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Gewalt und Aggression im Unterricht

Gewalt und Aggressionen an Schulen sind nach Ansicht mancher Experten auch deshalb ein wachsendes Problem, da SchülerInnen immer mehr unter dem großen Leistungsdruck leiden, denn Kinder müssen große Anstrengungen in Sachen Bildung auf sich nehmen, um später beruflich im Leben bestehen zu können. Diese Grundeinstellung wird ihnen sowohl im ELternhaus als auch über die Medien vermittelt. Dadurch kommt es schon früh und immer häufiger zu Mobbing und Ausgrenzung, wobei bei Menschen, die diesen Phänomenen ausgesetzt sind, das Schmerzzentrum des Gehirns aktiviert wird, was als automatische Reaktion Aggressionen begünstigt, denn die Betroffenen fühlen sich bedroht und haben das Bedürfnis, sich zu wehren. Dadurch kommt ein Teufelskreis in Gang.

Bisweilen wird in der Diskussion um Gewalt in der Schule aber auch jeder gesteigerte Ausdruck von Lebensenergie bereits der Kategorie "Aggression" zugeordnet. Nach Winkel (1996) liegen der Aggression von Kindern und Jugendlichen unterschiedliche Sinnperspektiven zugrunde:

Zu schaffen macht LehrerInnen vor allem die letzte Form der destriuktiven Aggression, die auch als bösartige Aggression bezeichnet werden kann.

Die folgenden Ausführungen folgen einer Zusammenfassung des Readers "Aktiv gegen Gewalt - Praxishilfe für Gewaltprävention an Schulen" der Netzwerkinitiative gegen Gewalt an Schulen (Keller 2003).

Ursachen von Aggression und Gewalt

Lerntheorie

Aggressives Verhalten wird wie anderes Verhalten erlernt, und zwar großenteils durch Modelllernen. Mediale und reale Vorbilder motivieren Kinder zur Nachahmung. Aggressives Verhalten wird umso eher imitiert, je positiver die Konsequenzen für die Vorbildperson sind. Hat der Nachahmer bei der Ausführung des aggressiven Verhaltens Erfolg, indem er bewundert wird oder sich durchsetzt, wird es sehr wahrscheinlich in sein Verhaltensrepertoire übernommen. Einmal erfolgreich angeeignetes Aggressionsverhalten tendiert dazu, auf ähnliche Situationen übertragen zu werden (Generalisierung).

Psychoanalyse

Aggression ist die Ableitung von Triebenergie über die Muskulatur auf die Außenwelt. Sie wurzelt, so Freud, in der "angeborenen Neigung des Menschen zum Bösen". Aggressiv wird der Mensch zum einen dann, wenn er in seinem Luststreben gehemmt oder gekränkt wird. Je mehr dies einem Menschen in seiner Kindheit widerfährt, desto stärker ist die Aggressivität in seinem Erwachsenenleben. Zum anderen spielt bei der Aggressionsentstehung auch die Über-Ich-Funktion eine Rolle. Hat ein Kind während seiner Entwicklung auf dem Weg der Identifikation mit einer erwachsenen Bezugsperson nicht genügend "moralische Sicherungen" (Über-Ich-Lücken) erworben, steigt das Ausmaß der individuellen Aggressivität ebenfalls. Schließlich ist für die Aggressionsbewältigung von Belang, inwieweit das Ich durch soziale, kulturelle und sportliche Aktivitäten für den Aggressionsverzicht ausgleichend entschädigt wird.

Instinkttheorie

Aus der Sicht der Verhaltensbiologie geht die Aggression auf einen angeborenen Instinkt zurück, der einen arterhaltenden Sinn hat. Es handelt sich, so Lorenz, um einen "auf den Artgenossen gerichteten Kampftrieb von Tier und Mensch". Im Organismus wird ständig aggressive Energie erzeugt, die sich so lange aufstaut, bis sie eine bestimmte Schwelle überschreitet und sich in aggressiven Handlungen entlädt. Je stärker der Aggressionsstau ist, desto geringer der Auslösereiz zum Aggressionsausbruch. Im Extremfall kommt es ohne äußeren Anlass zur aggressiven Entladung (Leerlaufreaktion).

Frustrations-Aggressionstheorie

Werden zielgerichtete Aktivitäten des Menschen gestört oder blockiert, entstehen Frustrationen, die wiederum zu Aggressionen führen können. Wie wahrscheinlich solche Aggressionen sind, hängt erstens von aggressionsfördernden Auslösern ab (z. B. von Provokationen). Zweitens spielt es eine Rolle, wie die Situation bewertet wird. Und drittens ist mitentscheidend, wie stark die Affekte sind, die das frustrierende Ereignis hervorgerufen hat. Wichtig zu wissen ist noch, dass die aus einer Frustration resultierende Aggression sich nicht gegen die Frustrationsquelle richten muss, sondern sich auch auf einen Sündenbock verschieben kann (Aggressionsverschiebung).

 

 

 

Ursachen der Gewalt

Gewaltvorkommnisse an Schulen sind oftmals durch ein äußerst komplexes Ursachen- und Bedingungsgefüge begründet. Dazu gehört, dass Kinder und Jugendliche die Vorbilder, Werte und Normen nicht mehr vorwiegend im Elternhaus finden, sondern vielfach über Medienangebote, Internet und jugendliche Cliquen. Oftmals sind es Prägungen aus praktizierter Gewalt in der Familie, verbunden mit problematischen Verhältnissen wie Arbeitslosigkeit, Elternkonflikte und fehlende menschliche Wärme. Nach verschiedenen Untersuchungen erhöht sich das Risiko der Entstehung von Jugendgewalt dramatisch, wenn mindestens zwei der folgenden belastenden Faktoren zusammentreffen:

Aber auch an der Schule selbst sind Bedingungsfaktoren für Gewalt angesiedelt. Das können Leistungsdruck, Versagensängste, mangelnde Beziehung und Bindung in der Klasse, aber auch Lehreraggressionen sein. Bei der Ursachenerklärung sind auch Persönlichkeitsmerkmale wie mangelnde Selbstkontrolle, Probleme beim Umgang mit Wut und Ärger, die Schwierigkeit, Zugang zu eigenen und den Gefühlen anderer zu bekommen, zu nennen. Hinsichtlich der Täter und Opferprofile lassen sich anhand der Untersuchungsbefunde allgemein Folgendes feststellen:

Diese Erklärungsmodelle sind sehr allgemein gehalten und eignen sich im Schulalltag nur bedingt für eine genauere Ursachenanalyse. Im Folgenden wird deshalb eine Ursachenstruktur dargestellt, die aus schulpsychologischer Sicht und aus dem Blickwinkel aktueller sozialwissenschaftlicher Befunde einen präziseren Aufschluss ermöglichen soll. An ihr soll auch deutlich werden, dass Aggression ein multifaktorielles Wechselspiel verschiedenster Ursachen ist.

Maßnahmen gegen Aggression und Gewalt

“Starke Schüler schlagen nicht!” Mit dieser vereinfachten These lassen sich viele erzieherische Maßnahmen verbinden, die darauf abzielen, die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler zu stärken, Selbstwertgefühl zu verbessern und sie als Partner in einem Erziehungsprozess zu begreifen, in dem sie entwicklungsbedingt Verantwortung übernehmen können und wollen. Erziehender Unterricht lebt vom Vorbild der Lehrkraft, die plastisch und eindeutig nicht nur von Werten spricht, sondern diese im Alltag, im Beziehungsgeflecht Schule vorlebt und erfahrbar macht. Erziehender Unterricht ist bewusst und intentional und hat als Ziel den selbstbewussten mündigen Bürger, der seine Fähigkeiten in die Gesellschaft einbringt, der seinen Wirkungskreis erweitert und kritisch Stellung zu relevanten gesellschaftlichen Fragen bezieht.

Dieser Prozess wird dabei in der Schule über unterrichtliche Arrangements, über Beteiligung an den Entscheidungsprozessen in der Schule, über Delegation von Verantwortung und das “Üben” in relativ “geschützten” Räumen angelegt und weiterentwickelt.

Konkrete Maßnahmen können sein:

Kommunikation und Kooperation

Schulische Kommunikation vollzieht sich auf zwei Ebenen, die beide starken Einfluss auf die Schulqualität der einzelnen Schule haben:

Schulische Kommunikation lebt dabei von der Pflege des wechselseitigen Feedbacks zwischen allen Beteiligten

Die Schule hat den Auftrag, das Spannungsfeld zwischen personaler Bildung, Entwicklung von Schlüsselqualifikationen und gesellschaftlicher Verwertbarkeit inhaltlich zu gestalten und handlungsorientiert in unterrichtliche Angebote umzusetzen. Gerade im Kontext der Gewaltprävention ergeben sich hier Chancen, diese Aufgabe gemeinsam mit Kooperationspartnern der unterschiedlichsten Institutionen wahrzunehmen und umzusetzen. In der Regel können Schulen die vielfältigen Aufgaben gar nicht alleine bewältigen.

Kooperationspartner der Schule können sein:

In einer Langzeitstudie (Obsuth et al., 2016) zeigte sich, dass SchülerInnen mit einer guten Beziehung zu LehrerInnen weniger aggressives waren und stärkeres prosoziales Verhalten zeigten als SchülerInnen, die ihren LehrerInnen gegenüber ambivalent oder negativ eingestellt waren. Einflussfaktoren wie kulturelle Unterschiede, Geschlecht, Erziehungsstil, aber auch früheres Problemverhalten konnten als Erklärung für die gefundenen Effekte ausgeschlossen werden. Ein gutes Schüler-Lehrer-Verhältnis scheint zu einem positiven Verhalten mindestens ebenso viel, wenn nicht mehr, beizutragen als gängige Gewaltpräventionsprogramme.

Siehe auch Unterrichtsstörungen und Höllenjob Lehrer bzw. das Konstanzer Trainingsmodell.

Literatur und Quellen

Ohne Autor (2003). Gewaltprävention an Schulen. Aktiv gegen Gewalt. Reader.
WWW: http://www.schule-bw.de/unterricht/paedagogik/gewaltpraevention/reader/Aktiv_gegen_Gewalt_3_komplett.pdf (08-07-07)

Obsuth, I., Murray, A.L., Malti, T., Sulger, P., Ribeaud, D. & Eisner, M. (2016). A non-bipartite propensity score analysis of the effects of teacher-student relationships on adolescent problem and prosocial behavior. Journal of Youth and Adolescence, DOI:10.1007/s10964-016-0534-y.

Schulentwicklung. Erst Nachdenken – dann Handeln. Wahrnehmen, Erklären und Handeln zu Aggression und Gewalt als Strategie für eine tolerante und weltoffene Schule. Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM).

Walker, J. (1995). Gewaltfreier Umgang mit Konflikten in der Grundschule. Frankfurt: Cornelsen.

Walker, J. (1995). Gewaltfreier Umgang mit Konflikten in der Sekundarstufe I. Frankfurt: Cornelsen.

Winkel, R. (1996). Schwierige Kinder - Problematische Schüler, Fallberichte aus dem Erziehungs- und Schulalltag, Hohengehren: Schneider.



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