhalten noch die Einhaltung sinnvoller Regeln des Zusammenlebens. Dass die Kinder diesen wenigen Verhaltenserwartungen bzw. Regeln entsprechen, wird nicht konsequent durchgesetzt, sodass solche Eltern ihre eigenen Bedürfnisse und Rechte denen ihrer Kinder manchmal unterordnen.

Das vernachlässigende Verhalten

Eltern, die ihre Kinder mit dem vernachlässigenden Verhalten erziehen, sind ablehnend, wenig sensibel, elternzentriert, fordern und kontrollieren ihre Kinder nicht (vgl. Baumrind 1971, zit. n. Reichle & Franiek 2009, S. 13). Dadurch kommt es zu ansteigender negativer Konsequenz (vgl. Steinberg 1994, zit. n. Reichle & Franiek 2009, S. 13), wie zum Beispiel zu geringem Selbstwert, zu großem Problemverhalten einschließlich Delinquenz und Drogenmissbrauch.

Die Interkorrelationen der Skalen übertreffen die theoretischen Erwartungen. Darüber hinaus haben sich die Untersuchungen bezüglich Elternverhaltensweisen als entwicklungsförderlich erwiesen. Gleichfalls die Skalen, die unter ihren Effekten eher als problematische Erziehungsstrategien angesehen (Inkonsistenz, Geringes Monitoring, Körperliches Strafen). Die Skalen, die förderliches bzw. problematisches Verhalten abbilden zeigen ebenfalls negative Beziehungen (vgl. Reichle & Franiek 2009, S. 23).

Verantwortungsbewusstes Elternverhalten zeigt, dass nur bei Müttern der Zusammenhang mit oppositionell-aggressivem Verhalten, jedoch bei den Vätern eher der Zusammenhang mit emotionalen Auffälligkeiten besteht. Zudem passt sich der kindliche Entwicklungsstand dem elterlichen Erziehungsverhalten an (vgl. Reichle & Franiek 2009, S. 24). So lässt sich offensichtlich problematisches Erziehungsverhalten mit auffällig kindlichem Sozialverhalten und geringen sozial-semotionalen Kompetenzen des Kindes auf die Dimensionen „Inkonsistentes Erziehungsverhalten“ und „Geringes Monitoring“ zurückführen. Hingegen gehen kindliche sozial-emotionale Kompetenzen mit „Positivem Elternverhalten“, „Verantwortungsbewusstem Elternverhalten“ und „ Involviertheit“ einher (vgl. Reichle, Franiek. 2009, S. 22).

Eine Erziehungsempfehlung

Das National Institute of Child Health and Human Development empfiehlt den Eltern, in der Interaktion mit ihren Kindern also nicht nur unreflektiert zu reagieren. Die Autoren Borkowski, Ramey und Stile (vgl. Borkowski, Ramey, & Stile 2002, zit. n. Reichle & Franiek 2009, S. 16) legen Eltern nahe, bei Auseinandersetzungen innezuhalten, sich Ziele zu setzen, bewusst Entscheidungen zu treffen und das entsprechende Verhalten dann auch zu vollziehen. Denn erzieherische Haltungen werden einerseits durch das Verantwortungsbewusstsein des Erwachsenen gekennzeichnet und andererseits durch die Einschätzung der Situation unter Einbeziehung des Entwicklungsstands des Kindes.

Konsistenz elterlichen Erziehungsverhaltens

Viele Eltern sind bei der Kindererziehung manchmal unterschiedlicher Ansicht, was nicht unbedingt problematisch sein muss, denn die Kinder können dadurch lernen, dass das Leben voller Variationen steckt. Allerdings sollten Eltern in den Grundzügen an einem Strang ziehen. Miteinander zu reden ist die erste und wichtigste Aufgabe, denn wie man seine Kinder erziehen möchte, hängt in vielen Fällen auch davon ab, welche Erfahrungen man selbst in seiner Kindheit gemacht hat. Erziehungstraditionen werden in der Regel dadurch vererbt. Dabei können oft Welten aufeinanderprallen und Eltern müssen dann einen vernünftigen Mittelweg finden, indem sie gemeinsam überlegen, welche Regeln im Alltag gelten sollen: Darf das Kind im Bett der Eltern schlafen? Wie lange kann es aufbleiben und fernsehen? Wie lange kann es ausgehen? Vor allem müssen sich die Eltern darauf einigen, welche Werte sie in der Erziehung vermitteln wollen: Selbstbewusstsein? Vertrauen? Verantwortungsbewusstsein? Eigenständigkeit? Hilfsbereitschaft? Unabhängigkeit? Größere Differenzen in ihren Erziehungsansichten klären Eltern tets besser unter vier Augen, aber kleinere Auseinandersetzungen dürfen Kinder ruhig mitbekommen, wobei es wichtig ist dass die Diskussion sachlich und fair geführt und der Konflikt gelöst wird. Denn auch beim Streiten sind Eltern das beste Vorbild und können so ihren Kindern eine gepflegte Streitkultur vermitteln.

Deutsche erweiterte Version des Alabama Parenting Questionnaire für Grundschulkinder (DEAPQ-EL-GS)

Durch disee Erweiterung des Alabama Parenting Questionaire soll ein Instrument für den elterlichen Erziehungsstil aus der Sicht der Eltern von Grundschulkindern entwickelt werden. Durch die beschriebenen Dimensionen soll sowohl der Zusammenhang zwischen den Dimensionen beschrieben werden und als auch die Auswirkungen dieser Erziehungsstile auf die Kinder erfasst werden.

 


Mehr als zwei Drittel der in der 15. Shell-Jugendstudie repräsentativ befragten 15 bis 29Jährigen fürchten sich vor Arbeitslosigkeit (2002: 55 Prozent) und 58 Prozent von ihnen plädieren dafür, in Zukunft möglichst weniger Zuwanderer als bisher aufzunehmen. Klaus Hurrelmann ein Autor der 15. ShellJugendstudie fordert Trainingskurse für Väter und Mütter, die verpflichtend an die Anmeldung eines Kindes im Kindergarten oder der Grundschule geknüpft werden. Hurrelmann schätzt, dass es etwa 15 Prozent überforderte Elternhäuser gibt und 10 bis 15 Prozent Jugendliche, die in vielerlei Hinsicht belastet sind: durch materielle Armut, schlechte Bildungschancen, gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen, schädlichen Medienkonsum und einen düsteren Blick auf die eigene Zukunft. "Wir wissen, dass ökonomisch schwache Eltern mitunter problematische Erzieher sind." Neben Elternkursen sollte man daher über finanzielle Bonusregeln für kooperative Eltern nachdenken, die sich freiwillig in Erziehungsfragen beraten ließen. Und Schulen sollten sich auch 'schwieriger' Kinder offensiv annehmen."

Quelle: ZEIT Nr. 39 vom 21. September 2006.


Siehe dazu auch die Untersuchungen bzw. ein Testverfahren

Erziehungsstil Werner Stangl: Elterliches Erziehungsverhalten und schulische Befindlichkeit. Psychologische Beiträge 1985, 27, S. 283 290.
Erziehung Werner Stangl: Konsistenz elterlichen Erziehungsverhaltens. Psychologische Beiträge 1987, 29, 349375.
Stil Werner Stangl: Der Fragebogen zum elterlichen Erziehungsverhalten (FEV). Ein halbprojektives Testverfahren zur Messung elterlichen Erziehungsverhaltens. Zeitschrift für Differentielle und Diagnostische Psychologie 1989, Heft 3, S. 155168.

Siehe auch

Geschichte der Kindererziehung - Erziehung und Kultur

Wertewandel in der Kindererziehung - Neuere Entwicklungen in der Kindererziehung

Auswirkungen von Schichtunterschieden auf die Erziehung - Mögliche Ursachen dieser Unterschiede

Grenzen und Auswirkungen der Erziehung

Praktische Tipps zur Kindererziehung

Die drei Phasen der Abhängigkeit

Quellen und Literatur

Baumrind, D. (1971). Current patterns of parental authority. Developmental Psychology Monographs, 4, S. 1 - 103.

Baumrind, D. (1983). Rejoinder to Lewis's reinterpretation of parental firm control effects: Are authoritative families really harmonious? Psychological Bulletin, 94, 132 – 142.

Reichle, B. & Franiek, S. (2009). Erziehungsstil aus Elternsicht – Deutsche erweiterte Version des Alabama Parenting Questionnaire für Grundschulkinder (DEAPQ-EL-GS). Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 41 (1), 12-25.

Baumrind, D. (1991). Parenting styles and adolescent development (S. 746 – 758). In R. M. Lerner, A. C. Petersen & J. Brooks-Gunn, Encyclopedia of adolescence. New York: Garland.

Brezinka, W (1984). Erziehungsziele in der Gegenwart. Problematik und Aufgaben für Familien und Schulen. Pädagogische Rundschau, 38. Jahrgang, Heft 6,  713-740.

Domke, H (1991). Erziehungsmethoden. Aspekte und Formen des Methodischen in der Erziehung. In E. Weber (Hrsg.), Pädagogik. Eine Einführung. Band 2. Donauwörth: Auer.

Krohne, H.W., Wiegand, A., Kiehl, G.E. (1985). Konstruktion eines multidimensionalen Instruments zur Erfassung von Angstbewältigungstendenzen. In H.W. Krohne (Hrsg.), Angstbewältigung in Leistungssituationen (S. 6377). Weinheim: edition psychologie.

Krohne, H.W. & Rogner, J., Schuhmacher, A. (1988). Beziehungen zwischen elterlichen Erziehungsstilen und Angstbewältiungsdispositionen des Kindes. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 10 (2), S. 167183.

Lukesch, H (1976). Elterliche Erziehungsstile. Psychologische und soziologische Bedingungen. Stuttgart - Berlin - Köln - Mainz: Kohlhammer.

Schimpke, Patrick (2007). Gleichberechtigte Eltern-Kind-Beziehungen. Diplomarbeit. Universität Bielefeld: Abteilung für Psychologie.

Schneewind, K.-A (1980). Elterliche Erziehungsstile: einige Anmerkungen zum Forschungsgegenstand. In T. Herrmann & K.-A. Schneewind (Hrsg.), Erziehungsstilforschung. Theorien, Methoden und Anwendungen der Psychologie elterlichen Erziehungs­verhaltens (S 19-30). Bern - Stuttgart - Wien: Verlag Hans Huber.



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