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Betrachtungsmöglichkeiten von Entwicklung

Die Anfänge des Entwicklungsdenkens reichen bis Albertus Magnus (1200-1280) zurück, denn er forderte schon früh, daß Natursachverhalte mittels Empirie erforscht werden müßten, nicht mittels Theologie. Comenius (1529-1592) schließlich teilte das menschliche Lebensalter bis 24 in vier Stufen ein und forderte einen altersgerechten Unterricht. Jean Jacques Rousseau (1712-1778) plädierte für eine natürliche Reifung des Menschen, denn negative Einflüsse seien auf zivilisatorische Entwicklungen zurückzuführen. Sein "Emile" gilt als Vorläufer der Stufen- und Phasentheorien. Johannes Nikolaus Tetens (1736-1807) suchte nach allgemeinen Entwicklungsgesetzen und beschäftigte sich mit den Entwicklungsverläufen und ihren Bedingungen über die gesamte Lebensspanne.

Siehe im Detail Die Psychologie des Jugendalters - Ein historischer Überblick phylogenese anthropogenese ontogenese aktualgenese

Der traditionelle Entwicklungsbegriff in der Psychologie

Nach William Stern (1923) ist Entwicklung "die unter Einwirkung äußerer Faktoren erfolgende Entfaltung von Anlagen, wobei die Entfaltung nach einer inneren Gesetzmäßigkeit erfolgt und den äußeren Faktoren die Bedeutung der Auslösung zukommt".

Nagel (1957) definiert Entwicklung als eine "Abfolge von Veränderungen in einem System, die relativ überdauernde Neuerwerbungen sowohl im strukturellen Aufbau des Systems wie in seiner Funktionsweise beinhalten".

Für Remplein (1958) ist Entwicklung "eine nach immanenten Gesetzen (einem Bauplan) sich vollziehende (d. h. nicht umkehrbare, irreversible) Veränderung eines ganzheitlichen Gebildes, die sich als Differenzierung (Ausgliederung) einander unähnlicher Teilgebilde bei Zentralisierung (Unterordnung der Funktionen und Glieder unter beherrschende Organe) darstellt".

Dieser eher enge Entwicklungsbegriff ist bestimmt durch Gerichtetheit Jede Entwicklung ist auf einen bestimmten Endzustand hin ausgerichtet, der gegenüber dem Ausgangszustand höherwertiger ist.

Entwicklungsstufen: Entwicklung lässt sich auf verschiedenen Stufen nachvollziehen, wobei es sich um Aufbauprozesse handelt. Einzelnen Stufen sind Voraussetzungen für die nächsten, und ist eine Entwicklungsstufe erreicht, so ist die Veränderung dauerhaft und irreversibel. Diese Grundannahme spiegelt sich in zahlreichen Büchern zur Entwicklungspsychologie, die in Lebensaltersetappen gegliedert sind.

Universalität: Die menschliche Entwicklung umfaßt universelle Veränderungen, so daß alle Menschen aller Kulturen diese durchlaufen. Entwicklungsbedingte Änderungen treten relativ unabhängig von der Umwelt auf, in der jemand aufwächst. Interindividuelle Differenzen zeigen sich nur in der Entwicklungsgeschwindigkeit und im erreichten Entwicklungsniveau.

Korrelation mit dem Lebensalter: Es sind personenimmanente Faktoren, die sich in einem bestimmten Lebensalter als Veränderung manifestieren.

Qualitativ-strukturellen Transformation: Die Veränderungen, die eine Person in ihrer Entwicklung durchläuft, sind vornehmlich qualitativer Art, d.h., Entwicklung umfaßt mehr als eine mengenmäßigen Veränderung (Wortschatz, motorische Fertigkeit).

Ratgeber zur Entwicklung eines Kindes

In manchen Ratgebern für Eltern finden sich Listen von Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die Kinder angeblich ab einem bestimmten Alter beherrschen sollten. Dadurch werden sehr viele Eltern verunsichert, da sie glauben, dass alle Kinder sich gleich entwickeln müssen. Allerdings gibt es in vielen Bereichen große Bandbreiten, wobei nur ExpertInnen wirklich beurteilen können, inwieweit ein Kind "normal" entwickelt ist. Eltern werden in solchen Ratgebern aufgefordert, ihr Kind durch genaue Beobachtung zu testen - hier einige Beispiele aus einem solchen Ratgeber:

Mit solchen Checklisten werden Eltern jedoch nur verunsichert, ob sie ihr Kind auch normal entwickelt. Hinter solchen Listen steht ein Leistungsgedanke, der vor allem in der frühkindlichen Erziehung keine Rolle spielen dürfte. Hinzu kommt auch das Konkurrenzdenken, das viele Eltern beim Vergleich ihre Kinder mit anderen Kindern entwickeln.

Das aktuelle Verständnis von Entwicklung

Der gegenwärtige Konsens des Entwicklungsbegriffes in der Psychologie geht in die Richtung einer weiter gefassten Definition. Kriterien dieses weiteren Entwicklungsbegriffes sind die Beziehung zum Lebensalter. Im Gegensatz zu anderen psychologischen Phänomenen wie Lernen oder Vergessen kann man Entwicklung auf die Zeitdimension des Lebensalters beziehen. Allerdings entstehen Veränderungen nicht allein auf Grund des Alterns, sondern durch die Prozesse, die während des Alterns ablaufen. Das Älterwerden ist also nicht die Ursache der Veränderungen. Während in der traditionellen Vorstellung die Entwicklung zielgerichtet auf einen Endzustand ist, der das Ende einer Entwicklung in einem bestimmten Bereich bedeutete, können entwicklungsbedingten Veränderungen über das gesamte Lebensalter hinweg beobachtet werden.

Kontinuität: Die Entwicklungspsychologie fragt bei jeder Veränderung, ob es vorausgegangene Veränderungen gegeben hat, die die aktuellen mitbedingen oder ermöglichen. Es geht bei diesem Definitionskriterium darum, Veränderungen eine zeitliche Ordnung zuweisen zu können oder den inneren Zusammenhang zu erkennen. Das Kriterium der Kontinuität bildet eine abgeschwächte Form zur Stufenfolge des traditionellen Entwicklungsbegriffs.

Nachhaltigkeit: Damit nun Veränderungen als Entwicklung bezeichnet werden können, müssen sie langfristig sein und dürfen nicht nur kurzfristige Auswirkungen darstellen, wobei im Idealfall die ganze Lebensspanne als Maßstab heranzuziehen ist. Tritt bei einer Person eine Veränderung auf, wird gefragt, wie es zu der Veränderung kam (retrospektiv) und was nun aus der Veränderung wird (prospektiv).

Eine völlig andere Perspektive findet sich beim dialektischen Entwicklungsbegriff Wygotskis.

Quellen

Oerter, R. & Montada, L. (2002). Entwicklunspsychologie. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Trautner, H.M. (1995). Lehrbuch der Entwicklungspsychologie. 2 Bände. Göttingen: Hogrefe.

Schenk-Danzinger, L. (1983). Entwicklungspsychologie. Wien: Österreichischer Bundesverlag.

Diverse Texte aus dem psychoblogger

Bildquellen

http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/ENTWICKLUNGORD/PhyloAnthroOntoAktual.GIF (99-11-17)

http://www.heise.de/ct/02/10/104/bild2.gif (03-01-12)



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