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Neugier - ein spezielles Motiv |
Psychologische Erklärungsmodelle |
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Das natürliche Streben eines Lebewesens nach Sicherheit allein garantiert auf Dauer kein Gleichgewicht. Jedes Gleichgewichtsmodell für Lebewesen beinhaltet daher neben dem Streben nach Sicherheit und Tradition das Bedürfnis nach Herausforderungen, nach kompetenter Bewältigung von Risiken und unsicheren Situationen. Die äußere und innere Realität von Lebewesen unterliegt ständigen Veränderungen und diese müssen daher imstande sein, solche Veränderungen zu verarbeiten, sich selbst zu ändern, sich einzustellen, das Denken, Fühlen, Verhalten und Umgehen mit der Außenwelt anzupassen, sich und die Umwelt in Einklang zu bringen, um das so das eigene (Über)Leben zu sichern. Der ständigen Veränderung in der Realität hat die Natur durch ein fundamentales Bedürfnis nach Erfahrung, nach Weiterentwicklung, nach ständiger Erneuerung einer bestehenden Anpassung an die vorhandene Realität Rechnung getragen. Heranwachsende wie Erwachsene sind daher auf Entwicklung, auf Erfahrung, auf Erlebnisse ausgerichtet, suchen ein Mindestmaß an Herausforderungen, an Stimulierung, an Unterhaltungen und erleben eine fortschreitende Bewältigung von neuen Herausforderungen als lustvoll. Ein gewisses Maß an aktiver Betätigung ist notwendige "Nahrung" der Psyche, die ansonsten verkümmert. Erzwungene Erfahrungs- und Entwicklungsbeschränkungen haben Erlebnisse von quälender Langeweile, von Monotonie zur Folge und können die Persönlichkeit, das Denken, das innerpsychische Gleichgewicht in gravierender Form schädigen. Kinder brauchen somit nicht nur personelle, räumliche und ökologische Konsistenz, sie brauchen für ihre Entwicklung auch kontinuierlich ein bestimmtes Maß an neuen Erfahrungen und Herausforderungen, an Bestätigungen, an Kompetenzerleben. Erst die richtige (d.h. auf den jeweiligen Entwicklungsstand und die vorhandene Motivlage abgestimmte) Dosierung beider Erfahrungsschwerpunkte (Sicherung und Bestätigung auf der einen Seite und Herausforderung und Risiko auf der anderen Seite) sichert jenen Nährboden, der für die Entwicklung von verantwortungsbewußtem Verhalten und Selbständigkeit im Umgang mit den Anforderungen der Realität benötigt wird. Allerdings: Langeweile ist wichtig für die Entwicklung, denn Langeweile macht unter den richtigen Bedingungen kreativ. Während bei Erwachsenen Langeweile eher ein Fremdwort ist, da ja Termine für Abwechslung sorgen, ist bei Kindern manchmal nichts ist vorgegeben und die Zeit plätschert einfach vor sich hin, sodass ein unerwarteter Leerraum entsteht. Langeweile ist bei Kindern die Basis für freies Spiel, für Entdeckungen und Ideen, für Phantasie und Kreativität. Kinder müssen allerdings lernen, die Langeweile auszuhalten, was aber nicht geschieht, wenn Eltern ihren gelangweilten Kindern in einem solchen Fall sofort Angebote machen, denn dann lernen die Kinder nicht, alleine aus ihrer Langeweile heraus etwas zu unternehmen. Ohne Abwechslung von Außen wird das Kind auf sich selbst zurückgeworfen und nimmt sich wieder wahr, d.h., es kommt zur Ruhe, kann sich auf sich selbst konzentrieren. Langweile ist die Basis für wichtige Erfahrungen: Sich selbst genug sein, sich in der eigenen Haut wohl fühlen, aus eigenen Ideen Freude schöpfen. Experten sind der Ansicht, dass Kinder diese Momente der Ruhe möglichst regelmäßig brauchen, denn zuviel Action und Terminhopping führt zu Stress, setzt die Kinder unter Druck und verlangsamt ihre ganz persönliche Entfaltung von Phantasie und Selbstwahrnehmung. In der Langeweile lernen Kinder, aus eigener Kraft und eigenem Antrieb eigene Ideen und Interessen zu finden, ihre Selbstwahrnehmung wird gestärkt und auch ihr Selbstbewusstsein kann wachsen. |
Neugier war das erste geistige
Prinzip Leonardo Da Vincis, die da waren: Curiosità - Neugier auf das Leben und ein Verlangen nach fortwährendem Lernen Dimostratione - Verpflichtung, Wissen durch Erfahrung zu überprüfen, die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen Sensazione - die kontinuierliche Verfeinerung der Sinne, als Mittel, Ereignisse mit Leben zu erfüllen Sfumato - die Bereitschaft, Vieldeutigkeit, Paradoxien und Unsicherheit zu ertragen Arte/Scienza - die Entwicklung eines Gleichgewichts zwischen Kunst und Wissenschaft, Logik und Imagination Corporalità - die Kultivierung von Grazie, Beidhändigkeit, Fitneß und körperlicher Balance Connessione - Die Erkenntnis und Wertschätzung des Zusammenhangs aller Dinge und Phänomene
Quellen |
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Im Laufe der Entwicklungsgeschichte von Lebewesen (Evolution) hat sich ein Verhaltenssystem herausgebildet, das Mensch und Tier veranlaßt, sich neuen, unbekannten und unvertrauten Reizen und Sachverhalten zuzuwenden, ihre Aufmerksamkeit auf sie zu richten und sie durch Inspektion und Manipulation zu erkunden. Konrad Lorenz hat 1943 in einem Aufsatz beschrieben, daß dieses Verhaltenssystem grundlegend für die Anpassung von Organismen an neue oder sich ändernde Umweltbedingungen ist, daß es die Basis für vielfältige Lernvorgänge und der Erfahrungsbildung ist. Tiere zeigen auch im Zusammenhang mit
Hunger und Durst Explorationsverhalten, aber vor allem auch
dann, wenn diese Triebe gestillt sind. Explorationsverhalten
hat sogar Belohnungswert, da Tiere auch neue
Verhaltensweisen lernen, wenn sie dafür mit der
Exploration eines neuen Labyrinthes belohnt werden. Nach
Lorenz zeigen gerade Tiere, die sehr flexibel leben und kaum
an eine ökologische Nische angepaßt sind, wie
etwa Ratten, in hohem Maße Neugierverhalten, da sie
nur so die Vorteile und Gefahren der neuen Umwelt
kennenlernen. Neugierverhalten nimmt mit ansteigender
Entwicklungshöhe cortikaler Funktionen zu. Alle Tiere
zeigen einen Abfall von Neugierde, je länger ein Objekt
bekannt ist, denn Neugier setzt Erinnerungsfähigkeit
voraus. Mit zunehmender Entwicklung werden die Tiere freier
von festgelegten Programmen und werden mit einem
informationsverarbeitenden System ausgerüstet.
Neugierverhalten dient also zum Erwerb mentaler Strukturen,
die für erfolgreiches Handeln vonnöten ist.
Ratten, die in einer angereicherten Umwelt aufwuchsen,
weisen in einer Reihe von morphologischen und biochemischen
Merkmalen eine bessere Gehirnentwicklung auf, als solche
Tiere, die in einer reizarmen Umgebung aufwuchsen. Das
Neugiermotiv ist vermutlich ein originäres, biogenes
Motivsystem, das in der Ontogenese einer erfahrungsbedingten
Modifikation unterworfen ist.
Auch Menschen sind von Geburt an mit einem solchen Verhalten ausgestattet. Die einfachste Form von Neugier ist die Orientierungsreaktion im Sinne Pawlows. Neben der zentralnervösen Aktivierung kommt es zu einer auf Handlung eingestellten Reaktionslage im autonomen Bereich. Im Verhalten manifestierende Orientierungsreaktionen gehen mit einer Synchronisation der elektromagnetischen Wellen im Hippocampus einher. Das bedeutet, daß die hemmende Wirkung des Hippocampus auf die Areale des Zentralnervensystems und auf den Kortex aufgehoben wird. Die Zunahme von Thetawellen zeigt eine Desaktivierung des Hippocampus an. Der Hippocampus soll an der Feststellung von Diskrepanzen zwischen dem erwarteten und einem unerwarteten Sachverhalt beteiligt sein. Ähnliche Funktionen gehen von der Amygdala aus. Hier steht jedoch die emotionale Bewertung im Vordergrund. Dabei ist sowohl die neugierinduzierende Wirkung wie auch die Furcht gemeint. Es besteht dabei ein Zusammenhang zur Gehirnreifung, denn bis zum dritten Lebensjahr ist das menschliche Gehirn besonders formbar und aufnahmefähig, wobei auf Grund eines genetischen Programms sich in jeder Sekunde bis zu zwei Millionen neue synaptische Kontakte ausbilden, was bei allen Säugetieren bewirkt, dass sie am Beginn ihres Lebens besonders viel und rasch lernen. Kinder sind deshalb besonders gut im Lernen, da sie mit einem weitgehend unfertigen Gehirn ausgestattet werden, das sie schon vor der Geburt lernend ständig umbauen. Angetrieben wird dieser Prozess von der Neugier, durch den Babys schnell, zunächst mit ihren Augen und Ohren, ihre nähere Umgebung erkunden und schon mit drei Monaten das Bild eines Schnullers vom realen Gegenstand unterscheiden können. Mit den Händen beginnen sie dann, buchstäblich die Welt zu begreifen. Beim frühkindlichen Lernen spielen vor allem Beispiele eine wichtige Rolle, denn diese fachen einerseits die Vorstellungskraft an und liefern dem forschenden Intellekt Orientierungshilfen, andererseits bieten sie Raum für die Entwicklung von Neugierde und spornen das weitere Interesse an. Durch das in diesem Alter weitgehend selbstgesteuertes Lernen wirkt der schrittweise erarbeitete Erfolg selbstverstärkend, d.h., ein solches selbstinduzierte Lernen macht Spaß. In der Motivationspsychologie wird dieses explorierende Verhaltenssystem als Neugiermotiv bezeichnet und geht davon aus, dass auch Menschen von Geburt an mit einem Neugiermotiv ausgestattet sind. Schon Neugeborene betasten
wenige Stunden nach der Geburt in systematischer Weise ihren
Körper, vor allem das Gesicht und die Mundregion. Die
Berührungen des Mundes sind zielgerichtete und
organisierte Verhaltensweisen, die von einer
Alertness-Reaktion (weites Öffnen der Augen und
Hochziehen der Augenbrauen als Ausdruck einer gerichteten
Aufmerksamkeitszuwendung) begleitet sind. Neugeborene
verfolgen auch sich langsam bewegende Gegenstände in
ihrem Blickfeld mit den Augen, kurze Zeit später sogar
mit entsprechenden Kopfbewegungen. Zeigt man wenige
Wochen alten Säuglingen mehrmals hintereinander
dasselbe Bild von einem Gesicht, so schwindet ihr
anfängliches Interesse allmählich, was
zunächst als Ermüdung gedeutet werden könnte.
Ersetzt man das bekannte Bild jedoch durch ein neues
unbekanntes Muster, so wenden sie ihre Aufmerksamkeit dem
neuen Bild wieder vermehrt zu, was für die
Fähigkeit zur Unterscheidung von bekannten und
unbekannten Reizen spricht. Mit ca. 4-5 Monaten
lernen Säuglinge, Objekte zu ergreifen. Sie halten sie
vor die Augen und nehmen sie in den Mund. Zwischen dem 8.
und dem 10. Monat wenden Kleinkinder vermehrt ihre
Aufmerksamkeit weiter entfernten Objekten der Umwelt zu. Mit
etwa eineinhalb Jahren beginnen Kleinkinder
regelrecht, mit Gegenständen zu experimentieren, um
ihre Beschaffenheit zu erkunden und herauszufinden, was sich
mit ihnen alles machen lässt. Bald beginnt eine Zeit,
in der die Kinder Objekte systematisch untersuchen: Alle
erreichbaren Schalter und Knöpfe werden ausprobiert,
Schubladen werden ausgeräumt und Werkzeuge an
ungeeigneten Gegenständen wie Möbeln etc. erprobt.
Mit der Fähigkeit, Fragen zu stellen, erweitert sich
das Repertoire des Kindes, Informationen zu erhalten,
Funktionen zu durchschauen und Wissen zu erwerben, in
beträchtlicher Weise.
(Mackowiak & Trudewind2001) In der allgemeinen Entwicklungspsychologie wird seit den Untersuchungen von Jean Piaget in den 40er und 50er Jahren das Neugiermotiv als eine zentrale Erklärung für die geistige Entwicklung herangezogen. Auch moderne Entwicklungstheorien betrachten die Neugier als wichtige Antriebskraft für die Eigentätigkeit des Kindes in seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt. Obwohl das Neugiermotiv als ein angeborenes Verhaltenssystem betrachtet wird, muss das Kind die notwendigen Verhaltensweisen (z.B. Inspizieren, Betasten, Manipulieren, Fragenstellen) im Laufe seiner Entwicklung erst erwerben. Entsprechend ändern sich auch die Dinge und Sachverhalte, die das kindliche Interesse, seine Aufmerksamkeit und Zuwendung herausfordern, in Abhängigkeit sowohl von seinen zunehmenden geistigen Fähigkeiten als auch von den Erfahrungen, die es mit diesen Sachverhalten macht. Nach Forschungen von Michael Cohen und Bernd Weber (Universität Bonn) verfügen neugierige Menschen über eine besonders gute Verdrahtung bestimmter Hirnzentren. Menschen etwa, die öfter ein neues Telefon kaufen, den Beruf aus Langeweile wechseln oder jedes Jahr ein neues Urlaubsziel suchen, verfügen über eine besonders gute Verbindung zwischen dem ventralen Striatum und dem Hippocampus. Im Striatum sitzt bekanntlich das Belohnungssystem, das Menschen zu zielgerichteten Handlungen anspornt, während der Hippocampus dagegen für Gedächtnisfunktionen zuständig ist. Bei neugierigen Menschen spielen diese Regionen gut zusammen, denn identifiziert der Hippocampus eine Erfahrung als neu, sendet er eine Reaktion an das Striatum. Dort werden Botenstoffe freigesetzt, die für positive Gefühle sorgen. Bei Menschen, die oft neue Erfahrungen suchen, sind diese Regionen besonders gut verbunden. Kinder erobern die Welt mit der ihnen angeborenen Neugier - Konrad Lorenz nannte das "Explorationsbedürfnis" - und lernen so, sich in ihr zurecht zu finden und sich die gemachten Erfahrungen zu Nutze zu machen. Jede neue Erfahrung spornt sie zu weiteren Aktivitäten an, durch die sie allmählich jenen Erfahrungsschatz sammeln, der ihnen ein angepasstes Leben in der Umwelt ermöglicht. Eltern und andere Bezugspersonen helfen im Regelfall dabei, die gemachten Erfahrungen zu deuten und vor allem auftauchende Fragen zu beantworten ("Fragealter"). Kinder können so ihr Wissen und Können altersadäquat aufbauen, weiterentwickeln und so in die Welt der Erwachsenen hineinwachsen. Aber schon im Kleinkind- und Vorschulalter lassen sich große Unterschiede in der Zuwendung zu neuen Objekten und Ereignissen beobachten, in der Art und Ausdauer, mit der sie Dinge erforschen, sowie in der Freude, die sie dabei zum Ausdruck bringen. Berg & Sternberg (1985) fanden, dass Unterschiede im Interesse an Neuem und die Fähigkeit, mit Neuem kompetent umzugehen, mit individuellen Unterschieden in der Intelligenz im Alter von 3 bis 6 Jahren einhergehen. Sie unterscheiden zwei Komponenten:
Die Bedeutung eines starken Neugiermotivs für die intellektuelle Entwicklung in der frühen Kindheit besteht folglich darin, dass Kinder mit starker Neugier neue Reize oder Situationen stärker bevorzugen, sich ihnen häufiger, rascher und intensiver zuwenden und ausdauernder bei der Suche nach Informationen sind als weniger neugierige Kinder. Dadurch können sie mehr Strategien für die Gewinnung von Informationen entwickeln und diese bei der Konfrontation mit Neuem flexibel einsetzen. Die Beziehung zwischen der Stärke des Neugiermotivs und den geistigen Fähigkeiten eines Kindes zeigt sich vor allem in Problemsituationen, die für das Kind neu und komplex sind und eine Vielzahl unvertrauter Elemente enthalten. Das Wissensgedächtnis hat sehr viele Module, die im Prinzip zwar unabhängig voneinander arbeiten können, aber miteinander verbunden sind. Dabei werden unterschiedliche Aspekte des Lerninhalts (Personen, Geschehnisse, Objekte, Orte, Namen, Farben, der emotionale Zustand, die Neuigkeit usw.) in unterschiedlichen Modulen abgelegt. In je mehr solchen "Gedächtnisschubladen" ein Inhalt parallel abgelegt ist, desto besser ist die Erinnerbarkeit, denn das Abrufen eines bestimmten Aspektes befördert die Erinnerung anderer Aspekte und schließlich des gesamten Wissensinhalts. Wissensinhalte sind in menschlichen Gehirn über Bedeutungsfelder miteinander vernetzt, und je mehr Wissensinhalte einer bestimmten Kategorie bereits vorhanden sind, desto besser ist die Anschlussfähigkeit. Deshalb ist es für jeden Lehrenden ratsam, Dinge im ersten Schritt anschaulich und alltagsnah darzustellen, so dass die Lernenden sich etwas darunter vorstellen können. Das ist nicht nur unterhaltsamer, sondern erhöht die Anschlussfähigkeit der neuen Inhalte an die bereits vorhandenen. Daraus erklärt sich auch die Alltagsweisheit: "Aller Anfang ist schwer!" Lehrstoffe, der für den Lernenden neu, d.h. nicht anschlussfähig sind, fallen durch die Gedächtnisnetze hindurch, weil sie nirgendwo Brücken oder Anker zu bereits vorhandenem Wissen bilden können. Sie werden dann zu einem mühsam gelegten Bodensatz, aus dem dann allmählich und langsam erste Bedeutungs-Netzwerke werden können. Gibt es hingegen schon weit ausgebreitete Gedächtnisnetzwerke, so wird jeder neue Inhalt schnell und gut abrufbar verankert (Roth 2002). Die Demotivation von Lernenden findet aber häufig auch in der erlebten Sinnlosigkeit eines Lerngegenstandes ihre Ursache und die manchmal konstatierte Faulheit in einer reizarmen, anästhesierenden Lernumgebung, die jegliche Neugier abtötet und Freude und Spaß als Störung maßregelt, weil sie als suspekt erscheinen. Für den Schulunterricht gibt es eine alte Regel: Der Lehrer soll gelegentlich etwas Unerwartetes tun. Epistemische Neugier kann SchülerInnen in einen Zustand versetzen, in dem sie die Unordnung, mit der sie konfrontiert werden, vermindern wollen. Sie kann z.B. durch Überraschung, Zweifel, Verwirrung, Ratlosigkeit oder Widersprüche ausgelöst werden. In diesen Fällen wird ein Konflikt zwischen kognitiven Schemata erzeugt. Die Motivation hält so lange an, bis dieser Konflikt aufgelöst wird oder das Suchen nach einer Lösung anfängt, langweilig zu werden. |
Neugiermotiv vs. Angst vor Neuem
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Ein Verhaltenssystem, welches auf Annäherung und Exploration neuer Reize und Situationen ausgerichtet ist, bringt nur dann einen Anpassungsvorteil, wenn dieses System durch ein gegengerichtetes (antagonistisches) System gehemmt wird, das die unkontrollierte Annäherung an unbekannte und risikoreiche Sachverhalte verzögert. Als ein solches Verhaltenssystem hat William James bereits 1890 die Neophobie, die Furcht vor Neuem, beschrieben. Viele Tiere sind neophob. In der Evolution hat sich daher neben dem Neugiersystem noch ein weiteres Verhaltenssystem herausgebildet, das die unbedachte und unkontrollierte Annäherung an unbekannte, unter Umständen gefährliche und risikoreiche Sachverhalte verzögert oder hemmt. Die Angst vor unbekannten Objekten, vor fremden Menschen und undurchschaubaren Situationen ist in der frühen und mittleren Kindheit weit verbreitet. Ob sie aus der Sicht der Verhaltensforschung den Effekte einer hohen Neugiermotivation auf die intellektuelle Entwicklung beeinträchtigt, ist bisher wenig erforscht. Ebenso wenig ist darüber bekannt, ob eine ausgeprägte Ängstlichkeit die Entwicklung des Neugiermotivs selbst verkümmern lässt oder ob die Angst das Neugierverhalten nur in bestimmten Situationen hemmt. In den wenigen Untersuchungen findet sich eher ein negativer Zusammenhang zwischen gezeigter Angst und Neugierverhalten. |
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Schon Piaget hat in seinen Arbeiten betont, wie wichtig die aktive Auseinandersetzung des Kindes mit seiner Umwelt ist, denn nur das aktive Erkunden trägt zur Erfahrungsbildung und Entwicklung kognitiver Strukturen bei. Kinder fördern in der Regel diesen aus sich selbst heraus motivierten (intrinsischen) Prozess der Auseinandersetzung mit der Umwelt selbsttätig. Das Kind bedarf dazu keiner zusätzlichen "Belohnung". Voraussetzung dafür ist allerdings eine ansprechende und anregende Umwelt, die zum Erkunden einlädt und die Aufmerksamkeit fesselt. Burton White und Richard Held haben 1966 in einer Untersuchung mit Babies aus Waisenhäusern zeigen können, dass die Babies, denen ein einfaches Bild oder später ein Mobile über die Krippe gehängt wurde, 6 bis 8 Wochen früher Greifen lernten als die Babies, deren unmittelbare Umwelt nicht durch solche interessanten Reize bereichert wurde. Sie fanden aber auch, dass bei vielen und wechselnden Reizen die Kinder unruhig wurden, häufiger weinten und die Fähigkeit zum Greifen nicht so schnell entwickelten wie die Kinder, die nur mit einem zu bewältigenden Ausmaß an neuen Reizen stimuliert wurden. "Überraschendes" dazu aus der Gehirnforschung: In einer deutschen Tageszeitung (sz-online) fand sich ein Hinweis auf eine "bahnbrechende Entdeckung der Gehirnforschung: "Eine reichhaltige Umwelt fördert die Bildung einer individuellen Hirnstruktur. Das haben Forscher aus Dresden, Berlin, Münster und Saarbrücken nun mithilfe neurobiologischer Untersuchungen von Mäusen bewiesen. Bei den Tieren beeinflussten Erfahrungen die Neubildung von Nervenzellen und führten zu messbaren Veränderungen im Gehirn. (…) Die Forscher hatten 40 genetisch identische Mäuse in ein Gehege mit reichhaltigem Angebot zur Beschäftigung und Erkundung gesetzt. Mithilfe besonderer Sender an den Tieren erstellte das Team Bewegungsprofile. Starke Aktivität habe zu einer höheren Neubildung von Nervenzellen in der für Lernen und Gedächtnis zuständigen Hirnregion geführt". Die Gehirnforscher sollten wohl öfter psychologische Literatur lesen ;-) In der Gestaltung der unmittelbaren täglichen Umwelt des Kindes bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, auf die Entwicklung der kindlichen Neugier Einfluss zu nehmen, wenn auch der Grundsatz beachtet werden sollte, dass ein bloßes Mehr an Stimulation nicht immer die günstigste Entwicklungsbedingung darstellt.
Wood, Bruner und Ross haben 1976 diesen Prozess der optimalen Unterstützung des Kindes bei der Bewältigung eines Problems mit dem Begriff "scaffolding" umschrieben. Sie unterschieden verschiedene Aspekte, die hierbei von Nutzen sein können:
Kommt das Kind dem Ziel trotz ausdauernder Versuche nicht näher, kann der Erwachsene, die angefangenen Schritte des Kindes aufgreifen und richtig weiterführen und so als Vorbild ein ideales Vorgehen demonstrieren. Wichtig ist bei all diesen Bemühungen, dem Kind so wenig Hilfe wie möglich und so viel wie nötig zu geben. Die schönste Lösung ist immer noch die, die man mit einiger Anstrengung möglichst selbständig erreicht hat. |
Förderung von Neugier und kognitiven Kompetenzen
Quelle:
Mackowiak, Katja & Trudewind, Clemens (o.J.). Die Bedeutung von Neugier und Angst für die kognitive Entwicklung. WWW: http://www.familienhandbuch.de/ cms/Kindliche_Entwicklung- Neugier_und_Angst.pdf (02-07-29) http://www.sz-online.de/nachrichten/ wissen/das-gehirn-waechst-an-seinen-aufgaben-2574258.html (13-05-16)
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Für die Lernmotivation spielt die angeborene Neugier eine wichtige Rolle. In Verkennung der Darwinschen Evolutionstheorie wurde Neugierverhalten zunächst nicht als originärer oder primärer Trieb angesehen, da angeblich keine organismischen Bedürfnisse vorhanden seien. Es bestehe kein innerer Anreiz, da Objekte in der Außenwelt das Interesse auslösen würden. Da das aber kein Unterscheidungskriterium für primäre oder sekundäre Triebe ist, kann Explorationsverhalten Anpassungsvorteile für die Individuen mit sich bringen.
Auch Tiere zeigen im Zusammenhang mit
Hunger und Durst Explorationsverhalten, auch dann, wenn
diese Triebe gestillt sind. Explorationsverhalten hat sogar
Belohnungswert, da Ratten und Affen auch neue
Verhaltensweisen lernen, wenn sie dafür mit der
Exploration eines neuen Labyrinthes belohnt werden. Nach
Lorenz zeigen gerade Tiere, die sehr flexibel leben und kaum
an eine ökologische Nische angepaßt sind wie etwa
Ratten, in hohem Maße Neugierverhalten, da sie nur so
die Vorteile und Gefahren der neuen Umwelt kennenlernen.
Neugierverhalten nimmt mit ansteigender
Entwicklungshöhe cortikaler Funktionen zu. Alle Tiere
zeigen einen Abfall von Neugierde, je länger das Objekt
bekannt ist. Das setzt Erinnerungsfähigkeit voraus. Mit
zunehmender Entwicklung werden die Tiere freier von
festgelegten Programmen und werden mit einem
informationsverarbeitenden System ausgerüstet.
Neugierverhalten dient also zum Erwerb mentaler Strukturen,
die für erfolgreiches Handeln vonnöten ist.
Ratten, die in einer angereicherten Umwelt aufwuchsen,
weisen in einer Reihe von morphologischen und biochemischen
Merkmalen eine bessere Gehirnentwicklung auf, als solche
Tiere, die in einer reizarmen Umgebung aufwuchsen.
Das Neugiermotiv ist daher ein originäres, biogenes Motivsystem, das in der Ontogenese einer erfahrungsbedingten Modifikation unterworfen ist. Die einfachste Form von Neugier ist die Orientierungsreaktion im Sinne Pawlows. Neben der zentralnervösen Aktivierung kommt es zu einer auf Handlung eingestellten Reaktionslage im autonomen Bereich. Sich im Verhalten manifestierende Orientierungsreaktionen gehen mit einer Synchronisation der elektromagnetischen Wellen im Hippocampus einher. Das bedeutet, daß die hemmende Wirkung des Hippocampus auf die Areale des Zentralnervensystems und auf den Cortex aufgehoben wird (Zunahme von Thetawellen verweist auf eine Desaktivierung des Hippocampus). Ähnliche Funktionen gehen von der Amygdala aus. Hier steht jedoch die emotionale Bewertung im Vordergrund, wobei damit sowohl die neugierinduzierende Wirkung, wie auch die Furcht gemeint ist. Man unterscheidet spezifisches und diversives Neugierverhalten:
Es gibt interindividuelle Unterschiede im Neugierverhalten, wobei diese auch intern bedingt sind und nicht nur vom Reiz abhängen müssen. Ein bekanntes Verfahren ist die Sensation Seeking Skala von Zuckerman. Sie war konstruiert worden, um interindividuelle Unterschiede im Ertragen von Isolation und sensorischer Deprivation vorherzusagen. Der Fragebogen umfaßt vier Skalen:
Einige Befunde deuten auf einen dispositionellen genetischen Faktor hin. In Zwillingsstudien fand sich ein Erblichkeitsanteil von 58 - 68 %. |
Klassifikation des Neugierverhaltens
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Neugier ist allerdings kein auf die Kindheit und Jugend beschränktes Phänomen. Wer kennt nicht die oft störende und manchmal belastende Anwesenheit von Zuschauern bei Unfällen und Katastrophen. Diese Personen, vielfach als "Sensationstouristen" oder "Gaffer" bezeichnet, werden von Einsatzkräften häufig als zusätzlicher Stressfaktor empfunden und erschweren damit nicht selten deren Arbeit.
Dieses Phänomen der Schaulust hat es zu allen Zeiten gegeben und ist in allen Kulturen zu finden, man denke nur an die Gladiatorenkämpfe, Hexenverbrennungen, den Pranger, der teilweise bis in das 19. Jahrhundert hinein eine Unterhaltung für das Volk darstellte. Heute sind Berichte von Unfällen, Katastrophen und Kriegsgreuel in Fernsehen oder Zeitungen an die Stelle von Gladiatorenkämpfen getreten, das "Reality-TV" oder Videos von entsprechenden Schreckensszenen ersparen den Gang in die Kampfarena. Zu allen Zeiten gab es eine
Unterscheidung zwischen "guter" und "schlechter" Schaulust.
Die daraus resultierenden Normen variierten im Laufe der
Zeit und zwischen den Gesellschaften. Schicht- und
gruppenspezifische Verhaltensregeln, religiöse und
philosophisch-ethische Leitlinien sowie die öffentliche
Meinung schreiben vor, wieweit Interesse und Neugierde gehen
und welcher Mittel sie sich bedienen dürfen. Das
Betrachten grauenvoller Bilder in seriösen
Nachrichtensendungen oder -magazinen gilt in unserem
heutigen Normgefüge mehrheitlich als durchaus
akzeptabel; dagegen verurteilt man das Verweilen auf einer
Brücke bei einem Hochwasser oder Massenunfall als
unmoralisch. Teilweise wird es auch nur bestimmten
Personengruppen erlaubt, derartige Ereignisse oder deren
Opfer anzusehen, z.B. Journalisten, Wissenschaftlern,
Juristen, Medizinern etc. Dabei wird allerdings die
normative Erlaubnis nur dann erteilt, wenn gesellschaftlich
akzeptierte Motive dies rechtfertigen, beispielsweise
Forschungsinteresse, Informationspflicht oder
Wahrheitsfindung.
Nach Felix v. Cube (1990) steht bei der menschlichen Schaulust ein "Sicherheitstrieb" im Vordergrund: Durch das neugierige Erforschen von Unbekanntem gewinne der Mensch an persönlicher Sicherheit. Wenn man dieser Interpretation folgt, würden Schaulustige somit nicht den Nervenkitzel suchen, sondern Informationen (z.B. wie der Unfall passieren konnte), um die Gefahr zu verringern, einmal selbst in eine solche Situation zu geraten. Sumpf (1995) meint, daß der Mensch durch das Zuschauen bei Unfällen versucht, sich Überlebensstrategien in bezug auf die lebensbedrohenden Risiken in seiner Umwelt (z.B. Straßenverkehr) anzueignen. Dieser Zusammenhang muß den Zuschauern nicht bewußt sein. Giesers (1989) und auch Buchmann (1987) deuten den Zwang hinzuschauen als unterbewußten Wunsch nach Bestätigung der eigenen Unversehrtheit beim Miterleben des Leides anderer. |
Die SchaulustText- und Bildquelle: |
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Immer wieder erstarren Menschen kollektiv, die einen dramatischen Vorfall wie eine zusammenbrechende Person, einen Verkehrsunfall oder einen Überfall beobachten, und tun nicht, wobei oft nicht einmal die Polizei gerufen wird. Menschen werden vor allem in der großen Menge zu passiven Zuschauern anstatt zu aktiven Helfern. In der Psychologie und Soziologie nennt man vom "non-helping-bystander-effect" (Zuschauereffekt), bei dem die Bereitschaft etwas zu tun geringer ist, je mehr Menschen anwesend sind. Auch wenn man Gewalt "nur beobachtet" versetzt das viele Menschen in Angst und zwar so sehr, dass sie die Situation falsch wahrnehmen und beurteilen, d.h., sie sind unfähig zu denken und zu handeln. Manchmal ist das eine Abwägung, was bringt mir das, wenn ich bleibe? Was habe ich für Einbußen, für Verluste? Was gewinne ich davon auch? Viele Menschen glauben, das Einzige, was sie tun können ist, sich wie ein Held zwischen Täter und Opfer zu werfen, aber die meisten Menschen trauen sich das nicht zu. Wer sich zwischen Täter und Opfer stellt, läuft schließlich Gefahr, selber Opfer der Aggression zu werden. Die Psychologie rät, in solchen Situationen ruhig zu bleiben, andere mit ins Boot holen, sich zusammen zu schließen, denn einer allein kann wenig ausrichten. Je mehr Menschen sich für die Situation interessieren, desto besser. Es wird auch empfohlen, statt sich einzumengen, eher Verwirrung zu stiften., indem man eine Arie singt, immer wieder nach der Uhrzeit oder nach dem Weg fragt. |
Erstarren in der SchaulustQuelle: http://oe1.orf.at/highlights/144718.html (09-10-07)
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Siehe dazu ergänzend: WWW: http://www.familienhandbuch.de/cms/Kindliche_Entwicklung-Neugier_und_Angst.pdf (02-07-29) |
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Belsky, J., Goode, M. K., & Most,
R. K. (1980). Maternal stimulation and infant exploratory
competence: Cross-sectional, correlational, and experimental
analyses. Child Development, 51, S. 1163-1178. Berg, C. A. & Sternberg, R. J. (1985). Response to novelty: Continuity versus discontinuity in the developmental course of intelligence. Advances in Child Development and Behavior, 19, S. 1-47. James, William (1890). The principles of psychology (Vol. 2). New York: Holt, Rinehart & Winston. Mackowiak, Katja & Trudewind, Clemens (2001). Die Bedeutung von Neugier und Angst für die kognitive Entwicklung. WWW: http://www.familienhandbuch.de/cms/Kindliche_Entwicklung-Neugier_und_Angst.pdf (99-11-17) Lorenz, Konrad (1943). Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung. Zeitschrift für Tierpsychologie, 5, S. 235-409. Roth, Gerhard (2002). Warum sind Lehren und Lernen so schwierig? WWW: http://www.uni-koblenz.de/~odsssfg/seminar/wahlmodule2003/unterlagen/b07/b07.4.pdf (03-07-11) White, Burton & Held, Richard (1966). Plasticity of sensorymotor development in the human infant (S. 60-70). In J.F. Rosenblith & W. Allinsmith (Eds.), The causes of behavior. Bosten, MA: Allyn and Bacon. Wood, D. J., Bruner, J. S. & Ross, G. (1976). The role of tutoring in problem-solving. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 17, S. 89-100. Zuckerman, M. (1979). Sensation seeking: Beyond the optimal level of arousal. Hillsdale: Erlbaum. http://paedpsych.jk.uni-linz.ac.at/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/ LERNTECHNIKORD/Motivation.html (99-11-17) |
Quellen |
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