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plutarch geist gehirn

Der Geist ist nicht wie ein Gefäß, das gefüllt werden soll,
sondern wie Holz, das lediglich entzündet werden will.
Plutarch: Moralia

Gehirn, Gefühle und Emotionen

Für das Negative in unserem Leben, das mit der Ausbildung von Furcht und Angst verbunden ist, ist vornehmlich der Mandelkern (Amygdala) zuständig, für das Positive, Beglückende und Lustvolle hingegen sind es vor allem die Strukturen des ventralen tegmentalen Areals und des Nucleus accumbens. Allerdings ist umstritten, ob diese Strukturen tatsächlich der Speicherort von Gefühlen sind oder eher die Orte, an denen die Verknüpfung zwischen Ereignissen und bestimmten Gefühlen codiert ist und die den Zugriff auf anderenorts niedergelegte emotionale Gedächtnisinhalte regeln. Die Details des leid- und lustvollen Geschehens gehen nämlich nicht in das emotionale Gedächtnis ein, sondern werden im deklarativen Gedächtnissystem gespeichert. Wichtigster Organisator dieses Gedächtnissystems ist die Hippocampus-Formation, die für das episodische Gedächtnis ("was wann wo wie geschah") zuständig ist.

Sind wir nun mit einer Situation konfrontiert, die in irgendeiner Weise für uns wichtig ist, dann wird unser limbisches System danach abgefragt, ob es nicht irgendwelche Vorerfahrung mit derselben oder einer ähnlichen Situation gibt, und ob die damaligen Geschehnisse positiv oder negativ ausgegangen sind. Falls ja, erleben wir die Antwort als Gefühle, indem entsprechende limbische Zentren Informationen in die Großhirnrinde senden. Gegebenenfalls erinnern wir uns auch an bestimmte Details, die dann die Hippocampus-Formation hinzugibt. Die genannten limbischen Zentren sind Teil eines allgemeinen Bewertungssystems in unserem Gehirn, das alles, was durch uns und mit uns geschieht, danach bewertet, ob es gut/vorteilhaft/lustvoll war und entsprechend wiederholt werden sollte, oder schlecht/nachteilig/schmerzhaft und entsprechend zu meiden ist. Ohne dieses Bewertungssystem, das alle Wirbeltiere in sich tragen, wären wir völlig überlebensunfähig, denn es sorgt dafür, dass unser Gehirn alle bewussten und unbewussten Handlungsentscheidungen immer im Lichte vergangener Erfahrung trifft.

Auch ein Zusammenhang zum Lernen besteht: Neueste Forschungen betonen die Wechselwirkungen zwischen Gedächtnis und Affekt, indem man jene Information eher behält, die einen interessiert oder die einen überrascht, in Erstaunen oder Schrecken versetzt (vgl. Markowitsch 1997, 1998).

Schon im 19. Jahrhundert wusste man viel über das Bauchhirn und dachte, es sei für Gefühle und das Unbewusste zuständig, während das Großhirn für das Bewusste verantwortlich sei. Aber das Bauchhirn geriet in Vergessenheit, sodass man über dieses Bauchhirn und das, was dazugehört, wenig weiß. Besonders nach der kognitiven Wende in der Psychologie und dann in der Neurobiologie waren es immer nur die kognitiven Leistungen, die scheinbar den Menschen zum Menschen machen. Gefühle waren uninteressant, denn es ist ja das, was den Menschen mit den Tieren verbindet, und damit wollte man nichts zu tun haben. Seit den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts wird aber auch den Neurobiologen klar, dass Menschen auch gefühlsbetont sind und dass der Verstand in die Gefühle eingebaut ist. Erst jetzt begreift man, dass Gehirn und Körper mit den Gefühlen und Affekten zusammenhängen. Es ist also historisch betrachtet nichts Neues, dass Gehirn und Körper zusammengehören.


Gefühle und Empfindungen

Gefühle und Empfindungen vermitteln zwischen rationalen, bewussten und nichtrationalen unbewussten Prozessen. Primäre Gefühle werden durch unspezifische äußere Reize von der Amygdala auslöst und erzeugen durch angeborene dispositionelle Repräsentationen den dem entsprechenden Gefühl zugeordneten Körperzustand. (Furcht, Wut, Freude). Sekundäre Gefühle werden durch Denkprozesse ausgelöst, bei denen aus gespeicherten dispositionellen Repräsentationen Vorstellungsbilder in den sensorischen Feldern erzeugt werden. Diese Vorstellungsbilder sind mit früher erworbenen emotionalen Erfahrungen verknüpft und lösen ihrerseits über die Amygdala dispositionelle Repräsentationen in den senso-motorischen Feldern unbewusste Körperreaktionen aus, die den zugeordneten Gefühlszuständen entsprechen. Durch Rückmeldungen des autonomen Nervensystems über den veränderten Körperzustand werden diese Gefühle erst bewusst gemacht. Personen mit bestimmten rechtsseitigen präfrontalen Hirnschäden können deshalb primäre Gefühle normal empfinden, während sie sekundäre Gefühle nicht auslösen können. Dies beeinträchtigt wesentlich deren Entscheidungsfähigkeit.
1994 erschien von Antonio R. Damasio das Buch "Descartes Error" (deutsch "Descartes' Irrtum", 1995), in dem Damasio eine Theorie der Emotionen vorstellte. 1999 erschien "The Feeling of What Happens; Body and Emotion in the Making of Consciousness", zu deutsch also etwa "Das Gefühl für das, was sich ereignet. Wie Körper und Emotionen Bewusstsein hervorbringen". Die deutsche Ausgabe erschien 2000 unter dem Titel "Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins". Man kann das zweite Buch als "Descartes' Irrtum", Band 2. betrachten, in dem die endgültige Überwindung der Dualismus vermutlich gelungen ist.

Quelle:
Pohl, Wolf (2001). Antonio R. Damasio: "Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins". Eine Rezension. In Aufklärung und Kritik, Heft 1.

Wenn sie zum Beispiel gefragt wurden, ob sie heute Abend ins Kino gehen wollten, begannen sie rational darüber nachzudenken: "Wenn ich ins Kino gehe, dann kann ich nicht ins Restaurant gehen. Dafür muss ich aber auch nicht so feine Sachen anziehen. Andererseits dauert ein Kinobesuch so lange und man kann sich dabei nicht unterhalten. Aber im Restaurant kann ich den Film nicht sehen und außerdem kostet das mehr. Aber zum Kino muss ich mit dem Bus, und der fährt nicht so oft....". Diese Patienten versuchten also auf rein rationalem Weg zur Entscheidung zu kommen, und das gelang ihnen nicht. Damasio fand heraus, dass der geschädigte Hirnbereich in direkter Verbindung steht mit der Amygdala, dem Zentrum unserer Emotionen. Daraus schloss er, dass für rationale Entscheidungen Emotionen unerlässlich sind. Dieser Befund wird zwar von einigen Wissenschaftlern kritisiert; eine ganze Reihe stimmen Damasio aber prinzipiell zu, dass Rationalität ohne Emotionen nicht denkbar ist.

Es waren unter anderem Damasios Befunde, die die KI-Gemeinde dazu brachte, Emotionen als wesentlichen Bestandteil eines intelligenten Systems anzusehen. KI-Papst Marvin Minsky, dessen "Society of Mind" eines der Standardwerke der KI. kognitiven Psychologie bzw. Neurowissenschaften ist, arbeitet seit einigen Jahren an einem Äquivalent zum Thema "Emotionen und Maschinen".

Antonio Damasio erklärt in seinem neuen Buch "Self Comes to Mind", wie aus den Anfängen des Selbst im Tierreich schrittweise das autobiografische Selbst des Menschen entstanden sein soll. Er beschreibt, wie aus den neuronalen Aktivitäten des Gehirns im Lauf der Evolution ein Bewusstsein entsteht, das in der Philosophie seit René Descartes als ein zur Reflexion fähiges Selbst charakterisiert wird. Descartes rätselte darüber, wie aus bloßer Materie das menschliche Selbstbewusstsein hervorgehen konnte, und postulierte für das Ich eine eigene Substanz mit ganz besonderen immateriellen Eigenschaften, die sich nicht auf Materielles zurückführen ließen. In Damasios spekulativer Bewusstseinstheorie wird ein unbewusstes Protoselbst postuliert, das eine neuronale Beschreibung relativ stabiler Aspekte des Organismus darstellt, dessen Hauptprodukt spontane Gefühle für den lebenden Körper darstellen, d.h., bevor eine Person existiert, die sich seiner selbst bewusst ich sagen kann, besitzt sie eine Art vorbewusstes Gefühl für den eigenen Körper, wobei dieses Körpergefühl grundlegender ist als Glück oder Schmerz, denn um diese fühlen zu können, müssen derlei Emotionen bereits als Zustände erlebt werden, die mit einem Körper verbunden sind.

Schon in früheren Arbeiten hat Damasio zwei nach ihrer Komplexität verschiedene Arten von Bewusstsein unterschieden: Die einfachste Art nannte er Kernbewusstsein, das den Organismus aus mit einer Empfindung von einem Selbst für einen Augenblick – jetzt – und einen Ort – hier - ausstattet. Dieses Kernbewusstsein erhellt nicht die Zukunft, und die einzige Vergangenheit, auf die es uns einen verschwommenen Blick erlaubt, ist das, was sich im gerade vorangegangenen Augenblick ereignete. Das Kernbewusstsein wird in Schüben (pulses) für jeden einzelnen Bewusstseinsinhalt erzeugt und ist jeweils das Wissen, das entsteht, wenn man mit einem Objekt seiner Umgebung konfrontiert ist, also das Gehirn ein neuronales Muster davon erzeugt. Die dabei entstehende Vorstellung des Objekts wird in der dem Individuum eigenen Perspektive erzeugt, wobei dafür der Organismus das Bezugssystem liefert. Die komplexe Art von Bewusstsein hingegen, die Damasio erweitertes Bewusstsein nennt, stattet den Organismus mit einer detaillierten Empfindung von einem Selbst aus – einer Identität und einer Person – und gibt der Person einen Platz an einem Punkt in ihrer individuellen Geschichte, bewusst der gelebten Vergangenheit, der vorausgesehenen Zukunft und der Welt um sie herum.

Während Kernbewusstsein ein biologisches Phänomen ist, das sich nicht ausschließlich beim Menschen findet, und nicht von Gedächtnis, Denken oder Sprache abhängt, ist das erweiterte Bewusstsein nicht nur ein biologisches sondern beim Menschen auch ein gelerntes bzw. kulturelles Phänomen, das sich erst im Laufe der Lebenszeit des Organismus entwickelt. Dieses rweiterte Bewusstsein ist auf ein Gedächtnis angewiesen, wobei beim Menschen durch die Sprache viele neue Möglichkeiten erschlossen werden.

Den beiden Arten von Bewusstsein entsprechen zwei Arten von Selbst, also ein Selbst, das im Kernbewusstsein entsteht und das Damasio Kernselbst nennt, das unentwegt in jeder Konfrontation mit der Umwelt neu geschaffen wird, mit der der Organismus in Wechselwirkung tritt. Der traditionelle Begriff von Selbst verbindet sich aber mit der Vorstellung von Identität und entspricht der beständigen Ansammlung von einzigartigen Tatsachen und Seinsweisen, die eine Person charakterisieren, also einem autobiographischen Selbst. Dieses autobiographische Selbst hängt von geordneten Erinnerungen an Situationen ab und stellt die stabilen, charakteristischen Daten des eigenen Lebens bereit.

Damasio: "Die bahnbrechende Neuerung, die sich im Verlauf der Evolution mit der Entstehung von Bewusstsein ergab, ist die Möglichkeit, das System zur Regulierung der Lebensprozesse, das in Hirnregionen wie dem Hirnstamm und dem Hypothalamus angesiedelt ist, in Verbindung zu bringen mit der Verarbeitung der Repräsentationen der Dinge und Ereignisse, die innerhalb und außerhalb des Organismus existieren. Warum war dies wirklich ein Vorteil? Weil es für das Überleben in einer komplexen Umgebung, d.h. für die effiziente Steuerung der Lebensprozesse darauf ankommt, daß man die richtigen Handlungen unternimmt, und dafür zweckgerichtete Vorausschau und optimale Planung anhand von Vorstellungen von entscheidender Wichtigkeit sind. Bewusstsein erlaubt es, eine Beziehung herzustellen zwischen der inneren Steuerung der Lebensprozesse und dem Erzeugen von Vorstellungen. ... Wenn Bewussstsein in der Evolution auftaucht, kündigt sich darin das Einsetzen der individuellen Vorsorge an."

Emotionen bestimmen oft zu einem großen Teil unser Verhalten, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Die Bewusstseins-Diskussionen der letzten Jahre haben diesen Aspekt zumeist außen vor gelassen, so, als sei Bewusstsein eine rein rationale Angelegenheit. Da der "Sitz" der Emotionen in den evolutionär alten Teilen unseres Gehirns angesiedelt ist, unterscheiden sie sich kaum von denen anderer Tiere. Im Gegensatz zu vielen Tieren haben wir Menschen lediglich gelernt, sie teilweise zu kontrollieren. Daraus aber zu schließen, wir hätten unsere Emotionen und Instinkte im Griff, ist sicherlich falsch. Wer also von der "Natur des Menschen" spricht, der darf diesen wichtigen Aspekt nicht außer Acht lassen.

Nach Antonio Damasio gäbe es bei einem Dasein des Menschen ohne Bewusstsein auch keine Liebe sondern nur Sex, aber auch die Künste wären nicht entstanden, denn sie sind ein Produkt des Bewusstseins der Menschen. Kreativität, Sprache, Gedächtnis und Vernunft konnte nur mit bewusstem Geist zu dem Umfang heranwachsen, wie die Menschheit sie heute besitzt , wobei sich Vorstufen des Bewusstseins bereits bei primitiven Organismen finden lassen. Archaischen Urgefühle bilden die älteste, unbewusste Form eines Ich-Gefühls, wobei Tiere diese Urgefühle normalerweise nicht wahrnehmen und sich nicht mit ihnen auseinandersetzen können, denn ihnen fehlen Gefühle von Emotionen. Selbstreflexion und Subjektivität stehen erst auf der nächsten Stufe der Evolution, sind in jüngeren Gehirnregionen beheimatet und befähigen den Menschen dazu, seinen Geist kennen zu lernen und den Geist dazu, im eigentlichen Sinn bewusst zu werden, wobei diese letzte, dritte Ebene das autobiografische Selbst darstellt. Ursache dafür., dass der Mensch im Zuge der Evolution Bewusstsein entwickelt hat, sind nach Damasio die "Homöostase" und der "biologische Wert", wobei der Letztere darin liegt, dass ein Lebewesen zumindest jenes Alter erreicht, das ihm einen Fortpflanzungserfolg ermöglicht. Parallel zur Kommunikation erzeugten die Künste einen homöostatischen Ausgleich, sodass sich Musik, Theater und Malerei in der Evolution deshalb durchgesetzt haben, die sie für die Menschen einen "Überlebenswert" besitzen.

Siehe dazu Neuromarketing und Neuromerchandising


Überblick über weitere Arbeitsblätter zum Thema Gehirn



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