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Lernstile - Theoretische Modelle

Die Lerntypentheorie, so wie sie heute von vielen vermittelt wird, richtet viel Schaden an, indem sie annimmt, dass sinnliche Wahrnehmung gleich Lernen wäre und vorgibt, eine bewährte Theorie zu sein. Das ist sie keinesfalls!

Lernende erzielen bei gleichen Lernbedingungen oft unterschiedliche Erfolge, was unter anderem auf abweichende Vorkenntnisse, Motivation und grundsätzliche intellektuelle Fähigkeiten der individuellen Lerner zurückgeführt wird. Manchmal wird die Vermutung geäußert, daß unterschiedliche Personen auch unterschiedliche Fähigkeiten oder Präferenzen bezüglich der Sinnesmodalität haben, über die sie lernen, sodaß verschiedene Bedürfnisse beim Lernen und eine unterschiedliche Lerneffektivität als Ursache der Differenzen vermutet werden. Solche Persönlichkeitsmerkmale und individuellen Präferenzen werden häufig unter dem Begriff der "Lernstile" zusammengefaßt. Jonassen & Grabowski (1993) sehen individuelle Unterschiede u. a. bezüglich

Dabei werden cognitive controls und styles als Persönlichkeitsmerkmale aufgefaßt, learning styles dagegen als Präferenzen, die von den Lernenden selbst gesetzt werden. Die Unterscheidungen beruhen meist auf Selbsteinschätzungen und Beschreibungen der Präferenzen durch die Lerner selbst. Besonders auf dieser Ebene wird deshalb eine Vielzahl unterschiedlicher Kategorisierungen vorgenommen.

Cognitive controls sind Persönlichkeitsmerkmale, welche die Wahrnehmung von Umweltreizen beeinflussen und steuern. Sie sind eng mit den individuellen mentalen Fähigkeiten verbunden und beeinflussen Lernen direkter als Kognitionsstile. Dabei wird der Grad unterschieden, bis zu dem das Umfeld die Wahrnehmung und das Verständnis von Information beeinflußt.

In der Regel sind Kinder vorwiegend feldabhängig und neigen mit zunehmendem Alter stärker zur Feldunabhängigkeit. Jede der Gruppen hat ihre besonderen Stärken und Schwächen.

Eine weitere häufig vorgenommene einfache Typisierung ist die in Verbalisierer und Visualisierer. Diese Einteilung gründet darin, dass einige Menschen besser lernen, wenn sie Texte vor sich haben, während andere Bilder oder Filme bevorzugen. Nach Paivios (1971) "Theorie der dualen Codierung" gibt es zwei in ihrer Funktion unabhängige Systeme zur Verarbeitung von Informationen beim Menschen: Das verbale System setzt Informationen in sprachliche Form um, während das imaginale, visuelle System Informationen zu einer gedanklichen Bilderwelt in Form von räumlichen Vorstellungen verarbeitet. Von einigen Wissenschaftlern wird das verbale System grob mit der linken Großhirnhälfte, das imaginale System mit der rechten in Verbindung gebracht - siehe dazu aber Rechte versus linke Gehirnhälfte?

Nach Scheu (1977) kann man auch eine diesbezügliche geschlechtsspezifische Behandlung im Säuglingsalter beobachten, indem Mädchen sehr viel häufiger akustisch stimuliert und Jungen hingegen sehr viel stärker optisch stimuliert werden. Dies findet in einer Lebensphase statt, in der die optische Stimulation größere Bedeutung zukommt als der akustischen. Garai und Scheinfeld fanden bei Mädchen und Knaben im Alter von 14 Wochen, dass männliche Säuglinge sich mehr für das interessieren, was sie sehen und später besser bei Tests abschneiden, bei denen schwierige Bildaufgaben zu lösen sind. Dafür ist das Gehör bei Mädchen besser ausgebildet. Schon ab dem 3. Lebensmonat beginnt die Erziehung zum "Jungen-" und "Mädchenstereotyp". Dies zeigt sich z.B. darin, dass die Mutter bei Knaben eher die Muskelaktivität fördert als bei Mädchen (vgl. Scheu 1977, S. 61ff), demnach die aktionale Komponente des Verhaltens unterschiedlich gefördert werden. Auch wird die Sprache Mädchen anders vermittelt als Jungen, denn Mädchen dürfen nicht laut reden, Erwachsenen nicht ins Wort fallen und bestimmte Wörter nicht aussprechen (vgl. Scheu 1977, S. 78).

Niemals sollte vergessen werden, dass Lernstile wissenschaftliche Konstrukte sind, wobei der individuelle Gebrauch von Lernstilen kontext-relativ mit den Inhalten, den Aufgaben und institutionellen Gegebenheiten sich verändert und sich auch durch Lernen und Erfahrung wandelt. Die Selbstbewertung des eigenen Lernstils in Lernstilinventaren stimmt auch häufig nicht mit dem tatsächlich genutzten Lernstil überein, wenn dieser in Beobachtungen ermittelt wird. Nistor & Schäfer (2004) sprechen von einem aufgaben-induzierten Lernstil. Dennoch können Lernstile uns hilfreiche Hinweise für die Didaktik von Lernszenarien und Lernumgebungen geben. Welche Konsequenzen aus der Tatsache zu ziehen sind, dass Lernende sich nach Lernstilen unterscheiden, ist nicht mit der einfachen Antwort erledigt, dass die Lehrenden die Methoden im Unterricht variieren sollten. Dies würde für manche Lernumgebungen bedeuten, dass stets mit mehrere Methoden parallel gearbeitet werden müsste, was in vielen Fällen finanziell nicht zu realisieren wäre.

Lernstile nach Kolb

Zu den bekanntesten Unterscheidungen zählen die Lernstile nach Kolb (1981). Lernen geschieht danach aufgrund von Erfahrungen und ist ein ständig fortschreitender Prozeß (Kolb 1984). Kolb betont in Anlehnung an Lewin und andere den Prozesscharakter des Lernens. Kolb (1984) unterscheidet insgesamt vier Lernstile, von denen zwei angeben, wie Erfahrungen gesammelt werden und sich die beiden anderen darauf beziehen, wie die Erfahrungen anschließend verarbeitet werden. Im Detail siehe das Arbeitsblatt Lernstile nach Kolb. Siehe auch die Lernstile nach Pask!

Siehe dazu auch die Die Lernstile von Studierenden

Lernstile nach Honey und Mumford

Ein ähnliches Modell stammt von Honey und Mumford (1992), die im Unterschied zu Kolb ihre Lernstile nicht danach unterscheiden, wie Erfahrungen gesammelt und anschließend verarbeitet werden, sondern sie beziehen sich auf einen vierstufigen, immer weiter fortschreitenden Lernprozess. Im Detail siehe das Arbeitsblatt Lernstile nach Honey und Mumford.

Lernstile nach Felder

Er unterscheidet bipolar definiert aktive vs reflektive, sensorische vs intuitive, visuelle vs verbale und sequentielle vs globale Lernende. Im Detail siehe das Arbeitsblatt Lernstile nach Felder.

Im weitesten Sinne den Lernstiltheorien zuzuordnen sind auch

Suggestopädie, Superlearning, ganzheitliches Lernen

Suggestopädie war die ursprüngliche Bezeichnung einer angeblich revolutionierenden Lernmethode vor allem für den Fremdsprachenunterricht und wurde von dem bulgarischen Psychiater und Gedächtnisforscher Georgi Lozanov (1971) entwickelt. Suggestopädie ist eine Lehr- und Lernmethode, die auf Basis unbewusster Prozesse Einfluss auf wesentliche Wirkfaktoren des Lernens nehmen möchte. Im Detail siehe das Arbeitsblatt Suggestopädie, Superlearning, ganzheitliches Lernen.

Herrmanns Dominanz Modell

In der Managementausbildung wird manchmal auch das "Hermann Dominanz Instrument" (HDI oder H.D.I.) bzw. das "Herrmann Brain Dominance Instrument" (HBDI) eingesetzt, das aus einem Fragebogen mit 120 Fragen besteht und zur Selbstanalyse bevorzugter Denk- und Verhaltensstile geeignet sein soll. Im Detail siehe das Arbeitsblatt Herrmanns Dominanz Modell.

Lernstile und Didaktik

Inwieweit nun ergibt sich aus solchen Typologien und ihren Anwendungen als diagnostischen Instrumentarien ein Vorteil für die Lernenden? In der Regel weisen Typologien etwa 4 bis 6 Grundmuster auf, sodass man die Lernenden zu einem dieser 4 bis 6 Typen zuordnen kann. Es ist nun nicht vorstellbar, eine solche Typologie zur Grundlage einer didaktischen Planung zu machen, dass jeweils Lernende eines Typus´ "zusammengestellt" oder typuspassende Lehrende und Lernende einander zugeordnet würden. Allerdings kann man mit ihnen eine Reflexionsdynamik auslösen , die bei den Betreffenden zu Überlegungen darüber führt, wie sie gewohnt sind zu lernen, welche Vorlieben und Abneigungen sie haben, welches ihre besonderen Strategien und Techniken sind, welche kognitiven Muster (z.B. in der Abfolge von Konkretion und Abstraktion) dabei für sie eine Rolle spielen, etc. Entscheidend im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit für die fortdauernde Übernahme von Lernmustern, die in solchen Metadiskussionen als sinnvoll und hilfreich bewertet werden, dürfte dabei deren Bestätigung "im tatsächlichen Leben" sein, d.h. der daraus resultierende bessere Lehr- und Lernerfolg. Die Berücksichtigung individueller Lernstile ist selbst schon Ausdruck einer  individualistischen Orientierung in der Frage der Identität. Eine Person wird als Lerner oder Lernerin mit eigentümlicher Art gesehen.

Eine sehr wesentliche Erfahrung beim Einsatz von Messinstrumenten (Inventaren) zur Erfassung individueller Lernstile ist deren elaborative Funktion. Wenn diese von den betreffenden Personen sofort selbst ausgewertet werden können, kann dieses der Ausgangspunkt eines Gruppengesprächs sein, in dem Erfahrungen zum Lernverhalten ausgetauscht und reflektiert werden. Aangesichts der Zweifel an der Güte solcher Inventare ist damit auch eine methodologische Korrektur und Relativierung erreicht.

Quellen:
Flechsig, Karl-Heinz & Haller, Hans-Dieter (1975). Einführung in didaktisches Handeln. Stuttgart: Klett-Verlag.
Haller, Hans-Dieter (2004). Einführung in die Allgemeine Didaktik. Pädagogisches Seminar. Georg-August-Universität Göttingen.

Learning Styles Don't Exist

 

[Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=sIv9rz2NTUk]

Re: Learning Styles Don't Exist

[Quelle: http://www.youtube.com/watch?v=lKkHiAA3xu0]

 

Es gibt übrigens auch eine astrologische Lerntypentheorie ;-)

Quellen zu Lernstilen

Gabriel, Alfred & Haller, Hans-Dieter (1983). Untersuchungen zu Lernstilen von Erwachsenen an Abendgymnasien. In Festschrift "10 Jahre Abendgymnasium Göttingen", 4. Juni 1983, S. 11-20.
Haller, Hans-Diete & Nowack Ingeborg (o.J.). Lernstildiagnose.
http://www.pragma-bo.de/pdf/I3.pdf; http://www.gwdg.de/~hhaller/lsikolb.htm; http://www.gwdg.de/~hhaller/vwe.htm (07-06-06)
Honey, P. & Mumford, A. (1992). The Manual of Learning Styles. Maidenhead: Berkshire.
Jonassen, D.H. & Grabowski, B.L. (1993). Handbook of Individual Differences, Learning, and Instruction. Hillsdale NJ: Lawrence Erlbaum.
Kolb, David A. (1981). Learning Styles and Disciplinary Differences. In Chickering, A.W. and Associates (Hrsg.), The Modern American College. Responding to the New Realities of Diverse Students and a Changing Society. San Francisco, Washington, London: Jossey-Baß Publishers, pp. 232-305.
Kolb, D. A. (1984). Experiential learning. Englewood Cliffs, New Jersey: Prentice-Hall.
Kolb, David A. (1985). Learning Style Inventory (Boston, Massachusetts: McBer and Company.
Nistor, N. & Schäfer, M. (2004). Lernen mit Stil: Empirische Befunde und offene Fragestellungen zur Bedeutung der Lernstile in virtuellen Seminaren. In Carstensen, D. & Barrios, B. (Hrsg), Campus 2004. Kommen die digitalen Medien in die Jahre? Münster,New York: Waxmann.
Smith, D. M. & Kolb, D. A. (1986). User's Guide for the Learning Style Inventory. A Manual for Teachers and Trainers. Boston: McBer and Company.
Pask, Gordon (1976). Styles and Strategies of Learning. In British Journal of Educational Psychology, 76, S. 128-148.
Pask, Gordon (1988). Learning Strategies, Teaching Strategies, and Conceptual or Learning Style (S. 83-100.). In Schmeck, Ronald R. (Hrsg.), Learning Strategies and Learning Styles. New York: Plenum Press.
Paivio, A. (1971). Imagery and verbal processes. New York: Holt, Rinehart and Winston.
http://gregor.sozwiss.uni-konstanz.de/ldon/lerntypen.html (03-06-11)
Satow, Lars (2002). eLearning und eTesting. Eine Einführung. Unveröffentlichtes Manuskript. Verfügbar unter
WWW: http://userpage.fu-berlin.de/~satow/ (03-07-12)
Scheu, U. (1977). Wir werden nicht als Mädchen geboren - wir werden dazu gemacht. Frankfurt: Fischer.
http://www.artm-friends.at/am/ol-site/lo-indiv.htm (99-07-12)
Twigg, C.A. (2001). Innovations in Online Learning: Moving Beyond No Significant Difference. Center für Academic Transformation. Troy, NY.
Ohne Autor (o.J.). Beschreibung der Lernstile.
WWW: http://gregor.sozwiss.uni-konstanz.de/ldon/lerntypen.html (04-03-25)
Ohne Autor (1997). Organisationales Lernen.
WWW: http://www.artm-friends.at/am/ol-site/lo-indiv.htm (02-06-11)
Ohne Autor (2006). Lernstil.
http://de.wikipedia.org/wiki/Lernstil (06-09-02)



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