[werner.stangl]s arbeitsblätter 

Man kann aus einem falschen Satz Schlüsse ziehen.
Ludwig Wittgenstein

 

Was bedeutet schlußfolgerndes Denken?

Begriffsbestimmung

Allgemein bedeutet schlußfolgerndes Denken, daß man von etwas Gegebenem zu etwas Neuem kommt. Im einzelnen kann dies z.B. bedeuten,

Schlußfolgerndes Denken hat also verschiedene Aspekte, die durch zwei Fragen systematisch erschlossen werden können:

Die Antwort auf die erste Frage verweist auf die Logik. Es ist an dieser Stelle wichtig, darauf hinzuweisen, daß logisches Vorgehen keinen psychischen Prozeß im Sinne eines bestimmten geordneten Denkablaufs meint, sondern die Anwendung von (formalen) Regeln unabhängig vom Inhalt der Aussagen. Logik stellt Kriterien zur Verfügung, an Hand derer die Gültigkeit von Schlußfolgerungen bewertet werden kann, logische Prinzipien beschreiben jedoch nicht den Prozeß des Schlußfolgerns.
Logik ist die Lehre vom richtigen Denken, genauer von den Formen und Methoden (also nicht dem Inhalt) des richtigen Denkens. Sie kann nicht zeigen, was man denken muß, sondern nur, wie man, von irgendeinem Gegebenen ausgehend, denkend fortschreiten muß, um zu richtigen Ergebnissen zu gelangen.

Das deduktive Schließen

Schlußfolgerndes Denken, bei dem die logische Gültigkeit im Vordergrund steht, wird als deduktives Schließen oder "logisches Schließen" bezeichnet.

Logische Gültigkeit bedeutet, daß sich aus etwas Vorgegebenem (Prämissen) eine Schlußfolgerung (Konklusion) zwingend (notwendig) ergibt. Beim deduktiven Denken wird in der Regel zugrundegelegt, daß vom Allgemeinen (vom allgemein Gültigen) auf das Besondere (den Einzelfall) geschlossen wird.

Von daher gilt: Deduktive Schlußfolgerungen sind zwar sicher, bringen aber eigentlich keine neue Erkenntnis (bzw. nur insoweit als sie die Prämissen explizieren).

Siehe dazu im Detail: Deduktives Denken

Das induktive Schließen

Dem deduktiven Schließen kann (im Hinblick auf die zweite Frage) eine andere Art des Schlußfolgerns gegenübergestellt werden, (vom Besonderen auf das Allgemeine).

Ausgangspunkt für die Erweiterung von Wissen und Erkenntnis sind Einzelbeobachtungen oder einige Fälle, von denen aus auf andere Fälle oder allgemeine Regelhaftigkeiten (Gesetzmäßigkeiten) geschlossen wird.

Induktive Schlußfolgerungen sind unter dem Aspekt der logischen Gültigkeit problematisch, da sie mit Unsicherheit belastet sind. Sie gehen über das Vorgegebene (Vorgefundene) hinaus und verlieren bei nur einem Gegenbeispiel den Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

"(Alle) Metalle sind schwerer als Wasser" galt nur solange, bis Metalle entdeckt wurden, die leichter als Wasser sind (z.B. Kalium). Obwohl die induktiv gewonnen Schlußfolgerungen nur eine bestimmte Wahrscheinlichkeit haben, werden Induktionsschlüsse nicht nur im Alltag - hier häufig in Form von Vorurteilen - sondern auch in der Wissenschaft fast ausschließlich verwendet. Da unser Wissen letztlich über Induktion gewonnen wird, kommt dem induktiven Denken eine vorrangige Bedeutung zu.

Siehe dazu im Detail: Induktives Denken

Kleiner Exkurs: Induktion und Deduktion im wissenschaftlichen Denken 

schlußfolgerndes Denken Induktion und Deduktion im wissenschaftlichen Denken 

Induktion ist die philosophische bzw. wissenschaftliche Methode, welche vom einzelnen Besonderen auf etwas Allgemeines, Gesetzmäßiges schließt. Sie ist daher immer eine Verallgemeinerung.

Die Deduktion ist die Ableitung von Erkenntnissen aus anderen, allgemeineren. Sie darf an Faktischem nichts hinzufügen, was nicht schon in der Verallgemeinerung enthalten wäre.

Beide müssen sich in einer Erfahrungswissenschaft ergänzen; denn das Allgemeine, von dem das Besondere abgeleitet wird, wird durch Induktion gewonnen. Jedes methodische Vorgehen setzt Deduktion und Induktion voraus, da sie die beiden Pole der Erkenntnis miteinander verknüpfen. In einer deduktiven Wissenschaft hängt die Wahrheit von Aussagen von ihrer Ableitbarkeit aus den zugehörigen Axiomen ab. Rein deduktiv sind eigentlich nur die Mathematik und die Logik, weil sich hier aus den allgemeinen Erkenntnissen des Raumes und der Zahl, bzw. des Denkens alle speziellen Eigenschaften ableiten lassen. Teilweise deduktiv sind die ethischen Disziplinen (Ethik, Rechtslehre, Pädagogik), weil ihre allgemeinen Grundsätze zur Beurteilung von Besonderem dienen können. Alle anderen Wissenschaften gewinnen nur aus der Erfahrung die Kenntnis allgemeiner Gesetze.

Der Elfenbeinturm, in dem die philosophische Seele spukt, besteht aus reich verzierten logischen Stufen und ist mit Silberglöckchen der Ethik behangen. Das heitere Gespenst schreitet bedächtig induktiv die Stufen hinan und läßt sich sanft deduktiv an ihnen herunter. Bei dieser reizvollen Übung läßt sie fromm die Glöckchen der moralischen Lehre erschallen, und entzückt lauscht die lehrbegierige Menge.
Vilém Flusser, Die Geschichte des Teufels

Analoge Schließen

Die dritte Art des Schlußfolgerns ist das analoge Schließen - der Analogieschluß kann auch als induktiver Schluß verstanden werden. Hierbei wird von der Übereinstirmmung in einigen Punkten auf Entsprechung/Ähnlichkeit auch in anderen Punkten bzw. auf die Gleichheit von Verhältnissen geschlossen.

Diesem Schluß wird zwar aus logischer Perspektive die geringste Verläßlichkeit zugewiesen, seine erkenntnisgenerierende Funktion ist jedoch unumstritten.

Siehe dazu im Detail: Das analoge Schließen

Siehe dazu:

Psychologische Theorien zur Erklärung des analogen Schließens

Grundbegriffe des Empirismus

Abduktives Schließen

Abduktion bezeichnet Schlußfolgerungen, bei denen unbekannte Ursachen aus bekannten Effekten oder Konsequenzen abgeleitet werden. In formallogischer Hinsicht handelt es sich bei Abduktion um eine "ungültige" Form des Schließens.

Im einfachsten Fall wird bei abduktiven Schlüssen aus der Aussage, daß A die Ursache von B ist und aus dem Vorliegen von B A als Ursache abgeleitet.

Zum Beispiel:
Wenn es regnet, ist die Straße naß.
Die Straße ist naß,
also hat es geregnet.

Die Abduktion liegt z.B. der klinischen Diagnostik, der juristischen Interpretation von Sachverhalten und vielen Kausalattributionen des Alltags zugrunde. Derartige Schlußfolgerungen sind auch Grundlage der Fehlersuche in technischen Systemen oder in Computerprogrammen und letztlich auch des wissenschaftlichen Entdeckens. Für sie ist charakteristisch, daß eine Menge von - bekannten - Beobachtungen oder Evidenzen durch eine Konfiguration von - unbekannten, aber wahrscheinlichen - Ursachen "erklärt"werden muß.

Es läßt sich zeigen, daß die Abduktion im Zusammenspiel mit Induktion und Deduktion einfachen Lernprozessen zugrundeliegt.

Eimertheorie vs Scheinwerfertheorie

Warum schwimmt hier ein schwarzer Schwan?

Die Eimertheorie des Denkens schließt an die Ansicht "Nihil in intellectu quod non prius in sensu" an, d.h., daß wir nicht über etwas denken können, das uns nicht zuvor durch unsere Sinne erreicht hat. Diese Analogie vergleicht Kognition mit einem Eimer, der sukzessiv mit Wissen durch unsere Sinnesorgane gefüllt wird. Lernpsychologisch betrachtet entspricht das weitgehend dem Black-Box-Modell der klassischen Lerntheorien.

Nach Popper (1979) hingegen ist aber die Grundlage für das Entdecken, Forschen bzw. für die Erkenntnisgewinnung des Menschen im allgemeinen, daß Fragen, Erwartungen oder Hypothesen den praktischen Beobachtungen vorangehen: Wir lernen nicht aus blinden Erfahrungen, sondern indem wir über Probleme stolpern und Fragen stellen. Dabei ist der Lernprozess besonders hoch, wenn der Lernende einen möglichst hohen Eigenanteil an der Erkenntnisgewinnung hat, wenn er also selbst die Überprüfung der aufgestellten Hypothese leistet. Diese Scheinwerfertheorie des Denkens geht also den umgekehrten Weg. Wissen wird aktiv in Form von zunächst ungeprüften Vermutungen konstruiert. Erfahrung ist damit nicht die Quelle dieser Hypothesen, sondern erst die Beobachtung wählt aus diesen auch manchmal widersprüchlichen Vermutungen die "brauchbarste" aus. Kognition geht also von einem zuvor gezimmerten "Weltbild" aus in Richtung Erwartungen, die einer Bestätigung bedürfen. Solange Erwartungen mit den sensorischen Bestätigungen übereinstimmen, kann das zurzeit bestehende Hypothesengebäude aufrecht erhalten bleiben.
Diese Vorstellung ist ähnlich der Situation, die man in einer tiefschwarzen Nacht bei Stromausfall in der eigenen Wohnung vorfindet. Im Allgemeinen hat man trotz der fehlenden Beleuchtung keine Probleme, sich in den eigenen vier Wänden zurechtzufinden. Das Wissen über räumliche Zusammenhänge helfen bei der Orientierung, unterstützt durch gelegentliches Herumtasten, um die Richtigkeit der momentanen "Vermutung" zu überprüfen.

Kann die Scheinwerfertheorie gerechtfertigt werden? Arbeitet unser Denken nach der Scheinwerfermethode, die Erfahrung sekundär einstuft, so stellt sich die Frage, ob wir damit nicht von einer Tabula Rasa starten müssen, wir also anzunehmen haben, daß wir zu Beginn kein Wissen über die Umwelt haben. Tatsächlich ist dies der Fall, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß unser Nervensystem keinerlei Information über die Bedeutung einer übertragenen Nachricht liefert. Dieses Prinzip der indifferenten Kodierung verlangt geradezu die Annahme, daß das Gehirn erst "Sinn" erzeugt. Damit ist unser Denken dadurch charakterisiert, dass es Gebäude von Vermutungen verwendet, die diesen anonymen Nervensignalen entspringen. In weiterer Konsequenz ist damit die Auffassung einer Korrespondenztheorie überflüssig, nämlich, dass Kognition Information von der Umgebung abbildet, vielmehr liegt eine (auf die Informationsverarbeitung bezogene) operationale Geschlossenheit vor: Jede Zustandsänderung der relativen Aktivität einer Neuronengruppe führt zu einer Zustandsänderung der relativen Aktivität dieser oder einer anderen Neuronengruppe. Sinnesreize stellen dabei nur Perturbationen dar, welche den kognitiven Apparat in seinem Operieren zwar beeinflussen, aber nicht determinieren. Nicht "Information von Außen" charakterisiert die Funktionsweise des kognitiven Apparates, sondern die fortdauernde interne Konstruktion der Welt, die ankommende Perturbationen lediglich zu interpretieren sucht. Die Entwicklung vom Neugeborenen zum Erwachsenen im Speziellen und die evolutionäre Entwicklung kognitiver Kompetenz im Allgemeinen spiegelt diese fortdauernde Konstruktion wider.

Ein in diesem Zusammenhang vielfach zitiertes Beispiel ist das des Unterseebootnavigators, der sich (in Anbetracht der undurchdringlichen Finsternis in großen Tiefen) völlig auf Anzeigeinstrumente (also indifferente Nervensignale) verlässt und in Abhängigkeit davon gegebenenfalls diverse Hebeln und Knöpfe bedient. Aus unserer Perspektive zeigen die Instrumente selbstverständlich "etwas draußen" an, aber das ist für das korrekte Navigieren irrelevant. Worauf es ankommt, ist das Aufrechterhalten von Relationen zwischen Instrumenten. Popper belegt diesen Umstand mit der Aussage: "Observations are secondary to hypotheses".

 

Quellen

Riegler, Alexander (1999). Können wir das Problem der Echtzeitkognition lösen?
WWW: http://www.zum-thema.st/wissensbank/Riegler1.html (02-05-18)

Popper, Karl R. (1979). The Bucket and the Searchlight: Two Theories of Knowledge. In Objective Knowledge: An Evolutionary Approach (rev. ed.). Oxford: Clarendon Press.

Oerter, Rolf & Dreher, Michael (1995): Entwicklung des Problemlösens. In Oerter, Rolf & Montada, Leo (Hrsg.), Entwicklungspsychologie. Weinheim: PVU.
Microsoft Encarta 1999.



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