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Modellvorstellungen für die Erklärung von Entwicklung

Die Entwicklungspsychologie hat zu erklären, warum es zu Veränderungen kommt, warum es zu Stabilitäten kommt, und warum es diesbezüglich inter- und intraindividuelle Unterschiede gibt. Die Bedingungen können intern (in der Natur der Spezies Mensch, in den individuellen Anlagen, in der Person) liegen, sie können extern (in der physischen, sozialen oder sozial gestalteten Umwelt) sein. Interne und externe Bedingungen können additiv wirken oder interagieren.

Betrachtungsmöglichkeiten von Entwicklung

Modellvorstellungen

Vorwissenschaftliche Auffassungen zu Lebensphasen und Periodisierungen des Lebenslaufs

Schon seit langer Zeit wurde versucht, das menschliche Leben in abgrenzbare Abschnitte zu unterteilen, wobei neben dem chronologischen Alter auch psychische Merkmale und soziologische Kriterien herangezogen wurden.

Entwicklung phylogenese anthropogenese Ontogenese Aktualgenese

 

Erbanlagen und Entwicklungsumwelt

VererbungEs gibt keine Entwicklung ohne Erbanlagen, deren Gesamtheit als Genotyp bezeichnet wird. Erbanlagen brauchen für ihre Entwicklung eine geeignete Umwelt, von der Befruchtung an in allen Lebensperioden. Bis in unsere Tage entbrennen aber heftige Kontroversen über die Frage, ob den individuellen Erbanlagen oder den individuell erfahrenen Umwelteinflüssen mehr Gewicht bei der Entwicklung des Erscheinungsbildes (des Phantoms) mit Fähigkeiten, Motivationen, psychologischen Merkmalen und Störungen zukomme. Die Heftigkeit der Kontroversen ist insofern verständlich, als sich erhebliche praktische Konsequenzen aus der Beantwortung dieser Fragen ergeben. Würde die Vererbung die Entwicklung determinieren, könnte man nur über eugenische Maßnahmen Einfluß nehmen; wäre die Umwelt ein wesentlicher Entwicklungsfaktor, wären Bildungs-, Familien-, Wirtschafts- oder sozialpolitische Maßnahmen möglich. Voreingenommene Meinungen sind ebenso verbreitet wie unsinnig: Empirische Forschung sollte Antworten auf die anstehenden Fragen geben. Die Fragen müssen allerdings präzise formuliert werden, und es bedarf sorgfältigen Nachdenkens, wie die Forschung anzulegen ist, die gültige Antworten erlaubt.

Wenn Anlagen und Umwelt bei der Entwicklung psychologischer Merkmale immer zusammenwirken, ist es dann nicht unsinnig, nach dem Gewicht von Anlagen und Umwelt zu fragen? So kann die Frage in der Tat nicht sinnvoll gestellt und nicht beantwortet werden. Folgende Frage kann allerdings gestellt werden: Welche interindividuellen Unterschiede (1) im Genotyp und (2) in der Entwicklungsumwelt sind bei der Herausbildung phänotypischer Unterschiede wie bedeutsam? Die methodischen Vorfragen liegen auf der Hand: Wie erfaßt man Unterschiede im Genotyp und wie erfaßt man Unterschiede in der Entwicklungsumwelt, um herauszufinden, ob diese Unterschiede bei der Herausbildung von Fähigkeiten, Motivationen, psychologischen Merkmalen und Störungen eine Rolle spielen. Bezogen auf die genotypischen Unterschiede ist die Genetik und die Verhaltensgenetik gefragt, bezogen auf die Entwicklungsumwelt ein ganzes Spektrum von Wissenschaften, nämlich alle Verhaltens-, Sozial- und Kultur- und Ökowissenschaften.

Erbanlagen Entwicklungsumwelt anlage umweltDie Frage nach dem relativen Gewicht von Anlage- und Umwelteinflüssen oder über das Zusammenwirken von beiden ist spezifisch für einzelne Erwerbungen oder Entwicklungsdimensionen zu beantworten. Man kann nicht von einem psychologischen Merkmal, einer Fähigkeit, Motivation oder Störung auf andere generalisieren. Es gibt z.B. Störungen und Erkrankungen, für die es genetische Dispositionen gibt, die sich in einem sehr weiten Spektrum von Entwicklungsumgebungen, wenn nicht gar universell auswirken. Es gibt andere, in denen die Risiken einer genetischen Disposition durch günstige Entwicklungskontexte ausgeglichen werden können.

Anne Anastasi warnte in einem damals viel beachteten Aufsatz davor, in der Debatte über Anlage- und Umwelteinflüsse die falschen Fragen zu stellen. Sie betont, daß es viele Wege des Zusammenwirkens von Anlagen und Umwelten gibt und daß es sinnvoller sei, diese Wege zu erkunden als nach Einflußanteilen zu fragen. Nur einige wenige unterschiedliche Formen des Zusammenwirkens seien zur Illustration dieses Suchansatzes genannt. Die Umwelt kann fördernd, behindernd, kompensierend auf den anlage geprägten Menschen wirken. Dollase spricht in diesem Zusammenhang von Koaktionen. Die Anlage zum Übergewicht kann durch Nahrungsangebot und -gewohnheiten zu voller Entfaltung kommen oder aber kompensiert werden. Intellektuelle Hochbegabung kann behindert werden in einer restriktiven, anregungsarmen Umwelt oder angemessen gefördert werden. Einige Auswirkungen von Anlagen werden erst durch die Bewertung, die die Umwelt vornimmt, produziert: Das Schönheitsideal ist kulturell geprägt, die normativen Bewertungen entscheiden über Selbstwert und Lebenschancen. Nicht selten wurden körperlichen Merkmalen Charakterzüge zugeordnet, was sich im Sinne von Etikettierungseffekten auf die zukünftige Entwicklung auswirkt. Es gibt Anlagefaktoren für psychopathologische Entwicklungen (z.B. Schizophrenie): Ob es tatsächlich zu pathologischen Entwicklungen kommt, hängt von der Umwelt ab. Die Koaktionen zwischen Anlage und Umwelt sind sicher vielfältig; Aufgabe entwicklungspsychologischer Forschung ist es, die Art des Zusammenwirkens zu erkunden. Die Realisierung dieses Forschungsprogrammes steht erst am Anfang.

Reifung siehe dazu: Abgrenzung Lernen - Reifung - Prägung

Als Reifung wird die gengesteuerte Entfaltung der biologischen Strukturen und Funktionen verstanden. Die Analyse der Reifungsvorgänge (des Zentralnervensystems, des Muskel- und Skelettapparates, der hormonalen Veränderungen usw.) ist nicht Gegenstand der Psychologie, sondern biologischer Wissenschaften. In der Entwicklungspsychologie werden beobachtete Veränderungen auf Reifung zurückführt, die universell in einer Altersperiode und weitgehend ohne Lernen in einem weiteren Sinn auftreten. Säuglinge werden bereits mit einem umfangreichen Verhaltensrepertoire geboren, dessen Erwerb nicht auf extern gesteuertes Lernen zurückgeführt werden kann. Wir beobachten universell selbständiges Gehen um den 12./13. Lebensmonat, Zwei-Wort-Sätze um den 18. Lebensmonat, erste logische Operationen um das sechste Lebensjahr. Wir kennen heute zwar noch keinen Weg, den Erwerb dieser Kompetenzen durch Lernanordnungen deutlich vorzuverlegen, und jede für die Spezies Mensch normale, also nicht deprivierte, Umwelt reicht für ihre Entwicklung aus.

Reifung wurde in der Entwicklungspsychologie sozusagen negativ definiert: nämlich als jener Prozeß, der anzunehmen ist, wenn Erwerbungen nicht auf Erfahrung, Übung, Erziehung, Sozialisation oder gedankliche Erkenntnisgewinnung zurückgeführt werden können. Aus dieser negativen Definition ergeben sich Methoden des "Nachweises" von Reifung. Wenn Erfahrungs-, Übung-, Lernmöglichkeiten ausgeschaltet sind und trotzdem keine deutliche Verzögerung im Erwerb eines Merkmals eintritt, greifen wir auf das Erklärungskonstrukt "Reifung" zurück, ohne daß damit schon geklärt wäre, was diese Reifungsprozesse im einzelnen sind, wie sie gesteuert werden und welche Minimalopportunitäten durch die Umwelt gegeben sein müssen. Daß Reifungsprozesse kontextbezogen sind, wurde dabei vernachlässigt. Die organismischen biophysiologischen Kontextbedingungen (deren Manipulation auch planmäßige Verzögerungen und Beschleunigungen der Entwicklung ermöglichen) sind nicht Forschungsgegenstand der Psychologie, die externen Kontextbedingungen sind es wohl.

Eine experimentelle Ausschaltung von Erfahrungsmöglichkeiten ist im Tierversuch häufig realisiert worden, beim Menschen gibt es wohl verstandene ethische Schranken. Erkenntnisse müssen aus Experimenten des Lebens gewonnen werden, in denen eine Einschränkung von Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten durch widrige Umstände gegeben war. Diesbezüglich wäre der glaubwürdigen Beobachtung sogenannter Wolfskinder, die ohne menschliche Kontakte aufwuchsen, und Fällen extremer Deprivation eine besondere Bedeutung zuzuschreiben.

Außerdem liegen viele verwertbare Berichte über Extremvarianten kultureller Erziehungs- und Entwicklungsbedingungen vor, die hinsichtlich ihrer Auswirkungen beurteilt werden können. So sind Kulturen beschrieben worden, in denen die Säuglinge in ihren ersten Lebensmonaten in ihrer Bewegungsfreiheit durch Binden stark eingeschränkt waren (was für die Hopi-Indianer galt). Wenn sich bei diesen Kindern kein deutlicher Entwicklungsrückstand in der Entwicklung der Motorik ergab, hat man dies als Beweis gewertet, daß diese motorischen Funktionen auf Reifung beruhen. Tatsächlich hat man Retardierungen der motorischen Entwicklung beobachtet, die aber sehr rasch behoben waren, wenn man Bewegungsfreiheit gewährte.

Spezifische Erfahrungsdeprivationen sind in vielerlei Konstellationen gegeben. Taub Geborene hören keine Sprache: Sind dadurch Retardierungen der Sprachentwicklung und der geistigen Entwicklung gegeben? Welche Auswirkungen der geistigen Entwicklung haben Blindheit, motorische Beeinträchtigungen durch Lähmungen oder Gliedmaßenverstümmelung (Contergan-Kinder)? Durch welche Maßnahmen sind sie zu kompensieren? Welche Effekte haben Ausfall der Schuldbildung, soziale Isolation wie Haft oder Leben mit einer autistischen oder schizophrenen Mutter? Spielt die Dauer der Deprivation eine Rolle und die Lebensperiode, in der sie gegeben ist? Die Auswirkungen sind jeweils hinsichtlich ihres Ausmaßes und ihrer Reversibilität, ihrer aktuellen und langfristigen Effekte zu beurteilen.

Vergleiche dazu die Perspektive des dialektischen Entwicklungsbegriffes bei Wygotski

Neuere Ansätze in der Entwicklungspsychologie

Entwicklung durch herausfordernde Probleme, Krisen und Ereignisse im Lebenslauf

Gehirne von Heranwachsenden arbeiten unterschiedlich

"Geschlechtstypisches" Spielzeug?

Studie untersucht Erblichkeit bei Zwillingen - Verhalten und Vorlieben teilweise genetisch bedingt

Hauptquelle: Oerter, Rolf & Montada, Leo (Hrsg.) (1995). Entwicklungspsychologie. Weinheim: PVU.

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