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Carl Gustav Jung

Jung war der Mystiker unter den Vätern der Psychoanalyse, denn während Freud vieles vom Sexualtrieb ableitete und Adler den Machttrieb in den Vordergrund stellte, sah der humanistisch denkende und in protestantischer Tradition aufgewachsene Schweizer Jung das Individuum in Verbundenheit mit den "Ahnen", also durchaus heidnisch als magisches Wesen. Er lebte mit dem Bewusstsein, in eine Familie geboren worden zu sein, die sich aufs Visionäre verstand: der eine Großvater war Geistlicher und hatte tatsächlich mit "Geistern" Kontakt, der andere war Freimaurer und ein Hoch-Eingeweihter in esoterischen Praktiken. Er galt als ein unehelicher Sohn Goethes. Jung war sich dessen sicher und betonte zeitlebens die Abstammung von dem Dichterfürst. Seine Mutter fiel regelmäßig in Trance und gab dann seltsame Worte und Töne von sich, sie verkehrte in diesen Zuständen ebenfalls mit Geistern und blieb dem Sohn immer ein rätselhaft, geheimnisumwittertes Wesen. Zwar Mutter, aber doch auch Fremde - anziehend und furchteinflößend schrecklich zugleich.

In der Jungschen bzw. Analytischen Therapie gilt der Traum als der wichtigste Wegweiser zum Unbewussten. Hier findet die Begegnung mit den Archetypen statt, die durch die Traumbilder zu uns sprechen. Einer der wichtigsten Aspekte jeder Therapie liegt für Jung daher in der Individuation, in der Selbstwerdung, in der Begegnung mit "dem Göttlichen in uns selbst".  Jungs Reise ins Reich der Mythen und Symbole hat zu einer materialreichen Sammlung geführt, die zum Gegenstand philosophischer und anthropologischer Forschung geworden ist. Vor allem in sinnsuchenden und literarischen Kreisen traf und trifft seine Weltanschauung auf Interesse. Ausgangspunkt und einziges Erkenntnismittel im Hinblick auf die Erforschung der psychischen Realität ist für C.G. Jung die "Erfahrung", wobei damit vor allem die "innere" Erfahrung gemeint ist, also das Bewusstwerden seelischer Inhalte. Jung greift dabei auf persönliche Erfahrungen, Erfahrungen seiner Analysanden und auf den Niederschlag gesamtmenschheitlicher Erfahrungen in der Geistesgeschichte zurück und gewinnt so seinen empirischen Zugang zur Seele. Im Gegensatz zu Freud begreift Jung das Unbewusste neben dem Aspekt des persönlichen Unbewussten noch in einem kollektiven Sinne. Nach seinem Verständnis haben die aus allen Kulturen überlieferten Mythen und Märchen ihre Wurzeln in individuellen Träumen und Visionen, die zugleich stellvertretenden Charakter haben.

Seine Haupttätigkeit besteht darin, Tatsachenmaterial zu sammeln, dieses zu beschreiben und dann zu erklären. Die sich daraus ergebenden Ansichten betrachtet Jung selbst "als Vorschläge und Versuche zur Formulierung einer neuartigen naturwissenschaftlichen Psychologie, welche sich in erster Linie auf die unmittelbare Erfahrung am Menschen gründet". So versteht Jung sein Theoriegebäude weder als ein in sich abgeschlossenes System noch als ein zur Wissenschaft erhobenes Dogma. Grundthese und Ausgangsbasis aller Jungschen Überlegungen ist die Annahme der "Wirklichkeit der Seele". Als leibseelisches Wesen hat der Mensch Anteil an der seelischen Wirklichkeit. Damit fragt Jung nicht nach der Seele des Menschen, sondern nach der Qualität der Beziehung des Menschen zur seelischen Wirklichkeit. 


Die analytische Psychologie steht im Spannungsfeld zwischen der Freud'schen Tiefenpsychologie und der Psychologie dessen Schülers Adler. Während Freud und Adler nur sehr spezielle psychische Antriebe betrachteten, versuchte Jung mit seiner Ganzheitspsychologie, den Menschen gesunden zu lassen und ihm ein ausgeglichenes Leben zu ermöglichen. Der zentrale Begriff der menschlichen Psyche ist das Selbst. Dieses Selbst ist die Ganzheit der menschlichen Psyche und umfasst bewusste und unbewusste Persönlichkeitsteile und strebt eine Harmonisierung der Psyche an. Bewusst ist lediglich das Ich-Bewusstsein und ist somit lediglich ein winziger Teil dessen, was die menschliche Persönlichkeit ausmacht. Die Arbeitsmittel des Ichs sind Sinneswahrnehmung und Denken, Fühlen und Intuition. Je nach dem, welches Begriffspaar dem ICH näher liegt, handelt es sich um einen introvertierten Menschen oder einen extravertierten Menschen. Wesentlich umfangreicher als das Ich-Bewusstsein ist der unbewusste Teil des Menschen, der sich aufspaltet in das persönliche Unbewusste und das kollektive Unbewusste Zum persönlichen Unbewussten. gehört die Summe aller verdrängten Verhaltensweisen und Gefühle, dem Schatten. Ein spezieller Aspekt dieses Schattens sind die verdrängten, gegengeschlechtlichen Verhaltensweisen: Animus oder Anima. Das kollektive Unterbewusste ist eine Instanz, die sämtliche gemein-menschlichen Erfahrungen beinhaltet, die sich und in Bildern zeigen.

Das Unterbewusstsein ist der Sammelbegriff für alle Ursachen, die zwar auf unser Handeln wirken, aber durch das Ich-Bewusstsein nicht wahrgenommen werden können. Dabei handelt es sich bei dem persönlichen Unterbewussten beispielsweise um Vergessenes, Verdrängtes, um unterschwellig Wahrgenommenes, abgewehrte Triebe, Fixierungen und Programmierungen, um eingespielte Verhaltensabläufe, frühkindliche Prägungen und latente Begabungen. Das kollektive Unterbewusste ist ein Sammelbegriff für die genetisch verankerten Voraussetzungen des psychologischen Funktionierens und die Gesamtheit der allgemeinen Erfahrungs-, Verhaltens, und Entwicklungsmöglichkeiten. Es ist für den Menschen recht einfach festzustellen, wann das Unterbewusstsein Impulse zum Handeln gibt. Wann immer es nach außen durchbricht, wird die ICH-Bewußtseins-Kontinuität gestört. Das bedeutet. dass der Mensch in diesem Augenblick selbst ein diskontinuierliches Handeln fühlt. Dies ist nicht verwunderlich, da der plötzliche Handlungsimpuls nicht von ihm selbst kommt. Wenn also in einem Gespräch ein bestimmtes Wort fällt, auf welches man plötzlich unangemessen emotional reagiert, so kann man unter Umständen davon ausgehen, dass hier das Unterbewusstsein reagierte; offenbar wurde durch das Wort ein wunder Punkt angesprochen. In der analytischen Psychologie wird eine solche Abweichung des Verhaltens als Komplex bezeichnet. Die Erforschung der Komplexe ist der Königsweg zum Unterbewussten

Komplexe entstehen dadurch, dass fördernde oder hemmende Reaktionen der Umwelt auf die Verhaltensweisen des Menschen wirken und so bestimmte, wertneutrale Bedürfnisse, Verhalten oder Gefühle als angenehm oder unangenehm, als richtig oder falsch erscheinen lassen. Dementsprechend werden einige Aspekte der Persönlichkeit und Welterfahrung positiv, andere negativ "aufgeladen". Die Person, die in diesem Augenblick ein komplexbehaftetes Verhalten zeigt, hat keine Möglichkeit, dieses Verhalten zu unterbinden, da diese Handlung einer willensmäßigen Kontrolle unzugänglich ist.

Es lassen sich zwei verschiedene Komplexebenen unterscheiden:

Da komplexbehaftetes Handeln weite Bereiche von positiven Lebensmöglichkeiten ausschließt, ist es ein konstruktives Ziel, diese störenden Handlungsweisen auszuschalten. Der Weg dorthin führt unter anderem über die genaue Beobachtung der ICH-Bewußtseins-Kontinuität. Das Unterdrücken bestimmter Persönlichkeitsteile führt zur Entwicklung von Teilpersönlichkeiten, die die unterdrückten Persönlichkeitsteile aufnehmen müssen. Die erste Teilpersönlichkeit ist der sogenannte Schatten. Er umfasst häufig Geiz, Egoismus, Aggressivität, Triebhaftigkeit, Neid, Habgier, usw.. Die zweite Teilpersönlichkeit umfasst ausschließlich die gegengeschlechtlichen Schattenaspekte. Bei dem Mann wird diese Teilpersönlichkeit Anima genannt, bei der Frau ist es der Animus. Die Anima symbolisiert folgende unterdrückte, weibliche Handlungsweisen: Kommunikationsfähigkeit hinsichtlich persönlicher Belange, Einfühlungsvermögen, Beziehungsfähigkeit, der Zugang zu seinem Körper und seinen Gefühlen, Anpassungsfähigkeit. Der Animus symbolisiert unterdrückte, männliche Eigenschaften, wie Aggression, Triebhaftigkeit, Mut, Risikobereitschaft, Eigeninitiative, geistige Selbständigkeit, Innovation. Da diese Inhalte aber nicht vollkommen zu unterdrücken sind, kehren sie nach außen über Projektionen auf andere Personen und Gegenstände zurück. In dem Maße, in dem man sich mit sich selbst versöhnt, versöhnt man sich also auch mit seiner Umwelt.

Komplexe, die allen Menschen auf der Erde gemeinsam sind, nennen sich Archetypen. Sie bestehen seit der Existenz des Bewusstseins. Archetypen existieren, weil sowohl physisch, als auch psychisch in der Struktur des Menschen feste Gesetze bestehen, denen alle Menschen gehorchen. Blickt man zurück in die Vergangenheit, so wird man feststellen, dass sich alle Menschen zu allen Zeiten immer mit einer gleichen Basis von Problemen beschäftigten: Dem Verhältnis zu den Naturmächten, dem Umgang mit Trieben und anderen Grundbedürfnissen, dem Problem von Gut und Böse, der Beziehung zwischen den Geschlechtern, den Problemen verschiedener Lebensalter, dem Umgang mit Unglück und Tod, der Beziehungen zum Transpersonalen und der Frage nach dem Sinn des Lebens. Jede Gesellschaft und jeder Mensch sieht sich mit diesen archetypischen Problemen konfrontiert. Wenn man in solch einer Problematik verstrickt ist, so wird man nicht nur feststellen, dass die Problematik alt ist, sondern auch die Lösung Generationen vorher prinzipiell immer die Gleichen war. Das kollektive Unterbewusste ist der Teil in unserer Psyche, den wir haben, weil wir Menschen sind, und als solche bestimmte Grundfunktionen haben.

Das ICH ist jene Instanz der Persönlichkeit, die der Träger des Bewusstseins. von Außen-, und Innenwelt und der eigenen Identität ist. Obwohl uns das ICH am vertrautesten ist, ist nichts so schwierig, wie das ICH zu verstehen. Das ICH versucht, sich in dieser Welt zu orientieren; dies geschieht besonders durch vier Hauptfunktionen: Sinneswahrnehmung, Denken, Fühlen, Intuieren. In der Regel hat ein Individuum nur eine oder zwei Grundfunktionen ausreichend ausgebildet, so dass die Persönlichkeit unausgereift bleiben muss. Menschen, die besonders den Sinneswahrnehmungen und dem Denken verhaftet sind, bezeichnet Jung als extrovertierte Menschen. Die gegenteiligen Menschen, die Introvertierten, basieren hauptsächlich auf Fühlen und Intuition. Eine Bewusstseinserweiterung ist demnach immer eine Differenzierung und Ausgestaltung der bisher verkümmerten Funktionen. Des Weiteren wird das ICH von zwei anderen grundlegenden Fähigkeiten gebildet: der ICH-Stabilität und der ICH-Flexibilität. Die ICH-Stabilität dient der Abgrenzung, Ausschließung und Unterscheidung. Sie kann Überhand nehmen in ICH-Verkrampfung und ICH-Starre. Die ICH-Flexibilität ist für die Offenheit gegenüber neuen Einflüssen verantwortlich, um sich wandeln zu lassen. Eine Übersteigerung endet in ICH-Desorientierung und ICH-Auflösung.

Das Selbst ist das Zentrum der ganzen Persönlichkeit und somit die zentrale Steuerungsinstanz, die mit dem Augenblick der Befruchtung der Eizelle wirksam wird und alle Entwicklungsprozesse strukturiert. Die Entwicklungsmöglichkeiten, die im Selbst als Potenz angelegt sind, hängen in ihrer Realisierung von Umwelt und Gesellschaftsverhältnissen ab, besonders aber von der Beschaffenheit des Ich-Bewusstseins. Von seiner Fähigkeit, sich dem Selbst gegenüber zu öffnen, hängt der Verlauf dessen Entwicklung ab. Das Ich ist der bewusste Vertreter des Selbst, sein Auge, mit dessen Hilfe das Selbst sich selbst erkennen kann. Das Selbst kann sich identifizieren mit Tieren, Kristallen und den Sternen. Es ist der Gott in uns.

Individuation heißt, zu dem zu werden, der man wirklich ist, und meint einen Differenzierungsprozess, der die Entfaltung aller Fähigkeiten, Anlagen und Möglichkeiten eines Individuums durch stufenweise Bewusstwerdung und Realisierung des Selbst zum Ziel hat.

Bei der Ich-Werdung liegt der Schwerpunkt auf der Differenzierung der individuellen Persönlichkeit. Bei der Geburt trennt sich das ICH vom Selbst. Dieser Zustand der Trennung wird im Leben des Menschen zunächst dadurch überwunden, dass er sein Selbst in andere Menschen hineinprojeziert. Sei es beispielsweise die Mutter, der Klassenlehrer oder der Nationsführer. Das Selbst in seiner vorgeburtlichen Einheit wird bei der Geburt in seine polaren Gegensätze aufgespalten, meist ohne die Aussicht, im Laufe des Lebens auch wieder vollständig integriert zu werden. Denn in seiner Entwicklung ist der Mensch immer gezwungen, sich seiner sozialen Umgebung anzupassen; dies geht immer auch auf Kosten von sehr positiven Anlagen, die aber in der Außenwelt nicht gewürdigt oder toleriert werden. Um seine Entwicklung zu schützen, werden die von außen unerwünschten, aber zum Selbst gehörenden, Anlagen negativ "geladen" und ab diesem Zeitpunkt gemieden und abgewehrt.

Im Laufe der Pubertät versuchen die jungen Menschen, sich auf das allgemeine Geschlechtsideal einzustellen. Dabei kommt es zwangsläufig zu einer überstarken Ablehnung der geschlechtsfremden Charaktereigenschaften. Im Normalfall werden diese Menschen im Erwachsenenleben die übertrieben geschlechtsspezifischen Handlungen weiterführen, und so einen gegengeschlechtlichen Schatten aufbauen: Die Anima beim Mann und den Animus bei der Frau. Obige Lernvorgänge entsprechen der Bildung der Komplexe und des Schattens.

Was der Mensch nach außen zeigt, wird seine Persona genannt. Eine gesunde Persona ist für das Leben in der Gesellschaft dringend erforderlich. Die Persona und auch das Ich-Bewusstsein sollten in der Lebensmitte (35. - 40. Lebensjahr) ausgereift sein.

Für viele Menschen ist mit der ICH-Verwirklichung das Ende der psychischen Entwicklung erreicht. Das Leben spielt sich nur noch in gesellschaftlich vorgegebenen Bahnen ab, das Bedürfnis nach Sicherheit und Ordnung steigert sich. Nur wenige Menschen stellen sich in der Lebensmitte oder danach, meist aufgerüttelt durch eine Krise oder Not, die bange Frage nach dem, wie es jetzt weitergehen soll.

Die Individuation, also die Selbst-Verwirklichung und die Frage nach dem Lebenssinn sind die eigentlichen Anliegen Jungs. Während dieses Vorgangs wird die bisherige Entwicklung der Psyche weitergeführt, wenn auch mit einem umgekehrten Vorzeichen: Es geht nicht mehr darum, mehr und mehr eigene Wesensarten auszuschließen, damit man der Umwelt angenehm ist, es geht vielmehr darum, diesen Vorgang wieder rückgängig zu machen. Das ICH setzt sich nun mit all den ehemals unterdrückten Persönlichkeitsmerkmalen auseinander und versucht sie wieder in einer Person zu integrieren. Dies bedeutet im Einzelnen: Bewusstmachen unbewusster Komplexe, Auseinandersetzung mit der Persona und dem eigenen Schatten und die Herstellung einer Beziehung zum inneren Geschlecht (Animus/Anima). Das große Problem dabei ist folgendes: Die Bewusstmachung des Selbst erzeugt nun gerade jene Konflikte, die man durch ihr Unbewussthalten zu vermeiden versucht hatte. Das Ich-Bewusstsein geht den leidvollen Weg der Kreuzigung des Ausgespanntseins zwischen den Polaritäten der Psyche. Nun ist es sich der Gegensätze im Leben voll bewusst Deshalb können die mit einer Individuation auftretenden Leiden nicht vermieden werden. Der Mensch muss. die Spannung so lange aushalten, bis eine Vereinigung der Polaritäten auf höherer Ebene möglich wird. Im Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit, Schwäche und Ausgeliefertheit kommt das ICH zu einer demütigen Haltung, in der es sich den schöpferischen und Gegensatz vereinigenden Impulsen des Selbst öffnet. Ziel ist es, die innere Mitte zu finden, einen von Konflikten der Gegensätze unberührte Region der Stille. Dieser Zustand hat nichts überwältigend Großes, Bedeutungsvolles, Heiliges, sondern findet seinen Ausdruck viel eher in schlichten, einfachen Worten: heitere Gelassenheit, Frieden mit sich selbst, in sich ruhen können, das Leben so nehmen, wie es ist. Das Einlassen auf den Individuationsprozess vermittelt dem Menschen einen Lebenssinn und Lebensfülle.

C. G. Jung unterscheidet in "Psychologische Typen" vier Bewusstseinsfunktionen, nämlich Denken, Fühlen, Empfindung und Intuition. Bei jedem Menschen dominiert in der ersten Lebenshälfte eine der vier Funktionen. Mit der dominierenden Funktion richtet sich der Mensch im Leben ein. C. G. Jung nennt sie "superiore Bewusstseinsfunktion". Diese wird unterstützt durch eine auxiliäre Funktion. Die beiden anderen Funktionen sind mehr oder weniger unbewusst. Sie bilden daher die unbewusste Disposition zu den beiden bewussten Funktionen und werden minore Funktionen genannt. C. G. Jung unterscheidet zwischen wertenden und wahrnehmenden Bewusstseinsfunktionen. Wertend sind Denken und Fühlen. Denken wertet in Begriffen richtig und falsch, Fühlen nach "angenehm" und "unangenehm". Demgegenüber werten Empfindung und Intuition nicht sondern nehmen wahr. Die Empfindung nimmt mit den Sinnesorganen die Welt wahr wie sie ist, die Intuition die verborgenen Möglichkeiten, die in den Dingen liegen. C. G. Jung unterscheidet aber nicht nur unter vier Bewusstseinsfunktionen sondern auch zwischen zwei Bewusstseins-Einstellungen, zwischen Extraversion und Introversion. Der extravertierte Mensch orientiert sich in erster Linie an der Aussenwelt, an den äußeren Bedingungen und Normen, am Zeitgeist, an dem, was gerade "in" ist, der introvertierte Mensch primär an seinen psychischen Bedingungen, an seiner Innenwelt mit ihren Bildern und Symbolen. Daraus ergibt sich eine differenzierte Klassifizierung inextravertiertes Denken, extravertiertes Fühlen, extravertierte Empfindung, extravertierte Intuition, introvertiertes Denken, introvertiertes Fühlen, introvertierte Empfindung, introvertierte Intuition.


Jung heute

14 Jung'sche TherapeutInnen haben in einem Buch ("Lieber C.G. Jung - Was ich Ihnen schon immer sagen wollte", Walter Verlag) an Jung teils persönliche, teils wissenschaftliche Briefe geschrieben. Sie, die zweite Schüler-Generation, hat inzwischen seine Konzepte vertieft und erweitert. Jung selbst hat vor Jungianern gewarnt. "Ich kann nur hoffen und wünschen, dass niemand 'Jungianer' wird. Ich vertrete ja keine Doktrin, sondern beschreibe Tatsachen." (Briefe II, Seite 9) Die erste Generation der Jung-Schüler arbeitete noch ganz im Bann und zum Teil in Fixierung auf C.G. Jung. Die zweite Generation setzt sich auch mit seinen Schwächen, Fehlern und Schattenseiten auseinander. Jung selbst hat darauf hingewiesen, dass, wo viel Licht, notwendigerweise auch viel Schatten ist. Gegenüber den Nazis war er - bis 1936 zumindest - politisch nicht nur naiv, sondern aus heutiger Sicht beinahe unverzeihlich leichtfertig. In seiner Auseinandersetzung mit dem Juden Freud zeigt sich der christliche Tiefenpsychologe Jung nicht frei von antisemitischen Vorurteilen.

 

Unterschied zu Freud

Die materialistisch orientierte Freud'sche Psychoanalyse wird heute zunehmend in Frage gestellt und stellt sich selbst in Frage, während die spirituell inspirierte analytische Psychologie C.G. Jungs an Bedeutung gewinnt. Freud, der in den meisten Konflikten nicht verarbeitete Triebprobleme sieht, ist wohl eher der Psychologe der ersten Lebenshälfte. Seine Psychologie ist retrospektiv. Jungs Tiefenpsychologie ist eher perspektivisch. Jung hat erkannt, dass die meisten Probleme seiner PatientInnen über 35 im Grunde religiöser Natur sind. Er ist der Psychologe der Lebensmitte und der zweiten Lebenshälfte. Freud verfolgt die Probleme der Erwachsenen zurück in die Kindheit. Freud schaut fast immer zurück. Jung blickt nach vorn. Freud ist regressiv, Jung progressiv. Freud will langwierige seelische Tiefenbohrungen und landet fast immer bei Mutter- und Vaterkomplexen; und das bei therapeutischen Behandlungen, die vier bis fünf Jahre und noch länger dauern. Jung hingegen und seine SchülerInnen wollen möglichst rasch "Individuation", Emanzipation, Selbständigkeit und geistige Widerstandskraft mobilisieren. Jung zeigt einen Weg vom Ich der ersten Lebenshälfte zum Selbst der zweiten Lebenshälfte. Eine Jung'sche Therapie dauert im Schnitt 18 Monate. Das Ziel der Jungschen "Individuation" ist die Entfaltung des Selbst. Das Selbst ist die psychische Ganzheit des Menschen, der tiefste innerste Bereich der Persönlichkeit: "Was die Jugend außen fand und finden musste, soll der Mensch des Nachmittags innen finden." (Gesammelte Werke, Band 7, Seite 81). Seine Lehre ist wie viele andere auch geprägt von der eigenen Biographie. Viele Jahre nach seinem "Vatermord" am älteren und lange von ihm bewunderten Sigmund Freud in den Jahren 1911/12 hat er erst seinen eigenen Weg der Seelenforschung gefunden - nach einer klassischen und schmerzhaften Krise in der Mitte seines Lebens. Jung bedauerte, dass es keine staatlichen Schulen für die zweite, die entscheidende Lebenshälfte gibt. Aber Jung zeigte uns dafür die Schulen in uns: die individuellen seelischen Entwicklungswege, die Träume, das Unbewusste.

Religion und Psychologie

Religion ist nach Jung die Möglichkeit, die Seele zu entdecken; Freud sieht in der Religion zuerst die Möglichkeit, dass Seelische zu verdrängen. Religion ist für Freud wie für Marx Opium, für Jung psychische Energie. Nach Jung krankt jeder in letzter Linie daran, dass er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht, was mit Konfession oder Zugehörigkeit zu einer Kirche natürlich nichts zu tun hat (Gesammelte Werke, Band 11, Seite 362). Die heutige Psychologie - maßgeblich beeinflusst von Freud - ist fast gottlos und die heutige Theologie - maßgeblich von der Aufklärung beeinflusst - ist fast seelenlos. Jungs Weg ist der Weg der Ganzheit und Selbstverwirklichung über Selbsterkenntnis. Was alle Menschen aller Zeiten und aller Kontinente miteinander verbindet, das ist der religiöse Kern unserer Existenz. Das heißt: jeder Mensch hat eine Seele. Religionen und Psychologie sind nicht dasselbe, aber beide sorgen sich um die menschliche Seele. Unsere Periode der Menschheitsgeschichte ist von Technik und Ökonomie geprägt. Technisch sind wir Weltmeister, psychisch aber infantil geblieben. Es ist grotesk, dass wir auf den Mond fliegen, den Atomkern und den Zellkern spalten können, aber immer noch nicht wirklich in uns hinein hören wollen und auf die Signale achten, die wir von dort Nacht für Nacht über unsere Träume empfangen. Jung lehrt, dass Heilung nur von innen kommen kann, nicht aus dem Medikamentenschrank - für den Einzelnen, für die Gesellschaft, für die Menschheit. Die wichtigste politische Einsicht, die wir Heutigen von C.G. Jung lernen könnten: Die drohenden Katastrophen um uns sind das Ergebnis der Katastrophen in uns. Auch die zweite Schüler-Generation Jungs ist sich dieser Zusammenhänge, die C.G. Jung gesehen hat, nicht ausreichend bewusst. Sonst wären die Jungianer insgesamt politischer. Sie beschäftigen sich aber zu sehr mit der Pflege der privaten Seelen-Gärtlein und übersehen häufig die Krankheitsursachen von außen. Unpolitische Menschen können nicht gesunden. Keiner lebt für sich allein. Aber auch umgekehrt gilt: Die ganze Welt wird sauber, wenn jeder und jede vor der eigenen Haustür kehrt.

Siehe die in der Tradition Jungs stehende Imago-Therapie


Kuriosum: Ein Spiele-Entwickler kündigt 2018 ein psychologisches Horror-Adventure an und lädt dazu ein, in das Unterbewusstsein einzutauchen und sich den schlimmsten Alpträumen der Kindheit zu stellen. Angeblich ist dieses Spiel eine surrealistische Darstellung von Erinnerungen und Ängsten, inspiriert von den Werken des Psychologen Carl Jung, dem Konzept der Katabasis (Abstieg in das eigene Ich), den Horror-Popkultur-Heftchen der 80er Jahre wie Poltergeist und der Filmografie von Stanley Kubrick. Das Spiel erforscht komplexe emotionale Themen und die Kindheitspsychologie, die die Bewältigung von traumatischen Erfahrungen umgibt. Es heißt da: „Obwohl wir alle eine sehr unterschiedliche Vergangenheit und Kindheit hatten, sind unsere Erfahrungen – insbesondere unsere Ängste und Alpträume – in gewisser Weise immer ähnlich.“ Die surreale Welt ist nach Angaben des Entwicklers inspiriert von der Psychologie der Kindheitsängste wie die Angst vor dem verlassen werden oder die Angst vor Krankenhäusern, die sich oft als Albträume manifestieren. "Dabei kommen die grausamen materialisierten Wesen, die diese Welt bewohnen, immer näher, die darum kämpfen, ihre Existenz zu schützen – eingebildet, aber ziemlich kraftvoll manifestiert. Kannst du das innere Kind retten und das Geheimnis entschlüsseln?"


Quellen & Literatur

http://www.wissen.de/lernen/Sozialwissenschaften/Psychologie/13_freud_sigmund.html (00-06-07)
http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/PSYCHOLOGIEORD/PsychologieSchulen.html
http://www.4real.ch/psy-thrp.html (01-11-17)
http://www.ngfg.com/texte/nv067.htm (02-03-05)
http://www.sonnenseite.com/Buch-Tipps,C.+G.+Jung+heute,34,a11743.html (09-02-12)

Bildquelle:
http://www.oana.de/cgjung.JPG (02-11-30)



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