[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Panikattacken
Panikstörung
Angst vor der Angst

Kein Übel ist so groß wie die Angst davor.
Lucius Annaeus Seneca


Das Wort Panik ist vom griechischen Hirtengott Pan hergeleitet. Zwar wird in der Sage Pan als Gott beschrieben, der Musik, Tanz und Fröhlichkeit liebte und dessen charakteristisches Merkmal die Panflöte ist, doch war ihm die Mittagsstunde so heilig, dass er jeden, der ihn zu dieser Zeit störte, in "panischen" Schrecken versetzte und fortjagte. So soll er Tierherden aufgeschreckt und durch sein Erscheinen eine Massenflucht ausgelöst haben.

Siehe auch panikPrüfungsangst

Eine Panikattacke ist eine abgrenzbare Periode intensiver Angst und starken Unbehagens und besteht aus mehreren, plötzlich und unerwartet ("wie aus heiterem Himmel"), scheinbar ohne Ursachen in objektiv ungefährlichen Situationen auftretenden somatischen und kognitiven Symptomen von subjektiv oft lebensbedrohlichem Charakter. Eine Panikattacke als einzelne Episode von intensiver Angst oder Unbehagen beginnt abrupt, d.h. nicht vorhersagbar, erreicht innerhalb von einigen Minuten ein Maximum und dauert mindestens einige Minuten an (nach Forschungsergebnissen durchschnittlich eine knappe halbe Stunde).

Panikattacken äußern sich in massiven körperliche Symptomen mit subjektiv oft lebensbedrohlichem Charakter (Herzrasen, Herzstolpern, Atemnot oder Beklemmungsgefühl, Erstickungsgefühle, Schwindel, Ohnmachtsangst, Zittern oder Beben, Hitzewallungen oder Kälteschauer, Schwitzen, Taubheit oder Kribbelgefühle, Schmerzen oder Unwohlsein in der Brust, Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden, Gefühl der Unwirklichkeit und der Persönlichkeitsauflösung, Todesangst, Angst vor Kontrollverlust oder Verrückt-Werden). Später treten oft "nur" mehr panikähnliche Zustände auf. Zwischen den Attacken liegen weitgehend angstfreie Zeiträume.

Panikstörungen werden offensichtlich durch Fehlleistungen des Gehirns hervorgerufen. Die Betroffenen erleben körperliche Symptome wie Herzrasen, Atemnot oder Übelkeit, was nach Forschungen des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie (München) durch eine verstärkte Aktivierung des Mandelkerns bei gleichzeitig einer verminderten Aktivierung des zingulären und präfrontalen Cortex hervorgerufen wird. Diese höheren Steuerregionen des Gehirns können im Fall einer Panikattacke also ihre kontrollierende Funktion bei der Gefahreneinschätzung nicht mehr ausreichend wahrnehmen.

Eine Panikstörung besteht aus wiederholten, spontan und unerwartet auftretenden Panikattacken. Die Panikattacken sind nicht auf spezifische Situationen oder besondere Umstände bezogen, stehen in keinem Zusammenhang mit besonderen Anstrengungen, gefährlichen oder lebensbedrohlichen Situationen und sind auch nicht durch eine körperliche oder eine andere psychische Störung bedingt.

Die Angst vor den Paniksymptomen führt oft zu chronischen Erwartungsängsten ("Angst vor der Angst"), obwohl die Menschen aufgrund von meist zahlreichen körperlichen Durchuntersuchungen wissen, dass sie organisch gesund sind und keine schwere körperliche Erkrankung zu befürchten brauchen. Dennoch wirken erst neuerliche Untersuchungen oder Gespräche mit Ärzten, Psychotherapeuten und Angehörigen beruhigend.

Während Phobien durch äußere Auslöser (Reize) entstehen, werden Panikattacken durch innere Auslösereize bewirkt: Die eigenen Körperempfindungen selbst, z.B. die Beobachtung, nicht richtig durchatmen zu können, Beschleunigung der Herztätigkeit, Hitzewallungen, Erstickungsgefühle, Flimmern vor den Augen, Taubheits- und Kribbelgefühle. Diese Erfahrungen, die in bestimmten Situationen durchaus normal sein können, werden dann ständig als Erwartungsängste erinnert und gefürchtet.

Bestimmte Gedanken und bildhafte Vorstellungen (oft auch nur subliminar, d.h. unterhalb der Wahrnehmungsschwelle und daher nicht bewusst registriert). Wissenschaftlich nachweisbar reagiert der Körper auch auf nicht bewusst wahrgenommene bedrohliche Bilder mit psychovegetativen Symptomen.

Erythrophobie

Eine leichtere Form einer Angstreaktion ist die Erythrophobie, die Angst zu erröten. Diese gehört zu den sozialen Ängsten (Phobien), unter der vor allem Frauen leiden. Im Prinzip ist Erröten ist eine sinnvolle Reaktion des Körpers, denn unter bestimmten situativen Bedingungen schüttet unser Körper Hormone aus, der Blutdruck steigt und die Gefäße erweitern sich. Wie das Schwitzen handelt es sich vermutlich um eine Kühlungsmaßnahme des Organismus.

In gefährlichen oder unangenehmen Situationen reagiert der Körper physiologischen Prozessen, wobei es Unterschiede in der Reaktionsstärke und der Reaktionsweise zwischen den Menschen gibt: die einen bekommen schweißnasse Hände, andere Stottern oder erröten, wobei die Rötungen meist im Gesicht oder im Hals- und Brustbereich auftreten. Der Versuch, diese Reaktion, die anderen ja die erlebten Emotionen verraten, zu unterdrücken, verstärkt oft die Reaktion. Im Grunde genommen ist also nicht das Erröten das Problem, sondern die Angst vor dem Erröten.

Besonders betroffen sind Menschen, die unter niedrigem Selbstwertgefühl, Perfektionismus und allgemein unter Kontrollverlustängsten leiden. Entsprechend der Ursachen helfen verschiedene Formen der Psychotherapie bzw. Verhaltenstherapie. Auch Entspannungsverfahren und die allmähliche kognitive Umbewertung des Errötens können die Angst vor dem Erröten abbauen.

 

Ängste mit biologischen Grundlagen: Höhenschwindel und Höhenangst

Das Phänomen des Höhenschwindels stellt eine normale Warnfunktion des Körpers dar und hat eine nachvollziehbare biologische Grundlage, denn wenn sich jemand in großer Höhe befindet, setzt eine subjektive Instabilität der Körperhaltung ein, woraus die Angst entsteht, hinunter zu fallen. Die Körperhaltung destabilisiert sich, wenn die Entfernung zwischen den Augen und dem nächsten sichtbaren Objekt zu groß wird. Um das Objekt scharf sehen zu können, schwankt der Kopf automatisch. Wir schwanken allerdings auch bei der normalen Aufrechterhaltung des Gleichgewichts. Die Stabilisierung der Lage erfolgt schließlich über die Peripherie der Netzhaut des Auges, mit der Gegenstände erkannt oder verfolgt werden können. Um dem "normalen" Höhenschwindel entgegenzuwirken, sollte man vermeiden, in gefährlichen Situationen, z. B. auf einer Klippe, frei zu stehen ohne sich festzuhalten. Wenn man hinuntersieht, dann sollte außerdem darauf geachtet werden, dass sich nahe feststehende kontrastreiche Gegenstände im seitlichen Blickfeld befinden. Das Beobachten von sich bewegenden Objekten, wie Wolken, erhöht den Schwindel ebenso wie das Schauen durch ein Fernglas. Die Füße sollten möglichst horizontal auf dem Boden stehen, um den Sinnesorganen die Arbeit nicht zu erschweren. Auch entsteht der Höhenschwindel erst nach etwa drei Sekunden, sodass ein kurzer Blick in die  Tiefe noch nicht zu Beeinträchtigungen führen sollte.

Angstauslöser für Höhenangst (Bathophobie oder Acrophobie) sind Situationen wie der Aufenthalt, auf einer Leiter, auf einer Brücke, auf einem Turm, einem Hochhaus, einem Balkon,  oder an einem steilen Abhang. Manche Menschen verspüren Höhenangst nur dann, wenn Sie sich im Freien aufhalten, z.B. auf einer Aussichtsplattform. Stehen Sie dagegen hinter einer Glasscheibe im Inneren eines Hochhauses, kommt es zu keiner Angstreaktion. Die Angst ist hierbei rational unbegründet, aber der Betroffene befürchtet die Kontrolle über sich zu verlieren und abzustürzen. Wenn die Höhenangst einen übertriebenen Stellenwert im Alltag bekommt, und man sich durch sie eingeschränkt fühlt, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden. Methode der Wahl ist das angeleitete Erfolgslernen (guided mastery - teilnehmendes Modellernen).

Die Höhenangst findet man auch bei Kleinkindern (Klippenphänomen, Stufenphänomen) und Tieren. Sie meiden instinktiv große Tiefen, obwohl sie in dieser Hinsicht noch keine schlechten Erfahrungen gemacht haben.

Drei Prozent der Flugzeugpassagiere leiden nach einer Studie in der BRD - die Gesellschaft für Konsumforschung untersuchte 2010 Personen im Alter ab 14 Jahren - unter Flugangst mit starken Angstgefühlen, weitere 8,7 Prozent sind überhaupt noch nie geflogen, weil sie zu viel Angst vorm Fliegen haben, 8,2 Prozent sind an Bord eines Flugzeugs oft unsicher und nervös. 27,4 Prozent fühlen sich im Allgemeinen auf Flügen sicher und werden nur in Ausnahmesituationen unruhig. Ganz entspannt mit keinerlei Angstgefühlen fliegen 32,2 Prozent. Gegen die Angst vorm Fliegen werden von den Fluggesellschaften Seminare angeboten, in denen ein Team von Piloten, Psychologen und Flugbegleitern den ängstlichen Passagieren die Flugangst nehmen möchte.

Quellen:
http://www.heiny.info/outdoor/seminar/
Referate/angst-motivation.htm (03-07-20)
http://www.neuro24.de/höhenangst.htm (03-07-20)

Nach Fritz Riemann (1990) lassen sich alle Ängste unseres Lebens auf vier Grundängste reduzieren:

  • die Angst vor der Selbsthingabe, als Ich-Verlust und Abhängigkeit erlebt,
  • die Angst vor der Selbstwerdung, als Ungeborgenheit und Isolierung erlebt,
  • die Angst vor der Wandlung, als Vergänglichkeit und Unsicherheit empfunden, und schließlich
  • die Angst vor der Notwendigkeit, als Endgültigkeit und Unfreiheit erlebt.

Aus den vier Grundformen der Angst lassen sich vier Persönlichkeitsstrukturen ableiten. Personen, deren grundlegendes Problem die Angst vor der Hingabe ist, werden zu schizoiden Persönlichkeiten, die die Selbstbewahrung überbewerten. Die Angst vor der Selbstwerdung kann zur depressiven Persönlichkeitsstruktur führen. Bei den zwanghaften Persönlichkeiten wird die Angst vor der Wandlung zur dauerhaften Sorge. Aus der Angst vor der Notwendigkeit kann schließlich eine hysterischer Persönlichkeitstyp entstehen. Jeweils zwei Angstformen sind zu einem Gegensatzpaar zusammengefaßt, die sich dichotom gegenüber stehen. Das erste Angst-Paar besteht aus der Angst des depressiven und des schizoiden Menschen, das zweite aus der Angst des zwanghaften und des hysterischen Menschen. 

Riemann, Fritz (1990). Grundformen der Angst. München: Ernst-Reinhardt-Verlag.

Siehe dazu im Detail
angst
Grundformen der Angst

Was kann man gegen Angst unternehmen?

Angst ist ein wichtiges und sinnvolles Gefühl, denn ohne Angst würden wir uns ständig selbst in Gefahr bringen. Angst zu empfinden, ist also an sich nicht schlimm. Die Angst wahrzunehmen ist also eine Sache, sich dann aber in die Angst hineinzusteigern und sich die beängstigenden Situationen in den buntesten Farben auszumalen, ist eine ganz andere. Das kann man ändern. Probieren Sie das nächste Mal, wenn Sie merken, dass Sie Angst haben, Folgendes aus:

  • Schreiben Sie Ihre Angst in kurzen, sachlichen Sätzen auf.
  • Würdigen Sie das Gefühl, in dem Sie ihm Raum geben.Fragen Sie sich dann, ob Sie jetzt in diesem Moment etwas tun können, damit das Befürchtete nicht eintritt.
  • Wenn ja, dann tun Sie genau das.
    Wenn nein, lassen Sie für diesen Moment los.
  • Unterbrechen Sie die inneren Bilder und ersetzen Sie diese durch etwas, was Ihnen gut tut.
  • Machen Sie sich klar, dass Sie das, was Sie fürchten, nicht dadurch verhindern können, dass Sie es sich auch noch ausmalen – im Gegenteil: manchmal kann man sich durch die inneren Bilder regelrecht darauf programmieren.

Quelle: Zeit zu leben-Newsletter Ausgabe: 401


Tipps gegen die Angst im Alltag

  • Benennen Sie Ihre Angst und sagen Sie laut: "Ja, ich habe Angst, dass ich der nächste bin". Und Sie werden ein inneres Echo hören, das sagt "Ja und ...? Weiter?" Realisieren Sie, dass Sie mit der Sorge um eine Sache nicht in einer wirklich lebensbedrohenden Lage sind.
  • Denken Sie darüber nach, dass wir nicht in jedem Moment unseres Lebens vollkommen zufrieden sein können.
  • Tauschen Sie sich mit anderen Menschen aus und öffnen Sie sich und Sie werden feststellen, dass Sie mit ihrem Problem nicht allein sind. Aus Gesprächen ergibt sich vielleicht eine neue Sichtweise.
  • Stehen Sie auf, wenn Sie die Angst im Liegen bzw. nachts im Dunkeln ereilt und schalten Sie Licht an, denn Dunkelheit ist ein Sorgenverstärker und im Liegen fühlen wir uns hilflos. Beschäftigen Sie sich mit irgendwelchen nützlichen, bisher unerledigten Aufgaben, bis die Müdigkeit Sie wieder entspannt.
  • Bewegen Sie sich, denn jede Bewegung befreit Sie aus der Starre, die körperlich in Verspannungen Angst speichert. Gehen Sie zügig spazieren, Rad fahren, joggen, schwimmen, atmen Sie dabei bewusst und tief.
  • Schreiben Sie Ihre Gedanken auf, denn das gute alte Tagebuch ist ein geduldiger Zuhörer und diskret. Alles was Sie an Sorgen und ungelösten Fragen aufschreiben, wird kleiner und verschwindet aus der ewigen Wiederholungs-Gedankenschleife.
  • Auch der Glaube spielt für manche Menschen im Umgang mit Angst eine große Rolle und was immer Ihre Überzeugung ist: Fest steht, dass nur wenig von dem, was uns widerfährt, in unserer Macht steht. Entspannen Sie sich also und versuchen Sie, sich dem Fluss des Lebens anzuvertrauen und loszulassen.
  • Suchen Sie zudem professionelle Hilfe bei Psychotherapeuten.

Quelle: Berliner Morgenpost vom 30.11.2009



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