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Suggestopädie, Superlearning, ganzheitliches Lernen

Suggestopädie war die ursprüngliche Bezeichnung einer angeblich revolutionierenden Lernmethode vor allem für den Fremdsprachenunterricht und wurde von dem bulgarischen Psychiater und Gedächtnisforscher Georgi Lozanov (1971) entwickelt. Fundament seiner Forschungen waren seine Erfahrungen mit Hypnose und Suggestion in der Psychotherapie und Untersuchungen zu fernöstlichen Entspannungstechniken, wie sie Yogis benützen (vgl. Edelmann 1988, S. 34). Suggestopädie ist daher eine Lehr- und Lernmethode, die auf Basis unbewusster Prozesse Einfluss auf wesentliche Wirkfaktoren des Lernens nehmen möchte. In seinem 1971 erschienenen Buch "Suggestologica" postuliert Lozanov, der Mensch schöpfe nur 4-20% der Leistungsfähigkeit seines Gehirns aus, während durch den suggestopädischen Ansatz auch die restlichen 96-80% genützt werden könnten (vgl. Metzig & Schuster 2000, S. 196). Lozanov definiert Suggestion als konstanten, kommunikativen Faktor, der es ermöglicht, durch parabewusste Informationsübertragung die mentalen Reserven der Lernerpersönlichkeit für den Lernprozess zugänglich zu machen. Den Namen "Superlearning" erhielt diese Methode 1979 von Ostrander & Schroeder und verhalf ihr auch in Europa zum Durchbruch (vgl. Edelmann 1988, S. 43). Das Superlearning basiert im Wesentlichen auf den Ansätzen Lozanovs, wurde jedoch vorwiegend für das Selbststudium - auch hier vor allem beim Fremdsprachenerwerb - mit Tonträgen erweitert (Metzig & Schuster 2000, S. 196).

Unter dem Begriff des ganzheitlichen Lernens versteht Lozanov zunächst die Einbeziehung sämtlicher Persönlichkeitskomponenten, wobei er besonders hirnbiologische Aspekte hervorhebt. Somit kann Ganzheitlichkeit als ein Ausdruck gehirngerechten Lernens verstanden werden. Unter horizontaler Integration bezieht er sich auf den "horizontalen Aufbau" des menschlichen Gehirns, also auf die unterschiedliche funktionale Spezialisierung beider Hemisphären. Lozanovs Lernansatz ist daraufhin ausgerichtet, beide Hemisphären zu stimulieren und so ein effizienteres Lernen zu ermöglichen. Vor allem einer Stimulation der rechten Hemisphäre kommt dabei besondere Bedeutung zu. Sie wird von Lozanov als die in der westlichen Welt vernachlässigte, subdominante Gehirnhälfte aufgefasst. Funktional ist sie beschreibbar als ein auf Phantasie und Intuition ausgerichtetes Funktionsgefüge, das Paradoxie und akausales Denken toleriert, für Mustererkennung und bildhaften Vergleich zuständig ist und Gefühle in die Informationsverarbeitung mit einbezieht. Die linke, laut Lozanov dominante Hemisphäre, lässt sich funktional kennzeichnen durch einen rationalen und analytischen Denkprozess, bei dem kontrolliertes und sequentielles Vorgehen im Vordergrund stehen und Ordnung und Strukturierung von Informationen erfolgen. Die gleichzeitige Stimulation von linker und rechter Hemisphäre, durch Faktenwissen einerseits und Musik anderseits, wird schließlich als horizontale Integration bezeichnet (Metzig & Schuster 2000, S. 200 f.).

Als vertikale Integration beschreibt Lozanov die Stimulation des Gehirns in seinem vertikalen Aufbau, vom Cortex, der für die Kognition verantwortlich ist, über das Vorderhirn, wo Emotion und Motivation gleichermaßen angeregt werden sollen, zum Hirnstamm, der zentralnervöse Funktionen wie Herzschlag und Atmung steuert, bis hin zum Cerebellum, welches für die Motorik zuständig ist (Metzig & Schuster 2000, S. 201 ff.).

Ganzheitlichkeit bezieht sich auch auf unbewusste Wahrnehmungsprozesse, die den Abbau von Lernhemmungen fördern und zu einer suggerierten Erfolgszuversicht auf Seiten des Schülers führen sollen , indem sie dessen einschränkende Denkstile überwinden. Besondere Bedeutung erlangt hier das Auftreten der Lehrperson, die insbesondere über Mimik, Gestik, Intonation und den Gebrauch von Metaphern und Analogien, positiv auf den Schüler Einfluss nehmen soll. Lozanov nimmt drei Lernbarrieren an, die die Aufnahme von Informationen behindern können:

Der Erfolg von Suggestion begründet sich vor allem auf die Persönlichkeit des einzelnen Lerners und wirkt dann fördernd, wenn die Inhalte einer suggestiven Botschaft mit den Persönlichkeitsstrukturen des Empfängers übereinstimmen und dem Lehrer, der eine suggestopädische Sitzung leitet und Informationen vermittelt, vertraut wird. So beginnt suggestopädischer Unterricht damit, in jeder Sitzung ein optimistisches Lernklima herzustellen, bei dem die Schüler ohne Angst und Stress eine positive Lernhaltung einnehmen. Kompetenzerfahrungen der Schüler aus anderen Situationen sollen auf die aktuelle Lernsituation übertragen werden können (Edelmann 1988, S. 39f.).

Hierbei kommen den Begriffen der Autorität des Lehrers und der Infantilisierung der Lernenden große Bedeutung zu. Autorität des Lehrers ist gekennzeichnet durch ein nicht-direktives Prestige, "das auf indirektem Weg eine Atmosphäre des Vertrauens schafft und den intuitiven Wunsch, dem gegebenen Beispiel zu folgen" (Edelmann, 1988, S. 40). Es dient dazu, beim Schüler eine Atmosphäre des Respekts und des Vertrauens zu erwecken. Die Infantilisierung des Lernenden meint eine "universelle Reaktion auf Respekt, Inspiration und Vertrauen, die [...] die Wahrnehmung, das Gedächtnis und die kreative Funktionen erheblich verbessern" (Edelmann 1988, S. 40). In ihr kommt eine kindliche Lernhaltung zum Ausdruck, die dadurch geprägt ist, mit Offenheit, Staunen und Neugierde, neue Lerninformationen erfassen zu können. Beide Faktoren, die Autorität des Lehrers und die Infantilisierung der Lernenden, führen damit zu einem besonderen Lehrer-Schüler-Verhältnis und somit auch zu einer entspannten Lernatmosphäre, die als Basis für einen guten Kommunikationsablauf angenommen werden kann und letztlich zu einem effizienten Lernen führen soll.

Ein weiterer Bestandteil der Suggestion ist die Pseudopassivität der Schüler, ein Zustand körperlicher Entspannung. Diese soll durch den Einsatz von Entspannungstechniken, wie z.B. autogenem Training, progressiver Muskelrelaxation, einfacher Suggestiventspannung oder alpha-Training erreicht werden. Diese dient dazu, die Lernenden in eine körperlich und geistig entspannte Lernhaltung zu bringen, in der sie konzentriert den Informationen, die sie vom Lehrer erhalten, folgen können. Durch diese Art des Lernens, soll eine verstärkte Informationsverarbeitung und eine Verbesserung der Gedächtnisleistung erfolgen (Edelmann 1988, S. 41). Auch die Raumgestaltung wie Licht, Temperatur, Tischanordnung, Farbgebung und Geruch beeinflussen die Lernleistung, sodass sie für den Lernprozess geeignet sein sollten. Letztlich bezieht sich Ganzheitlichkeit aber auch auf die Lehrmethode an sich. Sie beinhaltet eine Vielzahl von Methoden, die verschiedene Sinnesmodalitäten der Schüler ansprechen. Es geht also um eine multimodale Präsentation des Lernstoffs, wofür sowohl Lernposter und Lernkonzerte, als auch Rollenspiele, pantomimische Darstellungsformen und Fantasiereisen zum Einsatz kommen. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Lernstoff fördern und trainieren das analytische Denken, dramaturgisch stimmige Phasen von geistiger Angeregtheit und Konzentration mit aktiven Spielmomenten vermeiden Anspannungen. Partner- und Kleingruppenarbeit fördern den Austausch und das gemeinsame Erleben.

Der Ablauf des suggestopädischen Lernens

Der Ablauf des suggestopädischen Lernens unterscheidet vier Phasen:

Durch diese Rhythmisierung des didaktisch-methodischen Ablaufs des Unterrichts bzw. durch den dadurch bedingten Wechsel von Phasen der Aktivierung und Entspannung soll ein psychophysisches Gleichgewichts der Lerner unter Ausschluss erreicht werden. Im Sinne einer ganzheitlichen Gestaltung des Unterrichtsprozesses (Einheit verbaler und non-verbaler Stimuli, des Kognitiven und Emotionalen) kommt den künstlerischen Mitteln (Musik, Lieder, Geschichten, Metaphern, Bilder, Zeichnungen, darstellendes Spiel) eine große Bedeutung zu. Nach Dhority (1986, S. 36) kommt den künstlerischen Mitteln eine Art befreiende und stimulierende Funktion zu, die der "Emotionalisierung" des Unterrichts, der Harmonisierung mentaler Prozesse sowie der multimodalen Präsentation und Verarbeitung von Stimuli dienen.

Um das erfolgreiche Lernen mit Suggestopädie zu untermauern, führte Lozanov Studien durch (1978). So ließ er Gruppen in drei Stunden 500 Französischvokabeln lernen und erhielt eine Behaltensleistung von 99% korrekten Antworten bei einem schriftlichen Test, der drei Tage später durchgeführt wurde. Außerdem postulierte er eine bessere langfristige Behaltensleistung und eine Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens von 20% derjenigen Schüler, die an der Sitzung teilgenommen hatten (Edelmann 1988, S. 67f.). Allerdings ging er weder auf die Auswahl der Stimuli ein, noch auf die Art der schriftlichen Abfrage (multiple choice) oder definierte Langfristigkeit oder Wohlbefinden. Dennoch war er überzeugt von einer "Erhöhung der Lernleistung", einhergehend mit einer "Erweiterung der Speicherkapazität des Langzeitgedächtnisses" und schließlich einer "ganzheitlichen Entfaltung ... der Person des Lernenden" mit Hilfe der von ihm entwickelten Lernmethode und deren Belege (Edelmann 1988, S. 66). Häufig findet sich zur Untermauerung der Methode ein Vergleich mit der Vergessenskurve nach Ebbinghaus mit der Vergessenskurve nach suggestopädischem Lernen:


Quelle: http://pls-lernstudio.com/imagenes/graph/behaltenleist.jpg (05-03-07)

Replikationsstudien, die allerdings nicht das gleiche Versuchsdesign aufwiesen wie die Studien Lozanovs, konnten nur wenig zur Bestätigung der Ergebnisse beitragen. Edelmann (1988, S. 71ff.) teilte Studenten, Ingenieure und Lehrer in zwei Gruppen ein und verglich den Lernerfolg einer suggestopädischen Sitzung mit einem gewöhnlichen Seminar. In diesen Untersuchungen ließ sich kein signifikanter Unterschied zwischen den Lernmethoden belegen. Allerdings empfanden die Schüler, die an der suggestopädischen Sitzung teilgenommen hatten, das Lernen als entspannter und angenehmer. Die Behaltensleistungen lagen anstatt bei 99% ,wie sie Lozanov generierte, bei 74% (Edelmann 1988, S. 75). Zwar konnten Lozanovs Ergebnisse damit bei weitem nicht bestätigt werden, jedoch ist anzumerken, dass die Behaltensleistung, verglichen mit der Kontrollgruppe, die ähnliche Voraussetzungen und gleiche Stimuli hatte, durchaus nicht zu vernachlässigen ist. Problematisch bei den Studien Lozanovs als auch bei vielen Replikationsstudien stellt sich dar, dass empirisch keineswegs einwandfrei gearbeitet wurde (Edelmann, 1988, S. 66 f.). Von einem zu geringen Stichprobenumfang über ungenaue Definitionen von abhängigen und unabhängigen Variablen über fehlenden Vergleichsgruppen bis hin zur Vernachlässigung von Gütekriterien wie Reliabilität und Objektivität und mangelnder Validität der Messinstrumente, wurden eine Anzahl von Fehlern begangen, die sämtliche Ergebnisse, ob positiv oder negativ, zu einer kritischen Betrachtung auffordern. Langzeitstudien wurden bis heute keine durchgeführt. Auch die Wirkung die von Musik auf Lernen wurde nur in sehr geringem Maße erforscht und hat zu keinen befriedigenden Ergebnissen geführt (Metzig & Schuster 2000, S. 204).

Entstanden unter Verwendung von
Neu, Joachim & Weichmann, Elisabeth (2002). Suggestopädie & Superlearning - entspannt besser lernen.
WWW: http://www.psyworx.de/strobl/suggestopadie.doc (05-03-07)

Literatur:
Dhority, L. (1986). Moderne Suggestopädie. Bremen.
Edelmann, W. (1988). Suggestopädie/Superlearning. Heidelberg: Asanger.
Lozanov, Georgi (1971). Suggestologica and Outlines of Suggestopedy. New York: Gordon & Breach.
Metzig, W. & Schuster, M. (2000). Lernen zu lernen. Heidelberg: Springer.
Ostrander, S. N. & Schroeder L. (1979). "Superlearning". Die revolutionäre Lernmethode, Leichter lernen ohne Stress. München: Goldmann Verlag.

Siehe zu diesem Thema auch

Weitere Quellen zu Lernstilen



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